Sonntag, 16. Dezember 2012

Saria (Teil 4)

Saria Arberdan (Teil 4)


Zu Sarias Erleichterung begnügte Aril sich während des Aufenthalts im Badehaus damit, ihr Vor­schläge für ihre neuen Kleider zu machen, anstatt in die Nähe des Vorhangs zu gelangen, der als Sichtschutz diente. Seine Vorstellung davon, wie die junge Frau sich kleiden sollte, amüsierte sie sogar. Wie nicht anders zu erwarten schlug er so wenig Stoff wie möglich vor und wenn er schon sein musste, dann doch bitte hauteng. Der Barbar schwärmte von ihr in diesem Hauch von Nichts, was sie gegen ihren Willen kichern ließ. Zudem hätte Saria schwören können, Arils Grinsen in sei­nen Worten zu hören.
Als nach einer knappen halben Stunde weitere Badegäste eintraten, entschlossen die beiden noch neuen Freunde, dass sie nun sauber genug seien. In dem Umkleideraum setzte Saria sich nur mit ei­nem Badetuch bekleidet vor den Kamin und ließ die Hitze des Feuers ihre Haare trocknen. Während sie in die Flammen starrte überlegte sie, wie sie Aril nach dem Einkauf beim Schneider loswerden konnte. Es gab noch mehr Dinge, die sie kaufen musste, doch dabei sollte sie besser keiner ihrer neuen Gefährten sehen. Sie seufzte bei dem Gedanken daran, wie schnell ihr Geld ihr durch die Finger rann. Der Herbst nahte und vor dem Winter würde sie frisches Geld auftreiben müssen, soll­ten ihre Freunde sie nicht durch die kalte Jahreszeit bringen können oder wollen. Eine Arbeit zu fin­den war für die junge Frau nicht allzu schwer. Saria war klug, konnte Lesen und Schreiben und war sich auch für anstrengende körperliche Arbeit nicht zu fein. Doch um zu arbeiten musste sie an ei­nem Ort bleiben und konnte ihre Suche nach ihrer Schwester Danielle nicht fortführen. Das war das Schlimmste für sie. Mit schweren Gedanken im Kopf zog sie sich an und trat hinaus in den Vor­raum. Aril wartete dort schon auf sie. Die blonden Haare des Barbaren waren kürzer als ihre und da­her schneller getrocknet. Sein breites Grinsen ließ sie für den Moment die erdrückenden Gedanken zur Seite schieben. Vielleicht wurde der Besuch beim Schneider mit Aril sogar vergnüglich.
Saria kannte den besten Schneider Woryems bereits von ihrem letzten Besuch in der Hafenstadt. Natürlich hätte sie sich auch für einen weniger guten, dafür aber günstigeren Schneider entscheiden können, doch konnte sie sich einfach nicht dazu durchringen. Der alte Morten und seine Frau ver­standen ihr Handwerk und waren letztes Mal sehr freundlich gewesen. Ihr Geschäft lag in der Nähe der Stadtmitte und des Marktplatzes, nicht weit vom Badehaus entfernt.
„Also, Saria, wie tief wird der Ausschnitt Deiner neuen Kleider sein?‟ fragte Aril grinsend. Statt ihn mit einer Antwort zu würdigen, boxte die junge Frau ihm nur auf den Arm. Der Hüne nahm ihre kämpferischen Bemühungen offensichtlich nicht ernst, denn er versuchte nicht einmal auszuwei­chen. Aber fest war Sarias Schlag ohnehin nicht, ging es doch schließlich nicht darum, ihn zu ver­letzen. „Sehr tief, ich verstehe‟, neckte Aril sie erneut.
Saria warf die Hände in die Luft und stöhnte übertrieben laut auf. „Nein, Aril, ich werde normale Kleider kaufen. Ich brauche etwas für die Reise und für den Winter, nicht für einen Ball oder der­gleichen.‟
„Und wenn ich es bezahle?‟
Dieser Vorschlag überraschte sie. Aril wollte ihr ein Kleid kaufen? Laládis Warnung kam ihr in den Sinn, den Barbaren nicht auszunutzen. Aber hatte sich die Elfe dabei nicht auf seine Gefühle bezogen? Hierbei ging es doch lediglich um Geld. Zudem würde sie Aril doch nur einen Gefallen tun, schließlich war es sein Wunsch, sie in einem aufreizenden Kleid zu sehen. Aufreizend würde es sein, dafür würde sie schon sorgen … Sich vorzustellen, wie der gut aussehende junge Mann sie an­sehen würde, ließ Saria nun ihrerseits breit grinsen. Doch dann siegte die Vernunft. „Nein, Aril, ich möchte kein solches Kleid kaufen. Nicht jetzt.‟
Der Hüne sah enttäuscht aus, doch Saria blieb hart. Das war der falsche Zeitpunkt, um den jun­gen Mann um den Finger zu wickeln. Zuerst musste sie alle besser einschätzen können, bevor sie sich nehmen konnte, was sie brauchte.

Morten besaß wirklich eine fabelhafte Auswahl an Kleidern zu jedem Anlass. Sarias einzige Schwierigkeit etwas passendes zu finden bestand darin, dass sie sich oft nicht zwischen zwei oder drei Möglichkeiten entscheiden konnte. Aril war erstaunlich geduldig und drängte sie nicht ein Mal, obwohl sie Stunden in dem Geschäft verbrachten. Saria nahm sich vor, ihm später dafür zu danken. Sie erstand einen robusten Wollrock, zwei neue Blusen und ein Mieder zum Reisen, sowie zwei ein­fache Wollkleider für die Zeit in Gasthäusern und dergleichen. Hinzu kam noch eine komplette Winterausrüstung bestehend aus einem dicken Kleid, einem Umhang, Handschuhen, einer Mütze, einem Schal und sogar einem Paar gefütterter Stiefel. Der Preis trieb ihr beinahe die Tränen in die Augen, doch die Qualität von Mortens Arbeiten waren es mehr als wert, das wusste sie bereits.
Zu ihrer größten Verwunderung verabschiedete Aril sich mit einem Zwinkern von ihr, als sie Mortens Geschäft verließen. Er müsse noch etwas erledigen. Da sie selbst ebenfalls noch ein paar Einkäufe ohne ihren neuen Kameraden machen wollte, kam ihr das zwar durchaus gelegen, doch hatte der Zeitpunkt seines Rückzuges einen faden Beigeschmack für die junge Frau. Auch während die beiden im Badehaus über enge und freizügige Kleider gesprochen hatten, hatte Saria es bewusst vermieden, ihm Hoffnung auf einen solchen Anblick zu machen. Nun fragte sie sich, ob sie nicht doch etwas gesagt hatte, was Aril falsch verstanden haben könnte. Ich werde heute Abend wohl noch ein ernstes Gespräch führen müssen, überlegte sie auf dem Weg zum Hafen. Dort gab es ein kleines Geschäft mit den Dingen, die sie benötigte.

Inzwischen war es Nachmittag und im Hafen herrschte hektische Betriebsamkeit. Mehrere Schif­fe waren seit heute Morgen eingetroffen und wurden entladen, andere beladen. Dabei waren ein paar Arbeiter aneinandergestoßen und hatten wertvolle Fracht fallen lassen. Die Besitzer waren bei­de außer sich und schrien mit hochroten Köpfen einander und die Arbeiter an. Eine Traube Schau­lustiger hatte sich um sie versammelt und wartete neugierig ab, wie die Auseinandersetzung enden würde. Saria war dies nur recht, denn es lenkte die Aufmerksamkeit der Leute hier ab, so dass nie­mand zu sehr auf eine junge Frau achtete, die sich in ein kleines, nicht ausgezeichnetes Geschäft be­gab.
Als sie die Tür öffnete, schlug ihr sofort ein überwältigender Geruch entgegen. Hätte sie nicht gewusst, was sie erwartet, wäre sie in diesem Moment wohl würgend zurückgewichen. So aber at­mete Saria flach durch den Mund und schloss die Tür hinter sich wieder. Um sie herum lagen die verschiedensten Gegenstände in Regalen, die sich teilweise unter dem Gewicht der Töpfe, Gläser und Schüsseln gefährlich stark durchbogen. Es roch nach Kräutern, Alkohol, verbrannten Dingen und einigem mehr, über deren Ursprung sie lieber nicht nachdachte. Der alte Mann mit dem langen, dunkelgrauen Bart und den schlechten Augen hob den Kopf, als sie sein kleines Reich betrat. Ob er sie wiedererkannte, wusste sie nicht mit Sicherheit, doch er schien gleich zu wissen, dass sie keine einfache Passantin war, die zufällig in seinen Laden herein gestolpert kam.
Ah, was kann ich für Euch tun? Braucht Ihr etwas bestimmtes oder möchtet Ihr Euch zuerst um­sehen?‟ Wie Schleifpapier kam Saria seine Stimme vor. Sie zu hören war unangenehm, aber der alte Mann war nun mal der einzige, der die Waren anbot, die sie suchte.
Nein, ich weiß, was ich möchte‟, antwortete sie ihm freundlich und trat näher. „Ich hätte gerne ein Dutzend Silbernadeln, drei Blutrubine und vier Portionen Goldstaub.‟
Die altersschwachen Augen den bärtigen Mannes leuchteten vor Freude. „Aber gerne doch, Mylady!‟ Mit erstaunlicher Behändigkeit kam er hinter dem kleinen Tresen hervor und suchte Saria die gewünschten Gegenstände aus den Regalen heraus und verpackte sie sorgfältig in kleine Beutel­chen. „Darf es sonst noch etwas sein? Vielleicht ein paar Kräuter?‟
Gerne hätte Saria sich noch ein paar Kräuter gekauft, doch dazu reichte ihr Geld nicht mehr. Also verneinte sie höflich und bezahlte für die drei Beutelchen und deren Inhalt. Achtunddreißig Gold­stücke wechselten den Besitzer. Geschickt verbarg die junge Frau die Beutelchen in ihrer Kleidung und verabschiedete sich von dem alten Mann. Es wurde Zeit, dass sie wieder ins Gasthaus Diaman­tene Axt ging. Da sie das Mittagessen ausgelassen hatte, knurrte ihr der Magen und langsam wurde es Abend. Zudem wollte sie gerne eines ihrer neuen Kleider anziehen.

Mórosh hatte ein schönes Feuer im Kamin entfacht und Laládi und Hamadi saßen schon an dem Tisch, den sie am Morgen belegt hatten. Zu dieser Tageszeit waren deutlich mehr Gäste im Schan­kraum, die sich zwergisches Bier schmecken ließen und den Hirschbraten oder die Fischsuppe ge­nossen. Saria winkte ihren Kameraden zu und eilte die Treppe hinauf in das Zimmer, welches sie mit Laládi teilte. Rasch zog sie sich um und versteckte die drei kleinen Beutelchen in ihrem Ruck­sack. Als sie kurz darauf wieder in den Schankraum hinunterging, saßen Aril und Durin ebenfalls schon am Tisch. Erfreut stellte Saria fest, dass man ihr den Platz neben Laládi auf Seiten des Ka­mins frei gehalten hatte. Die Elfe hatte sich erneut in das hintere Eck gesetzt, um Mórosh nicht zu nahe zu sein. Der Barbar grinste Saria gut gelaunt an. Sein anerkennender Blick an ihr hinab ließ ihre Wangen warm werden.
„Du hast das Kleid doch schon gesehen‟, murmelte sie, als sie Platz nahm. In diesem Moment fragte sie sich, ob sie nicht doch das grüne Kleid hätte anziehen sollen, statt dem roten. Aril aber zuckte nur mit den Schultern als wolle er sagen, dass er es noch viel öfter ansehen könne. Während dem Essen blickte der Barbar ständig zu ihr herüber, was ihr mit der Zeit die Nerven raubte. Sie be­schloss, ihn zur Rede zu stellen.
„Warum starrst Du mich die ganze Zeit an? Sehe ich gewaschen und in einem Kleid denn so an­ders aus?‟
„Jetzt siehst Du noch mehr wie eine Frau aus, und bei Frauen kann unser Aril sich nur schwer beherrschen‟, mischte Durin sich ein. „Pass auf, sonst schleicht er sich heute Nacht in Dein Bett!‟ Daraufhin lachte der Zwerg lauthals los und machte allen klar, dass er nur einen Scherz gemacht hatte. Beruhigt war Saria dadurch nicht und warf einen raschen Blick zu Laládi. Diese blinzelte langsam, zeigte jedoch keinerlei weitere Reaktion. Wahrscheinlich wollte sie Durin nicht den Gefal­len tun, sich durch seine Worte beunruhigt zu zeigen. Ich werde einfach zweimal prüfen, ob die Zimmertür tatsächlich abgeschlossen ist, nahm Saria sich vor.
„Du bist einfach hübsch‟, beantwortete Aril mit einiger Verspätung ihre Frage. „Aber wenn Du es willst, dann werde ich Dich nicht mehr ansehen.‟
„Nein, nein, schon gut... Ich bin das nur nicht gewohnt, dass mich ein Mann ständig ansieht. Vielleicht gewöhne ich mich ja bald daran.‟ Die junge Frau versuchte zu lächeln, obwohl sie sich gerade eher unwohl fühlte. Dem Barbaren schien es zu genügen, denn er grinste sie weiterhin an als sei nichts gewesen.
Als die fünf Gefährten sich später auf ihre Zimmer zurückzogen, prüfte Saria sicherheitshalber sogar dreimal das Türschloss, damit Aril auf keinen Fall unbemerkt in den Raum kommen konnte. Ihre Zimmergenossin versicherte ihr, dass ihr blonder Freund keine Frau mehr gegen ihren Willen besucht hatte, seit sie mit ihm über dieses Thema gesprochen hatte. Saria wollte ihr glauben, doch ein kleiner Rest Unsicherheit blieb. Die beiden Frauen unterhielten sich noch ein wenig bevor sie sich schlafen legten.

Saria riss die Augen auf. In ihrem Zimmer war es ruhig, Aril hatte die Tür nicht aufgebrochen, wie sie zunächst befürchtet hatte. Im Mondlicht, das durch das Fenster schien, konnte sie deutlich erkennen, dass außer ihr und Laládi niemand im Raum war. Es musste ein Traum gewesen sein, der sie hatte aufwachen lassen. Gerade wollte sie beruhigt wieder die Augen schließen und ihr pochen­des Herz zur Ruhe veranlassen, da fiel ihr die Spiegelung in den Augen der Elfe auf. Auch sie war wach. Laládi bemerkte ihren Blick und führte ihren schlanken Zeigefinger an die Lippen. Ihre Elfe­nohren waren gewiss besser als Sarias menschliche Ohren und wenn sie etwas gehört zu haben glaubte, dann wollte die junge Frau ihr die Möglichkeit geben, das genauer zu erforschen. Leise wie ein Geist schlüpfte die Elfe aus dem Bett und in ihrem weißen Nachthemd und der blassen Haut sah sie auch beinahe wie einer aus. Unwillkürlich warf Saria einen kurzen Blick auf die Füße ihrer Freundin, um sicher zu sein, dass diese nicht über dem Boden schwebte.
Laládi trat neben das Fenster und sah hinaus. Den Legenden nach hatten Elfen eine herausragen­de Sehfähigkeit, mit der sie selbst bei schlechtestem Licht noch etwas erkennen konnten. Diese Nacht schien ein heller Halbmond von einem nahezu wolkenfreien Himmel und selbst Saria konnte viel erkennen. Wenn Elfenaugen nur halb so gut waren wie es ihnen nachgesagt wurde, dann müsste Laládi beinahe so gut sehen können wie am Tag. Gespannt wartete Saria auf ein Zeichen oder zu­mindest eine sichtbare Reaktion, doch die Elfe stand nur am Fenster und rührte sich nicht. Nach ei­ner Minute wurde es der jungen Frau zu viel und sie stand auf. Sie war nicht so geisterhaft leise wie Laládi, doch für ihre eigenen Ohren leise genug. Ich bin schließlich keine Einbrecherin, deren Er­folg von ihrer Fähigkeit abhängt, leise zu sein! Sie trat auf der anderen Seite ans Fenster und spähte nun ebenfalls hinaus. Für sie war nichts ungewöhnliches zu sehen – die Straße schien verlassen, in den Zimmern der umliegenden Häuser brannte kein Licht. Alles wirkte friedlich und harmlos.
„Was hast Du gehört? Es wirkt alles normal‟, flüsterte sie. Laládi setzte gerade zu einer Antwort an, als irgendetwas in der Nähe zu Bruch ging. Es klang wie Glas. Das Geräusch wurde begleitet von einem unterdrückten Fluch und splitterndem Holz. Beide Frauen blickten wieder hinaus in die Nacht und bemühten sich, etwas zu sehen. Als Laládi Saria mit kühlen Fingern am Arm berührte, zuckte die junge Frau erschrocken zusammen, folgte aber der ausgestreckten Hand der Elfe. Links von ihnen war eine Gestalt aus einer Gasse gekommen, dicht gefolgt von einer zweiten. Die erste flüchtete offensichtlich, jedoch ohne große Erfolg. Der Angreifer wirkte schneller und kräftiger.
„Kannst Du erkennen, wer das ist?‟ fragte Saria flüsternd.
„Nein, aber der Verfolger ist gewiss nicht von der Stadtwache. Er sieht mehr aus wie ein Verbre­cher als der, dem er folgt. Wir sollten ihm helfen.‟ Damit trat sie vom Fenster weg und griff nach ihrem Schwert. Bisher hatte Saria Laládis Waffe nur innerhalb der Schwertscheide gesehen, doch jetzt zog die Elfe blank und warf die Hülle beiseite. Bei dem Schwert handelte es sich um eine wun­derbare Waffe. Sie war schlank, die Klinge war mit fein geschwungenen Runen verziert und be­schrieb einen leichten Bogen. Nicht so stark wie die Säbel der Reiterfürsten im Süden, aber deutlich genug, um aufzufallen. Ohne ein weiteres Wort verließ die Elfe das Zimmer und klopfte an die Tür von Aril und Hamadi. Wollte sie etwa nur mit einem Nachthemd bekleidet nach draußen gehen? Das wollte Saria keinesfalls. Sie griff nach ihrer Lederrüstung und schlüpfte hinein. Hektisch be­gann sie die Riemen zu schließen als Laládi schon wieder an der Tür vorbei zu Durins Einzelzim­mer schritt. Nur knapp hinter ihr traten die beiden Männer auf den Gang, ebenso wenig gerüstet wie die Elfe. Sollte Saria wirklich die einzige sein, die sich auch um ihr eigenes Wohl sorgte? Als kurz nach den beiden auch Durin im Nachtgewand zur Treppe eilte, entschloss Saria sich, die Rüstung nicht zuzubinden. Sie würde sich eben im Hintergrund halten. Eine große Kämpferin war sie sowie­so nicht. Außerdem konnte sie ihre beste Waffe nicht nutzen und musste sich auf ihren Dolch be­schränken – keine idealen Voraussetzungen. Einen Augenblick zögerte sie und sah zu ihrem Ruck­sack, in dem sie die Beutelchen versteckt hielt, die sie am Tag zuvor gekauft hatte. Zu auffällig, ent­schied sie und rannte den anderen hinterher nach unten und vor das Gasthaus. Von dort hörte sie schon Arils Stimme.
„Bleibt stehen und lasst den Mann zufrieden!‟ rief er bestimmt. Als Antwort vernahm sie nur das Klirren von aufeinanderprallenden Waffen. Ein kurz darauffolgender Schmerzensschrei ließ sie Schlimmes ahnen. Sie stürzte aus der offenen Eingangstür der Diamantenen Axt und wandte sich nach links, woher die Kampfgeräusche kamen. Der vermummte Verfolger hatte ein Kurzschwert ge­zogen und stand Durin und Aril gegenüber. Der blonde Barbar blutete aus einer Wunde am linken Bein, doch schien sie nicht tief zu sein und ihn nicht zu behindern. Ein paar Schritt daneben saß der Verfolgte auf dem Boden und lehnte sich schwer atmend an die Hauswand während Hamadi ihn un­tersuchte und Laládi die beiden von den Kämpfenden abschirmte. Saria meinte den anderen am bes­ten helfen zu können, indem sie den Angreifer ablenkte. Dazu lief sie zunächst in einem Bogen um die Kämpfenden herum, um in den Rücken des schwarzgekleideten Mannes zu gelangen. Ihr Plan schien aufzugehen bis der Mann einen Schritt zurücksprang und sich ihr zuwandte. Saria hatte ihren Dolch in der Hand doch gegen einen geübten Schwertkämpfer, wenn auch nur mit einem Kurz­schwert bewaffnet, hatte sie wenig Erfolgsaussichten. Ihr Schreck musste ihr ins Gesicht ge­schrieben sein, denn der Mann lächelte siegesgewiss als er näher kam. Saria wich langsam zurück und hoffte, dass ihre Kameraden ihr zu Hilfe kamen. Den Blick von ihrem Angreifer zu nehmen wagte die wenig kampferfahrene Frau nicht. Immerhin das hatte sie gelernt: Lass Deinen Angreifer niemals aus den Augen.
Gerade holte der Mann zum Schlag aus, da wuchs Aril hinter ihm wie aus dem Nichts in die Höhe, sein riesiges Schlachtbeil über dem Kopf erhoben. Ehe Saria noch reagieren konnte, schlug der Barbar die im Mondschein blitzende Klinge mit Wucht in den Rücken des Angreifers und zer­schmetterte mit einem feuchten Knacken das Rückgrat des Mannes. Arils Schlag hatte so viel Kraft, dass Saria warme Tropfen Blutes ins Gesicht spritzten. Einen kurzen Moment vor seinem Tod schi­en der Mann seinen Fehler zu begreifen, denn in seinen Augen sah die junge Frau noch Erkenntnis aufblitzen, bevor alles Leben aus ihnen wich. Mit einem schmatzenden Geräusch löste Aril seine Waffe aus dem frischen Leichnam. Das Blut tropfte von dem Axtblatt zu Boden und zeichnete einen Teil des Weges nach, den Aril nun zu ihr kam.
„Saria, alles in Ordnung?‟ Die Besorgnis in seiner Stimme erschien der jungen Frau beinahe lä­cherlich. Er war es, der blutete und soeben ein Menschenleben beendet hatte. Sie nickte nur.
„Und Du? Du bist verletzt …‟
„Ach, nur ein Kratzer. Er hat mich überrascht.‟
„Lass mich das sehen, Du großer Krieger‟, murmelte Laládi, die zu ihnen getreten war. Die Elfe kniete sich neben den Hünen und beäugte kritisch den blutenden Riss in dessen Oberschenkel. „Wirklich nicht allzu besorgniserregend. Halte still.‟ Sie führte ihre bleiche Hand zu seinem Bein und hielt inne, kurz bevor sie es berührte. Dann murmelte sie einen unverständlichen Singsang vor sich hin und nahm etwa eine Minute später ihre Hand wieder fort. Von der Wunde war nichts mehr zu sehen, nur das Blut auf dem Bein war noch vorhanden. „Alles wieder geheilt‟, verkündete Laládi und erhob sich.
„Danke, Laládi.‟ Aril wandte sich Saria zu. „Du siehst süß aus in Nachthemd und Rüstung.‟
Wortlos drehte Saria sich weg und ließ ihn stehen. Wie konnte er nur jetzt so etwas sagen? Mach­te es ihm denn gar nichts aus, gerade jemanden getötet zu haben? Sie ging zu Hamadi und dem Ver­folgten, bei dem inzwischen auch Durin war.
„Habt Dank, Fremde‟, keuchte er. „Aber ich fürchte, Ihr wart zu spät. Er hatte mich schon erwi­scht.‟ Wie um seine Worte zu untermauern wurde der Blutfleck, in dem er saß, größer. Ihr Schama­ne sang leise mit seiner krächzenden Stimme, doch schien er die Wunde nicht schließen zu können.
„Mein Name ist Orman, ich komme aus Gratoß. Schlimmes geht dort vor sich. Orks überfallen Dörfer und Städte in Scharen und rücken westwärts vor. Bald schon werden sie an Indunams Gren­zen stoßen, aber das wird sie nicht aufhalten. Ich muss … muss die Kan'chok warnen. Sie muss ...‟ Der Mann stöhnte gequält und krümmte sich. Seine Schmerzen mussten überwältigend sein. „Sie muss uns helfen, oder Euer Land ist das nächste.‟
„Orks? Aber wo kommen die her? In dieser Zahl?‟ Laládi schien geradezu schockiert zu sein.
„Weiß … ich nicht. Sie sind … da … müsst …‟ Mit diesen Worten verließen ihn seine Lebens­geister und er starb vor ihren Augen.



 
© Ben Grauh, 16.12.2012
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