Sonntag, 21. Oktober 2012

Saria (Teil 2)

Saria Arberdan (Teil 2)


Langsam kämpfte Saria sich wieder in den Wachzustand. Ihr Verstand fühlte sich an, als wäre er in weiche, warme Seide gewickelt. Jeder Gedanke bemühte sich, sich ihr zu entziehen und es war unglaublich anstrengend, sie festzuhalten. Zurück in die Dunkelheit zu gleiten war die größte Verlo­ckung, die die junge Frau seit Jahren empfunden hatte. Nur der Gedanke mit dem Jungen aus dem Dorf allein zu sein, Eldrin, dieser Gedanke war noch verlockender gewesen. Doch damals war sie ein kleines Mädchen von neun Sommern gewesen. Eldrin war ein paar Jahre älter gewesen als sie, zwölf oder dreizehn, da war sie nicht mehr sicher. Er hatte helles, gelocktes Haar, süße Sommer­sprossen um die Nase und seine blauen Augen blitzten so schön, wenn er lachte. Die Erinnerung an ihre erste große Liebe – so hatte Saria die damalige Schwärmerei eines kleinen Mädchens gesehen – ließ sie lächeln. Eldrin hatte sich nie für sie interessiert. Warum auch? Die Mädchen in seinem Alter waren für ihn erheblich anziehender gewesen. Die kleine Saria war damals neidisch auf die älteren Mädchen, die allmählich zu Frauen wurden. Bei manchen hatte man schon deutlich die weiblichen Rundungen unter den Kleidern erahnen können. Besonders diese Formen waren es, die Eldrin da­mals so faszinierten. Doch an sich selbst konnte Saria zu dieser Zeit noch nichts dergleichen fest­stellen. Sie hatte einen flachen Brustkorb wie ein Junge, einen knochigen Po und ihre Hüften waren mehr gerade als kurvig.
Heute sah das anders aus, das wusste sie. Jetzt würde Eldrin sie bestimmt nicht mehr ignorieren. Doch was half ihr dieses Wissen, wenn er doch weit entfernt in Schönborn war, und sie hier auf ei­nem Schiff, weit weg von Zuhause? Mit einem leichten Anflug an Bedauern wandte die junge Frau sich von ihrer Erinnerung an ihren ersten Schwarm ab und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Das gelang ihr nun schon besser, die Benommenheit hatte sich weiter zurückgezogen.
Als erstes nahm sie das Bett war, in dem sie lag. Das scheint zu einer unangenehmen Gewohn­heit zu werden, dachte sie sarkastisch. Ständig wache ich in einem Bett auf, in das ich mich nicht selbst hineinbegeben habe. Immerhin war es ein Bett und nicht der harte Holzboden des Schiffes. Auch keine Hängematte, wie sie die Matrosen benutzten, nein, ein richtiges Bett. Das letzte Mal war sie in einer Kabine auf der Eule aufgewacht und nahm nun an, dass dies derselbe Ort war. Ein leichtes Schaukeln, begleitet von einem entfernten Wassergluckern, bestätigte diese Vermutung. Be­ruhigt atmete Saria tief durch. Sie war in Sicherheit. Kaum war ihr der Gedanke durch den Kopf ge­gangen, fiel ihr etwas auf, das jedes Gefühl von Sicherheit wieder verscheuchte: Sie lag nackt unter der Bettdecke! Ihre letzte Erinnerung an die Geschehnisse vor ihrer Ohnmacht war, dass dieser Bar­bar, Aril, sie in ihre Kabine bringen wollte. Doch zu diesem Zeitpunkt war sie angezogen. Hatte der Wilde ihre Situation ausgenutzt und … Saria wollte gar nicht daran denken.
Mit vor Sorge pochendem Herzen schlug sie die Augen auf. Die Kabine war hell, also war es wohl schon wieder Tag. Welcher Tag? Der dem Abend anschließende, an dem sie ohnmächtig ge­worden war? Oder der danach? Wie lange hatte sie diesmal ihr Bewusstsein verloren? Nach kurzem Überlegen entschied die junge Frau, dass es der folgende Tag sein musste, denn ihr Hunger war nicht sehr groß. Um genau zu sein hatte sie im Augenblick überhaupt keinen Hunger, denn ihr zog es den Magen zusammen. Irgendjemand musste sie schließlich ausgezogen haben und der wahr­scheinlichste Kandidat war leider Aril.
Saria drehte den Kopf auf dem Kissen und ließ den Blick durch die Kabine schweifen. Sie war allein. Sorgfältig darauf bedacht, ihre linke Schulter nicht zu belasten, schlug sie die Decke beiseite und setzte sich auf. Vom langen Liegen hatte sich ihr Kreislauf noch nicht ganz erholt, weswegen ihr ein wenig schwindlig wurde. Das störte die junge Frau nicht weiter, da sie ohnehin zunächst nicht aufstehen wollte. Sie blickte an sich hinab. Längst war ihre Brust nicht mehr so flach wie die des kleinen Mädchens, das sie einst war. Auch ihre Hüften waren nun angenehm gerundet und erin­nerten nicht mehr an früher. Doch genau in diesem Moment wünschte sie, sie wäre weniger weib­lich.
Zögerlich konzentrierte Saria sich auf ihren Körper. Im ersten Moment war es unmöglich für sie zu entscheiden, ob etwas nicht stimmte, so sehr hatte sie Angst. Doch langsam sickerte die Erkenntnis in ihren Verstand, dass alles in Ordnung war. Zwischen ihren Beinen fühlte sich nichts ungewöhnlich an. Kein Brennen, kein Ziehen, keine irgendwie unangenehmen Gefühle. Erleichtert seufzte sie und merkte erst jetzt, wie angespannt sie gewesen war. Es freute sie nicht, dass der Hüne sie ohne ihr Einverständnis ausgezogen hatte, doch konnte sie daran nichts ändern. Außerdem hätte es viel schlimmer kommen können, und dass dem nicht so war, dafür dankte sie al­len überirdischen Mächten, die ihr einfielen. Das waren nicht viele. Für die Götter hatte Saria noch nie viel übrig gehabt, genauso wenig wie die für sie.
Während sie sich gerade mit ihrem Lendenschurz abmühte – mit nur einem Arm eine unglaub­lich schwere Aufgabe – klopfte es leise an der Tür zu ihrer Kabine.
„Wer ist da?‟ fragte Saria, sofort wieder auf der Hut. Wenn das Aril war …
„Laládi. Darf ich hereinkommen?‟ Die glockenhelle Stimme der Elfe war eine Wohltat.
Sei vorsichtig, ermahnte die junge Frau sich in Gedanken. So nett sie sein mag, Du kennst sie nicht! Um ihre Blöße zu bedecken, zog sie rasch die Bettdecke vor ihre Brust.
„Ja, kommt herein!‟ rief sie. „Ich könnte sowieso ein wenig Hilfe gebrauchen.‟ Den zweiten Satz murmelte sie nur so vor sich hin, doch die Ohren der Elfe schienen nicht nur spitz zu sein, son­dern auch äußerst gut.
„Meint Ihr, beim Anziehen?‟ fragte Laládi beim Eintreten und schloss sanft die Tür hinter sich.
Saria spürte, wie ihre Wangen warm wurden. „Ja … Es ist mir ein wenig peinlich, aber mit nur einem Arm habe ich dabei Schwierigkeiten.‟
Die blonde Elfe lachte auf. „Das braucht Euch doch nicht peinlich sein, Saria. Das ginge jedem so. Kommt, zeigt mir, was Ihr anziehen möchtet, und ich helfe Euch dabei.‟
Mit einem Seufzer ergab Saria sich und deute auf den Rock von gestern und eine frische Bluse. Die letzte in ihrem Gepäck. Viel hatte sie nicht mitgenommen auf die Insel, hatte sie doch mit kei­nen Problemen gerechnet. Jedenfalls mit keinen, die ihre Kleidung ruinieren würden, wie es die Orks getan hatten.
„Falls Ihr Euch fragt, wie Ihr in Euer Bett kamt: Ich sah, wie Aril Euch die Treppe hinuntertrug und schloss daraus, dass Ihr nicht mehr bei Euch wart. Ich ließ es zu, dass er Euch auf das Bett leg­te, dann aber schickte ich ihn hinaus. Aril hat Euch nicht ausgezogen, ich war es. Er ist ein Barbar, aber wir konnten ihm schon vermitteln, dass er eine Frau nicht einfach ausziehen kann. Egal, wie sehr er das vielleicht will ...‟ Laládi schenkte ihr ein Lächeln, doch wesentlich beruhigender war der Inhalt dessen, was sie der jungen Frau eben erzählt hatte. Aril hatte sie nicht ausgezogen, die Elfe war es gewesen. Ihre Andeutung, dass der Hüne ein Interesse daran haben könnte, sie in ihrem Bett zu besuchen, ignorierte Saria für den Augenblick.
„Danke, dass Ihr mir das sagt. Ich war schon voller Sorge, dass mehr geschehen sei, als ich möchte‟, gestand Saria ihr mit einem schüchternen Lächeln. Ihre Wangen brannten nun geradezu, doch das war ihr gleich. Sollte Laládi doch sehen, dass ihr der Gedanke an eine intime Begegnung mit Aril nicht behagte. Vielleicht achtete die Elfe dann vermehrt darauf, dass die beiden nicht allein waren. Oder besser noch, redete dem Mann alle Flausen von vornherein aus, die er möglicherweise in Bezug auf sie hatte. Unter anderen Umständen wäre er ja ganz nett gewesen, aber jetzt, auf der Suche nach ihrer Schwester, konnte Saria sich eine derartige Ablenkung nicht erlauben. Hoffentlich würde Aril ihr trotzdem helfen wollen.
„Nein, da macht Euch keine Sorgen. Barbar hin oder her, Aril hat einen Ehrenkodex, und daran hält er sich eisern. Er hat uns versprochen, niemals eine Frau gegen ihren Willen anzurühren, die nicht Teil seines Volkes ist. Derartige Versprechen nimmt er sehr ernst und er wird sich daran hal­ten.‟ Sie waren beim letzten Knopf der Bluse angelangt und Laládi setzte sich nun neben Saria auf die Bettkante. Ihr Blick wurde eindringlich. „Spielt bitte nicht mit ihm. Wenn Ihr Interesse an ihm habt, zeigt es ihm. Ansonsten macht ihm keine schönen Augen, denn das ermutigt ihn nur. Wir wer­den ihn nicht aufhalten, solltet Ihr ihn auffordern und es Euch dann anders überlegen, sobald er darauf eingeht.‟ Ohne auf eine Antwort zu warten, stand sie mit ihrer elfischen Eleganz auf und ver­ließ lautlos die Kabine.
Ich ihn auffordern? Bei Karintia, als wäre ich mit Absicht in Ohnmacht gefallen! Gerne wäre Sa­ria der Elfe gefolgt und hätte ihr lautstark erklärt, dass sie sich ihre Ratschläge für andere aufheben solle. Sie beherrschte sich aber und atmete ein paarmal tief durch, um sich zu beruhigen. Nachzu­denken war jetzt wichtiger. Die Schiffsreise würde noch ein paar Tage dauern, doch sollte sie besser schon vor deren Ende entschieden haben, ob sie das Angebot der Gruppe annehmen wollte oder nicht.
Umständlich rutschte Saria auf dem Bett nach hinten, bis sie sich bequem mit dem Rücken an die Schiffswand lehnen konnte. Sie wollte diese Entscheidung sorgfältig treffen und das brauchte Zeit. Zeit, in der sie es sich ebenso gut gemütlich machen konnte, während sie überlegte.
Laládi schien eine gute Seele zu sein, auch wenn ihre fehlende Erfahrung mit Elfen sie vorsichtig sein ließ. Andererseits, wer konnte schon von sich behaupten, viel Umgang mit Elfen zu haben? Es gab so gut wie keine Angehörigen dieses mystischen Volkes mehr, und die wenigen, die noch leb­ten, scheuten den Umgang mit anderen. Es lief darauf hinaus, dass Saria ihre eigene Erfahrung mit Elfen sammeln musste. Lieber hätte sie jemanden gefragt, doch diese Möglichkeit bestand nicht. Also werde ich sie zunächst so nehmen, wie sie ist und genau beobachten, überlegte sie. Zudem habe ich auf diese Weise nebenbei die Gelegenheit, eine Elfe kennenzulernen. Die Neugier siegte und sie setzte Laládi auf ihrer geistigen Liste auf die Seite, die für einen Verbleib bei der Gruppe gedacht war.
Hamadi. Die Elfe war schwer einzuschätzen, doch bei dem Medizinmann konnte die junge Frau überhaupt keine fundierte Entscheidung treffen. Von seiner Sprache verstand sie kein Wort und ge­sehen hatte sie ihn kaum. Er kam nur aus dem Inneren des Schiffes hervor, wenn es Essen gab oder um nach ihrer Schulter zu sehen. Die hatte er gut versorgt, das gestand sie ihm zu. Wenn sie aber an seine Augen dachte, überlief sie ein kalter Schauer. Alles an ihm wirkte so alt und ausgezehrt, aber nicht die Augen. Wie konnte ein alter Mann wie er so junge Augen haben? Dennoch … Jemanden mit derart guter Kenntnis der Heilkunst um sich zu haben war nie ein Fehler. Sie musste schließlich auch in Erwägung ziehen, dass Danielle verletzt sein könnte, wenn sie sie fand. In diesem Fall wür­de sie Hamadi dringend brauchen. Er spricht also auch eher für ein „ja‟.
Ihren neuesten Verehrer, Aril, würde sie am liebsten über Bord werfen und somit unmissver­ständlich klarstellen, was sie von ihm hielt. Wenn jemand aus dieser Gruppe mit Sicherheit Schwie­rigkeiten machen würde, dann war es der Barbar. Ein Barbar! Wie konnte man nur mit so jemandem reisen? Irgendwie süß ist er ja schon … Dieser unerwünschte Gedanke ärgerte sie. Nur weil er so treu dreinblickende Augen hatte! Als Barbar konnte er gewiss kämpfen und stark war er auch, das war nicht zu übersehen. Beides Eigenschaften, die gewiss hilfreich sein konnten. Danielles Entfüh­rer würden ihre Schwester wohl kaum unbeaufsichtigt irgendwo zurücklassen, so dass Saria sie nur noch abzuholen brauchte. Nein, ein Kampf schien sehr wahrscheinlich. Aber den musste nicht unbe­dingt Aril für sie ausfechten! Er kam also auf die Seite mit den Argumenten gegen einen Verbleib bei der Gruppe.
Zu guter Letzt gab es noch den Zwerg, Durin. Viel hatte sie noch nicht von ihm gesehen. Nur zum Essen schien er seine Kabine zu verlassen und seine Laune war stets schlecht und aufbrausend. Laládi hatte ihr zwar versichert, dass der Zwerg einen weichen Kern unter der rauen Schale verbarg, aber bisher hatte Saria keine Anzeichen für die Wahrheit hinter dieser Aussage entdeckt. Davon ab­gesehen kannte die junge Frau jedoch einige Geschichten über die Zwerge, denen zufolge das kleine Volk genau so sein sollte: Unnachgiebige Kämpfer für sich selbst und eine gute Sache. Die Rettung einer entführten Frau konnte man gewiss als eine gute Sache bezeichnen. Dann hätte ich also drei dafür und einen dagegen. Ich bleibe, beschloss sie damit.
Erleichtert darüber, zumindest eine der anstehenden Entscheidungen jetzt getroffen zu haben, lä­chelte Saria. Jetzt blieb noch die weitaus schwierigere – und für sie gefährlichere – Frage, wie viel sie den anderen über sich selbst erzählen wollte. Bevor sie sich ernsthaft darüber Gedanken machen konnte, klopfte es an der Tür.
„Herein!‟ rief sie, nicht gewillt, sich zu erheben. Ihr Magen fühlte sich zwar leer an, doch er­schienen ihr die Pläne für ihre zukünftige Suche im Augenblick wichtiger.
Die Tür wurde schwungvoll aufgestoßen und Aril trat ein. Mit seiner Körpergröße von fast zwei Schritt musste der Barbar sich bücken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen. Wie bisher immer trug er eine eng anliegende Lederhose und eine offene Fellweste, die seinen muskelbepackten Oberkör­per kaum verbarg. Im Geheimen vermutete Saria, dass die ärmellose Weste seine Muskeln sogar be­tonen sollte, weil sie den Blick auf Brust und Bauch lenkte.
„Saria, Du bist wach!‟ sprach er das Offensichtliche aus. „Wie geht es Dir?‟ Ungefragt setzte der große Mann sich auf ihre Bettkante und grinste sie breit an.
Da sie nun beschlossen hatte, mit ihnen zu reisen, akzeptierte Saria das Du. Dass der Barbar sich ungeniert auf ihr Bett setzte, gefiel ihr hingegen überhaupt nicht. Dennoch beschloss sie, freundlich zu bleiben. „Danke, Aril, gut. Ich muss nur daran denken, dass meine Schulter noch ein wenig Ruhe braucht, bevor ich sie wieder belasten kann.‟
Eifrig nickte der Prinz Ruangmós. „Ja, das solltest Du. Wenn es irgendetwas gibt, wofür Du zwei oder drei Hände brauchst, lass es mich wissen.‟ Seine braunen Augen blitzten hoffnungsvoll auf.
„Das ist sehr nett von Dir, danke. Im Moment brauche ich aber noch keine Hände, nur ein wenig Ruhe. Ich muss nachdenken. Aber ich habe schon beschlossen, euer Angebot anzunehmen‟, fügte sie rasch hinzu, als sie die Enttäuschung in seinen Gesichtszügen sah. Sie rang sich auch ein kleines Lächeln ab, was Arils Stimmung umgehend wieder hob.
„Das ist gut, ich werde es gleich den anderen sagen!‟ Damit sprang er auf und war mit zwei Schritten bei der Tür.
„Noch etwas, Aril‟, hielt Saria ihn auf. „Ich möchte mich noch dafür bedanken, dass Du mich gestern Abend in meine Kabine gebracht hast.‟
Der Hüne zuckte mit den Schultern, was bei einem Riesen wie ihm irgendwie komisch wirkte. „Hab ich gern gemacht.‟ Damit drehte er sich um und verschwand wieder aus ihrer Kabine.
Saria sah noch eine Weile die nun wieder geschlossene Tür an. Er hatte schon einen knackigen Hintern … Verdammt, Mädchen, was denkst Du da! Schalt sie sich selbst. Gib ihm den Finger und er nimmt Dich mit Haut und Haaren. Das ist ein Barbar, Du dummes Ding! Sie würde Aril auf ihrer geistigen Liste doppelt werten, doch dann stünde es immer noch drei zu zwei für den Verbleib in der Gruppe. Du musst einfach äußerst vorsichtig sein.

Zwei Stunden und etliche fruchtlose Grübeleien später trafen sich alle zum Mittagessen. Als Sa­ria danach bekanntgab, das Hilfsangebot annehmen zu wollen, erwartete sie ein herzlicheres Will­kommen, als sie gedacht hätte. Dass Aril sich freuen würde, hatte sie von vornherein gewusst, doch Hamadis wohlwollendes und zufrieden wirkendes Nicken überraschte sie beinahe ebenso wie Lalá­dis kurze aber freudige Umarmung. Die Elfe überstrahlte mit ihrem Lächeln beinahe den freund­schaftlichen Händedruck Durins, der – wenn Saria es durch den dichten braunen Bart richtig er­kannte – ebenfalls ein wenig lächelte. Sie hätte das nicht gedacht, doch durch diese einfache Geste wurde der kleine Mann, der ihr kaum bis zur Nasenspitze reichte, auf einen Schlag wesentlich sym­pathischer.
„Sagt, wo werden wir eigentlich anlegen? Ich habe bisher ganz vergessen zu fragen.‟
„In Woryem, dem Heimathafen der Eule‟, antwortete Laládi ihr.
In seinem typischen, grummelnden Tonfall fügte Durin hinzu: „Besser gestern als heute.‟
„Komm schon, Durin! Ein bisschen Wasser schadet doch nicht.‟ Aril klopfte seinem Gefährten mit einem lauten Klatschen auf die Schulter.
„Ein bisschen? Ich sehe seit Tagen nichts anderes um uns herum. Und das wird auch noch einige Tage so bleiben, falls der Rückweg nicht deutlich schneller geht als der Hinweg. Doch dieses Glück habe ich nicht!‟ Ein schiefes Lächeln nahm seinen Worten ein wenig die Ernsthaftigkeit, doch war ihm deutlich anzusehen, dass er lieber zu Fuß gegangen wäre.
„Sagt, Durin, warum mögt Ihr das Wasser nicht? Könnt Ihr nicht schwimmen?‟ fragte Saria neu­gierig.
„Kein Zwerg kann schwimmen‟, informierte Durin sie nicht unfreundlich. „Dafür sind wir zu schwer. Und das liegt nicht nur an unseren Rüstungen, nein, wir sind einfach zu kräftig, haben zu viele Muskeln.‟ Aril lachte schnaubend. Durin ließ sich jedoch nicht davon ablenken. „Anboßna hat es eben bestimmt, dass wir an Land bleiben sollen. Deswegen ist mir auf Seereisen nie wohl.‟
Von Anboßna hatte Saria schon gehört, das war der Gott der Zwerge. Sie hatten nur diesen einen, doch der genügte ihnen. Er hatte – so die Erzählung – die Zwerge ebenso erschaffen wie die Berge, Edelsteine, das Bier, Gold und einfach alles, was die Zwerge mochten oder zum Leben brauchten. Es hieß auch, dass der Schmiedeamboss nach dem Gott benannt worden war. Ähnlich genug klan­gen die beiden Namen, dass Saria dies glauben mochte.
In den folgenden Tagen begann die junge Frau, ihre neuen Kameraden ins Herz zu schließen. Zwar waren nur die beiden Kämpfer dazu zu bewegen, etwas über sich zu erzählen – was bei Aril jedes mal zu einer Lobeshymne auf sich selbst führte –, doch bedeutete dies nicht, dass Laládi und Hamadi unfreundlich waren oder Saria mieden. Gerne hätte sie mehr über sie erfahren, da sie aber selbst nicht mehr über sich preisgeben wollte, als sie schon getan hatte, sah sich Saria gezwungen, deren Schweigen zu akzeptieren. Die Zeit würde zeigen, ob sie sich doch noch von ihnen abwenden musste.

 
© Ben Grauh, 21.10.2012
ben.grauh@gmail.com

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen