Sonntag, 16. Dezember 2012

Saria (Teil 4)

Saria Arberdan (Teil 4)


Zu Sarias Erleichterung begnügte Aril sich während des Aufenthalts im Badehaus damit, ihr Vor­schläge für ihre neuen Kleider zu machen, anstatt in die Nähe des Vorhangs zu gelangen, der als Sichtschutz diente. Seine Vorstellung davon, wie die junge Frau sich kleiden sollte, amüsierte sie sogar. Wie nicht anders zu erwarten schlug er so wenig Stoff wie möglich vor und wenn er schon sein musste, dann doch bitte hauteng. Der Barbar schwärmte von ihr in diesem Hauch von Nichts, was sie gegen ihren Willen kichern ließ. Zudem hätte Saria schwören können, Arils Grinsen in sei­nen Worten zu hören.
Als nach einer knappen halben Stunde weitere Badegäste eintraten, entschlossen die beiden noch neuen Freunde, dass sie nun sauber genug seien. In dem Umkleideraum setzte Saria sich nur mit ei­nem Badetuch bekleidet vor den Kamin und ließ die Hitze des Feuers ihre Haare trocknen. Während sie in die Flammen starrte überlegte sie, wie sie Aril nach dem Einkauf beim Schneider loswerden konnte. Es gab noch mehr Dinge, die sie kaufen musste, doch dabei sollte sie besser keiner ihrer neuen Gefährten sehen. Sie seufzte bei dem Gedanken daran, wie schnell ihr Geld ihr durch die Finger rann. Der Herbst nahte und vor dem Winter würde sie frisches Geld auftreiben müssen, soll­ten ihre Freunde sie nicht durch die kalte Jahreszeit bringen können oder wollen. Eine Arbeit zu fin­den war für die junge Frau nicht allzu schwer. Saria war klug, konnte Lesen und Schreiben und war sich auch für anstrengende körperliche Arbeit nicht zu fein. Doch um zu arbeiten musste sie an ei­nem Ort bleiben und konnte ihre Suche nach ihrer Schwester Danielle nicht fortführen. Das war das Schlimmste für sie. Mit schweren Gedanken im Kopf zog sie sich an und trat hinaus in den Vor­raum. Aril wartete dort schon auf sie. Die blonden Haare des Barbaren waren kürzer als ihre und da­her schneller getrocknet. Sein breites Grinsen ließ sie für den Moment die erdrückenden Gedanken zur Seite schieben. Vielleicht wurde der Besuch beim Schneider mit Aril sogar vergnüglich.
Saria kannte den besten Schneider Woryems bereits von ihrem letzten Besuch in der Hafenstadt. Natürlich hätte sie sich auch für einen weniger guten, dafür aber günstigeren Schneider entscheiden können, doch konnte sie sich einfach nicht dazu durchringen. Der alte Morten und seine Frau ver­standen ihr Handwerk und waren letztes Mal sehr freundlich gewesen. Ihr Geschäft lag in der Nähe der Stadtmitte und des Marktplatzes, nicht weit vom Badehaus entfernt.
„Also, Saria, wie tief wird der Ausschnitt Deiner neuen Kleider sein?‟ fragte Aril grinsend. Statt ihn mit einer Antwort zu würdigen, boxte die junge Frau ihm nur auf den Arm. Der Hüne nahm ihre kämpferischen Bemühungen offensichtlich nicht ernst, denn er versuchte nicht einmal auszuwei­chen. Aber fest war Sarias Schlag ohnehin nicht, ging es doch schließlich nicht darum, ihn zu ver­letzen. „Sehr tief, ich verstehe‟, neckte Aril sie erneut.
Saria warf die Hände in die Luft und stöhnte übertrieben laut auf. „Nein, Aril, ich werde normale Kleider kaufen. Ich brauche etwas für die Reise und für den Winter, nicht für einen Ball oder der­gleichen.‟
„Und wenn ich es bezahle?‟
Dieser Vorschlag überraschte sie. Aril wollte ihr ein Kleid kaufen? Laládis Warnung kam ihr in den Sinn, den Barbaren nicht auszunutzen. Aber hatte sich die Elfe dabei nicht auf seine Gefühle bezogen? Hierbei ging es doch lediglich um Geld. Zudem würde sie Aril doch nur einen Gefallen tun, schließlich war es sein Wunsch, sie in einem aufreizenden Kleid zu sehen. Aufreizend würde es sein, dafür würde sie schon sorgen … Sich vorzustellen, wie der gut aussehende junge Mann sie an­sehen würde, ließ Saria nun ihrerseits breit grinsen. Doch dann siegte die Vernunft. „Nein, Aril, ich möchte kein solches Kleid kaufen. Nicht jetzt.‟
Der Hüne sah enttäuscht aus, doch Saria blieb hart. Das war der falsche Zeitpunkt, um den jun­gen Mann um den Finger zu wickeln. Zuerst musste sie alle besser einschätzen können, bevor sie sich nehmen konnte, was sie brauchte.

Morten besaß wirklich eine fabelhafte Auswahl an Kleidern zu jedem Anlass. Sarias einzige Schwierigkeit etwas passendes zu finden bestand darin, dass sie sich oft nicht zwischen zwei oder drei Möglichkeiten entscheiden konnte. Aril war erstaunlich geduldig und drängte sie nicht ein Mal, obwohl sie Stunden in dem Geschäft verbrachten. Saria nahm sich vor, ihm später dafür zu danken. Sie erstand einen robusten Wollrock, zwei neue Blusen und ein Mieder zum Reisen, sowie zwei ein­fache Wollkleider für die Zeit in Gasthäusern und dergleichen. Hinzu kam noch eine komplette Winterausrüstung bestehend aus einem dicken Kleid, einem Umhang, Handschuhen, einer Mütze, einem Schal und sogar einem Paar gefütterter Stiefel. Der Preis trieb ihr beinahe die Tränen in die Augen, doch die Qualität von Mortens Arbeiten waren es mehr als wert, das wusste sie bereits.
Zu ihrer größten Verwunderung verabschiedete Aril sich mit einem Zwinkern von ihr, als sie Mortens Geschäft verließen. Er müsse noch etwas erledigen. Da sie selbst ebenfalls noch ein paar Einkäufe ohne ihren neuen Kameraden machen wollte, kam ihr das zwar durchaus gelegen, doch hatte der Zeitpunkt seines Rückzuges einen faden Beigeschmack für die junge Frau. Auch während die beiden im Badehaus über enge und freizügige Kleider gesprochen hatten, hatte Saria es bewusst vermieden, ihm Hoffnung auf einen solchen Anblick zu machen. Nun fragte sie sich, ob sie nicht doch etwas gesagt hatte, was Aril falsch verstanden haben könnte. Ich werde heute Abend wohl noch ein ernstes Gespräch führen müssen, überlegte sie auf dem Weg zum Hafen. Dort gab es ein kleines Geschäft mit den Dingen, die sie benötigte.

Inzwischen war es Nachmittag und im Hafen herrschte hektische Betriebsamkeit. Mehrere Schif­fe waren seit heute Morgen eingetroffen und wurden entladen, andere beladen. Dabei waren ein paar Arbeiter aneinandergestoßen und hatten wertvolle Fracht fallen lassen. Die Besitzer waren bei­de außer sich und schrien mit hochroten Köpfen einander und die Arbeiter an. Eine Traube Schau­lustiger hatte sich um sie versammelt und wartete neugierig ab, wie die Auseinandersetzung enden würde. Saria war dies nur recht, denn es lenkte die Aufmerksamkeit der Leute hier ab, so dass nie­mand zu sehr auf eine junge Frau achtete, die sich in ein kleines, nicht ausgezeichnetes Geschäft be­gab.
Als sie die Tür öffnete, schlug ihr sofort ein überwältigender Geruch entgegen. Hätte sie nicht gewusst, was sie erwartet, wäre sie in diesem Moment wohl würgend zurückgewichen. So aber at­mete Saria flach durch den Mund und schloss die Tür hinter sich wieder. Um sie herum lagen die verschiedensten Gegenstände in Regalen, die sich teilweise unter dem Gewicht der Töpfe, Gläser und Schüsseln gefährlich stark durchbogen. Es roch nach Kräutern, Alkohol, verbrannten Dingen und einigem mehr, über deren Ursprung sie lieber nicht nachdachte. Der alte Mann mit dem langen, dunkelgrauen Bart und den schlechten Augen hob den Kopf, als sie sein kleines Reich betrat. Ob er sie wiedererkannte, wusste sie nicht mit Sicherheit, doch er schien gleich zu wissen, dass sie keine einfache Passantin war, die zufällig in seinen Laden herein gestolpert kam.
Ah, was kann ich für Euch tun? Braucht Ihr etwas bestimmtes oder möchtet Ihr Euch zuerst um­sehen?‟ Wie Schleifpapier kam Saria seine Stimme vor. Sie zu hören war unangenehm, aber der alte Mann war nun mal der einzige, der die Waren anbot, die sie suchte.
Nein, ich weiß, was ich möchte‟, antwortete sie ihm freundlich und trat näher. „Ich hätte gerne ein Dutzend Silbernadeln, drei Blutrubine und vier Portionen Goldstaub.‟
Die altersschwachen Augen den bärtigen Mannes leuchteten vor Freude. „Aber gerne doch, Mylady!‟ Mit erstaunlicher Behändigkeit kam er hinter dem kleinen Tresen hervor und suchte Saria die gewünschten Gegenstände aus den Regalen heraus und verpackte sie sorgfältig in kleine Beutel­chen. „Darf es sonst noch etwas sein? Vielleicht ein paar Kräuter?‟
Gerne hätte Saria sich noch ein paar Kräuter gekauft, doch dazu reichte ihr Geld nicht mehr. Also verneinte sie höflich und bezahlte für die drei Beutelchen und deren Inhalt. Achtunddreißig Gold­stücke wechselten den Besitzer. Geschickt verbarg die junge Frau die Beutelchen in ihrer Kleidung und verabschiedete sich von dem alten Mann. Es wurde Zeit, dass sie wieder ins Gasthaus Diaman­tene Axt ging. Da sie das Mittagessen ausgelassen hatte, knurrte ihr der Magen und langsam wurde es Abend. Zudem wollte sie gerne eines ihrer neuen Kleider anziehen.

Mórosh hatte ein schönes Feuer im Kamin entfacht und Laládi und Hamadi saßen schon an dem Tisch, den sie am Morgen belegt hatten. Zu dieser Tageszeit waren deutlich mehr Gäste im Schan­kraum, die sich zwergisches Bier schmecken ließen und den Hirschbraten oder die Fischsuppe ge­nossen. Saria winkte ihren Kameraden zu und eilte die Treppe hinauf in das Zimmer, welches sie mit Laládi teilte. Rasch zog sie sich um und versteckte die drei kleinen Beutelchen in ihrem Ruck­sack. Als sie kurz darauf wieder in den Schankraum hinunterging, saßen Aril und Durin ebenfalls schon am Tisch. Erfreut stellte Saria fest, dass man ihr den Platz neben Laládi auf Seiten des Ka­mins frei gehalten hatte. Die Elfe hatte sich erneut in das hintere Eck gesetzt, um Mórosh nicht zu nahe zu sein. Der Barbar grinste Saria gut gelaunt an. Sein anerkennender Blick an ihr hinab ließ ihre Wangen warm werden.
„Du hast das Kleid doch schon gesehen‟, murmelte sie, als sie Platz nahm. In diesem Moment fragte sie sich, ob sie nicht doch das grüne Kleid hätte anziehen sollen, statt dem roten. Aril aber zuckte nur mit den Schultern als wolle er sagen, dass er es noch viel öfter ansehen könne. Während dem Essen blickte der Barbar ständig zu ihr herüber, was ihr mit der Zeit die Nerven raubte. Sie be­schloss, ihn zur Rede zu stellen.
„Warum starrst Du mich die ganze Zeit an? Sehe ich gewaschen und in einem Kleid denn so an­ders aus?‟
„Jetzt siehst Du noch mehr wie eine Frau aus, und bei Frauen kann unser Aril sich nur schwer beherrschen‟, mischte Durin sich ein. „Pass auf, sonst schleicht er sich heute Nacht in Dein Bett!‟ Daraufhin lachte der Zwerg lauthals los und machte allen klar, dass er nur einen Scherz gemacht hatte. Beruhigt war Saria dadurch nicht und warf einen raschen Blick zu Laládi. Diese blinzelte langsam, zeigte jedoch keinerlei weitere Reaktion. Wahrscheinlich wollte sie Durin nicht den Gefal­len tun, sich durch seine Worte beunruhigt zu zeigen. Ich werde einfach zweimal prüfen, ob die Zimmertür tatsächlich abgeschlossen ist, nahm Saria sich vor.
„Du bist einfach hübsch‟, beantwortete Aril mit einiger Verspätung ihre Frage. „Aber wenn Du es willst, dann werde ich Dich nicht mehr ansehen.‟
„Nein, nein, schon gut... Ich bin das nur nicht gewohnt, dass mich ein Mann ständig ansieht. Vielleicht gewöhne ich mich ja bald daran.‟ Die junge Frau versuchte zu lächeln, obwohl sie sich gerade eher unwohl fühlte. Dem Barbaren schien es zu genügen, denn er grinste sie weiterhin an als sei nichts gewesen.
Als die fünf Gefährten sich später auf ihre Zimmer zurückzogen, prüfte Saria sicherheitshalber sogar dreimal das Türschloss, damit Aril auf keinen Fall unbemerkt in den Raum kommen konnte. Ihre Zimmergenossin versicherte ihr, dass ihr blonder Freund keine Frau mehr gegen ihren Willen besucht hatte, seit sie mit ihm über dieses Thema gesprochen hatte. Saria wollte ihr glauben, doch ein kleiner Rest Unsicherheit blieb. Die beiden Frauen unterhielten sich noch ein wenig bevor sie sich schlafen legten.

Saria riss die Augen auf. In ihrem Zimmer war es ruhig, Aril hatte die Tür nicht aufgebrochen, wie sie zunächst befürchtet hatte. Im Mondlicht, das durch das Fenster schien, konnte sie deutlich erkennen, dass außer ihr und Laládi niemand im Raum war. Es musste ein Traum gewesen sein, der sie hatte aufwachen lassen. Gerade wollte sie beruhigt wieder die Augen schließen und ihr pochen­des Herz zur Ruhe veranlassen, da fiel ihr die Spiegelung in den Augen der Elfe auf. Auch sie war wach. Laládi bemerkte ihren Blick und führte ihren schlanken Zeigefinger an die Lippen. Ihre Elfe­nohren waren gewiss besser als Sarias menschliche Ohren und wenn sie etwas gehört zu haben glaubte, dann wollte die junge Frau ihr die Möglichkeit geben, das genauer zu erforschen. Leise wie ein Geist schlüpfte die Elfe aus dem Bett und in ihrem weißen Nachthemd und der blassen Haut sah sie auch beinahe wie einer aus. Unwillkürlich warf Saria einen kurzen Blick auf die Füße ihrer Freundin, um sicher zu sein, dass diese nicht über dem Boden schwebte.
Laládi trat neben das Fenster und sah hinaus. Den Legenden nach hatten Elfen eine herausragen­de Sehfähigkeit, mit der sie selbst bei schlechtestem Licht noch etwas erkennen konnten. Diese Nacht schien ein heller Halbmond von einem nahezu wolkenfreien Himmel und selbst Saria konnte viel erkennen. Wenn Elfenaugen nur halb so gut waren wie es ihnen nachgesagt wurde, dann müsste Laládi beinahe so gut sehen können wie am Tag. Gespannt wartete Saria auf ein Zeichen oder zu­mindest eine sichtbare Reaktion, doch die Elfe stand nur am Fenster und rührte sich nicht. Nach ei­ner Minute wurde es der jungen Frau zu viel und sie stand auf. Sie war nicht so geisterhaft leise wie Laládi, doch für ihre eigenen Ohren leise genug. Ich bin schließlich keine Einbrecherin, deren Er­folg von ihrer Fähigkeit abhängt, leise zu sein! Sie trat auf der anderen Seite ans Fenster und spähte nun ebenfalls hinaus. Für sie war nichts ungewöhnliches zu sehen – die Straße schien verlassen, in den Zimmern der umliegenden Häuser brannte kein Licht. Alles wirkte friedlich und harmlos.
„Was hast Du gehört? Es wirkt alles normal‟, flüsterte sie. Laládi setzte gerade zu einer Antwort an, als irgendetwas in der Nähe zu Bruch ging. Es klang wie Glas. Das Geräusch wurde begleitet von einem unterdrückten Fluch und splitterndem Holz. Beide Frauen blickten wieder hinaus in die Nacht und bemühten sich, etwas zu sehen. Als Laládi Saria mit kühlen Fingern am Arm berührte, zuckte die junge Frau erschrocken zusammen, folgte aber der ausgestreckten Hand der Elfe. Links von ihnen war eine Gestalt aus einer Gasse gekommen, dicht gefolgt von einer zweiten. Die erste flüchtete offensichtlich, jedoch ohne große Erfolg. Der Angreifer wirkte schneller und kräftiger.
„Kannst Du erkennen, wer das ist?‟ fragte Saria flüsternd.
„Nein, aber der Verfolger ist gewiss nicht von der Stadtwache. Er sieht mehr aus wie ein Verbre­cher als der, dem er folgt. Wir sollten ihm helfen.‟ Damit trat sie vom Fenster weg und griff nach ihrem Schwert. Bisher hatte Saria Laládis Waffe nur innerhalb der Schwertscheide gesehen, doch jetzt zog die Elfe blank und warf die Hülle beiseite. Bei dem Schwert handelte es sich um eine wun­derbare Waffe. Sie war schlank, die Klinge war mit fein geschwungenen Runen verziert und be­schrieb einen leichten Bogen. Nicht so stark wie die Säbel der Reiterfürsten im Süden, aber deutlich genug, um aufzufallen. Ohne ein weiteres Wort verließ die Elfe das Zimmer und klopfte an die Tür von Aril und Hamadi. Wollte sie etwa nur mit einem Nachthemd bekleidet nach draußen gehen? Das wollte Saria keinesfalls. Sie griff nach ihrer Lederrüstung und schlüpfte hinein. Hektisch be­gann sie die Riemen zu schließen als Laládi schon wieder an der Tür vorbei zu Durins Einzelzim­mer schritt. Nur knapp hinter ihr traten die beiden Männer auf den Gang, ebenso wenig gerüstet wie die Elfe. Sollte Saria wirklich die einzige sein, die sich auch um ihr eigenes Wohl sorgte? Als kurz nach den beiden auch Durin im Nachtgewand zur Treppe eilte, entschloss Saria sich, die Rüstung nicht zuzubinden. Sie würde sich eben im Hintergrund halten. Eine große Kämpferin war sie sowie­so nicht. Außerdem konnte sie ihre beste Waffe nicht nutzen und musste sich auf ihren Dolch be­schränken – keine idealen Voraussetzungen. Einen Augenblick zögerte sie und sah zu ihrem Ruck­sack, in dem sie die Beutelchen versteckt hielt, die sie am Tag zuvor gekauft hatte. Zu auffällig, ent­schied sie und rannte den anderen hinterher nach unten und vor das Gasthaus. Von dort hörte sie schon Arils Stimme.
„Bleibt stehen und lasst den Mann zufrieden!‟ rief er bestimmt. Als Antwort vernahm sie nur das Klirren von aufeinanderprallenden Waffen. Ein kurz darauffolgender Schmerzensschrei ließ sie Schlimmes ahnen. Sie stürzte aus der offenen Eingangstür der Diamantenen Axt und wandte sich nach links, woher die Kampfgeräusche kamen. Der vermummte Verfolger hatte ein Kurzschwert ge­zogen und stand Durin und Aril gegenüber. Der blonde Barbar blutete aus einer Wunde am linken Bein, doch schien sie nicht tief zu sein und ihn nicht zu behindern. Ein paar Schritt daneben saß der Verfolgte auf dem Boden und lehnte sich schwer atmend an die Hauswand während Hamadi ihn un­tersuchte und Laládi die beiden von den Kämpfenden abschirmte. Saria meinte den anderen am bes­ten helfen zu können, indem sie den Angreifer ablenkte. Dazu lief sie zunächst in einem Bogen um die Kämpfenden herum, um in den Rücken des schwarzgekleideten Mannes zu gelangen. Ihr Plan schien aufzugehen bis der Mann einen Schritt zurücksprang und sich ihr zuwandte. Saria hatte ihren Dolch in der Hand doch gegen einen geübten Schwertkämpfer, wenn auch nur mit einem Kurz­schwert bewaffnet, hatte sie wenig Erfolgsaussichten. Ihr Schreck musste ihr ins Gesicht ge­schrieben sein, denn der Mann lächelte siegesgewiss als er näher kam. Saria wich langsam zurück und hoffte, dass ihre Kameraden ihr zu Hilfe kamen. Den Blick von ihrem Angreifer zu nehmen wagte die wenig kampferfahrene Frau nicht. Immerhin das hatte sie gelernt: Lass Deinen Angreifer niemals aus den Augen.
Gerade holte der Mann zum Schlag aus, da wuchs Aril hinter ihm wie aus dem Nichts in die Höhe, sein riesiges Schlachtbeil über dem Kopf erhoben. Ehe Saria noch reagieren konnte, schlug der Barbar die im Mondschein blitzende Klinge mit Wucht in den Rücken des Angreifers und zer­schmetterte mit einem feuchten Knacken das Rückgrat des Mannes. Arils Schlag hatte so viel Kraft, dass Saria warme Tropfen Blutes ins Gesicht spritzten. Einen kurzen Moment vor seinem Tod schi­en der Mann seinen Fehler zu begreifen, denn in seinen Augen sah die junge Frau noch Erkenntnis aufblitzen, bevor alles Leben aus ihnen wich. Mit einem schmatzenden Geräusch löste Aril seine Waffe aus dem frischen Leichnam. Das Blut tropfte von dem Axtblatt zu Boden und zeichnete einen Teil des Weges nach, den Aril nun zu ihr kam.
„Saria, alles in Ordnung?‟ Die Besorgnis in seiner Stimme erschien der jungen Frau beinahe lä­cherlich. Er war es, der blutete und soeben ein Menschenleben beendet hatte. Sie nickte nur.
„Und Du? Du bist verletzt …‟
„Ach, nur ein Kratzer. Er hat mich überrascht.‟
„Lass mich das sehen, Du großer Krieger‟, murmelte Laládi, die zu ihnen getreten war. Die Elfe kniete sich neben den Hünen und beäugte kritisch den blutenden Riss in dessen Oberschenkel. „Wirklich nicht allzu besorgniserregend. Halte still.‟ Sie führte ihre bleiche Hand zu seinem Bein und hielt inne, kurz bevor sie es berührte. Dann murmelte sie einen unverständlichen Singsang vor sich hin und nahm etwa eine Minute später ihre Hand wieder fort. Von der Wunde war nichts mehr zu sehen, nur das Blut auf dem Bein war noch vorhanden. „Alles wieder geheilt‟, verkündete Laládi und erhob sich.
„Danke, Laládi.‟ Aril wandte sich Saria zu. „Du siehst süß aus in Nachthemd und Rüstung.‟
Wortlos drehte Saria sich weg und ließ ihn stehen. Wie konnte er nur jetzt so etwas sagen? Mach­te es ihm denn gar nichts aus, gerade jemanden getötet zu haben? Sie ging zu Hamadi und dem Ver­folgten, bei dem inzwischen auch Durin war.
„Habt Dank, Fremde‟, keuchte er. „Aber ich fürchte, Ihr wart zu spät. Er hatte mich schon erwi­scht.‟ Wie um seine Worte zu untermauern wurde der Blutfleck, in dem er saß, größer. Ihr Schama­ne sang leise mit seiner krächzenden Stimme, doch schien er die Wunde nicht schließen zu können.
„Mein Name ist Orman, ich komme aus Gratoß. Schlimmes geht dort vor sich. Orks überfallen Dörfer und Städte in Scharen und rücken westwärts vor. Bald schon werden sie an Indunams Gren­zen stoßen, aber das wird sie nicht aufhalten. Ich muss … muss die Kan'chok warnen. Sie muss ...‟ Der Mann stöhnte gequält und krümmte sich. Seine Schmerzen mussten überwältigend sein. „Sie muss uns helfen, oder Euer Land ist das nächste.‟
„Orks? Aber wo kommen die her? In dieser Zahl?‟ Laládi schien geradezu schockiert zu sein.
„Weiß … ich nicht. Sie sind … da … müsst …‟ Mit diesen Worten verließen ihn seine Lebens­geister und er starb vor ihren Augen.



 
© Ben Grauh, 16.12.2012
ben.grauh@gmail.com

Sonntag, 18. November 2012

Saria (Teil 3)

Saria Arberdan (Teil 3)


Langsam schälte sich Woryem aus dem frühmorgendlichen Nebel. Zunächst war nur das sanfte Gelb des Lichts zu sehen, welches des Nachts stets auf dem mächtigen Verteidigungsturm der Ha­fenstadt brannte. Die nördlichste Stadt Indunams besaß noch weitere Türme, direkt am Hafenein­gang. Doch der größte ragte in der Bucht über alle Dächer und barg das Licht, um Schiffe durch die Nacht zu lotsen. Anschließend tauchten die schwächeren Lichter der kleineren Türme auf und zeig­ten dem Steuermann der Eule genau, wie er das Schiff in das Hafenbecken manövrieren musste. Nach und nach tauchte der feuchte Stein der Türme aus dem Nebel auf, wirkte dunkel und abwei­send. Als sie mit wenig Segel zwischen den Türmen hindurch glitten, meinte die junge Frau an der Reling die Bewegung der Turmwachen ausmachen zu können. Saria war an diesem Tag sehr früh aufgestanden, weil sie es kaum erwarten konnte, an Land zu gehen. Ihre neuen Kameraden hatte sie während der dreiwöchigen Schiffsreise wirklich ins Herz geschlossen, aber sie brauchte dringend ein wenig Abstand von Aril. Der Barbar hatte sich ständig in ihrer Nähe gehalten, sobald sie einen Fuß vor ihre Kabine gesetzt hatte. Das nervte Saria, doch fiel ihr die Decke auf den Kopf, wenn sie immer nur in dem engen, kleinen Raum blieb. Zu ihrer Erleichterung war der blonde Hüne noch nicht wach und sie konnte ein wenig für sich allein an Deck sein. Der Großteil der Mannschaft schlief ebenfalls noch in ihren Hängematten, so dass sie eine Illusion von Einsamkeit heraufbe­schwören konnte, wenn sie über die Reling hinaus aufs Meer blickte. Oder wie jetzt dabei zusah, wie sich aus unheimlichen Schatten zunächst Klauen entwickelten, die gen Himmel strebten, und aus denen kurze Zeit später die Masten anderer Schiffe wurden, die im Hafen vertäut lagen.
Mit ihren Kameraden war abgesprochen, dass sie sich als erstes ein Gasthaus suchten, in dem sie für ein paar Tage den Luxus der Zivilisation genießen und besprechen würden, wie sie die Suche nach Danielle, Sarias Schwester, angehen würden. Die junge Frau hatte zudem noch zwei dringende Wünsche: Neue Kleidung, denn was sie bei sich hatte, war mit der Seemöwe untergegangen. Sie be­saß nur noch, was sie am Leib trug, und das seit drei Wochen. Sie hatte ihr Möglichstes getan, um die Sachen sauber zu halten, dennoch sehnte sie sich nach neuen Kleidern. Ihr zweiter Wunsch war ein heißes Bad. Zwar hatte sie sich Seife leihen können, doch kaltes Seifenwasser aus einer Schüs­sel ersetzte kein heißes Bad in mit Rosenöl versetztem Wasser.
Die Feuchtigkeit des Nebels hing ihr in Tropfen in den Haaren und durchdrang ihre Kleidung. Alles fühlte sich gerade klamm an, doch das war ihr gleichgültig. Ihre von einem Orkpfeil durch­bohrte linke Schulter war wieder soweit geheilt, dass sie sie ohne Schmerzen bewegen konnte. Ein wenig Schonung würde sie noch brauchen, aber es war schon eine unglaubliche Erleichterung, nicht mehr auf Laládis Hilfe beim Ankleiden angewiesen zu sein.
Der Steg materialisierte sich in dem Augenblick vor ihr, als der Himmel im Osten von Orange zu Gelb wechselte. Die Sonne würde den Nebel bald vertreiben. Gebannt blickte Saria der Stadt entgegen, die sie vor knapp zwei Monaten verlassen hatte. Noch ruhten die meisten Bewohner Woryems, doch sie hatte damals gelernt, dass der Hafen niemals vollständig schlief. Zöllner, Wach­männer, Händler, Betrunkene – irgendwer war immer unterwegs. So stand am Kai auch schon ein Zöllner, der auf die Eule wartete. Den Göttern sei Dank würde er sich nur für die Ladung und die Hafengebühren interessieren, so dass die Passagiere ohne Verzögerung von Bord gehen konnten.
Ein leises Knarzen verriet Saria, dass sie nicht mehr allein war.
„Endlich‟, erklang die brummige Stimme Durins neben ihr. „Wird auch Zeit, dass wir wieder Land unter den Füßen haben. Dann gibt es auch wieder Bier, wenn auch nur von Menschen ge­macht!‟
Saria wandte sich dem Zwerg zu und teilte sein Grinsen, wenn auch nicht wegen des Alkohols.
„Ja, Land. Mir macht die Seefahrt weniger aus als Dir, aber ich freue mich ebenso darauf, das Schiff zu verlassen.‟ Zur Antwort brummte Durin lediglich, doch die junge Frau hatte rasch gelernt, die Tonlagen des Brummens zu unterscheiden und zu interpretieren. Zwergische Verständigung schien ebenso sehr auf Brummlauten zu beruhen wie auf Worten. Sie nahm sich vor, ihren Kamera­den bei Gelegenheit danach zu fragen.
Wir legen gleich an. Lass uns unsere Sachen holen und uns vom Kapitän verabschieden.‟
„Je schneller, desto besser‟, stimmt der Zwerg begeistert zu. Seine Rasse war einfach nicht für Seereisen bestimmt.

Eine Stunde später hatte die Sonne schon fast den ganzen Nebel vertrieben und die fünfköpfige Gruppe stand vor dem nunmehr dritten Gasthaus, der Diamantenen Axt. Während die anderen auf­grund des ungewöhnlichen Namens noch überlegten, ob sie es hier versuchen wollten, nahm Durin die Entscheidung in die Hand. Er stieß die dicke Eichentür auf und betrat den Schankraum. Achsel­zuckend folgten ihm die anderen und gelangten kurz nach dem Zwerg in einen nicht sehr großen, aber umso gemütlicher wirkenden Raum, in dem nur zwei Gäste saßen und frühstückten. Die beiden älteren Männer blickten kurz auf, nickten knapp zur Begrüßung und widmeten sich wieder ihrem Haferbrei. Durin hielt sich nicht mit Nettigkeiten auf und lief an den Tischen vorbei quer durch den Raum hinüber zum Tresen, hinter dem ein kompakter Mann mit Vollbart und Glatze stand. Beim zweiten Hinsehen erkannten die Gefährten, dass es sich um einen Zwerg handeln musste. Der Wirt sah Durin und seine grimmige Miene hellte sich augenblicklich auf.
„Was sehen meine alten Augen, endlich wieder jemand, der mein Bier zu schätzen weiß!‟ röhrte er mit tiefer Stimme und eilte hinter dem Tresen hervor, um Durin kräftig die Hand zu schütteln. Die anderen traten neugierig hinzu.
„Und Kundschaft bringst Du auch noch mit! Das lob ich mir. Kommt, Freunde, setzt euch und sagt mir, womit ich dienen kann.‟ Der Zwerg führte sie zu einer gemütlichen Nische neben dem Ka­min, in dem ein angenehm wärmendes Feuer brannte. Die beiden Frauen setzten sich rasch auf die Bank, die an der Kaminwand angebracht war und genossen sogleich den warmen Stein in ihrem Rücken. Sie froren in ihrer vom Nebel feuchten Kleidung und freuten sich über die Wärme. Der Wirt grinste sie an.
„Ich dachte mir, dass den Damen dieser Platz gefällt. Ja, Mórosh denkt mit. Das bin ich, Mórosh Graubart.‟
Mórosh, ich bin Durin Braunbart und das sind Saria, Laládi, Aril und Hamadi.‟ Alle nickten dem Zwerg freundlich zu, der sich nun wieder an alle wandte.
„Ich nehme an, ihr wollt etwas frühstücken. Ich habe Haferbrei mit Honig, Eier, Brot mit Käse und Wurst. Von gestern Abend ist auch noch etwas kalter Braten übrig, falls das euren Mägen mehr zusagt.‟
Alle bestellten sich etwas zu essen, wobei nur Aril ein Stück Braten wollte. Ein Barbar eben, dachte sich Saria.
Nachdem Mórosh alle mit Frühstück versorgt hatte, wandte der blonde Hüne sich nochmal an ihn.
„Mórosh, habt Ihr noch Zimmer frei? Wir suchen für ein paar Tage eine Unterkunft.‟
„In der Tat, das habe ich, ja. Aber nur noch drei, zwei Doppelzimmer und ein Einbettzimmer. Wenn Euch das nichts ausmacht …‟ Der Zwerg lächelte entschuldigend. „Wie Ihr seht ist mein Gasthaus klein und ich habe eben nur sechs Zimmer. Zwei werden von den Herren dort drüben be­legt und das letzte ist meines.‟ Nacheinander blickte er seine Gäste erwartungsvoll an.
„Ich denke, das lässt sich irgendwie machen, mit den drei Zimmern für uns, nicht wahr?‟ Durins Tonfall machte deutlich, dass er nicht gewillt war, woanders eine Unterkunft zu suchen.
„Kein Problem! Ich schlafe mit …‟
„Hamadi in einem Zimmer‟, vollendete Durin Arils Satz. „Die Ladys wollen gewiss unter sich bleiben.‟
Dankbar bejahte Saria und lächelte ihrem Kameraden schüchtern zu. Auf keinen Fall hätte sie mit Aril das Zimmer teilen wollen – das hätte auf jeden Fall zu Schwierigkeiten geführt, egal, was sie getan oder eben nicht getan hätte. Laládi beschränkte sich auf ein Nicken, doch auch ihr war eine gewisse Erleichterung anzusehen. Aril schien längst nicht mehr so enthusiastisch, zeigte sich aber mit dieser Aufteilung einverstanden.
„Sagt, Mórosh, besitzt Ihr einen Badezuber? Ich möchte gerne ein heißes Bad nehmen.‟ Nach­dem nun die Zimmerfrage geklärt war, wollte Saria sich der Erfüllung ihrer beiden dringendsten Wünsche widmen.
Der Wirt aber wirkte schockiert. „Einen Badezuber? Was, in Anboßnas Namen, sollte ich mit so etwas anfangen?‟
„Euch waschen?‟ schlug Aril hilfsbereit vor. Beide Zwerge sahen zuerst den Barbaren, dann sich gegenseitig an und brachen anschließend in Gelächter aus.
„Nein, Saria, Zwerge baden nicht‟, informierte Durin sie, als er sich wieder beruhigt hatte. „Wir waschen uns, gewiss, aber einem Trog voller Wasser trauen wir nicht, sei er auch noch so klein. Wie ich Dir schon sagte, sind wir von Anboßna nicht zum Schwimmen gemacht worden. Darum meiden wir zu große Wassermengen wann immer wir können.‟
Mórosh brummte zustimmend, während er sich den grauen Bart kratzte. „Es gibt ein Badehaus, nicht weit von hier. Rechts die Straße hinunter und die zweite links. Das dritte Haus auf der linken Seite. Dort könnt Ihr baden und, soweit mir bekannt ist, auch schwimmen. Ich selbst habe das Haus nie betreten.‟
„Ich danke Euch, Mórosh.‟ Ein Badehaus war nicht das, was die junge Frau sich vorgestellt hat­te, doch es würde genügen. Sie hätte beim Baden lieber ihre Ruhe gehabt, doch solange sie das Ge­fühl von Schmutz loswürde, wollte sie sich nicht beschweren. Sie glitt von der Bank und stand auf. „Seid bitte so gut und zeigt mir die Zimmer, damit ich meine Sachen dort unterbringen kann.‟
Ihr Wirt führte die Gruppe nach oben, da alle Sarias Beispiel folgen und ihr Hab und Gut ver­stauen wollten. Die Treppe führte rechts des Tresens an der Wand hinauf und vollführte eine enge Wende nach links, wo sie auf die Hauswand stieß. Oben endete sie in einem kurzen Gang nach links, der in einen größeren mündete, der über die gesamte Breite des Gasthauses ging.
„Gleich hier links ist mein Zimmer‟, erläuterte Mórosh die Aufteilung der Räume. „Es ist das kleinste Zimmer und wie Ihr seht hat es eine Tür direkt auf den kleinen Gang hinaus. So wecke ich meine Gäste nicht, wenn ich früh am Morgen aufstehe, um das Frühstück vorzubereiten. Den großen Flur entlang rechts liegen sie beiden Einzelzimmer meiner anderen Gäste. Meinem Zimmer gegenüber ist das dritte Einzelzimmer, die anderen beiden sind die Doppelzimmer. Seht sie Euch an, wenn Ihr wollt, doch sie sind wirklich nicht sehr unterschiedlich. Darauf achte ich, denn ich will meinen Gästen einen gleichbleibenden Komfort bieten. Hier sind die Schlüssel.‟ Er machte von ei­nem großen Schlüsselbund, den er unter seiner Schürze trug, insgesamt fünf Schlüssel ab und reich­te sie weiter. Alle dankten ihm und wandten sich den Zimmern zu.
„Ich bin dafür, wir nehmen Saria und Laládi in die Mitte!‟ Aril verlor keine Zeit, seine Meinung lautstark kundzutun. „Sollte etwas geschehen, können wir dann von beiden Seiten zu Hilfe eilen.‟
„Was sollte denn geschehen? Wir sind hier bei einem Zwerg zu Gast, du dummer Barbar. Hier sind wir sicher!‟ Durin war zwar nur halb so groß wie Aril, doch breitbeinig wie er dastand, die Hände auf die Hüften gestemmt, wirkte er nicht weniger standhaft. Bevor es zu einer tätlichen Aus­einandersetzung kommen konnte, bezogen Laládi und Saria rasch das mittlere Zimmer und beende­ten damit jede Diskussion über die Raumaufteilung.
In dem Raum standen zwei Betten, eines rechts und eines links der Tür. Auf der gegenüberlie­genden Seite standen ein Tisch, zwei Stühle und zwei Truhen. Die übliche Einrichtung eines Gäste­zimmers in doppelter Ausführung also. Laládi beanspruchte das rechte Bett.
„Du warst ungewohnt still im Schankraum‟, bemerkte Saria als die Tür geschlossen war. „Stimmt etwas nicht?‟ Sie hatte die Elfe als zurückhaltend kennengelernt, aber gar nichts zu sagen passte nicht zu dem Bild, welches sie bisher von ihrer neuen Freundin hatte.
Laládi schüttelte den Kopf. „Es ist nur, weil Mórosh ein Zwerg ist. Elfen und Zwerge … Sagen wir einfach, unsere Rassen waren nie Freunde. Durin und ich haben inzwischen gelernt, uns zu vertrauen, vielleicht gar uns zu mögen. Durin ist in mancher Hinsicht jedoch kein typischer Zwerg und manchmal scheint er zu vergessen, dass ich eine Elfe bin.‟ Saria wartete auf eine weiterführende Erklärung, doch Laládi schien nicht gewillt, diese zu geben.
„Glaubst Du also, dass Mórosh Dich seines Hauses verweisen wird, wenn er es herausfindet?‟
„Wenn das alles wäre, was ich fürchten müsste, Saria. Es ist das abgrundtiefe Misstrauen, dass Zwerge gegenüber Elfen hegen – und umgekehrt. Dass ich Durin vertraue bedeutet nicht, dass ich anderen Zwergen vertraue. Unsere Völker führten einst Krieg, das ist viele tausend Jahre her. Doch wir haben nie einen offiziellen Frieden geschlossen, der Krieg wurde nie richtig beendet. Die Kämpfe haben aufgehört, niemand kann mehr sagen, warum. Wenn Elfen und Zwerge sich seitdem begegneten, gingen sie einander aus dem Weg. Wo das nicht möglich war, kam es meist zu einem Kampf mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Ich weiß nicht, wie Mórosh reagiert, wenn er heraus­findet, was ich bin. Darum bemühe ich mich, seine Aufmerksamkeit nicht auf mich zu lenken.‟ Während sie sprach hatte Laládi in ihren Sachen nach etwas gesucht, das sie nun gefunden zu haben schien. Sie nahm einen kleinen Lederbeutel hervor und barg ihn vorsichtig in ihren Händen. Der Blick ihrer wirbelnden blauen Augen fand den Sarias.
„Mach Dir keine Sorgen deswegen, ich kann auf mich aufpassen. Wenn es Dir nichts ausmacht, wäre ich nun gern ein wenig allein.‟
„Gut, dann werde ich inzwischen zum Badehaus gehen. Möchtest Du später mit mir zum Schnei­der gehen? Du weißt, ich brauche ein paar neue Kleider.‟
Ihre Freundin verneinte leise und Saria verließ das Zimmer.

Vor der Tür rannte sie beinahe in Aril hinein, der schon auf sie wartete.
„Lass uns zum Badehaus gehen!‟ Schockiert blickte Saria zu ihm auf. Er will mit? Oh nein. Auf keinen Fall wollte sie Aril in der Nähe wissen, wenn sie nackt in einem Badezuber saß. Hätte Mórosh einen Badezuber besessen, hätte er entweder einen eigenen, abschließbaren Raum dafür ge­habt, oder der Zuber wäre ihr ins Zimmer gestellt worden, das sie ebenfalls hätte abschließen kön­nen. In Badehäusern jedoch wurde die Trennung von Männern und Frauen häufig nur durch einen Vorhang gewährleistet. Saria sah beinahe vor sich, wie Aril den Vorhang beiseiteschob und zu ihr herüberkam. Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn sich für einen kurzen Moment dabei vorstellte, groß muskulös und nackt. Nackt würde sie aber ebenso sein, und diese Situation wollte sie um alles in der Welt vermeiden. Da sie nicht wusste, wie sie Aril davon abhalten sollte, mitzukommen, ging sie einfach wortlos an ihm vorbei. Seine Schritte hinter ihr kamen der jungen Frau vor wie das unheil­volle Stampfen eines Riesen.

Das Badehaus war leicht zu finden. Móroshs Beschreibung stimmte und ein bemaltes Holzschild über der Eingangstür machte es leicht, nicht vorbeizulaufen. Mit einem flauen Gefühl im Bauch betrat Saria das Gebäude.
Der Eingangsbereich war mit hellgrauem Stein ausgelegt, der Tresen aus hellem Holz. An den Wänden waren Bilder von fernen Stränden aufgehängt worden und in einer Ecke stand ein gläserner Behälter mit Wasser, in dem ein paar bunte Fische schwammen. Hinter dem Tresen stand ein junger Mann in blauer Livree und mit sauber gestutztem Bart.
„Guten Tag, willkommen in Boros' Badehaus‟, begrüßte er sie. Saria schien es, als sei er wenig erfreut über seine Gäste.
„Wir möchten gerne baden.‟ Während sie es sagte, merkte sie, wie überflüssig diese Aussage wirkte. Was sollten sie schließlich sonst hier wollen?
„Wir trennen Männer und Frauen, dies hier ist kein solches Haus‟, erwiderte der dunkelhaarige Mann schnippisch.
„Gut, denn in ein solches Haus würde ich nicht gehen.‟ Sie warf ihm einen bösen Blick zu, was ihn umgehend dazu brachte, sich seiner höflichen Umgangsformen zu erinnern.
„Natürlich, verzeiht, meine Dame, dergleichen wollte ich keinesfalls andeuten. Das wäre dann ein Silbertaler für eine Stunde und Person, bitte.‟
„Ich zahle das!‟ rief Aril und kramte die Silberstücke aus seinem Beutel. Saria unterdrückte den Drang zu schreien. In Gedanken verfluchte sie Laládi wegen deren Warnung, Aril nicht wehzutun. Was war aber mit ihr selbst? Sie nahm sich vor, die Elfe noch einmal auf das Thema anzusprechen.
„Die rechte Tür ist für die Dame, links geht es zu den Herren.‟ Der Mann deutete auf die ent­sprechenden Türen hinter seinem Tresen. „Ich wünsche Euch eine angenehme Zeit in Boros' Bade­haus.‟
Ohne sich zu bedanken ging Saria rechts an dem Tresen vorbei und öffnete die Tür. Dahinter fand sie einen Umkleideraum, in dem mehrere hölzerne Regale standen, in die man seine Kleidung legen konnte. Davor standen ebenfalls aus Holz gezimmerte Bänke, auf die man sich beim An- be­ziehungsweise Ausziehen setzen konnte. Der Boden war mit einem flauschigen Teppich ausgelegt, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Das Grün war verblasst und an manchen Stellen war er ab­gewetzt. Dennoch sorgte er an Sarias Füßen für ein angenehmes Gefühl. Ein wenig kitzelte es sogar, was ihr ein Schmunzeln entlockte. Keines der Fächer war belegt, woraus sie schloss, dass sie die einzige Frau im Badehaus sein würde. Nun, solange sie von den Männern, besonders von Aril, ge­trennt war, war ihr das nur recht. Ohne Umschweife legte sie ihre Kleider ab und legte sie säuber­lich in eines der Fächer. Ihre Stiefel stellte sie unter die Bank davor. Der Umkleideraum war warm, so dass sie auch nackt nicht fror. Das mulmige Gefühl kehrte zurück, als sie auf die zweite Tür im Raum zuging, die in den Baderaum führen musste. Mit der Hand auf dem Griff zögerte sie einen Moment, gab sich dann aber einen Ruck. Mach Dich nicht lächerlich, Mädchen. Wenn sie schon darauf hinweisen, dass Männer und Frauen hier getrennt baden, dann werden die Zuber gewiss auch getrennt sein.
Hinter dieser Tür befand sich ein riesiger, mit warmem Dampf gefüllter Raum. Das Wasser musste heiß sein, genau so, wie sie es sich wünschte. Es gab ein großes, rechteckiges Becken, das tief aussah. Das war wohl das Schwimmbecken, von dem Mórosh erzählt hatte. Daneben, mehr zur Mitte des Raumes, befand sich ein kleineres, rundes Becken, in dem man am Rand bequem auf stei­nernen Bänken im Wasser sitzen konnte. Wiederum neben diesem Becken, also in der Mitte des Raumes war – ein Vorhang. Dieser hing in der Mitte schon ein ganzes Stück durch, so dass ein großer Mann möglicherweise hinübersehen konnte. Ein großer Mann wie Aril. Saria schloss einen Moment die Augen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Die Augen auf den Vorhang gerichtet schlich sie zu dem Badezuber. Wenn sie darin saß wäre sie vielleicht zu tief unten, um Aril einen ungehinderten Blick auf sich zu ermöglichen. Das hoffte sie jedenfalls. Als die junge Frau in das Wasser glitt, konnte sie ein wohliges Stöhnen nicht unterdrücken. Das Wasser war perfekt. Heiß, aber nicht so, dass man sich verbrannte, und mit Rosenöl versetzt. Ein paar einzelne Rosenblätter schwammen auf seiner Oberfläche und weckten in ihr den kindlichen Wunsch, eine hölzerne Ente zum Spielen zu haben, so wie vor vielen Jahren als kleines Mädchen.
„Saria, bist Du das?‟ tönte Arils Stimme fröhlich herüber.
Die junge Frau sah keine Möglichkeit, ihre Anwesenheit zu verheimlichen und bejahte seine Fra­ge. „Aber halte Dich von dem Vorhang fern‟, fügte sie hinzu. „Ich möchte allein und in Ruhe baden, bitte Aril.‟ Einige Sekunden lang blieb es still und Saria fragte sich schon, ob sie den Hünen nun doch verletzt hatte. Auch wenn ihr das sehr unwahrscheinlich vorkam.
„Also gut, aber nur, wenn Du mich später mitnimmst beim Kleider kaufen‟, antwortete der Bar­bar schließlich. Saria schloss gequält die Augen und fragte sich, womit sie das verdient hatte.

 
© Ben Grauh, 18.11.2012
ben.grauh@gmail.com

Sonntag, 21. Oktober 2012

Saria (Teil 2)

Saria Arberdan (Teil 2)


Langsam kämpfte Saria sich wieder in den Wachzustand. Ihr Verstand fühlte sich an, als wäre er in weiche, warme Seide gewickelt. Jeder Gedanke bemühte sich, sich ihr zu entziehen und es war unglaublich anstrengend, sie festzuhalten. Zurück in die Dunkelheit zu gleiten war die größte Verlo­ckung, die die junge Frau seit Jahren empfunden hatte. Nur der Gedanke mit dem Jungen aus dem Dorf allein zu sein, Eldrin, dieser Gedanke war noch verlockender gewesen. Doch damals war sie ein kleines Mädchen von neun Sommern gewesen. Eldrin war ein paar Jahre älter gewesen als sie, zwölf oder dreizehn, da war sie nicht mehr sicher. Er hatte helles, gelocktes Haar, süße Sommer­sprossen um die Nase und seine blauen Augen blitzten so schön, wenn er lachte. Die Erinnerung an ihre erste große Liebe – so hatte Saria die damalige Schwärmerei eines kleinen Mädchens gesehen – ließ sie lächeln. Eldrin hatte sich nie für sie interessiert. Warum auch? Die Mädchen in seinem Alter waren für ihn erheblich anziehender gewesen. Die kleine Saria war damals neidisch auf die älteren Mädchen, die allmählich zu Frauen wurden. Bei manchen hatte man schon deutlich die weiblichen Rundungen unter den Kleidern erahnen können. Besonders diese Formen waren es, die Eldrin da­mals so faszinierten. Doch an sich selbst konnte Saria zu dieser Zeit noch nichts dergleichen fest­stellen. Sie hatte einen flachen Brustkorb wie ein Junge, einen knochigen Po und ihre Hüften waren mehr gerade als kurvig.
Heute sah das anders aus, das wusste sie. Jetzt würde Eldrin sie bestimmt nicht mehr ignorieren. Doch was half ihr dieses Wissen, wenn er doch weit entfernt in Schönborn war, und sie hier auf ei­nem Schiff, weit weg von Zuhause? Mit einem leichten Anflug an Bedauern wandte die junge Frau sich von ihrer Erinnerung an ihren ersten Schwarm ab und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Das gelang ihr nun schon besser, die Benommenheit hatte sich weiter zurückgezogen.
Als erstes nahm sie das Bett war, in dem sie lag. Das scheint zu einer unangenehmen Gewohn­heit zu werden, dachte sie sarkastisch. Ständig wache ich in einem Bett auf, in das ich mich nicht selbst hineinbegeben habe. Immerhin war es ein Bett und nicht der harte Holzboden des Schiffes. Auch keine Hängematte, wie sie die Matrosen benutzten, nein, ein richtiges Bett. Das letzte Mal war sie in einer Kabine auf der Eule aufgewacht und nahm nun an, dass dies derselbe Ort war. Ein leichtes Schaukeln, begleitet von einem entfernten Wassergluckern, bestätigte diese Vermutung. Be­ruhigt atmete Saria tief durch. Sie war in Sicherheit. Kaum war ihr der Gedanke durch den Kopf ge­gangen, fiel ihr etwas auf, das jedes Gefühl von Sicherheit wieder verscheuchte: Sie lag nackt unter der Bettdecke! Ihre letzte Erinnerung an die Geschehnisse vor ihrer Ohnmacht war, dass dieser Bar­bar, Aril, sie in ihre Kabine bringen wollte. Doch zu diesem Zeitpunkt war sie angezogen. Hatte der Wilde ihre Situation ausgenutzt und … Saria wollte gar nicht daran denken.
Mit vor Sorge pochendem Herzen schlug sie die Augen auf. Die Kabine war hell, also war es wohl schon wieder Tag. Welcher Tag? Der dem Abend anschließende, an dem sie ohnmächtig ge­worden war? Oder der danach? Wie lange hatte sie diesmal ihr Bewusstsein verloren? Nach kurzem Überlegen entschied die junge Frau, dass es der folgende Tag sein musste, denn ihr Hunger war nicht sehr groß. Um genau zu sein hatte sie im Augenblick überhaupt keinen Hunger, denn ihr zog es den Magen zusammen. Irgendjemand musste sie schließlich ausgezogen haben und der wahr­scheinlichste Kandidat war leider Aril.
Saria drehte den Kopf auf dem Kissen und ließ den Blick durch die Kabine schweifen. Sie war allein. Sorgfältig darauf bedacht, ihre linke Schulter nicht zu belasten, schlug sie die Decke beiseite und setzte sich auf. Vom langen Liegen hatte sich ihr Kreislauf noch nicht ganz erholt, weswegen ihr ein wenig schwindlig wurde. Das störte die junge Frau nicht weiter, da sie ohnehin zunächst nicht aufstehen wollte. Sie blickte an sich hinab. Längst war ihre Brust nicht mehr so flach wie die des kleinen Mädchens, das sie einst war. Auch ihre Hüften waren nun angenehm gerundet und erin­nerten nicht mehr an früher. Doch genau in diesem Moment wünschte sie, sie wäre weniger weib­lich.
Zögerlich konzentrierte Saria sich auf ihren Körper. Im ersten Moment war es unmöglich für sie zu entscheiden, ob etwas nicht stimmte, so sehr hatte sie Angst. Doch langsam sickerte die Erkenntnis in ihren Verstand, dass alles in Ordnung war. Zwischen ihren Beinen fühlte sich nichts ungewöhnlich an. Kein Brennen, kein Ziehen, keine irgendwie unangenehmen Gefühle. Erleichtert seufzte sie und merkte erst jetzt, wie angespannt sie gewesen war. Es freute sie nicht, dass der Hüne sie ohne ihr Einverständnis ausgezogen hatte, doch konnte sie daran nichts ändern. Außerdem hätte es viel schlimmer kommen können, und dass dem nicht so war, dafür dankte sie al­len überirdischen Mächten, die ihr einfielen. Das waren nicht viele. Für die Götter hatte Saria noch nie viel übrig gehabt, genauso wenig wie die für sie.
Während sie sich gerade mit ihrem Lendenschurz abmühte – mit nur einem Arm eine unglaub­lich schwere Aufgabe – klopfte es leise an der Tür zu ihrer Kabine.
„Wer ist da?‟ fragte Saria, sofort wieder auf der Hut. Wenn das Aril war …
„Laládi. Darf ich hereinkommen?‟ Die glockenhelle Stimme der Elfe war eine Wohltat.
Sei vorsichtig, ermahnte die junge Frau sich in Gedanken. So nett sie sein mag, Du kennst sie nicht! Um ihre Blöße zu bedecken, zog sie rasch die Bettdecke vor ihre Brust.
„Ja, kommt herein!‟ rief sie. „Ich könnte sowieso ein wenig Hilfe gebrauchen.‟ Den zweiten Satz murmelte sie nur so vor sich hin, doch die Ohren der Elfe schienen nicht nur spitz zu sein, son­dern auch äußerst gut.
„Meint Ihr, beim Anziehen?‟ fragte Laládi beim Eintreten und schloss sanft die Tür hinter sich.
Saria spürte, wie ihre Wangen warm wurden. „Ja … Es ist mir ein wenig peinlich, aber mit nur einem Arm habe ich dabei Schwierigkeiten.‟
Die blonde Elfe lachte auf. „Das braucht Euch doch nicht peinlich sein, Saria. Das ginge jedem so. Kommt, zeigt mir, was Ihr anziehen möchtet, und ich helfe Euch dabei.‟
Mit einem Seufzer ergab Saria sich und deute auf den Rock von gestern und eine frische Bluse. Die letzte in ihrem Gepäck. Viel hatte sie nicht mitgenommen auf die Insel, hatte sie doch mit kei­nen Problemen gerechnet. Jedenfalls mit keinen, die ihre Kleidung ruinieren würden, wie es die Orks getan hatten.
„Falls Ihr Euch fragt, wie Ihr in Euer Bett kamt: Ich sah, wie Aril Euch die Treppe hinuntertrug und schloss daraus, dass Ihr nicht mehr bei Euch wart. Ich ließ es zu, dass er Euch auf das Bett leg­te, dann aber schickte ich ihn hinaus. Aril hat Euch nicht ausgezogen, ich war es. Er ist ein Barbar, aber wir konnten ihm schon vermitteln, dass er eine Frau nicht einfach ausziehen kann. Egal, wie sehr er das vielleicht will ...‟ Laládi schenkte ihr ein Lächeln, doch wesentlich beruhigender war der Inhalt dessen, was sie der jungen Frau eben erzählt hatte. Aril hatte sie nicht ausgezogen, die Elfe war es gewesen. Ihre Andeutung, dass der Hüne ein Interesse daran haben könnte, sie in ihrem Bett zu besuchen, ignorierte Saria für den Augenblick.
„Danke, dass Ihr mir das sagt. Ich war schon voller Sorge, dass mehr geschehen sei, als ich möchte‟, gestand Saria ihr mit einem schüchternen Lächeln. Ihre Wangen brannten nun geradezu, doch das war ihr gleich. Sollte Laládi doch sehen, dass ihr der Gedanke an eine intime Begegnung mit Aril nicht behagte. Vielleicht achtete die Elfe dann vermehrt darauf, dass die beiden nicht allein waren. Oder besser noch, redete dem Mann alle Flausen von vornherein aus, die er möglicherweise in Bezug auf sie hatte. Unter anderen Umständen wäre er ja ganz nett gewesen, aber jetzt, auf der Suche nach ihrer Schwester, konnte Saria sich eine derartige Ablenkung nicht erlauben. Hoffentlich würde Aril ihr trotzdem helfen wollen.
„Nein, da macht Euch keine Sorgen. Barbar hin oder her, Aril hat einen Ehrenkodex, und daran hält er sich eisern. Er hat uns versprochen, niemals eine Frau gegen ihren Willen anzurühren, die nicht Teil seines Volkes ist. Derartige Versprechen nimmt er sehr ernst und er wird sich daran hal­ten.‟ Sie waren beim letzten Knopf der Bluse angelangt und Laládi setzte sich nun neben Saria auf die Bettkante. Ihr Blick wurde eindringlich. „Spielt bitte nicht mit ihm. Wenn Ihr Interesse an ihm habt, zeigt es ihm. Ansonsten macht ihm keine schönen Augen, denn das ermutigt ihn nur. Wir wer­den ihn nicht aufhalten, solltet Ihr ihn auffordern und es Euch dann anders überlegen, sobald er darauf eingeht.‟ Ohne auf eine Antwort zu warten, stand sie mit ihrer elfischen Eleganz auf und ver­ließ lautlos die Kabine.
Ich ihn auffordern? Bei Karintia, als wäre ich mit Absicht in Ohnmacht gefallen! Gerne wäre Sa­ria der Elfe gefolgt und hätte ihr lautstark erklärt, dass sie sich ihre Ratschläge für andere aufheben solle. Sie beherrschte sich aber und atmete ein paarmal tief durch, um sich zu beruhigen. Nachzu­denken war jetzt wichtiger. Die Schiffsreise würde noch ein paar Tage dauern, doch sollte sie besser schon vor deren Ende entschieden haben, ob sie das Angebot der Gruppe annehmen wollte oder nicht.
Umständlich rutschte Saria auf dem Bett nach hinten, bis sie sich bequem mit dem Rücken an die Schiffswand lehnen konnte. Sie wollte diese Entscheidung sorgfältig treffen und das brauchte Zeit. Zeit, in der sie es sich ebenso gut gemütlich machen konnte, während sie überlegte.
Laládi schien eine gute Seele zu sein, auch wenn ihre fehlende Erfahrung mit Elfen sie vorsichtig sein ließ. Andererseits, wer konnte schon von sich behaupten, viel Umgang mit Elfen zu haben? Es gab so gut wie keine Angehörigen dieses mystischen Volkes mehr, und die wenigen, die noch leb­ten, scheuten den Umgang mit anderen. Es lief darauf hinaus, dass Saria ihre eigene Erfahrung mit Elfen sammeln musste. Lieber hätte sie jemanden gefragt, doch diese Möglichkeit bestand nicht. Also werde ich sie zunächst so nehmen, wie sie ist und genau beobachten, überlegte sie. Zudem habe ich auf diese Weise nebenbei die Gelegenheit, eine Elfe kennenzulernen. Die Neugier siegte und sie setzte Laládi auf ihrer geistigen Liste auf die Seite, die für einen Verbleib bei der Gruppe gedacht war.
Hamadi. Die Elfe war schwer einzuschätzen, doch bei dem Medizinmann konnte die junge Frau überhaupt keine fundierte Entscheidung treffen. Von seiner Sprache verstand sie kein Wort und ge­sehen hatte sie ihn kaum. Er kam nur aus dem Inneren des Schiffes hervor, wenn es Essen gab oder um nach ihrer Schulter zu sehen. Die hatte er gut versorgt, das gestand sie ihm zu. Wenn sie aber an seine Augen dachte, überlief sie ein kalter Schauer. Alles an ihm wirkte so alt und ausgezehrt, aber nicht die Augen. Wie konnte ein alter Mann wie er so junge Augen haben? Dennoch … Jemanden mit derart guter Kenntnis der Heilkunst um sich zu haben war nie ein Fehler. Sie musste schließlich auch in Erwägung ziehen, dass Danielle verletzt sein könnte, wenn sie sie fand. In diesem Fall wür­de sie Hamadi dringend brauchen. Er spricht also auch eher für ein „ja‟.
Ihren neuesten Verehrer, Aril, würde sie am liebsten über Bord werfen und somit unmissver­ständlich klarstellen, was sie von ihm hielt. Wenn jemand aus dieser Gruppe mit Sicherheit Schwie­rigkeiten machen würde, dann war es der Barbar. Ein Barbar! Wie konnte man nur mit so jemandem reisen? Irgendwie süß ist er ja schon … Dieser unerwünschte Gedanke ärgerte sie. Nur weil er so treu dreinblickende Augen hatte! Als Barbar konnte er gewiss kämpfen und stark war er auch, das war nicht zu übersehen. Beides Eigenschaften, die gewiss hilfreich sein konnten. Danielles Entfüh­rer würden ihre Schwester wohl kaum unbeaufsichtigt irgendwo zurücklassen, so dass Saria sie nur noch abzuholen brauchte. Nein, ein Kampf schien sehr wahrscheinlich. Aber den musste nicht unbe­dingt Aril für sie ausfechten! Er kam also auf die Seite mit den Argumenten gegen einen Verbleib bei der Gruppe.
Zu guter Letzt gab es noch den Zwerg, Durin. Viel hatte sie noch nicht von ihm gesehen. Nur zum Essen schien er seine Kabine zu verlassen und seine Laune war stets schlecht und aufbrausend. Laládi hatte ihr zwar versichert, dass der Zwerg einen weichen Kern unter der rauen Schale verbarg, aber bisher hatte Saria keine Anzeichen für die Wahrheit hinter dieser Aussage entdeckt. Davon ab­gesehen kannte die junge Frau jedoch einige Geschichten über die Zwerge, denen zufolge das kleine Volk genau so sein sollte: Unnachgiebige Kämpfer für sich selbst und eine gute Sache. Die Rettung einer entführten Frau konnte man gewiss als eine gute Sache bezeichnen. Dann hätte ich also drei dafür und einen dagegen. Ich bleibe, beschloss sie damit.
Erleichtert darüber, zumindest eine der anstehenden Entscheidungen jetzt getroffen zu haben, lä­chelte Saria. Jetzt blieb noch die weitaus schwierigere – und für sie gefährlichere – Frage, wie viel sie den anderen über sich selbst erzählen wollte. Bevor sie sich ernsthaft darüber Gedanken machen konnte, klopfte es an der Tür.
„Herein!‟ rief sie, nicht gewillt, sich zu erheben. Ihr Magen fühlte sich zwar leer an, doch er­schienen ihr die Pläne für ihre zukünftige Suche im Augenblick wichtiger.
Die Tür wurde schwungvoll aufgestoßen und Aril trat ein. Mit seiner Körpergröße von fast zwei Schritt musste der Barbar sich bücken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen. Wie bisher immer trug er eine eng anliegende Lederhose und eine offene Fellweste, die seinen muskelbepackten Oberkör­per kaum verbarg. Im Geheimen vermutete Saria, dass die ärmellose Weste seine Muskeln sogar be­tonen sollte, weil sie den Blick auf Brust und Bauch lenkte.
„Saria, Du bist wach!‟ sprach er das Offensichtliche aus. „Wie geht es Dir?‟ Ungefragt setzte der große Mann sich auf ihre Bettkante und grinste sie breit an.
Da sie nun beschlossen hatte, mit ihnen zu reisen, akzeptierte Saria das Du. Dass der Barbar sich ungeniert auf ihr Bett setzte, gefiel ihr hingegen überhaupt nicht. Dennoch beschloss sie, freundlich zu bleiben. „Danke, Aril, gut. Ich muss nur daran denken, dass meine Schulter noch ein wenig Ruhe braucht, bevor ich sie wieder belasten kann.‟
Eifrig nickte der Prinz Ruangmós. „Ja, das solltest Du. Wenn es irgendetwas gibt, wofür Du zwei oder drei Hände brauchst, lass es mich wissen.‟ Seine braunen Augen blitzten hoffnungsvoll auf.
„Das ist sehr nett von Dir, danke. Im Moment brauche ich aber noch keine Hände, nur ein wenig Ruhe. Ich muss nachdenken. Aber ich habe schon beschlossen, euer Angebot anzunehmen‟, fügte sie rasch hinzu, als sie die Enttäuschung in seinen Gesichtszügen sah. Sie rang sich auch ein kleines Lächeln ab, was Arils Stimmung umgehend wieder hob.
„Das ist gut, ich werde es gleich den anderen sagen!‟ Damit sprang er auf und war mit zwei Schritten bei der Tür.
„Noch etwas, Aril‟, hielt Saria ihn auf. „Ich möchte mich noch dafür bedanken, dass Du mich gestern Abend in meine Kabine gebracht hast.‟
Der Hüne zuckte mit den Schultern, was bei einem Riesen wie ihm irgendwie komisch wirkte. „Hab ich gern gemacht.‟ Damit drehte er sich um und verschwand wieder aus ihrer Kabine.
Saria sah noch eine Weile die nun wieder geschlossene Tür an. Er hatte schon einen knackigen Hintern … Verdammt, Mädchen, was denkst Du da! Schalt sie sich selbst. Gib ihm den Finger und er nimmt Dich mit Haut und Haaren. Das ist ein Barbar, Du dummes Ding! Sie würde Aril auf ihrer geistigen Liste doppelt werten, doch dann stünde es immer noch drei zu zwei für den Verbleib in der Gruppe. Du musst einfach äußerst vorsichtig sein.

Zwei Stunden und etliche fruchtlose Grübeleien später trafen sich alle zum Mittagessen. Als Sa­ria danach bekanntgab, das Hilfsangebot annehmen zu wollen, erwartete sie ein herzlicheres Will­kommen, als sie gedacht hätte. Dass Aril sich freuen würde, hatte sie von vornherein gewusst, doch Hamadis wohlwollendes und zufrieden wirkendes Nicken überraschte sie beinahe ebenso wie Lalá­dis kurze aber freudige Umarmung. Die Elfe überstrahlte mit ihrem Lächeln beinahe den freund­schaftlichen Händedruck Durins, der – wenn Saria es durch den dichten braunen Bart richtig er­kannte – ebenfalls ein wenig lächelte. Sie hätte das nicht gedacht, doch durch diese einfache Geste wurde der kleine Mann, der ihr kaum bis zur Nasenspitze reichte, auf einen Schlag wesentlich sym­pathischer.
„Sagt, wo werden wir eigentlich anlegen? Ich habe bisher ganz vergessen zu fragen.‟
„In Woryem, dem Heimathafen der Eule‟, antwortete Laládi ihr.
In seinem typischen, grummelnden Tonfall fügte Durin hinzu: „Besser gestern als heute.‟
„Komm schon, Durin! Ein bisschen Wasser schadet doch nicht.‟ Aril klopfte seinem Gefährten mit einem lauten Klatschen auf die Schulter.
„Ein bisschen? Ich sehe seit Tagen nichts anderes um uns herum. Und das wird auch noch einige Tage so bleiben, falls der Rückweg nicht deutlich schneller geht als der Hinweg. Doch dieses Glück habe ich nicht!‟ Ein schiefes Lächeln nahm seinen Worten ein wenig die Ernsthaftigkeit, doch war ihm deutlich anzusehen, dass er lieber zu Fuß gegangen wäre.
„Sagt, Durin, warum mögt Ihr das Wasser nicht? Könnt Ihr nicht schwimmen?‟ fragte Saria neu­gierig.
„Kein Zwerg kann schwimmen‟, informierte Durin sie nicht unfreundlich. „Dafür sind wir zu schwer. Und das liegt nicht nur an unseren Rüstungen, nein, wir sind einfach zu kräftig, haben zu viele Muskeln.‟ Aril lachte schnaubend. Durin ließ sich jedoch nicht davon ablenken. „Anboßna hat es eben bestimmt, dass wir an Land bleiben sollen. Deswegen ist mir auf Seereisen nie wohl.‟
Von Anboßna hatte Saria schon gehört, das war der Gott der Zwerge. Sie hatten nur diesen einen, doch der genügte ihnen. Er hatte – so die Erzählung – die Zwerge ebenso erschaffen wie die Berge, Edelsteine, das Bier, Gold und einfach alles, was die Zwerge mochten oder zum Leben brauchten. Es hieß auch, dass der Schmiedeamboss nach dem Gott benannt worden war. Ähnlich genug klan­gen die beiden Namen, dass Saria dies glauben mochte.
In den folgenden Tagen begann die junge Frau, ihre neuen Kameraden ins Herz zu schließen. Zwar waren nur die beiden Kämpfer dazu zu bewegen, etwas über sich zu erzählen – was bei Aril jedes mal zu einer Lobeshymne auf sich selbst führte –, doch bedeutete dies nicht, dass Laládi und Hamadi unfreundlich waren oder Saria mieden. Gerne hätte sie mehr über sie erfahren, da sie aber selbst nicht mehr über sich preisgeben wollte, als sie schon getan hatte, sah sich Saria gezwungen, deren Schweigen zu akzeptieren. Die Zeit würde zeigen, ob sie sich doch noch von ihnen abwenden musste.

 
© Ben Grauh, 21.10.2012
ben.grauh@gmail.com

Freitag, 19. Oktober 2012

Gedicht

Leben ?



Finsternis umhüllt mich,
Sanft wie Seide,
Zärtlich wie eine Liebende.
Wird sie mich je freigeben?

Bewegen will ich mich,
Doch meine Arme und Beine
Stoßen gegen weiche Polster,
Nicht zu erkennen in der Dunkelheit.

Nur mit Mühe hebe ich
Meine Arme und Beine,
Drücke mit aller Kraft
Gegen mein Gefängnis.

Ein Spalt öffnet sich,
Licht dringt ein.
Ich erkenne den Sarg,
Mein Gefängnis.

Seide umhüllt mich
In der Tat,
Schwarz wie die Nacht
Und voller Pracht.

Auf stoße ich
Den hölzernen Deckel.
Licht strahlt gleißend
Hinein in mein Grab.

Bin ich am Leben?

 
© Ben Grauh, 19.10.2012

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Gedicht

Träume


Fußspuren im kalten Sand
Führen mich zu ihr.
Majestätisch liegt sie da
Mondschein silbrig glänzend auf der See
Die Sterne funkeln über ihr.

Zerbrechlich wirken ihre Finger
Doch unerschütterlich sie ragen in die Luft
Zerren an ihrem Tuch wird der Wind
Die zu tragen, die nun schlafen
Sanft in ihrer Wiege schaukeln.

Süß singen die Wellen
Singen von unergründlich Tiefen
Und Blutrot schickt die Sonne
Unerbittlich ihre Strahlen
Zu tauchen ihr schwarzes Kleid in Gold.

Fern von meiner Heimat
Oh meine Schöne
Fahren wir zum Horizont
Ohne Schranken, ohne Hast
Und bring mich zu meinen Träumen!

 
© Ben Grauh, 05.05.2012

Dienstag, 2. Oktober 2012

Saria Arberdan (Teil 1)

Saria Arberdan (Teil 1)


Der Wind wehte der jungen Frau durchs Haar und ließ den schwarzen Rock um ihre Beine schlagen. Die linke Schulter schmerzte, doch sie war am Leben. Der Orkpfeil hatte sie an einen Baum genagelt, doch kamen der Schütze und seine Kumpanen nicht mehr dazu, sie weiter zu mal­trätieren. Die Orks wurden von ihren Begleitern aufgehalten, die bei ihrer Verteidigung ihre Leben ließen. Dafür hatte sie die Männer und Frauen auch bezahlt: Um ihr Schutz zu sein auf ihrer Suche. Allerdings hätte es auf dieser Insel keine Orks geben sollen. Alle Seefahrer, die sie vor Antritt der Reise befragt hatte, hatten ihr versichert, dass das gefährlichste hier war, einen Ankerplatz zu fin­den. Die Eingeborenen waren friedlich und größere Tiere lebten hier nicht. Wo die Orks herkamen war ein Rätsel, aber eines, dem sie nicht auf den Grund gehen wollte.
Nachdem alle um sie herum tot waren, hatte sie unter Aufbietung all ihres Mutes nach dem Schaft des Pfeiles gegriffen, der noch aus ihrer Schulter herausragte. Mit einem Schmerzensschrei hatte sie ihn festgehalten und einen Schritt nach vorne gemacht. Als die Pfeilspitze aus der Rinde des Bau­mes heraus war, sank sie auf die Knie und fühlte schon, wie ihr die Sinne schwanden. Unter Aufbie­tung ihrer letzten Reserven stemmte sie sich wieder auf die Beine und schleppte sich zum Strand. Nur um zu sehen, dass die Orks das Schiff versenkt hatten, mit dem sie und ihre Beschützer zur In­sel hier im Westen gefahren waren. Ihrer einzigen Möglichkeit beraubt, die Insel wieder zu verlas­sen, brach sie auf dem Sandstrand zusammen.

Ihre nächste bewusste Wahrnehmung war das leichte Schaukeln eines Schiffes unter ihr. Erleichtert seufzte sie auf. Es war alles nur ein Traum. Doch als sie sich aufrichten wollte schoss ein derart starker Schmerz durch ihren linken Arm, dass sie beinahe wieder bewusstlos wurde. Nun wusste sie, dass es kein Traum gewesen war. Nachdem der Schmerz ein wenig abgeklungen war, sah sie sich in der Kabine um, in der sie lag. Das war nicht die Kabine der Seemöwe, in der sie hergekom­men war. Vorsichtig richtete sie sich erneut auf, diesmal darauf achtend, nur den rechten Arm zu be­nutzen. Sie saß gerade mit sich drehendem Kopf auf dem Bett, als eine junge blonde Frau die Kabi­ne betrat.
Ihr seid wach!“ rief sie mit glockenheller Stimme. Rasch stellte sie die Wasserschüssel in ihren Händen zur Seite und trat zu ihr. Mit kühlen Fingern strich sie ihrer Patientin über die Stirn, sah ihr in die Augen. Das Blau in den Augen der Frau schien zu tanzen.
Soweit ich das beurteilen kann, seid Ihr bei erstaunlich guter Gesundheit. Die Schulter wird noch einige Zeit schmerzen, aber Ihr werdet den Arm wieder vollständig benutzen können. Der Pfeil hat nichts zerstört.“ Sie lächelte das umwerfendste Lächeln, das je eine Frau zustande gebracht haben konnte. „Sagt, was habt Ihr eigentlich auf der Insel gemacht? Dort gibt es nichts außer ein paar Wil­den.“
Ich suche meine Schwester“, antwortete die verletzte Frau.
„Eure Schwester? Wurde sie entführt?“
„Ja. Danielle wurde entführt. Mein Name ist Saria.“
„Ich heiße Laládi und es tut mir leid, was Eurer Schwester zugestoßen ist. Konntet Ihr Hinweise fin­den?“ Das Mitleid in ihrer Stimme schien echt, dennoch wollte Saria der anderen nicht trauen. Ir­gendetwas an ihr schien falsch. Laládi. Woher stammte nur so ein Name?
„Nein, die Eingeborenen waren mir keine Hilfe. Aber sie waren freundlich. Der Pfeil stammte von einem Ork.“
„Orks? Hier?“ Laládi war entsetzt. Wenn es auf einer Insel wie dieser Orks gab, die Erbfeinde ihrer Rasse, dann konnte das nichts Gutes bedeuten. Die Orks mussten demnach gelernt haben, Schiffe zu bauen. Freiwillig würde sie niemand mitnehmen und sie hatte noch nie in ihrem langen Leben davon gehört, dass jemand Orks nicht tötete, sobald er ihrer ansichtig wurde. Nein, das waren schlechte Neuigkeiten. „Entschuldigt mich bitte, ich muss mit dem Kapitän sprechen.“ Geschmeidig stand sie auf und ging ohne ein Geräusch zu machen aus der Kabine.
Saria sah auf die geschlossene Tür. Die Kabine hatte aufgehört, sich um sie zu drehen und nur noch das sanfte Schaukeln des Schiffes hinderte sie daran, aufzustehen. Ihre Beine fühlten sich noch nicht kräftig genug an. Die Holzwände waren aus Eiche und wirkten glatt und leicht abgegriffen. Abgesehen von dem Bett, auf dem sie saß, gab es noch eine Kleidertruhe und in einer Ecke neben der Tür war ein winziger Tisch angeschraubt. Davor stand ein Hocker ohne Lehne. Ein kopfgroßes Bullauge ließ Licht herein. Das Stück blauer Himmel, das die junge Frau vom Bett aus sehen konn­te, ließ auf einen sonnigen Tag schließen. Gerne wäre sie an Deck gegangen, um etwas frische Luft zu schnappen, doch sie käme wohl kaum bis zur Tür.
Bis zur Wasserschüssel könnte ich es schaffen, überlegte sie. Saria hatte das Bedürfnis, sich zu wa­schen. Ihre Haut klebte und ihr Kopf juckte, als würden unzählige kleine Ameisen darauf herum­krabbeln. Vorsichtig stand sie auf, immer darauf bedacht, wieder auf das Bett zurück zu sinken, falls ihre Beine sie nicht tragen wollten. Doch es gelang ihr, aufzustehen. Saria biss die Zähne zusammen und stützte sich mit der rechten Hand an der Kabinenwand ab. Langsam, Schritt für Schritt ging sie zu dem kleinen Tisch. Für einen gesunden Menschen wären es kaum zwei Schritte gewesen, sie aber benötigte fünf. Mit einem Seufzer der Erleichterung sank sie auf den Hocker. So erschöpft hat­te sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.
Das Wasser war kühl, als sie ihre Hände hinein tauchte. Sie wusch sich das Gesicht, hielt die Luft an und tauchte ihren Kopf unter. Als sie sich wieder aufrichtete, tropfte ihr das Wasser aus den dun­kelroten Haaren auf die Schultern und rann ihr den Hals hinab. In diesem Moment fragte sie sich, wie sie ihre langen Haare trocknen sollte. So gut es ging wrang sie das Wasser über der einfachen Schüssel wieder aus. Es klebte ihr nun am Kopf und sie musste mehrere Strähnen aus ihren Augen herausstreichen, doch das machte Saria nichts aus. Ihre Kopfhaut juckte nicht mehr und das war ihr ein wenig Unannehmlichkeit aufgrund feuchter Haare wert.
So erfrischt war Saria bereit, sich an den Weg zurück zum Bett zu wagen. Noch sitzend drehte sie sich um und stellte erfreut fest, dass ihr Rucksack unter dem Bett verstaut worden war. Sie konnte sich also umziehen! Mit neuer Energie stemmte die junge Frau sich auf die Beine und schaffte es diesmal in drei Schritten und ohne sich abstützen zu müssen zurück zu ihrer Schlafstätte.
Gerade als sie sich erleichtert hinsetzte und nach ihrem Rucksack greifen wollte, klopfte es sanft an die Kabinentür.
„Ja, bitte?“
„Ich bin es, Laládi. Ich habe jemanden mitgebracht.“ Die Stimme der blonden Frau klang selbst durch die Tür hindurch hell und klar.
„Kommt herein!“ rief Saria.
Die Tür öffnete sich und hinter der schlanken Laládi betrat ein gebeugter Mann den Raum. Seine Haut war dunkelbraun, sein Gesicht voller Falten. Als Kleidung trug er einen Lendenschurz und einen Umhang, beide aus einem Tierfell hergestellt, dass Saria noch nie gesehen hatte. Der Grund­ton schien ein sandiges Gelb zu sein, das mit schwarz-roten Punkten gesprenkelt war.
„Das ist Hamadi. Er ist Medizinmann und hat Eure Schulter versorgt. Er würde sich gerne die Wun­de ansehen, wenn es Euch nichts ausmacht.“ Laládi lächelte ihr zu und legte dem dürren Mann sanft die Hand auf den Oberarm.
„Gut. Helft Ihr mir bitte, Laládi? Ich habe Schwierigkeiten mich auszuziehen, solange ich meine Schulter nicht bewegen kann.“
„Natürlich“, antwortete sie und schloss sanft die Tür hinter sich. Mit flinken Fingern knöpfte sie Sa­rias Bluse auf, wobei ihr blondes Haar über Sarias Wangen strich. Es roch gut, wie eine frische Sommerbrise. Eine solche Seife hatte Saria noch nie gerochen, aber sie nahm sich für später vor, zu fragen, ob sie sich das Stück ausleihen könnte. Sanft streifte Laládi ihr die Bluse ab. Alles, was die­se Frau tat schien sanft zu sein. Das weckte Sarias Misstrauen noch mehr, doch wagte sie zu diesem Zeitpunkt nicht, ihre Gefühle zu zeigen.
Um ihre langen Haare war Saria nun froh, da sie ihr bis über die Brüste reichten und so halfen, die­se zusammen mit ihrem rechten Arm vor allzu neugierigen Blicken Hamadis zu verbergen. Auch wenn er ein Medizinmann war, brauchte er nicht alles von ihr zu sehen.
Wortlos entfernte Hamadi ihr den Verband und beäugte kritisch die Wunde. Saria selbst versuchte auch einen Blick darauf zu werfen, hatte aber keinen guten Winkel. Sie sah nur eine große blau-schwarze Stelle, konnte jedoch aufgrund fehlenden Wissens nicht viel damit anfangen. Es schmerz­te, das wusste sie und das reichte ihr. Da es ihr nicht möglich war, Hamadi bei seiner Arbeit zuzuse­hen, blickte sie dem Mann stattdessen in die Augen, um dort vielleicht etwas ablesen zu können. Heiler beschönigten manchmal ihre Aussagen gegenüber ihren Patienten, so viel wusste Saria. Sie hoffte, auf diese Weise näher an die Wahrheit zu kommen. Falls ihr Arm abgenommen werden musste, wollte sie das lieber gleich wissen.
Die Augen des alten Medizinmannes aber ließen in ihr das Gefühl aufkommen, dass sie sich immer weiter von der Wahrheit entfernte, egal was sie tat. Hamadis Augen waren die eines Zwanzigjähri­gen. Dunkelbraun, glasklar und voller Leben. Das passte nicht zu dem ausgemergelten Aussehen des ohnehin fremdartigen Mannes. Als er dann auch noch in einer ihr unbekannten Sprache vor sich hin krächzte, hielt Saria es vor Neugier nicht mehr aus.
„Von wo stammt Ihr? Welche Sprache ist das?“ fragte sie ihn. Hamadi ignorierte sie, aber Laládi antwortete mit ihrer nervig-schönen Stimme.
„Wir sind ihm vor kurzem in einem Wald begegnet. Keiner versteht, was er sagt, aber er scheint uns zu verstehen.“ Ein Lächeln breitete sich über ihre Züge aus, das wohl beruhigend wirken sollte. „Keine Sorge, er weiß, was er macht.“
Saria war keineswegs beruhigt, wusste allerdings auch nicht, was sie selbst hätte tun können.
Sollte ich das alles überstehen, werde ich das Heilen lernen, versprach sie sich selbst.
Hamadi drückte ein wenig an ihrer Wunde herum. Saria wollte vor Schmerz brüllen. Aber die junge Frau biss eisern die Zähne zusammen und ließ es zu nicht mehr kommen als einem lauten Stöhnen.
Der Medizinmann zog seine knochigen Finger zurück und nickte. Er sagte etwas in seiner kehligen Sprache und machte Laládi gegenüber einige Zeichen. Diese nickte und übersetzte für die Patientin.
„Eure Schulter heilt gut. Sie muss erneut mit einer heilenden Kräutersalbe bestrichen und frisch ver­bunden werden, aber Ihr werdet sie wieder benutzen können.“
„Ich dachte, Ihr versteht ihn nicht?“ platzte es aus der jungen Frau heraus. Der pochende Schmerz in ihrer linken Schulter ließ sie ihre Vorsicht vergessen.
Nicht seine Worte, aber seine Absichten verstehe ich. Außerdem bin ich selbst ein wenig in der Kunst der Heilung bewandert und sehe ebenfalls, dass Eure Schulter schon besser aussieht. Ihr wer­det wieder gesund.“ Ihre Stimme ließ nicht erahnen, ob Sarias Worte sie in irgendeiner Weise be­rührt hatten.
Also gut. Ich entschuldige mich, falls ich Euch beleidigt haben sollte. Ich habe nur Angst um mei­nen Arm...“
Schon gut, ich bin nicht beleidigt. Kommt, ich kümmere mich um die Salbe und den Verband.“ Mit grazilen Handbewegungen bedeutete sie Hamadi, Sarias Kabine zu verlassen. Der alte Mann nickte, reichte ihr noch einen irdenen Tiegel aus einem Beutel an seiner Seite und verließ schweigend den Raum. Als die Tür hinter ihm zugezogen war, entspannte Saria sich ein wenig.
„Macht er Euch Angst, Saria?“ fragte Laládi, der das leichte Herabsacken ihrer Schultern bemerkt haben musste.
„Nein“, log die junge Frau. „Das ist nur die Anspannung wegen meinem Arm. Die Sorge, ihn zu verlieren. Bei der Suche nach meiner Schwester werde ich wahrscheinlich beide Arme gebrauchen können.“
Ja, da habt Ihr recht.“ Mit federleichten Berührungen verteilte Laládi etwas von der gelben Salbe, die erstaunlicherweise weniger streng roch als die Heilsalben, die Saria bisher kennengelernt hatte. Die Mixtur kühlte ihre pochende Schulter und es fühlte sich gleich so an, als heilte sie allein durch das Auftragen der Kräuter. Mit geübten Bewegungen wurde sie von der blonden Frau verbunden und wieder angezogen.
„Ich danke Euch, Laládi.“
„Nicht dafür“, versicherte die andere Frau ihr. „Nun solltet Ihr Euch ausruhen. Euer Körper braucht seine Kraft für die Heilung.“
Saria nickte nur, erschöpft von der Behandlung und dem kleinen Ausflug zur Wasserschüssel. Lalá­di nahm die Schüssel mit und kurz nachdem sie die kleine Schiffskabine verlassen hatte, schlief Sa­ria ein.

Das alles war vor drei Tagen gewesen. Inzwischen war Saria schon wieder viel kräftiger, konnte bei ruhigem Seegang über Deck spazieren und musste nicht mehr den ganzen Tag im Bett verbringen.
Jetzt stand sie an der Reling und blickte gedankenverloren auf das ruhige Wasser. Es blies ein steti­ger Wind, so dass das Schiff gemütlich Fahrt machte. Es hieß Eule. Saria wusste nicht, warum Schiffe nach Vögeln benannt wurden. Es war eben schon immer so, antwortete jeder, den man frag­te. Außer der Mannschaft fuhren noch vier Passagiere mit: Laládi, Hamadi, ein Zwerg namens Du­rin und ein blonder Hüne, der sich als Aril vorgestellt hatte.
Saria hörte, wie jemand sich von hinten näherte und blickte sich um. Aril stand hinter ihr und sah sie mit einem Blick an, der ihr nicht sehr gefiel.
„Aril. Kann ich etwas für Euch tun?“ fragte sie höflich.
„Ja! Erzählt mir von Euch“, bat er grinsend.
Überrascht sah die junge Frau zu dem gut einen Kopf größeren Mann auf. Diese Aufforderung kam unerwartet.
„Ich...“ Nervös strich sie sich eine Strähne dunkelroten Haares aus dem Gesicht. „Ich stamme aus einem kleinen Dorf in den Wäldern im Westen Indunams. Meinen Vater kenne ich nicht und meine Mutter starb als meine Schwester entführt wurde. Seitdem versuche ich, sie zu finden.“
„Das tut mir leid, dass Eure Mutter tot ist. Ich werde Euch helfen, Eure Schwester zu finden.“
„Das ist sehr freundlich von Euch, doch wenn Ihr nicht schon wisst, wo Danielle sich befindet, dann werdet Ihr genauso wenig tun können wie ich im Augenblick. Die Eingeborenen der Insel waren meine letzte Spur.“
„Ich bin Aril, Prinz Ruangmós, Skorpiontöter und Orkschlächter. Wenn ich etwas verspreche, dann geschieht es!“ Mit diesen Worten drehte er sich um und stapfte Richtung Heck davon. Saria sah ihm entgeistert nach.
Was ist ein Skorpion? fragte sie sich.

Am Abend aßen alle zusammen mit der Mannschaft. Nach einer Portion Fischsuppe mit Zwieback – ein Essen, das inzwischen eintönig geworden war – stand Aril auf und verlangte Ruhe.
„Ich habe beschlossen, dass wir Saria bei der Suche nach ihrer Schwester helfen!“ verkündete er zur Verblüffung seiner Kameraden.
Das kannst Du nicht allein entscheiden, Aril!“ rief Durin. „Wir haben genauso ein Recht zu ent­scheiden.“
Aril sah nun seinerseits den Zwergen überrascht an. Hamadi blickte neugierig zwischen dem Zwerg und dem Hünen hin und her. Auch die Mannschaft schwieg gespannt.
Willst du mich einen Lügner nennen?“ fragte Aril.
„Nein, einen Dummkopf!“ Durin stand auf, was ihn nicht größer erschienen ließ, aber mehr Bewe­gungsraum verschaffte.
Hört auf! Ihr beide“, mischte sich nun Laládi ein. „Es ist niemandem geholfen, wenn ihr euch schlagt.“ Die Wirbel in ihren blauen Augen schienen sich zu drehen während sie die Streithähne musterte. Hamadi beobachtete die Frau mit Adleraugen, kein Detail entging ihm.
„Wir haben nicht darüber gesprochen, aber ich stimme mit Aril überein: Auch ich werde Saria bei ihrer Suche helfen. Als wir angefangen haben, ihr unsere Hilfe zu geben, haben wir damit auch die Verantwortung übernommen, ihr bis zum Ende zu helfen.“ Laládi hatte ihre Stimme nicht erhoben, doch als ihre kurze Ansprache nun zu Ende war, schien es, als wäre man taub geworden – so leise war es.
Zur Überraschung aller beendete Hamadi die Stille mit einem gekrächzten „ja“, das selbst der so be­herrschten Laládi für einen Moment die Züge entgleiten ließ.
Durin verließ fluchend die Küche und stampfte aufs Deck.
„Ich wollte keinen Streit verursachen. Ihr müsst mir nicht helfen“, rief Saria ihm hinterher, meinte aber alle ihre Retter damit. Als Durin nicht reagierte, biss sich die junge Frau auf die Unterlippe.
„Keine Sorge, Saria, Durin ist im Inneren seines Herzens unserer Meinung. Er grummelt nur, weil er nicht zuvor gefragt wurde – und weil er Wasser nicht mag, ist er generell leicht reizbar auf einer Seereise.“ Laládi lächelte sie an und neigte ihren Kopf ein wenig nach links. Dabei spitzte der obere Rand ihres rechten Ohres durch das goldgelbe Haar.
Eine Elfe! Das erklärte ein paar Dinge, warf aber gleichzeitig weitere Fragen auf. Elfen waren ex­trem selten in Levante. Der Legende nach waren die Elfen vor Generationen von einem Tag zum nächsten spurlos verschwunden. Manche Siedlungen entdeckten Abenteurer noch Jahrhunderte spä­ter, verlassen und überwuchert. Die besten Spurensucher aber fanden keine Hinweise darauf, wohin sie gegangen waren. Da es auch keine Spuren von Gewalt gab, blieb das Verschwinden der langle­bigen Rasse ein Rätsel.
Ja, danke...“ stammelte Saria. Ein Zwerg, ein Medizinmann, ein Barbar und eine Elfe – wie kam nur eine solche Gruppe zusammen? Und nun sollte sie mit dieser illustren Truppe nach ihrer Schwester suchen?
Sie musste hier raus, brauchte frische Luft und Ruhe zum Nachdenken. Wortlos stand sie auf und folgte Durin in die hereinbrechende Nacht hinaus. Den Zwerg sah sie nicht, also stellte sie sich er­neut an die Steuerbordreling und blickte aufs Meer hinaus. Sollte sie bei ihnen bleiben und die Ent­deckung ihres Geheimnisses riskieren oder besser einen Weg finden, ohne die anderen weiter nach Danielle zu suchen? Gewiss könnte diese Gruppe ihr eine große Hilfe sein. Schon Laládi allein wäre ein enormer Gewinn, zusammen mit der Muskelkraft von Durin und Aril konnte ihr kaum et­was Besseres widerfahren. Hamadi jedoch war für sie nicht einschätzbar. Er könnte eine Gefahr werden. In Gedanken versunken versuchte sie, sich mit beiden Armen aufzustützen und schrie vor Schmerz auf. Sie hatte ihre Verletzung für einen Moment vergessen. Jetzt brannte ihre Schulter wie Feuer. Die junge Frau hielt sich mit dem gesunden Arm fest und lehnte sich an die hüfthohe Reling. Noch bevor sie wieder richtig Luft bekam, tauchte Aril an ihrer Seite auf und fragte nach, was pas­siert sei.
Arm... vergessen...“ keuchte Saria zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ohne zu zögern legte der Barbar seinen Arm um ihre Hüfte und führte sie langsam aber bestimmt von der Seite des Schiffes weg.
„Was... wohin...?“
„In Deine Kabine. Du solltest Dich ausruhen.“
Wann hatte sie ihm ein „Du“ erlaubt? Wenn sie besser Luft bekommen hätte, hätte sie sich seinem Griff entwunden und ihn zur Rede gestellt. So aber hatte Saria keine andere Wahl als zuzulassen, dass er sie mit sich zog.
Die kleine Treppe, die unter Deck führte, war eine Tortur. Es war zu eng für die beiden, doch der große Mann nahm darauf keine Rücksicht. Saria schaffte es gerade noch, sich in Arils Griff zu dre­hen, so dass nur ihr Rücken gegen die Holzwand gestoßen wurde und nicht ihre Schulter. Der Stoß vervielfältigte den Schmerz dennoch und ihr blieb erneut die Luft weg.
Kurz bevor ihr schwarz vor Augen wurde, sank sie gegen ihren Begleiter und hoffte, dass er sie auf­fangen und ihre Schwäche nicht ausnutzen würde. Bei allen Göttern, er war ein Barbar!

 
© Ben Grauh