Saria
Arberdan (Teil 4)
Zu
Sarias Erleichterung begnügte Aril sich während des Aufenthalts im
Badehaus damit, ihr Vorschläge für ihre neuen Kleider zu
machen, anstatt in die Nähe des Vorhangs zu gelangen, der als
Sichtschutz diente. Seine Vorstellung davon, wie die junge Frau sich
kleiden sollte, amüsierte sie sogar. Wie nicht anders zu erwarten
schlug er so wenig Stoff wie möglich vor und wenn er schon sein
musste, dann doch bitte hauteng. Der Barbar schwärmte von ihr in
diesem Hauch von Nichts, was sie gegen ihren Willen kichern ließ.
Zudem hätte Saria schwören können, Arils Grinsen in seinen
Worten zu hören.
Als
nach einer knappen halben Stunde weitere Badegäste eintraten,
entschlossen die beiden noch neuen Freunde, dass sie nun sauber genug
seien. In dem Umkleideraum setzte Saria sich nur mit einem
Badetuch bekleidet vor den Kamin und ließ die Hitze des Feuers ihre
Haare trocknen. Während sie in die Flammen starrte überlegte sie,
wie sie Aril nach dem Einkauf beim Schneider loswerden konnte. Es gab
noch mehr Dinge, die sie kaufen musste, doch dabei sollte sie besser
keiner ihrer neuen Gefährten sehen. Sie seufzte bei dem Gedanken
daran, wie schnell ihr Geld ihr durch die Finger rann. Der Herbst
nahte und vor dem Winter würde sie frisches Geld auftreiben müssen,
sollten ihre Freunde sie nicht durch die kalte Jahreszeit
bringen können oder wollen. Eine Arbeit zu finden war für die
junge Frau nicht allzu schwer. Saria war klug, konnte Lesen und
Schreiben und war sich auch für anstrengende körperliche Arbeit
nicht zu fein. Doch um zu arbeiten musste sie an einem Ort
bleiben und konnte ihre Suche nach ihrer Schwester Danielle nicht
fortführen. Das war das Schlimmste für sie. Mit schweren Gedanken
im Kopf zog sie sich an und trat hinaus in den Vorraum. Aril
wartete dort schon auf sie. Die blonden Haare des Barbaren waren
kürzer als ihre und daher schneller getrocknet. Sein breites
Grinsen ließ sie für den Moment die erdrückenden Gedanken zur
Seite schieben. Vielleicht wurde der Besuch beim Schneider mit Aril
sogar vergnüglich.
Saria
kannte den besten Schneider Woryems bereits von ihrem letzten Besuch
in der Hafenstadt. Natürlich hätte sie sich auch für einen weniger
guten, dafür aber günstigeren Schneider entscheiden können, doch
konnte sie sich einfach nicht dazu durchringen. Der alte Morten und
seine Frau verstanden ihr Handwerk und waren letztes Mal sehr
freundlich gewesen. Ihr Geschäft lag in der Nähe der Stadtmitte und
des Marktplatzes, nicht weit vom Badehaus entfernt.
„Also,
Saria, wie tief wird der Ausschnitt Deiner neuen Kleider sein?‟
fragte Aril grinsend. Statt ihn mit einer Antwort zu würdigen, boxte
die junge Frau ihm nur auf den Arm. Der Hüne nahm ihre kämpferischen
Bemühungen offensichtlich nicht ernst, denn er versuchte nicht
einmal auszuweichen. Aber fest war Sarias Schlag ohnehin nicht,
ging es doch schließlich nicht darum, ihn zu verletzen. „Sehr
tief, ich verstehe‟, neckte Aril sie erneut.
Saria
warf die Hände in die Luft und stöhnte übertrieben laut auf.
„Nein, Aril, ich werde normale Kleider kaufen. Ich brauche etwas
für die Reise und für den Winter, nicht für einen Ball oder
dergleichen.‟
„Und
wenn ich es bezahle?‟
Dieser
Vorschlag überraschte sie. Aril wollte ihr ein Kleid kaufen? Laládis
Warnung kam ihr in den Sinn, den Barbaren nicht auszunutzen. Aber
hatte sich die Elfe dabei nicht auf seine Gefühle bezogen? Hierbei
ging es doch lediglich um Geld. Zudem würde sie Aril doch nur einen
Gefallen tun, schließlich war es sein Wunsch, sie in einem
aufreizenden Kleid zu sehen. Aufreizend würde es sein, dafür würde
sie schon sorgen … Sich vorzustellen, wie der gut aussehende junge
Mann sie ansehen würde, ließ Saria nun ihrerseits breit
grinsen. Doch dann siegte die Vernunft. „Nein, Aril, ich möchte
kein solches Kleid kaufen. Nicht jetzt.‟
Der
Hüne sah enttäuscht aus, doch Saria blieb hart. Das war der falsche
Zeitpunkt, um den jungen Mann um den Finger zu wickeln. Zuerst
musste sie alle besser einschätzen können, bevor sie sich nehmen
konnte, was sie brauchte.
Morten
besaß wirklich eine fabelhafte Auswahl an Kleidern zu jedem Anlass.
Sarias einzige Schwierigkeit etwas passendes zu finden bestand darin,
dass sie sich oft nicht zwischen zwei oder drei Möglichkeiten
entscheiden konnte. Aril war erstaunlich geduldig und drängte sie
nicht ein Mal,
obwohl sie Stunden in dem Geschäft verbrachten. Saria nahm sich vor,
ihm später dafür zu danken. Sie
erstand einen robusten Wollrock, zwei neue Blusen und ein Mieder zum
Reisen, sowie zwei einfache Wollkleider für die Zeit in
Gasthäusern und dergleichen. Hinzu kam noch eine komplette
Winterausrüstung bestehend aus einem dicken Kleid, einem Umhang,
Handschuhen, einer Mütze, einem Schal und sogar einem Paar
gefütterter Stiefel. Der Preis trieb ihr beinahe die Tränen in die
Augen, doch die Qualität von Mortens Arbeiten waren es mehr als
wert, das wusste sie bereits.
Zu
ihrer größten Verwunderung verabschiedete Aril sich mit einem
Zwinkern von ihr, als sie Mortens Geschäft verließen. Er müsse
noch etwas erledigen. Da sie selbst ebenfalls noch ein paar Einkäufe
ohne ihren neuen Kameraden machen wollte, kam ihr das zwar durchaus
gelegen, doch hatte der Zeitpunkt seines Rückzuges einen faden
Beigeschmack für die junge Frau. Auch während die beiden im
Badehaus über enge und freizügige Kleider gesprochen hatten, hatte
Saria es bewusst vermieden, ihm Hoffnung auf einen solchen Anblick zu
machen. Nun fragte sie sich, ob sie nicht doch etwas gesagt hatte,
was Aril falsch verstanden haben könnte. Ich werde heute
Abend wohl noch ein ernstes Gespräch führen müssen,
überlegte sie auf dem Weg zum Hafen. Dort gab es ein kleines
Geschäft mit den Dingen, die sie benötigte.
Inzwischen
war es Nachmittag und im Hafen herrschte hektische Betriebsamkeit.
Mehrere Schiffe waren
seit heute Morgen eingetroffen und wurden
entladen, andere beladen. Dabei waren ein paar Arbeiter
aneinandergestoßen und hatten wertvolle Fracht fallen lassen. Die
Besitzer waren beide außer sich und schrien mit hochroten
Köpfen einander und die Arbeiter an. Eine Traube Schaulustiger
hatte sich um sie versammelt und wartete neugierig ab, wie die
Auseinandersetzung enden würde. Saria
war dies nur recht, denn es lenkte die Aufmerksamkeit der Leute hier
ab, so dass niemand zu sehr auf eine junge Frau achtete, die
sich in ein kleines, nicht ausgezeichnetes Geschäft begab.
Als
sie die Tür öffnete, schlug ihr sofort ein überwältigender Geruch
entgegen. Hätte sie nicht gewusst, was sie erwartet, wäre sie in
diesem Moment wohl würgend zurückgewichen. So aber atmete
Saria flach durch den Mund und schloss die Tür hinter sich wieder.
Um sie herum lagen die verschiedensten Gegenstände in Regalen, die
sich teilweise unter dem Gewicht der Töpfe,
Gläser und Schüsseln gefährlich stark durchbogen. Es roch nach
Kräutern, Alkohol, verbrannten Dingen und einigem mehr, über
deren Ursprung sie lieber nicht nachdachte.
Der alte Mann mit dem langen, dunkelgrauen Bart und den schlechten
Augen hob den Kopf, als sie sein kleines Reich betrat. Ob er sie
wiedererkannte, wusste sie nicht mit Sicherheit, doch er schien
gleich zu wissen, dass sie keine einfache Passantin war, die zufällig
in seinen Laden herein
gestolpert kam.
„Ah,
was kann ich für Euch tun? Braucht Ihr etwas bestimmtes oder möchtet
Ihr Euch zuerst umsehen?‟ Wie Schleifpapier kam Saria seine
Stimme vor. Sie zu hören war unangenehm, aber der alte Mann war nun
mal der einzige, der die
Waren anbot, die sie suchte.
„Nein,
ich weiß, was ich möchte‟, antwortete sie ihm freundlich und trat
näher. „Ich hätte gerne ein Dutzend Silbernadeln, drei Blutrubine
und vier Portionen
Goldstaub.‟
Die altersschwachen
Augen den bärtigen Mannes leuchteten vor Freude. „Aber gerne doch,
Mylady!‟ Mit erstaunlicher Behändigkeit kam er hinter dem kleinen
Tresen hervor und suchte Saria die gewünschten Gegenstände aus den
Regalen heraus und verpackte sie sorgfältig in kleine Beutelchen.
„Darf es sonst noch etwas sein? Vielleicht ein paar Kräuter?‟
Gerne
hätte Saria sich noch ein paar Kräuter gekauft, doch dazu reichte
ihr Geld nicht mehr. Also verneinte sie höflich und bezahlte für
die drei Beutelchen und deren Inhalt. Achtunddreißig
Goldstücke wechselten den Besitzer. Geschickt verbarg die junge
Frau die Beutelchen in ihrer Kleidung und verabschiedete sich von dem
alten Mann. Es wurde Zeit, dass sie wieder ins Gasthaus
Diamantene Axt
ging. Da sie das Mittagessen ausgelassen hatte, knurrte ihr der Magen
und langsam wurde es Abend. Zudem wollte sie gerne eines ihrer neuen
Kleider anziehen.
Mórosh
hatte ein schönes Feuer im Kamin entfacht und Laládi
und Hamadi saßen schon an dem Tisch, den sie am Morgen belegt
hatten. Zu dieser Tageszeit waren deutlich mehr Gäste im
Schankraum, die sich zwergisches Bier schmecken ließen und den
Hirschbraten oder die Fischsuppe genossen. Saria
winkte ihren Kameraden zu und eilte die Treppe hinauf in das Zimmer,
welches sie mit Laládi teilte. Rasch zog sie sich um und versteckte
die drei kleinen Beutelchen in ihrem Rucksack. Als sie kurz
darauf wieder in den Schankraum hinunterging, saßen
Aril und Durin ebenfalls schon am Tisch. Erfreut stellte Saria fest,
dass man ihr den Platz neben Laládi auf Seiten des Kamins frei
gehalten hatte. Die Elfe
hatte sich erneut in das hintere Eck gesetzt, um Mórosh nicht zu
nahe zu sein. Der Barbar
grinste Saria
gut gelaunt an. Sein
anerkennender Blick an ihr hinab ließ ihre Wangen warm werden.
„Du
hast das Kleid doch schon gesehen‟, murmelte sie, als sie Platz
nahm. In diesem Moment fragte
sie sich, ob sie nicht doch das grüne Kleid hätte anziehen
sollen, statt dem roten. Aril aber zuckte nur mit den Schultern als
wolle er sagen, dass er es noch viel öfter ansehen könne. Während
dem Essen blickte der Barbar ständig zu ihr herüber, was ihr mit
der Zeit die Nerven raubte. Sie beschloss, ihn zur Rede zu
stellen.
„Warum starrst Du
mich die ganze Zeit an? Sehe ich gewaschen und in einem Kleid denn so
anders aus?‟
„Jetzt siehst Du
noch mehr wie eine Frau aus, und bei Frauen kann unser Aril sich nur
schwer beherrschen‟, mischte Durin sich ein. „Pass auf, sonst
schleicht er sich heute Nacht in Dein Bett!‟ Daraufhin lachte der
Zwerg lauthals los und machte allen klar, dass er nur einen Scherz
gemacht hatte. Beruhigt war Saria dadurch nicht und warf einen
raschen Blick zu Laládi. Diese blinzelte langsam, zeigte jedoch
keinerlei weitere Reaktion. Wahrscheinlich wollte sie Durin nicht den
Gefallen tun, sich durch seine Worte beunruhigt zu zeigen. Ich
werde einfach zweimal prüfen, ob die Zimmertür tatsächlich
abgeschlossen ist, nahm Saria sich vor.
„Du bist einfach
hübsch‟, beantwortete Aril mit einiger Verspätung ihre Frage.
„Aber wenn Du es willst, dann werde ich Dich nicht mehr ansehen.‟
„Nein, nein,
schon gut... Ich bin das nur nicht gewohnt, dass mich ein Mann
ständig ansieht. Vielleicht gewöhne ich mich ja bald daran.‟ Die
junge Frau versuchte zu lächeln, obwohl sie sich gerade eher unwohl
fühlte. Dem Barbaren schien es zu genügen, denn er grinste sie
weiterhin an als sei nichts gewesen.
Als die fünf
Gefährten sich später auf ihre Zimmer zurückzogen, prüfte Saria
sicherheitshalber sogar dreimal das Türschloss, damit Aril auf
keinen Fall unbemerkt in den Raum kommen konnte. Ihre Zimmergenossin
versicherte ihr, dass ihr blonder Freund keine Frau mehr gegen ihren
Willen besucht hatte, seit sie mit ihm über dieses Thema gesprochen
hatte. Saria wollte ihr glauben, doch ein kleiner Rest Unsicherheit
blieb. Die beiden Frauen unterhielten sich noch ein wenig bevor sie
sich schlafen legten.
Saria riss die
Augen auf. In ihrem Zimmer war es ruhig, Aril hatte die Tür nicht
aufgebrochen, wie sie zunächst befürchtet hatte. Im Mondlicht, das
durch das Fenster schien, konnte sie deutlich erkennen, dass außer
ihr und Laládi niemand im Raum war. Es musste ein Traum gewesen
sein, der sie hatte aufwachen lassen. Gerade wollte sie beruhigt
wieder die Augen schließen und ihr pochendes Herz zur Ruhe
veranlassen, da fiel ihr die Spiegelung in den Augen der Elfe auf.
Auch sie war wach. Laládi bemerkte ihren Blick und führte ihren
schlanken Zeigefinger an die Lippen. Ihre Elfenohren waren
gewiss besser als Sarias menschliche Ohren und wenn sie etwas gehört
zu haben glaubte, dann wollte die junge Frau ihr die Möglichkeit
geben, das genauer zu erforschen. Leise wie ein Geist schlüpfte die
Elfe aus dem Bett und in ihrem weißen Nachthemd und der blassen Haut
sah sie auch beinahe wie einer aus. Unwillkürlich warf Saria einen
kurzen Blick auf die Füße ihrer Freundin, um sicher zu sein, dass
diese nicht über dem Boden schwebte.
Laládi trat neben
das Fenster und sah hinaus. Den Legenden nach hatten Elfen eine
herausragende Sehfähigkeit, mit der sie selbst bei
schlechtestem Licht noch etwas erkennen konnten. Diese Nacht schien
ein heller Halbmond von einem nahezu wolkenfreien Himmel und selbst
Saria konnte viel erkennen. Wenn Elfenaugen nur halb so gut waren wie
es ihnen nachgesagt wurde, dann müsste Laládi beinahe so gut sehen
können wie am Tag. Gespannt wartete Saria auf ein Zeichen oder
zumindest eine sichtbare Reaktion, doch die Elfe stand nur am
Fenster und rührte sich nicht. Nach einer Minute wurde es der
jungen Frau zu viel und sie stand auf. Sie war nicht so geisterhaft
leise wie Laládi, doch für ihre eigenen Ohren leise genug. Ich
bin schließlich keine Einbrecherin, deren Erfolg von ihrer
Fähigkeit abhängt, leise zu sein! Sie trat auf der anderen
Seite ans Fenster und spähte nun ebenfalls hinaus. Für sie war
nichts ungewöhnliches zu sehen – die Straße schien verlassen, in
den Zimmern der umliegenden Häuser brannte kein Licht. Alles wirkte
friedlich und harmlos.
„Was hast Du
gehört? Es wirkt alles normal‟, flüsterte sie. Laládi setzte
gerade zu einer Antwort an, als irgendetwas in der Nähe zu Bruch
ging. Es klang wie Glas. Das Geräusch wurde begleitet von einem
unterdrückten Fluch und splitterndem Holz. Beide Frauen blickten
wieder hinaus in die Nacht und bemühten sich, etwas zu sehen. Als
Laládi Saria mit kühlen Fingern am Arm berührte, zuckte die junge
Frau erschrocken zusammen, folgte aber der ausgestreckten Hand der
Elfe. Links von ihnen war eine Gestalt aus einer Gasse gekommen,
dicht gefolgt von einer zweiten. Die erste flüchtete offensichtlich,
jedoch ohne große Erfolg. Der Angreifer wirkte schneller und
kräftiger.
„Kannst Du
erkennen, wer das ist?‟ fragte Saria flüsternd.
„Nein, aber der
Verfolger ist gewiss nicht von der Stadtwache. Er sieht mehr aus wie
ein Verbrecher als der, dem er folgt. Wir sollten ihm helfen.‟
Damit trat sie vom Fenster weg und griff nach ihrem Schwert. Bisher
hatte Saria Laládis Waffe nur innerhalb der Schwertscheide gesehen,
doch jetzt zog die Elfe blank und warf die Hülle beiseite. Bei dem
Schwert handelte es sich um eine wunderbare Waffe. Sie war
schlank, die Klinge war mit fein geschwungenen Runen verziert und
beschrieb einen leichten Bogen. Nicht so stark wie die Säbel
der Reiterfürsten im Süden, aber deutlich genug, um aufzufallen.
Ohne ein weiteres Wort verließ die Elfe das Zimmer und klopfte an
die Tür von Aril und Hamadi. Wollte sie etwa nur mit einem Nachthemd
bekleidet nach draußen gehen? Das wollte Saria keinesfalls. Sie
griff nach ihrer Lederrüstung und schlüpfte hinein. Hektisch
begann sie die Riemen zu schließen als Laládi schon wieder an
der Tür vorbei zu Durins Einzelzimmer schritt. Nur knapp hinter
ihr traten die beiden Männer auf den Gang, ebenso wenig gerüstet
wie die Elfe. Sollte Saria wirklich die einzige sein, die sich auch
um ihr eigenes Wohl sorgte? Als kurz nach den beiden auch Durin im
Nachtgewand zur Treppe eilte, entschloss Saria sich, die Rüstung
nicht zuzubinden. Sie würde sich eben im Hintergrund halten. Eine
große Kämpferin war sie sowieso nicht. Außerdem konnte sie
ihre beste Waffe nicht nutzen und musste sich auf ihren Dolch
beschränken – keine idealen Voraussetzungen. Einen Augenblick
zögerte sie und sah zu ihrem Rucksack, in dem sie die
Beutelchen versteckt hielt, die sie am Tag zuvor gekauft hatte. Zu
auffällig, entschied sie und rannte den anderen hinterher
nach unten und vor das Gasthaus. Von dort hörte sie schon Arils
Stimme.
„Bleibt stehen
und lasst den Mann zufrieden!‟ rief er bestimmt. Als Antwort
vernahm sie nur das Klirren von aufeinanderprallenden Waffen. Ein
kurz darauffolgender Schmerzensschrei ließ sie Schlimmes ahnen. Sie
stürzte aus der offenen Eingangstür der Diamantenen Axt und
wandte sich nach links, woher die Kampfgeräusche kamen. Der
vermummte Verfolger hatte ein Kurzschwert gezogen und stand
Durin und Aril gegenüber. Der blonde Barbar blutete aus einer Wunde
am linken Bein, doch schien sie nicht tief zu sein und ihn nicht zu
behindern. Ein paar Schritt daneben saß der Verfolgte auf dem Boden
und lehnte sich schwer atmend an die Hauswand während Hamadi ihn
untersuchte und Laládi die beiden von den Kämpfenden
abschirmte. Saria meinte den anderen am besten helfen zu können,
indem sie den Angreifer ablenkte. Dazu lief sie zunächst in einem
Bogen um die Kämpfenden herum, um in den Rücken des
schwarzgekleideten Mannes zu gelangen. Ihr Plan schien aufzugehen bis
der Mann einen Schritt zurücksprang und sich ihr zuwandte. Saria
hatte ihren Dolch in der Hand doch gegen einen geübten
Schwertkämpfer, wenn auch nur mit einem Kurzschwert bewaffnet,
hatte sie wenig Erfolgsaussichten. Ihr Schreck musste ihr ins Gesicht
geschrieben sein, denn der Mann lächelte siegesgewiss als er
näher kam. Saria wich langsam zurück und hoffte, dass ihre
Kameraden ihr zu Hilfe kamen. Den Blick von ihrem Angreifer zu nehmen
wagte die wenig kampferfahrene Frau nicht. Immerhin das hatte sie
gelernt: Lass Deinen Angreifer niemals aus den Augen.
Gerade holte der
Mann zum Schlag aus, da wuchs Aril hinter ihm wie aus dem Nichts in
die Höhe, sein riesiges Schlachtbeil über dem Kopf erhoben. Ehe
Saria noch reagieren konnte, schlug der Barbar die im Mondschein
blitzende Klinge mit Wucht in den Rücken des Angreifers und
zerschmetterte mit einem feuchten Knacken das Rückgrat des
Mannes. Arils Schlag hatte so viel Kraft, dass Saria warme Tropfen
Blutes ins Gesicht spritzten. Einen kurzen Moment vor seinem Tod
schien der Mann seinen Fehler zu begreifen, denn in seinen Augen
sah die junge Frau noch Erkenntnis aufblitzen, bevor alles Leben aus
ihnen wich. Mit einem schmatzenden Geräusch löste Aril seine Waffe
aus dem frischen Leichnam. Das Blut tropfte von dem Axtblatt zu Boden
und zeichnete einen Teil des Weges nach, den Aril nun zu ihr kam.
„Saria, alles in
Ordnung?‟ Die Besorgnis in seiner Stimme erschien der jungen Frau
beinahe lächerlich. Er war es, der blutete und soeben
ein Menschenleben beendet hatte. Sie nickte nur.
„Und Du? Du bist
verletzt …‟
„Ach, nur ein
Kratzer. Er hat mich überrascht.‟
„Lass mich das
sehen, Du großer Krieger‟, murmelte Laládi, die zu ihnen getreten
war. Die Elfe kniete sich neben den Hünen und beäugte kritisch den
blutenden Riss in dessen Oberschenkel. „Wirklich nicht allzu
besorgniserregend. Halte still.‟ Sie führte ihre bleiche Hand zu
seinem Bein und hielt inne, kurz bevor sie es berührte. Dann
murmelte sie einen unverständlichen Singsang vor sich hin und nahm
etwa eine Minute später ihre Hand wieder fort. Von der Wunde war
nichts mehr zu sehen, nur das Blut auf dem Bein war noch vorhanden.
„Alles wieder geheilt‟, verkündete Laládi und erhob sich.
„Danke, Laládi.‟
Aril wandte sich Saria zu. „Du siehst süß aus in Nachthemd und
Rüstung.‟
Wortlos drehte
Saria sich weg und ließ ihn stehen. Wie konnte er nur jetzt so etwas
sagen? Machte es ihm denn gar nichts aus, gerade jemanden
getötet zu haben? Sie ging zu Hamadi und dem Verfolgten, bei
dem inzwischen auch Durin war.
„Habt Dank,
Fremde‟, keuchte er. „Aber ich fürchte, Ihr wart zu spät. Er
hatte mich schon erwischt.‟ Wie um seine Worte zu untermauern
wurde der Blutfleck, in dem er saß, größer. Ihr Schamane sang
leise mit seiner krächzenden Stimme, doch schien er die Wunde nicht
schließen zu können.
„Mein Name ist
Orman, ich komme aus Gratoß. Schlimmes geht dort vor sich. Orks
überfallen Dörfer und Städte in Scharen und rücken westwärts
vor. Bald schon werden sie an Indunams Grenzen stoßen, aber das
wird sie nicht aufhalten. Ich muss … muss die Kan'chok warnen. Sie
muss ...‟ Der Mann stöhnte gequält und krümmte sich. Seine
Schmerzen mussten überwältigend sein. „Sie muss uns helfen, oder
Euer Land ist das nächste.‟
„Orks? Aber wo
kommen die her? In dieser Zahl?‟ Laládi schien geradezu schockiert
zu sein.
„Weiß … ich
nicht. Sie sind … da … müsst …‟ Mit diesen Worten verließen
ihn seine Lebensgeister und er starb vor ihren Augen.
©
Ben Grauh, 16.12.2012
ben.grauh@gmail.com
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