Montag, 23. Dezember 2013

Saria

Saria Arberdan (Teil 9)


Am nächsten Morgen war es auch schon so weit. Jene winzige Hoffnung Sarias, dass die anderen ihre Idee vergessen könnten, wenn die junge Frau sie einfach nicht mehr erwähnte und sich ansons­ten unauffällig verhielt, wurde zerschlagen. Beim Frühstück warteten alle auf sie, sogar Aeren war anwesend.
Aril grinste ihr den ganzen Weg von der Treppe bis zum Tisch entgegen. „Heute besorgen wir Dir ein Übungsschwert und dann üben wir,“ begrüßte er Saria gut gelaunt. 
„Ein Schwert? Aber ich dachte, ich solle mit dem Rapier umzugehen lernen?“ Ein Schwert wäre der jungen Hexe zu schwer. Als Hexe verbrachte man viel Zeit mit dem Erlernen von Zaubersprü­chen, wobei die körperliche Ertüchtigung oft etwas kurz kam. Dementsprechend war Saria nicht sehr stark.
„Das meint er auch. Ich werde Euch ein Rapier beschaffen, keine Sorge. Und üben werdet Ihr zu­nächst mit mir und nicht mit Aril. Er würde Euch nur ständig das Rapier aus der Hand schlagen und dabei lernt Ihr nichts.“ Aeren sah die noch stehende Frau freundlich an.
Saria ließ die Schultern sinken und setzte sich ergeben auf die Holzbank neben Laládi. An die­sem Morgen schmeckte ihr das Frühstück nicht ganz so gut wie sonst.

Eine halbe Stunde später stand Saria frierend im Schnee und harrte der Dinge. Sie hatte sich um­gezogen und trug nun statt dem Kleid ihre Reisehose, einen dicken Mantel und ihre Lederrüstung. Auch wenn es sich um das erste Training handelte wollte sie keine Verletzungen riskieren. Aeren hatte irgendwo ein stumpfes Rapier samt Waffengurt aufgetrieben, welches nun unbequem an ihrer Hüfte baumelte. Zweieinhalb Kilogramm waren nicht viel, an dieser Stelle jedoch äußerst unge­wohnt. Zudem schwang die lange Klinge bei jeder Bewegung hin und her, selbst wenn Saria nur den Arm hob. Gehen konnte sie mit der Waffe nur, wenn sie sie festhielt, sonst schlug die Klinge bei jedem Schritt gegen ihre Beine. Immerhin steckte sie in einer Schwertscheide, was eine versehentli­che Verletzung verhinderte.
„Also, Saria,‟ begann Aeren in ruhigem Tonfall. Dem jungen Ordensritter schien die Kälte nichts anzuhaben. „Zunächst ein paar grundlegende Dinge. Um Euch an das Rapier an Eurer Seite zu ge­wöhnen möchte ich, dass Ihr es nur zum Schlafen und Essen ablegt. Nur wenn Ihr es tatsächlich nicht mehr wahrnehmt, dann könnt Ihr es auch wieder für längere Zeit ablegen.‟
Die junge Frau verzog keine Miene. Wahrscheinlich würde sie heute Abend einige blaue Flecke an ihren Beinen haben und sich den Mund trocken geredet haben, weil sie sich ständig entschuldi­gen müsste, wenn sie jemanden mit der Schwertscheide traf. Ein nicht unerwartetes Übel, dennoch lästig.
„Ziehen werdet Ihr die Klinge vorläufig nur wenn ich es sage. Auch stumpf kann das Rapier an­dere noch verletzen und solange Ihr nicht einigermaßen damit umgehen könnt, wärt Ihr eine Gefahr für Euch selbst und andere.‟ Auch hier keine Überraschung. „Doch auch wenn Ihr den Umgang mit dieser Waffe erlernt habt solltet Ihr nur dann blank ziehen, wenn ihr kämpfen müsst. Wann immer möglich solltet Ihr eine andere Lösung suchen.‟
Was denn, auch noch ein Vortrag? „Aeren, bitte. Mir ist kalt. Könntet Ihr mir nicht in der war­men Gaststube erklären, wann ich eine Waffe ziehen sollte und wann nicht?‟ Der inzwischen aufge­kommene Wind ging ihr durch Mark und Bein und machte es der jungen Frau schwer, ihren Lehrer nicht anzuschreien. Zu ihrer Verblüffung zeigte sich ein Lächeln auf dem glatten Gesicht des jungen Mannes.
„Euch ist kalt? Nun, dann wärmen wir uns auf. Wir laufen drei Runden um das Dorf. Los!‟ Mit diesen Worten drehte er sich um und begann in gemächlichem Tempo in Richtung Palisadenzaun zu laufen.
Damit hatte Saria nicht gerechnet und starrte dem Ordensritter zunächst entgeistert nach. Laufen? Mit diesem Ding an meiner Hüfte?
„Saria, jetzt!‟ rief ihr Lehrer über seine Schulter.
„Das darf doch nicht wahr sein!‟ Einen leisen Fluch unterdrückend legte Saria ihre linke Hand auf das Rapier und begann zu laufen. Rasch hatte sie Aeren eingeholt, doch anstatt nun langsamer laufen zu können erhöhte der Ordensritter sein Tempo und passte sich ihren Schritten an.
„Ihr macht das gut, dass Ihr die Waffe festhaltet. Es dauert bis man den richtigen Rhythmus fin­det, mit dem man sich nicht ständig selbst schlägt.‟ Saria würdigte ihn keiner Antwort.
Die erste Runde hielt die junge Hexe gut mit. Gegen Mitte der zweiten Runde, etwa in Höhe des rückwärtigen Tores, fiel es ihr allmählich schwerer, Aerens Tempo mitzuhalten. Eine derartige Blö­ße wollte sie sich an ihrem ersten Tag jedoch nicht geben, also sagte sie nichts und zwang sich wei­terhin einen Fuß vor den anderen zu setzen. Für den Rest der zweiten Runde war diese Vorgehens­weise ausreichend, auch noch für den Anfang der dritten. Dann aber ging es nicht mehr. In einem Moment der Unachtsamkeit rutschte Saria auf dem festgetretenen Schnee aus und schaffte es nicht rechtzeitig, sich abzufangen. Mit einem gedämpften Poltern schlug sie auf den Boden und wirbelte Schneestaub auf. Ihr Schmerzensschrei war jedoch keineswegs gedämpft. Sie war auf die linke Sei­te gefallen und hatte sich dabei das Heft des Rapiers in die Rippen gerammt. Zwar waren die voran­gegangenen Brüche verheilt, doch kam zu dem Schmerz noch die Angst, sich erneut die Knochen zu brechen.
Aeren kam schlitternd zum Stehen und sah sich um, was geschehen war. Umgehend spurtete er die wenigen Meter zurück und ließ sich neben seinem Schützling auf die Knie fallen. „Saria, seid Ihr verletzt? Was ist geschehen?“ Sein besorgter Tonfall besänftigte Saria ein wenig und sie ent­schied sich, nicht gleich alles hinzuschmeißen.
„Ich bin ausgerutscht,“ brachte die junge Frau schwer atmend hervor und drehte sich auf die rechte, unverletzte Seite. Die Kälte des Schnees drang ihr durch die Kleidung, doch es kümmerte sie nicht. Vorsichtig tastete sie mit der rechten Hand ihren linken Brustkorb ab, wo das Heft sie getrof­fen hatte. Zu ihrer unsagbaren Erleichterung begann der Schmerz bereits abzuklingen und es schien nichts gebrochen zu sein.
„Kommt, ich helfe Euch auf. Wenn Eure Kleidung durchnässt ist, könnte Euch das ebenso um­bringen wie ein Schwertstreich.“ Der Ordensritter hatte recht. Nun da sie darauf achtete, spürte sie die Feuchtigkeit unter sich und begann zu zittern.
„Ich … sollte mich wohl … umziehen.“ Gegen ihren Willen klapperten ihr die Zähne und sie be­gann, am ganzen Körper zu zittern. Fühlte es sich vorhin kalt an, war es jetzt eisig. Ohne auf den Ordensritter zu achten wandte die junge Hexe sich um und ging, die Arme eng um den eigenen Oberkörper geschlungen, raschen Schrittes auf das Gasthaus zu, in dem sie alle untergekommen waren. Betreten schweigend folgte Aeren ihr bis in den Schankraum, blieb dort jedoch unschlüssig stehen. Saria beachtete ihn nicht weiter, erklomm die Treppe nach oben und betrat ihr Zimmer.
Mit klammen Fingern streifte sie die nasse Kleidung ab und zog sich etwas trockenes an. Da ihr eine zweite Hose fehlte, zog sie wieder das rote Wollkleid an, welches sie am Morgen erst gegen die Hose getauscht hatte. Natürlich würde sich das Kleid umgehend vollsaugen, sollte sie in den Schnee fallen, doch die junge Frau hatte schon eine Idee, wie sich das verhindern ließe. Vorsichtig, um nichts im Zimmer umzustoßen, legte sie den Schwertgurt an und streifte auch wieder ihre Lederrüs­tung über. Die fühlte sich zwar kalt an, war jedoch nur äußerlich nass. So ausgerüstet ging sie mit entschlossener Miene wieder hinunter in den Schankraum.
Aerens Blick, als sie die Treppe herunter kam und an ihm vorbei rauschte, entschädigte sie bei­nahe für die Demütigung beim Laufen. „Kommt Ihr?“ rief sie ihm ohne langsamer zu werden über die Schulter hinweg zu. Der junge Ordensritter ließ sich nicht zweimal bitten und folgte ihr.
„Wo wollt Ihr denn hin, Saria?“
„In den Stall. Dort ist es trocken, es liegt kein Schnee und der Mittelgang sollte breit genug für die ersten Lektionen sein, meint Ihr nicht?“ Bevor ihr Begleiter antworten konnte betrat Saria den Stall und sah sich um. Zufrieden stellte sie fest, dass der Mittelgang tatsächlich breit genug war, um sich ungehindert bewegen zu können. Ein paar der Pferde sahen neugierig auf und blähten die Nüs­tern. Ihr Brauner trat einen Schritt nach vorn und reckte den Kopf aus seiner Box heraus. Die junge Frau tätschelte ihn am Hals, was er mit einem Schnauben quittierte.
„Später, mein Großer, erst muss ich noch etwas anderes machen.“ Sein Wiehern klang in ihren Ohren enttäuscht, doch da mussten sie jetzt beide durch.
„Nun ja, ausreichend Platz hätten wir hier wohl ...“ brachte Aeren endlich wieder ein paar Worte über die Lippen.
„Gut, dann lasst uns anfangen.“ Sie bewegte sich auf die Mitte des Ganges zu. „Aber lasst Euch nicht einfallen, mir Löcher in mein Kleid zu ritzen. Dann müsst Ihr mir ein neues bezahlen.“
Der junge Mann hatte einen so unerwartet dümmlich aussehenden Gesichtsausdruck, dass Saria beinahe laut gelacht hätte. „Ähm, natürlich,“ stammelte er. Dann räusperte er sich und begann mit seinen Unterweisungen.
An diesem Tag lernte Saria die Grundlagen des Fechtens und einfache Angriffs- und Abwehrfol­gen. Ihr Lehrer lobte mehrfach ihre schnelle Auffassungsgabe und ihr Geschick, betonte jedoch ebenso häufig, dass sie noch viel zu lernen habe und keinesfalls denken solle, sie sei schon bereit für einen echten Kampf. Dennoch war die junge Frau stolz darauf, dass sie nicht aufgegeben und damit den Ordensritter sogar überrascht hatte. Sein Lob hob ihre Stimmung umso mehr.
Da Aeren weiterhin Aufgaben für seinen Orden übernahm, trennten sie sich am frühen Nachmit­tag und machten aus, am nächsten Morgen fortzufahren. Saria nutzte das restliche Tageslicht, ihr Versprechen wahrzumachen und ritt aus. Laládi begleitete sie und während sie die winterliche Landschaft in der Nähe des Dorfes erkundeten, unterhielten sie sich über die Zusammenhänge zwi­schen Magie und Natur.
Am Abend gönnte die junge Hexe sich das heiße Bad, nach dem es ihr seit dem unfreiwilligen Sturz in den kalten Schnee verlangte.

Die folgenden Tage vergingen rasch und bald waren drei Wochen vorbei. Vormittags übte Aeren mit ihr und nachmittags ritt sie aus oder kämpfte mit den Dorfkindern in Schneeballschlachten um den Sieg. Abends und bei schlechtem Wetter lernte sie Zaubersprüche, die sie bei sich hatte. Um die Theorie in die Praxis umzusetzen, eigneten sich ihre Ausritte vorzüglich, besonders wenn sie allein war.
Ihre Magie zu üben war jedoch keineswegs der einzige Grund für Sarias Ausritte in die Wälder. Sie war auch auf der Suche nach einem geeigneten Ort, an dem sie zur Wintersonnenwende unge­stört feiern konnte. Es dauerte nicht lange, bis die junge Hexe fündig wurde: Eine kleine Lichtung, geschützt durch moosbewachsene Findlinge und in einer sanften Senke gelegen. Schon Tage vor der Sonnenwende begann Saria, Holz zu sammeln und aufzuschichten. Während der Nacht würde sie keine Zeit haben, Holz nachzulegen, also musste der Haufen groß sein. Als das Holz etwa einen Schritt auf einen Schritt lag und sich knapp zwei Schritt auftürmte war die Hexe in ihr zufrieden. Das würde reichen, sie war immerhin allein.

Am Abend vor der Wintersonnenwende saßen die Gefährten zusammen mit Aeren, der inzwi­schen jeden Abend mit ihnen verbrachte, im Gasthaus und unterhielten sich über den Tag. Saria hat­te sich zurückgelehnt und genoss die wohlige Wärme des Kaminfeuers während sie in Gedanken zum wiederholten Male durchspielte, wie sie sich in der darauffolgenden Nacht aus dem Dorf schleichen würde.
„Werdet ihr morgen Abend alle zur Sonnwendfeier kommen? Da ihr zur Zeit ein Teil des Dorfes seid, wäre es eine Beleidigung abzulehnen.“ Der junge Ordensritter lächelte in die Runde.
Sonnwendfeier? Im Dorf? Saria riss die Augen auf. Wovon sprach Aeren da? In den letzten Ta­gen war sie entweder beim Training im Stall oder im Wald gewesen, so dass sie nicht viel vom Dor­fleben mitbekommen hatte. Aber die Vorbereitungen für ein derartiges Ereignis hätte sie doch be­stimmt nicht übersehen!
„Aber natürlich kommen wir!“ rief Aril erfreut und laut genug, dass man ihn gewiss noch vor der geschlossenen Tür der Schankstube verstehen konnte. „Das lassen wir nicht aus, nicht wahr?“ Mit einem breiten Grinsen schaute er in die Runde.
„Wir kommen gern,“ sagte Laládi mit einem leichten Lächeln. Hamadi nickte und selbst Durin brummte zustimmend.
„Saria, Du doch auch, oder?“ Arils blaue Augen sahen sie an und in diesem Moment hasste Saria die darin leuchtende Hoffnung.
„Ja … natürlich,“ stammelte sie und rang sich ein Lächeln ab. Die Aufmerksamkeit des Barbaren hatte sich jedoch schon wieder Aeren zugewandt, so dass er von ihrer misslichen Lage keine Notiz nahm. Einzig der Schamane schien etwas zu bemerken, doch wandte er sich ab, sobald Saria zu ihm hinüber blickte. Nun gut. Dann würde sie sich eben auf der Feier zeigen und im allgemeinen Trubel verschwinden. Vielleicht half ihr die Ablenkung sogar.

Am nächsten Tag bereiteten alle das Fest vor, jeder half dort, wo er helfen konnte. Feuerholz wurde auf dem Dorfplatz aufgeschichtet, Essen wurde vorbereitet und Stände errichtet, an denen es zusammen mit heißen Getränken verteilt werden würde. Sogar die Kinder halfen mit, mit denen Sa­ria ihre Schneeballschlachten ausgetragen hatte. Die junge Hexe verbannte alle Gedanken an ihre eigene Feier aus ihrem Kopf. Darüber nachzudenken hatte keinen Sinn und auf diese Weise hatte sie die Möglichkeit, mit den anderen während der Arbeit zu Scherzen.
Die Vorbereitungen dauerten bis in den Nachmittag hinein. Als es nichts mehr zu tun gab, forder­ten ein paar unermüdliche Kinder Saria auf, noch ein paar Schneebälle mit ihnen zu werfen. La­chend willigte sie ein und fand sich kurze Zeit später vor den Toren des Palisadenzauns in einem Kleinkrieg wieder. Neben den Kindern machten diesmal auch mehrere Jugendliche und sogar ein paar junge Erwachsene wie sie selbst mit. Hastig wurden Schutzmauern errichtet, Bunker gegraben und natürlich Schneebälle geworfen.
Es dauerte nicht lange bis einige Zuschauer am Rand des Schlachtfeldes standen und Kinder und Freunde anfeuerten. Für den heutigen Tag war die Arbeit getan und ein Fest stand bevor. Niemand wollte sich ein wenig Spaß entgehen lassen. Saria entdeckte Aril unter den Zuschauern. Da er alle überragte war er nicht schwer auszumachen. Sein Blick schweifte suchend über die Spieler, er hielt wohl nach ihr Ausschau. Rasch duckte die junge Frau sich hinter einen Schneehaufen und grinste schelmisch. Er wollte ihr bei einer Schneeballschlacht zusehen? Nun, dann sollte er in der ersten Reihe stehen! Saria formte einen Schneeball und lief gebückt, die Deckung durch Schneemauern und das allgemeine Durcheinander nutzend, auf den Barbaren zu. Nur wenige Meter von ihm ent­fernt richtete sie sich mit einem Triumphschrei auf und schickte den Schneeball los. Aufgrund der Eile hatte sie sich ein wenig verschätzt und traf Aril statt wie beabsichtigt an der Brust an der Stirn. Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund. Sie wusste, dass ein Stein im Schnee oder auch nur ein wenig Eis durchaus zu einer Verletzung führen konnte. Deshalb achtete sie sonst immer darauf, auf den Körper zu werfen, wo die dicke Winterkleidung Schutz bot. Doch der Barbar schien nicht verletzt zu sein. Der überraschte Blick, den er ihr zuwarf, erinnerte sie stark an ein naives Bärenjun­ges. Neben Aril stand Laládi, deren sonst so kontrollierte Gesichtszüge für den Augenblick ebenso verdutzt wirkten wie die des Hünen rechts von ihr. Saria konnte nicht anders und begann zu Ki­chern.
„Na warte!“ Für seine Größe überraschend schnell ging Aril in die Hocke und griff in den Schnee. „Jetzt zeig ich Dir mal, wie man Schneebälle wirft.“
„Ha!“ Saria lachte auf und drehte sich um. Haken schlagend lief sie davon, suchte Deckung hin­ter allem und jedem. Dennoch spürte sie, wie sie ein Schneeball am Rücken traf. Schlitternd blieb sie stehen und holte zum Gegenschlag aus. Aril war ihr gefolgt und nicht weit hinter ihr, warf sich jedoch geschickt zur Seite, als ihr kaltes Wurfgeschoss auf ihn zuraste. Zu seinem Pech hatte die junge Hexe aber Übung und warf gleich noch eine kleine Schneekugel, die ihr Ziel fand – diesmal tatsächlich den Oberkörper des Barbaren. Der gab sich nicht geschlagen und warf noch aus dem Liegen heraus zurück. Zum ersten Mal fragte Saria sich, ob Aril vielleicht sogar jünger war als sie selbst. Um lange zu überlegen ließ er ihr jedoch keine Zeit. Zwischen den beiden entbrannte eine Hetzjagd von einem Ende zum anderen des Schlachtfeldes und wieder zurück. Schneebälle flogen und trafen, nicht nur vom jeweils anderen sondern auch von den Kindern und Jugendlichen um sie herum. Von Zeit zu Zeit antworteten sie diesen mit eigenen Geschossen, was zu einem noch größeren Chaos führte, als schon zuvor geherrscht hatte.
Irgendwann achtete Saria einen Moment lang nicht auf Aril und wehrte sich gegen eine Gruppe von drei Kindern, die sie von früheren Schneeballschlachten kannte. Plötzlich tauchte der Barbar neben ihr auf und warf sich zusammen mit der Hexe in den Schnee. Sie landete mal wieder auf der linken Seite, hatte aber vor der Schneeballschlacht ihr Rapier beiseitegelegt, um die Kinder nicht versehentlich zu verletzen. Der Schnee war weich genug, dass es nicht schmerzte.
Kurz darauf schrie sie doch auf, nicht vor Schmerz sondern vor Kälte. Aril hatte begonnen sie mit Schnee einzureiben und sowie der unter die Kleidung gelangte war er unglaubich kalt.
„Nein! Nicht!“ Lachend versuchte sie sich zu wehren, seine Hände davon abzuhalten, noch mehr Kälte in ihren Kragen zu stopfen. Der Barbar war zu stark für sie. Eine seiner Hände konnte sie fest­halten, jedoch nur, wenn sie beide Arme benutzte. Dann war Arils zweite Hand frei und er konnte sie ungehindert nutzen.
„Also gut, ich gebe auf, ich gebe auf!“ rief sie und ließ seinen Arm los. Der Hüne hörte dankens­werterweise auf sie und ließ den Schnee, den er schon wieder in seiner riesigen Pranke hatte, fallen.
„Du gibst also zu, dass ich besser bin?“ neckte er sie schwer atmend.
Die Hexe antwortete zunächst nicht, da sie selbst kaum noch Luft bekam. Dann wandte sie Aril den Kopf zu und lächelte ihn schelmisch an. „Na ja, ich habe Dich gewinnen lassen.“ Sie zwinkerte ihm zu und kam stöhnend auf die Beine. „Und jetzt brauche ich dringend ein heißes Bad. Wir sehen uns nachher auf der Feier.“ Zitternd ging sie zurück ins Gasthaus und ließ sich das angesprochene heiße Bad bereiten.

Am Abend bemühte Saria sich, von allen einmal gesehen zu werden, plauderte mit vielen Müt­tern, deren Kinder sie kannten und ansprachen. Peinlich achtete sie darauf, nie allein mit Aril zu sein. Während sie im heißen Wasser entspannt hatte, hatte sie auch Zeit gehabt nachzudenken und sich entschieden, dem Barbar keine Hoffnungen machen zu wollen. So süß er auch manchmal wirk­te, er war ein Wilder. Das durfte sie einfach nicht vergessen. Sie musste sich nur seine Berserkerna­tur vor Augen führen. Die Erinnerung an seinen Gesichtsausdruck ließ sie frösteln. Laládis Warnung hatte Saria ebenfalls nicht vergessen. Ein wenig erwartete sie ohnehin noch ein Gespräch mit der Elfe über diesen Nachmittag.
Als ein paar Stunden nach Einbruch der Dunkelheit die Kinder gegen deren Willen ins Bett ge­bracht wurden, half Saria den Müttern. Es war wie erhofft eine gute Gelegenheit sich unauffällig von der Feier fortzustehlen. Im Stall band sie ihrem Pferd rasch Lappen um die Hufe, um seine Schritte zu dämpfen. Da es auf dem Fest recht laut zuging, war dies vermutlich eine unnötige Vor­sichtsmaßnahme, doch die junge Hexe wollte sicher gehen.
Die Lichtung im Wald erreichte sie kurz vor Mitternacht, doch es blieb noch genug Zeit. Sie band ihr Pferd ein gutes Stück entfernt von dem Holzhaufen an einen Baum und deckte es sorgfältig ab. Nachdem der Hengst versorgt war trat Saria vor das Holz. Mit geschlossenen Augen atmete sie ein paar mal tief durch.
Ignem fače.“ Auf ihrem rechten Zeigefinger erschien eine kleine Flamme. Sie streckte die Hand aus und berührte mit dem Finger das Holz. Da es feucht war entzündete es sich nicht. Das hatte Sa­ria erwartet und ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Sie konzentrierte sich auf die kleine Flamme und auf sich selbst. Alles um sich herum blendete sie aus. Die Lichtung gab es nicht mehr, die Sterne und der Mond über ihr waren verschwunden. Es existierten nur sie, die Flamme auf ih­rem Finger und das Holz. Und ihre Magie. Ein Kribbeln fuhr über ihre Haut, feinste Härchen stell­ten sich elektrisiert auf. Sie kanalisierte ihre Magie, lenkte sie ihren Arm hinab und in die Flamme, in das Holz. Ihr Pferd wieherte, doch sie nahm es kaum wahr. Saria speiste die Flamme bis sie anschwoll und sich auf das Holz ausbreitete. Doch damit nicht genug. Noch mehr Energie floss von ihr in das Feuer, bis es hoch und hell brannte. Während dieser Prozedur war die junge Hexe Schritt um Schritt rückwärts gegangen, um nicht durch die Hitze verbrannt zu werden. Nach mehreren Minuten war sie fertig, erschöpft und doch voller Tatandrang. Dies war nur der erste Teil des Rituals. Das Holz war nötig, um das Feuer in Gang zu bringen, doch nun wurde es von Magie genährt, ihrer Magie. Sie hatte ihre Kräfte nahezu vollständig erschöpft, sie hineingepumpt in die Flammen. Das machte jedoch nichts, denn in dieser Nacht würde sie diese Kräfte nicht mehr benötigen. Nun musste sie dafür sorgen, dass der Fluss der Energien bestehen blieb. Das war der Teil des Rituals, der ihr schon als Jugendliche Freude bereitet hatte, als sie das erste Mal an der Durchführung des Sonnenwendrituals teilgenommen hatte. Ohne zu zögern legte sie ihre Kleidung ab. Das Feuer strahlte ausreichend Hitze ab, dass sie nicht fror. Sie begann zu tanzen. Die erhitzte Luft floss über ihre Haut, streichelte ihren Körper. Sie brauchte einige Herzschläge, bis sie den richtigen Rhythmus fand. Dann aber schoss die Magie der Umgebung durch ihren Körper und nährte die Flammen. Dieses Gefühl war mit nichts zu vergleichen. Das Kribbeln der Energien auf ihrer Haut, die tiefe Zufriedenheit, das Eins-sein mit der Natur. Saria konnte nicht anders sie lächelte. Sie lächelte und tanzte, tanzte, tanzte.
Die leuchtenden Augen, die sie beobachteten, bemerkte sie nicht.

© Ben Grauh, 23.12.2013
ben.grauh@gmail.com

Sonntag, 10. November 2013

Abschied

Eigentlich wollte ich hier etwas darüber schreiben, dass ich nun nach einem Jahr Arbeit wieder arbeitslos bin. Etwas bewegendes.

Doch jetzt sitze ich hier vor dem Bildschirm und mir wollen die Worte nicht einfallen.

Ist es schön gewesen bei meiner Arbeit? Ja, manchmal. Teilweise aber eben auch nicht. Lustig war es oft, zumindest erinnere ich mich an die Momente, in denen ich lachen konnte. Also war es insgesamt vielleicht doch eher schön.

Fehlen werden mir auf jeden Fall einige Kolleginnen und Kollegen, die - sofern sie es nicht tatsächlich sind - nahe an Freunde herankommen. An meinem letzten Tag gab es viel Händeschütteln und von den Damen wurde ich teilweise zu meiner Überraschung herzlich gedrückt. Viele gute Wünsche wurden mir mitgegeben und bei ein paar meine ich gesehen zu haben, dass sie es durchaus begrüßt hätten, hätte ich noch nicht gehen müssen.

Das hatte ich noch gar nicht erwähnt: Ich gehe nicht freiwillig. Beklagt habe ich mich gerne hin und wieder, doch wirklich von dort weg wollte ich nicht. Irgendwann einmal schon, es war kein Job fürs Leben. Aber ein wenig länger wäre ich schon gerne geblieben.

Macht es gut Kollegen - ich hoffe, wir sehen uns bald wieder!

Sonntag, 15. September 2013

Bezirks- und Landtagswahlen Bayern 2013

Ich komme gerade von der ersten Wahl dieses Jahr und muss sagen, ich hatte bisher nie das Gefühl, so wenig informiert zu sein. Es ist nicht so, dass ich nicht das Internet bemüht, nicht Zeitung gelesen oder Radio gehört hätte. Dennoch schien mir etwas zu fehlen. Die vielen Wahlplakate, die gefühlt an jedem zweiten Laternenmast hängen, enthalten ja leider nur die Information "Wählt mich/uns!" Inhaltlich sagen sie wenig bis gar nichts aus. Keine besondere Entscheidungshilfe...
Dementsprechend ist mein Gefühl bezüglich der Wahl ein wenig geistiges Unwohlsein. Wirklich falsch gewählt habe ich meiner Meinung nach wohl nicht, aber der fade Beigeschmack bleibt. Vielleicht wird das nächste Woche bei der Bundestagswahl besser, auch wenn ich noch nicht entschieden habe, wen ich wählen werde.

Viele Grüße,

Ben Grauh

ben.grauh@gmail.com

Sonntag, 8. September 2013

Saria (Teil 8)

Mir wurde vor kurzem gesagt, die Teile wären zu lang und schwer zu lesen, da das Format nicht internetgerecht sei.
Ich gebe zu, es ist für einen normalen Blog viel auf einmal und internetgerecht ist es in dem Sinne wohl auch nicht. Das soll es aber auch gar nicht sein. Das hier ist einfach nur als Möglichkeit gedacht, zu veröffentlichen was ich schreibe. Es ging vielleicht auch zwischenzeitlich ein wenig unter, aber ich biete nach wie vor jedem an, die Teile als PDF-Datei per E-Mail zu verschicken. Eine kurze Mail an ben.grauh@gmail.com genügt. :)




Saria Arberdan (Teil 8)


An diesem Abend ging Saria früh zu Bett. Im Gasthaus waren viele Zimmer frei gewesen und da die Dorfbewohner den Freunden dankbar für Ihre Hilfe gegen die Orks waren, wohnte nun jeder von ihnen kostenlos in einem eigenen kleinen Raum. Es waren typische Gasthausquartiere, in die kaum mehr als ein Bett, eine verschließbare Truhe und ein winziger Tisch mit einem Stuhl passten. Die Kabine auf der Eule war geräumiger gewesen, doch die junge Frau wollte sich nicht beklagen. Immerhin konnte sie die Tür mit einem Riegel schließen und – sollte sie dazu einen Grund sehen – den Eingang zusätzlich mit dem Bett verbarrikadieren. Bis jetzt erschien ihr der Riegel jedoch für ausreichend. Den Kopf voller Gedanken schob sie das stabile Holzstück in den metallenen Halte­ring im Türrahmen. Er würde niemanden davon abhalten, die Tür mit Gewalt zu öffnen, doch wäre das splitternde Holz laut genug, um sie zu wecken. Was mache ich, wenn Aril tatsächlich ein Ber­serker ist, fragte sie sich, während sie sich vorsichtig das Kleid abstreifte. Das leichte Stechen in ihrem Brustkorb erinnerte sie beständig an die angebrochenen Rippen. Das wird gewiss keine ange­nehme Unterhaltung morgen.

Der nächste Tag begann neblig und kalt. Gerne wäre Saria im Bett geblieben und hätte sich unter die warme Schaffelldecke gekuschelt. Doch es half nichts, das Unvermeidliche hinauszuschieben. Also stand sie auf und wusch sich nur ganz kurz mit dem eiskalten Wasser aus der Schüssel auf ih­rem Tisch. Ein paar Tropfen davon ins Gesicht und sie war sofort hellwach. Da sie am Vortag nicht schmutzig geworden war, reichte ihr das auch durchaus. Wenn das Zittern nur nicht so schmerzhaft durch ihren Brustkorb fahren würde! Die Hexe biss die Zähne zusammen und stieg in ihr Wollkleid. Natürlich war es ebenso kalt wie das Zimmer und es dauerte einen Moment bis es begann sie zu wärmen. Einen Wärmezauber zu lernen würde nach dem Gespräch mit Aril die höchste Priorität er­halten!
Obwohl es noch recht früh war fand sie ihre Freunde schon im Gastraum beim Frühstück vor. Es gab frisches Brot mit Aufstrich und einen heißen Tee. Das Wasser war fast noch kochend heiß, als die Schankmagd ihr die Tasse mit dem Kräutergetränk reichte. Beinahe hätte Saria sich die Zunge verbrannt, so sehr sehnte sie sich nach etwas Wärme.
„Vorsicht, sonst verbrennst Du von innen heraus.“ Aril grinste wie ein kleiner Junge, dem man seine Lieblingssüßigkeit schenkte.
Danke für die rechtzeitige Warnung, Aril,“ knurrte Saria. „Vielleicht werde ich Dir das nächste Mal erst einen Schluck in den Schoß kippen um zu sehen, ob es noch heiß ist.“ Laládi zog leicht eine Braue hoch und sah sie fragend an. „Entschuldige. Wegen der Kälte hatte ich gezittert und das tat weh.“
„Vielleicht solltest Du ein warmes Bad nehmen,“ schlug Durin vor.
„Nein, ich kann doch nicht jeden Tag ein heißes Bad nehmen. Damit würde ich die Gastfreund­schaft der Menschen hier überstrapazieren.“
„Du kannst ja dafür bezahlen.“ Damit hatte der Zwerg natürlich recht. Wenn sie für zusätzliche Aufwendungen bezahlte, konnte sie diese wohl so oft in Anspruch nehmen wie sie wollte. Da sie nichts für die Unterkunft zahlten, hatte Saria das Geld dafür. Sie entschloss sich, später darüber nachzudenken.
Aril, ich habe gestern Abend einen der hiesigen Ordensritter des Rontó kennengelernt, der Dich gerne gesprochen hätte. Er hat Dich kämpfen sehen und möchte darüber mit Dir sprechen. Sein Name ist Aeren.“
Der Barbar runzelte fragend die Stirn. Irgendwie, fand Saria, gab ihm das das Aussehen eines Bä­renjungen. „Hat dieser Aeren gesagt, was er mit mir besprechen möchte?“
„Nein, nicht genau. Aber er schlug vor, dass ich dabei sein sollte.“ Das hatte die erhoffte Wir­kung. Arils Miene hellte sich schlagartig auf.
„Dann gerne! Wann will er uns treffen?“
Er hat keinen Zeitpunkt genannt. Tagsüber sei er im Dorf zu finden und Abends im Ordenshaus. Ich schlage vor, wir suchen ihn nach dem Frühstück, bevor Du wieder beim Aufbau des Dorfes hilfst.“ Aril zeigte nickend sein Einverständnis.

Sie fanden Aeren beim Palisadenzaun. Dieser war nun schon nahezu vollständig wiederherge­stellt und würde am heutigen Tage fertig werden. Anschließend würde man sich um die Häuser kümmern, die durch das Feuer der Orks beschädigt worden waren. In ein paar Tagen würde nur noch das neue, hellere Holz von dem Angriff zeugen. Der junge Ordensritter half tatkräftig mit, wo­bei er seine volle Rüstung trug. Zu anderen Gelegenheiten hätte das Saria innerhalb eines Schutz­zaunes für übertrieben empfunden, hielt es jetzt aber für eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme. Ihre Freunde trugen ebenfalls ihre Rüstungen und sie selbst verzichtete nur auf das gehärtete Leder, weil es bei manchen Bewegungen zu schmerzhaft auf die lädierten Rippen drückte.
Guten Morgen, Lady Saria‟ grüßte Aeren als er die Gruppe sah. Mit Leichtigkeit und Eleganz sprang er vom Zaun und landete auf dem harten Boden. „Und Ihr seid Aril nicht wahr? Mein Name ist Aeren, Ordensritter des Rontó.‟ Er wandte sich dem gut einen Kopf größeren Barbaren zu. Wie­der fiel Saria auf, wie jung der Ritter wirkte. Neben ihrem Freund beinahe wie ein Kind.
Aerens Hand verschwand beinahe in Arils Pranke als beide sich die Hände reichten und mit kräf­tigem Druck den anderen abschätzten. Als nach mehreren Augenblicken keiner der beiden nachge­ben wollte, wurde es der junge Frau zu dumm.
„Wenn Ihr nicht sofort damit aufhört, werde ich gehen und ihr könnt euch alleine unterhalten.‟ Ihre Stimme war nicht unhöflich, darauf achtete sie, ließ aber auch keinen Zweifel an ihrer Ent­schlossenheit zu. Wenn die Männer ihre Kräfte messen wollten, brauchte sie nicht daneben zu ste­hen. Dazu war es an diesem Morgen gewiss zu kalt. Und kindisch war es außerdem.
Zu Sarias Verblüffung ließ Aril sogar als erster los und trat einen halben Schritt zurück. Das wird allmählich unheimlich, überlegte sie. Irgendwie war es gleichzeitig schmeichelnd und unangenehm, dass ihr hünenhafter Freund so widerstandslos auf jedes ihrer Worte hörte. Erleichtert bemerkte sie, dass der junge Ordensritter Aril in nichts nachstand und ebenfalls die Hand senkte und ein wenig zurücktrat. Täuschte sie sich oder erschien da sogar ein leicht rötlicher Schimmer auf seinen Wan­gen?
„Nun, Aril, wie Lady Saria sicher schon erwähnte, möchte ich mit Euch über den Kampf mit den Orks sprechen.‟
„Ganz recht, das hat sie. Soll ich Euch beibringen, wie man mit einer Axt kämpft?‟
Der junge Mann lächelte. „Nein, aber ich danke Euch für das Angebot. Doch lasst uns in das Gasthaus gehen, hier draußen ist es kalt und es gibt nichts zu trinken.‟ Aril grinste und drehte sich in die Richtung, aus der sie vor wenigen Minuten erst gekommen waren.
„Lady Saria...‟
„Bitte hört auf, mich Lady zu nennen!‟ fiel Saria Aeren ins Wort. „Ich bin gewiss eine Frau, aber ebenso gewiss keine Lady. 'Saria' genügt.‟ Freundlich lächelnd hakte sie sich bei dem Ordensritter, der sie nur um wenige Finger überragte, unter. „Lasst uns ins Warme zurückkehren.‟

Zurück im Roter Eber – so hieß das einzige Gasthaus des Dorfes – ließ Saria sich wieder auf den Platz nahe des Kamins nieder, den sie schon vor ein paar Tagen als ihren Lieblingsplatz hier auser­koren hatte. Es war gemütlich warm und sie hatte den Großteil des Schankraumes inklusive der Tür im Blick. Nur die Treppe nach oben befand sich nicht in ihrem Sichtfeld, doch da außer ihren Freunden und ihr selbst niemand im Gasthaus Quartier bezogen hatte, war das kein Nachteil.
Die Schankmagd, die Saria tags zuvor schon bedient hatte, brachte ihnen rasch die bestellten Ge­tränke: Einen Kräutertee für Saria, Wein für Aeren und Bier für Aril. Die junge Hexe fragte sich, warum Krieger schon zu so früher Stunde Alkohol tranken. Es konnte doch nicht in deren Sinne sein, ihre Reflexe zu verlangsamen.
„Nun, Aril, wie erwähnt möchte ich mit Euch über den Kampf mit den Orks sprechen,“ begann Aeren. „Genauer gesagt über den Teil, als Ihr Saria so heldenhaft beiseite standet. Ihr habt mit viel Elan gekämpft.“
Saria beobachtete bei diesen Worten ihren Freund. Worauf der junge Ordensritter hinaus wollte, wusste sie bereits. Deshalb erschien es ihr ratsam, auf die Reaktion des Barbaren zu achten, um not­falls eingreifen zu können. Aril schien jedoch eher verlegen als wütend zu werden. Solange Aeren ihn nicht zu sehr bedrängte, würde die Hexe sich nicht in das Gespräch einmischen.
„Nun, ja. Manchmal kämpfe ich sehr … instinktiv.“
Sein Gegenüber nickte. „Und wenn Ihr so instinktiv kämpft, seid Ihr dann noch Herr über Eure Taten?“
Mit fliegenden Haaren wandte die junge Frau ihren Kopf Aeren zu und riss die Augen auf. Wie konnte er nur so direkt fragen? Jung oder nicht, wenn er Ordensritter war sollte er wissen, dass man bei derart delikaten Themen nicht mit der Tür ins Haus fiel. Wenn Aril ihm jetzt den Schädel ein­schlug, hätte er es beinahe verdient. Der Hüne überraschte sie jedoch.
„Nein,“ gab er seufzend zu. „Wenn die Wut mich packt – so nennt mein Volk diese Art zu kämp­fen –, dann ist es schwer noch bewusst zu handeln. Aber ich habe noch nie einen Freund angegrif­fen! Immer nur Feine.“
Erneut ruckte Sarias Kopf herum und Aril bekam als zweiter Mann in kurzer Zeit einen ungläu­bigen Blick zugeworfen. Weshalb bin ich eigentlich hier? fragte sie sich.
Auch diesmal nickte Aeren. „Möglicherweise kann ich Euch helfen, die Wut unter Kontrolle zu bekommen, sofern Ihr dies wünscht. Aber es wäre ein langes und hartes Training des Geistes not­wendig. Und ich kann Euch nicht versprechen, dass es hilft.“ Offen und freundlich blickte der Or­densritter die Freunde an. Im Geiste beschwor Saria ihren Weggefährten, das Angebot anzunehmen. Zumindest über den Winter während sie ohnehin nicht viel machen könnten.
Aril schien ernsthaft zu überlegen und streckte anschließend dem braunhaarigen Krieger die Hand hin. „Abgemacht. Ihr zeigt mir, wie ich die Wut beherrsche und ich zeige Euch, wie man mit einer Axt kämpft!“ Zu Sarias Erleichterung schlug Aeren nach kurzem Zögern ein.
„Ich werde wohl nie eine Axt wie Ihr führen, Aril, doch das hindert mich nicht daran, es zu ler­nen.“ Grinsend schüttelte er die Hand des Barbaren. „So, nun werde ich zunächst wieder bei den Aufbauarbeiten helfen. Ich bitte Euch, Aril, dies ebenfalls zu tun. Neben dem geistigen Training ist körperliche Arbeit von Vorteil, da Ihr dann weniger leicht zum Berserker werdet, sollte Euch mein Training frustrieren.“
Aril lachte lautstark. „Gut gesagt, Ordensritter! Dann werde ich Euch helfen. Bis heute Abend, Saria.“
In Gedanken versunken lächelte die junge Frau den großen Mann nur an als er ging.

Gut zwei Wochen später waren alle Spuren des Orkangriffs verschwunden. Zum Teil lag das dar­an, dass alle Reparaturen erledigt waren. Teilweise aber auch daran, dass es angefangen hatte zu schneien. Ein dünner, aber beständig dicker werdender Teppich Weiß bedeckte nahezu alle Flächen in und um das Dorf. Ein paar Wege waren durch die Fußspuren der Dorfbewohner frei getreten, doch würden wohl auch diese nicht mehr allzu lange verschont bleiben.
Saria wurde schon jetzt langweilig. Durch ihre Rippenverletzung hatte sie ohnehin nicht arbeiten können, also hatte sie sich auf das Lernen und Studieren neuer Zaubersprüche konzentriert. Da sie aber fürchten musste als Hexe entlarvt zu werden, sollte sie üben, hatte sie bald eine Grenze des Machbaren erreicht, die sie nicht überschreiten wollte. Zu ihrem Leidwesen bedeutete dies, dass sie wenig Beschäftigung hatte. Der hiesige Rontó-Orden hatte zwar eine kleine Bibliothek, doch auch dort fand sie nicht viel, um sich abzulenken. Die meisten Texte waren Glaubensabschriften und da­mit für sie nicht von Belang. Die wenigen Bücher und Schriftrollen, die nicht von Rontó, seinen Geschwistern oder dem Orden selbst handelten, kannte sie bereits. Auch hielt der Bibliothekar die in seine Obhut übergebenen Schriftstücke gut in Schuss, so dass sie sich nicht einmal mit der Ab­schrift zerfallender Werke beschäftigen konnte. Wenn nicht bald etwas interessantes geschah, würde sie die Entdeckung als Hexe doch noch in Kauf nehmen.
Während die junge Frau mit leidlicher guter Laune durch das Dorf lief, traf sie ohne Vorwarnung etwas im Rücken. Nicht stark oder gar schmerzhaft, jedoch deutlich genug. Sie drehte sich um und sah sich einer Gruppe Kinder und Jugendlicher gegenüber. Manche hatten Schneebälle in der Hand. Einer der Jungen, ein Knabe von elf oder zwölf Sommern, trat verlegen nach vorne.
„Verzeiht bitte, ich hatte nicht Euch treffen wollen. Ich hatte auf Niven gezielt und der hat sich geduckt.“ Er deutete auf einen der anderen Jungen, der kleiner als er war.
Natürlich, ein Schneeball. Hätte sie nicht so krampfhaft überlegt, was sie tun könnte, hätte sie die spielenden Kinder viel früher bemerkt. Früher hatte sie auch erbitterte Schneeballschlachten gegen Danielle ausgefochten. Sie trat einen Schritt auf die Gruppe zu. „Euch fehlt ein Mitspieler, ihr seid zu neunt.“ Unsicher nickten die Kinder. „Auf welcher Seite fehlt euch jemand?“
Wenige Minuten später focht die junge Frau seit langem wieder eine Schlacht mit Schneebällen und hatte viel Spaß dabei. Zunächst waren die Kinder etwas zurückhaltend ihr gegenüber, doch bald wurde sie in keiner Weise mehr verschont und ebenso ungnädig unter Beschuss genommen wie alle anderen.
Als bei einbrechender Dunkelheit die Kinder von ihren Eltern nach Hause geholt wurden, war Saria ziemlich erschöpft. Die Kinder hatten ihr viel abverlangt, doch sie wusste, sie würde es mor­gen wieder mit ihnen aufnehmen, wenn es dazu kam. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie sie zitterte. Der Schnee hatte ihre Kleider durchnässt.
„Mir scheint, die junge Hexe ist noch nicht so erwachsen, wie sie sich benimmt,“ brummte je­mand mit tiefer Stimme hinter ihr.
Erschrocken drehte Saria sich um und sah Durin und Laládi mit einem Schmunzeln auf den Lip­pen vor sich stehen. „Habt … habt ihr...“
„Ja, wir haben Dich mit den Kindern spielen sehen,“ antworte ihr die Elfe mit ihrer glockenhel­len Stimme. „Und ich freue mich zu sehen, dass es Dir wieder gut geht.“
„Ja. Aber bitte, Durin, erwähne es hier im im Dorf nicht laut, dass ich eine Hexe bin. Wer weiß, ob mich die Bewohner dann nicht auf einen Scheiterhaufen bringen wollen.“
„Hrm. Sollen sie es doch versuchen,“ murmelte der Zwerg. „Aril würde jeden köpfen, der dem Scheiterhaufen zu nahe kommt.“ Die junge Frau spürte, wie ihre Wangen warm wurden. „Keine Angst, soweit wird es nicht kommen. Aber Du brauchst offensichtlich dringend eine Beschäfti­gung.“
„Aber erst nach einem heißen Bad!“ fiel Laládi ihm ins Wort. Überraschenderweise beschwerte Durin sich mit nicht mehr als einem verstimmten Blick darüber. „Komm, Saria, Du zitterst so stark, dass ich es fast hören kann.“

Nach dem heißen Bad, das viel zu schnell vorüber ging, saßen die Gefährten erneut im Schan­kraum und aßen zu Abend. Aeren hatte sich ihnen angeschlossen, da er noch ein wenig mit Aril über Kampftechniken sprechen wollte. Freundlicherweise hielt er sich mit diesem Thema während des Essens zurück. Später, als sie alle satt waren und nur noch ihre Getränke vor sich stehen hatten, de­battierten sie Vor- und Nachteile verschiedener Waffen und Kampfstile. Durin beteiligte sich bald bei den Themen Axt- und Faustkampf, wobei keiner der drei Fußtritte ausschloss.
„Laládi ist eine gute Schwertkämpferin, aber Saria scheint ihre Waffe noch nicht gefunden zu ha­ben.“
Die Angesprochene blickte auf. „Was? Aber...“
„Nein, Durin hat recht. Du solltest lernen, mit einer richtigen Waffe umzugehen. Der Dolch und der Stock werden Dir wenig helfen.“
Stock? Dieser Barbar wagte es, ihren Hexenstab als Stock zu bezeichnen?
„Ein Rapier wäre eine gute Waffe für eine Dame, denke ich,“ mischte sich nun auch Aeren ein. „Das beherrsche ich und könnte es Euch beibringen, wenn Ihr wünscht, Saria.“
Die Hexe ließ die Schultern geschlagen sinken. „Das habt ihr schon fest beschlossen, habe ich recht?“ Alle Anwesenden nickten, sogar Laládi, von der Saria am ehesten Hilfe erwartet hätte. „Also gut, dann lerne ich eben, mit einem Rapier umzugehen. Aber beschwert euch nicht, wenn ich irgendwen dabei steche.“ Ihre Freunde lachten und erklärten, dass sie es nur gut mit ihr meinten und dass es sicher hilfreich für alle wäre, wenn die junge Frau mit einer entsprechenden Waffe umgehen könne. Das Thema Magie ließen sie aufgrund der Anwesenheit Aerens außen vor. Saria wusste, dass es nicht schaden würde. Zudem hatte sie dann eine Beschäftigung, wenn die Kinder gerade nicht mit ihr eine Schneeballschlacht ausfochten.


© Ben Grauh, 08.09.2013
ben.grauh@gmail.com


Sonntag, 16. Juni 2013

Saria

Saria Arberdan (Teil 7)


Die fremdartigen Schreie der Orks brandeten der jungen Hexe entgegen wie die See bei Sturm gegen eine Klippe. Das Kreischen und Quieken schmerzte in den Ohren. Einzelne Worte konnte Sa­ria nicht heraushören und selbst wenn es ihr möglich gewesen wäre, so hätte sie doch nichts der kehligen Sprache verstanden. Ohnehin war es ihr gleichgültig, was diese grünhäutigen Wesen von sich gaben. Im Moment zählte nur, dass sie ihrem Freund half bevor seine Gegner ihn überwältigen konnten. Die hinterste Reihe der Angreifer des Dorfes flog der jungen Frau auf dem Pferd geradezu entgegen, obwohl diese kaum mehr taten als sich zu ihr umzudrehen. Als die Orks ihre zum Teil rostigen Speere, Schwerter und mit Nägeln gespickten Keulen in ihre Richtung hielten dämmerte Saria, dass sie im Begriff war einen folgenschweren Fehler zu begehen. Sie saß auf einem normalen Reitpferd, nicht dazu gezüchtet und ausgebildet, Gegner niederzutrampeln. Doch selbst wenn sie auf einem Schlachtross gesessen wäre, hätte Saria keinerlei Ausbildung und Erfahrung darin, es in eine wenn auch ungeordnete Schlachtreihe hineinzureiten. Jetzt oder nie! dachte sie, doch zu spät.
Ihr Pferd scheute kurz vor den Waffen der Orks und stieg wiehernd. Saria hob es aus dem Sattel und wäre sie nicht ohnehin auf ein ruckartiges Abbremsen vorbereitet gewesen, hätte dieses Auf­bäumen sie gewiss vom Rücken des Tieres auf den Boden geworfen. Mit knapper Not konnte sie sich im Sattel halten, ihre Schenkel fest an die Seiten des Pferdes gepresst und die Fingerknöchel weiß in dem Versuch, die Zügel in den Händen zu behalten. Dennoch rutschte sie mit dem rechten Fuß aus dem Steigbügel und geriet in eine gefährliche Schieflage. Würde sie jetzt fallen geriete sie unweigerlich unter die Hufe und würde schwer verletzt werden. Oder getötet, was in Anbetracht der Alternative möglicherweise der gnädigere Tod wäre. Verzweifelt griff Saria nach dem Sattelknauf um sich wieder in eine aufrechte Position ziehen zu können. Kein einfaches Vorhaben, besonders da ihr Pferd nicht daran dachte stillzustehen. Das Tier hatte auf den Hinterläufen stehend eine gute Vierteldrehung nach rechts vollführt und schickte sich an, entlang der Orks weiterzulaufen.
Den Sattelknauf in der Hand bemühte die junge Frau sich ächzend wieder auf den Rücken ihres Pferdes zu kommen, da wurde ihr Kopf brutal nach hinten gerissen. Ihre Kopfhaut stand urplötzlich in Flammen, zumindest dem Gefühl nach. Mit einem Schmerzensschrei rutschte sie endgültig aus dem Sattel und sah ihr Pferd wie in Zeitlupe fortgaloppieren, weg von den Orks – und weg von ihr. Der Aufprall auf den kalten Boden war hart und presste ihr die Luft aus den Lungen. Von einem Au­genblick zum nächsten schmerzte nicht nur ihre Kopfhaut sondern auch ihr gesamter Brustkorb. Tränen traten ihr in die Augen als sie mühsam wieder Luft in ihre Lungen sog. Verschwommen sah sie einen Ork in ihr Blickfeld treten, der soeben ein Büschel dunkelroter Haare losließ, das in einer sanften Brise davonwehte. Mein Haar, schoss es der Hexe durch den Kopf. Der Gedanke war völlig fehl am Platz, doch irgendwie ließ er sie nicht los. Der Ork hat mir die Haare ausgerissen. Alles er­schien ihr plötzlich unwirklich. Eigentlich war sie auf der Suche nach ihrer Schwester Danielle, wie konnte sie also nun mit einer Gruppe Fremder durch ein unbekanntes Land reiten und Orks angrei­fen? Das war falsch. Eine reine Zuschauerin in ihrem eigenen Körper sah Saria wie der Ork, der über ihr aufragte und den Himmel vor ihr verbarg, einen rostigen Säbel hob um ihr den Kopf von den Schultern zu trennen. Von dem Rost wirst Du Wundbrand bekommen und sterben, schien eine Stimme in ihrem Kopf zu flüstern.
Sterben? Ich darf nicht sterben, ich muss Danielle finden! Die Klinge des Orks raste auf ihren Hals zu, durchschnitt die Luft so leicht, wie sie gleich Haut und Muskeln durchtrennen würde. Die Hexe rollte zur Seite und entging knapp einer Begegnung mit der Göttin des Todes. Zuntrax würde noch ein wenig auf sie warten müssen. Frustriert brüllte der Ork, weil er sie verfehlt hatte. Saria versuchte auf die Beine zu kommen, denn liegend würde sie sehr schnell doch noch den Kürzeren ziehen. Sie kam nur bis auf die Knie als der Ork ihr seinen metallbeschlagenen Stiefel in die Seite rammte. Wieder wurde ihr die Luft aus den Lungen gedrückt und Saria fiel wieder auf den Boden.
Durch einen Schleier aus Haaren und Tränen blickte die junge Frau auf und sah nun zum ersten Mal bewusst das hässliche Gesicht ihres Gegners. Wie die meisten Orks hatte seine Haut eine blass­grüne Färbung und aus seinem Mund ragten gelbe Hauer. Von seinem linken Ohr fehlte die Hälfte und der übriggebliebene Rest sah unnatürlich weich aus. Dies allein würde ihn schon zu einer un­schön anzusehenden Kreatur machen doch zierte zusätzlich eine gezackte rosa Narbe seine rechte Wange, die knapp unter seinem kleinen, schwarzen Auge begann und sich bis zum Kinn hinunter­zog. Sicher war sie nicht, doch Saria meinte auch zu sehen, dass ein kleines Stück seiner Nase fehl­te, doch dies mochte auch eine Täuschung sein. Der Ork sagt etwas in seiner Sprache, was sich für die Hexe wie ein Knurren und Gurgeln anhörte. Was immer es bedeuten mochte, eine Entschuldi­gung war es gewiss nicht. Erneut holte der Ork mit seinem Säbel aus um ihr den Garaus zu machen.
Dolorae fače!entgegnete Saria und hielt ihm eine der kleinen silbernen Nadeln vor den Wanst. Sie hatte die Nadel aus dem Beutel an ihrem Gürtel geholt während ihr Gegner gesprochen hatte. Es war ein Risiko gewesen, denn hätte der Ork sich nicht mit seinem Gerede aufgehalten, hätte sie die Nadel nicht rechtzeitig in die Finger bekommen. Nun aber krümmte sich der Ork vor Schmerz und die junge Frau konnte sich endlich wieder aufrappeln. Keuchend gelangte sie auf die Beine, nur um sich einem weiteren Ork gegenüber zu sehen. Keuchend rief sie ihren Hexenstab herbei und wehrte den ersten Hieb des zweiten Orks ab. Dieser hatte eine Keule in der haarigen Pranke, die über und über mit Nägeln gespickt war. Die Wucht des Aufpralls ließ Sarias Arme zittern und ihren Brustkorb schmerzen. Hatte der andere Ork ihr etwa eine Rippe gebrochen? Sie hatte keine Zeit darüber nach­zudenken, denn ihr Gegner holte schon zum nächsten Schlag aus. Er hatte hoch angesetzt und be­schrieb eine relativ waagrechte Kurve. Ihr Kopf war sein Ziel. Saria ließ sich in die Hocke fallen und die Keule ging ins Leere. Der Schwung jedoch brachte den Ork aus dem Gleichgewicht, hatte er doch mit einem Aufprall seiner Waffe gerechnet. Saria riss mit der linken Hand ihren Dolch aus der Scheide und rammte ihn dem Ork in die entblößte Achsel. Ein schrilles Quieken zeugte von ih­rem Erfolg. Ihr Gegner versuchte noch einen rückhändigen Schlag anzubringen, doch verließ ihn ob der tödlichen Wunde rasch die Kraft.
Mit einem ekelhaft schmatzenden Geräusch befreite die junge Frau ihre Klinge. Es war nur ein Ork, dennoch spürte sie Übelkeit in sich aufsteigen. Orks rochen schon lebendig ziemlich übel, doch tot stanken sie noch schlimmer. Wäre der Gestank nicht schon genug um sie umzubringen sah Saria sich nun wieder ihrem ersten Gegner gegenüber. Die magischen Schmerzen hatten nachgelas­sen und ihn noch wütender gemacht. Sein Gebrüll war ohrenbetäubend und diesmal würde sie sei­nen Schlag nicht abwehren können. Ihre Kraft war einfach verbraucht, für Kämpfe dieser Art war sie eben nicht geschaffen. Erneut nur ein Gast in ihrem Körper sah sie die rostige Klinge näher kommen. Dieser Ork machte nicht den Fehler sie köpfen zu wollen. Sein Schlag kam quer von oben herab und würde sie sauber diagonal teilen.
Langsam, Zoll für Zoll senkte sich der Säbel. Bald würde sie Zuntrax gegenüberstehen und die Herrin des Todes kennenlernen. Ob die Augen der Göttin tatsächlich aus schimmerndem Obsidian bestanden, wie sie immer dargestellt wurden? War sie die große schlanke Frau mit den spitz zulau­fenden Fingernägeln, die sie als Krallen nutzen konnte, um die unsterblichen Seelen der Menschen zu quälen? Ein Kribbeln überzog Sarias Haut, ließ ihre Nackenhaare sich aufstellen. Sie meinte, einen kalten Hauch zu spüren, der ihre Haare für einen winzigen Moment entgegen der Windrich­tung flattern ließ. Gleich war es soweit, der Säbel war nah.
Warmes, stinkendes Blut spritzte der jungen Frau ins Gesicht, drang in Mund und Nase und ver­anlasste sie umgehend dazu zu würgen. Der Geschmack war grauenerregend. Maden mussten so schmecken oder andere eklige Insekten. So gut sie konnte spuckte sie das Blut aus, versuchte es aus sich herauszubekommen. Was sie auf den Boden spie war rotbrauner Speichel, der in ihren Augen unangenehm schleimig und glibberig wirkte. Ob das eine Krankheit hervorrufen konnte? War es ge­fährlich, Orkblut zu schlucken? Um sich von diesen unangenehmen Gedanken abzulenken blickte Saria auf um zu sehen, warum sie nicht tot und das Blut in ihr Gesicht gespritzt war. Das war ein Fehler, denn der Anblick, der sich ihr bot, war grausamer als sie für möglich gehalten hätte. Der ab­getrennte Arm ihres Angreifers lag vor ihr, daneben sein lebloser Körper. Vom fehlenden Arm abge­sehen war die tödliche Wunde vermutlich das große Loch in seinem Brustkorb, durch das schwarze, feucht schimmernde Eingeweide quollen, umgeben von schwarz glänzendem Orkblut. Allein das war schon sehr beunruhigend für Sarias ohnehin bereits revoltierenden Magen. Den Rest gab ihr jedoch Arils Anblick, der sie gerettet hatte. Über und über mit Blut beschmiert – das meiste, so vermutete sie, Orkblut – hatte der Barbar die blauen Augen zu einem irren Blick aufgerissen, sein Gesicht war zu einer grotesken Maske verzerrt. Sein blondes Haar hing ihm strähnig ins Gesicht und vom Blatt seines Schlachtbeils troff das Blut in Strömen. Dabei wollte ich ihm helfen, schoss es der jungen Frau noch durch den Kopf, bevor sie sich übergab. Beinahe war sie froh darüber, denn der Geruch ihres Erbrochenen verdeckte den Gestank nach Blut und Tod der Orks.

An den Rest des Kampfes konnte Saria sich später nur noch bruchstückhaft erinnern. Von ihrer Position am Boden liegend aus hatte sie keinen guten Blick gehabt. Arils vor Blut starrende Stiefel tauchten regelmäßig in ihrem Gesichtsfeld auf und meist fiel kurz darauf ein Ork tot oder sterbend zu Boden. Sie wusste nicht, ob sie irgendwann vor Erschöpfung eingeschlafen war oder ob sie ohn­mächtig wurde, doch die nächste bewusste Erinnerung waren kräftige Hände, die sie auf die Füße hoben. Auf wackligen Beinen wurde sie von ihr unbekannten Männern in Rüstung mit rotem Über­wurf in das Dorf gebracht, dem sie zu helfen versucht hatten. Erfolgreich offenbar, denn es stand noch und die Orks waren entweder tot oder geflohen. Irgendwer hatte sie gebadet und von dem Blut gereinigt. Laládi vermutlich, denn der enge Verband um ihren Brustkorb duftete nach einer Som­merwiese und das erschien der jungen Hexe irgendwie elfisch.
Nun saß Saria in einem einfachen roten Wollkleid auf einer Bank im Gasthaus des Dorfes, nahe des Feuers, und war bemüht, keine schnellen Bewegungen auszuführen. Soweit ihr erklärt wurde, hatte der Ork ihr tatsächlich zwei Rippen gebrochen, die Laládi mit ihrer Magie wieder ein Stück weit heilen konnte. Der Elfe zufolge würde es aber noch ein paar Tage dauern, bis die Knochen wie­der vollständig zusammengewachsen wären und bis dahin sollte sie den Verband tragen. Die meis­ten Bewegungen schmerzten, wenn auch nicht sehr. Saria war froh, dass die Gruppe sich entschlos­sen hatte in dem Dorf zu überwintern, denn das Auf und Ab eines Ritts hätte sie vermutlich nicht er­tragen können. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit Braten, den sie jedoch bisher nicht ange­rührt hatte. Es war ein gutes Essen, ein Dank der Dorfbevölkerung für die Hilfe gegen die Orks und gern hätte die junge Frau dies angenommen. Doch die sämige dunkle Biersoße erinnerte sie zu sehr an das dunkle Blut der Orks und das wiederum ließ sie an Aril denken. An Aril und diesen wahnsin­nigen Ausdruck in seinen Augen. Trotz des wärmenden Feuers bekam sie bei der Erinnerung an die­sen Anblick eine Gänsehaut. Um sich abzulenken sah die junge Frau sich im Gasthaus um. Es wa­ren nur wenige Gäste hier, die meisten waren draußen und halfen bei aufziehender Dämmerung bei der Reparatur des Palisadenzauns. Niemand wollte einen zweiten Angriff der Orks riskieren, auch wenn es allgemeiner Tenor war, dass man die Attacke erfolgreich abgewehrt hatte. Hier in der Ta­verne befand sich nur eine Handvoll Verletzter und die Dienstmägde, die hier ohnehin gearbeitet hätten. Alle anderen waren mit Aufbauarbeiten oder der Pflege der schwerer Verwundeten beschäf­tigt. Gerne hätte Saria geholfen, doch Laládis Worte waren unmissverständlich gewesen. Die Heil­künste der Elfe waren gut, aber jedwede körperliche Anstrengung in den nächsten Tagen könnte dazu führen, dass ihre Rippen erneut brachen. Also war ihr strengste Ruhe verordnet worden, so sehr ihr das auch missfiel. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war hätte sie jedoch nicht wirklich helfen können, spürte sie doch jede Bewegung. Eine der Mägde, ein Mädchen um die vierzehn Sommer mit dreckig-blondem Haar unter einem verblassten grünen Tuch bemerkte ihren suchenden Blick und kam zu ihr. Vermutlich dachte sie, Saria hätte nach ihr oder einer der anderen Mägde gesucht.
„Schmeckt Euch der Braten nicht? Er ist wirklich gut, Toben ist ein hervorragender Koch, das kann ich Euch versichern. Oder mögt Ihr kein Fleisch? Wir haben auch einen guten Gemüseein­topf.‟
Ich mag Braten, doch ich gestehe, heute möchte ich keinen. Wenn es Euch nichts ausmacht, eine kleine Schüssel Gemüseeintopf nehme ich gerne.‟ Entschuldigend blickte Saria zu dem Mäd­chen auf. Diese grinste sie mit schiefen Zähnen an. Saria mochte die junge Schankmaid, denn sie hatte schnell gemerkt, dass die Hexe ihrer Sprache nicht uneingeschränkt mächtig war und sprach seitdem langsam und in einfachen Sätzen mit ihr. So verstand Saria fast alles.
„Natürlich macht mir das nichts aus, Ihr habt uns allen doch geholfen! Ich bringe Euch sofort den Eintopf, einen Moment.‟
Saria sah dem Mädchen nach wie es leichtfüßig durch den Schankraum lief und dabei geschickt den Tischen und Stühlen auswich, die ihm im Weg standen. Der Angriff hatte ihr Gemüt nicht lange trüben können. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur das Glück gehabt, dass niemand aus ihrer Familie oder von ihren Freunden getötet worden war. Insgesamt hatten die Dorfbewohner in dieser Hinsicht Iorna an ihrer Seite gehabt. Nur drei Männer waren den Klingen der Orks zum Opfer ge­fallen und kaum jemand war so ernsthaft verwundet, dass man um sein Überleben fürchten musste.
„Ihr scheint weit entfernt zu sein.‟
Die junge Hexe zuckte zusammen und verzog sogleich schmerzverzerrt das Gesicht. Plötzliche Bewegungen waren die schlimmsten. Ein wenig verstimmt blickte sie zu dem Ordensritter auf, der sie angesprochen hatte. Vor ihrem Tisch stand ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit kurzen braunen Locken und einem so glatten Kinn, dass Saria sich fragte, ob er überhaupt schon Bartwuchs hatte. Seine braunen Augen blickten freundlich auf sie herab und ein leichtes Lächeln umspielte sei­ne Mundwinkel.
„Verzeiht bitte, ich wollte Euch nicht erschrecken. Mein Name ist Aeren aus dem Orden des Rontó.‟ Auch die sanfte Stimme klang mehr nach einem Jüngling als einem erwachsenen Mann.
Saria atmete einmal tief durch, soweit der Verband ihr das erlaubte, um ihr schnell schlagendes Herz zu beruhigen und sich zu sagen, dass Aeren sie nicht absichtlich erschreckt hatte. „Schon gut Ritter Aeren. Mein Name ist Saria. Bitte, setzt Euch doch.‟ Mit einer ruhigen Handbewegung deute­te sie auf den Stuhl ihr gegenüber.
Bevor der Ritter reagieren konnte kam die Magd mit Sarias Eintopf zurück und stellte diesen auf den Tisch. Aeren verneinte die Frage, ob er ebenfalls etwas essen wolle, bat jedoch um etwas Was­ser. Anschließend setzte er sich zögernd und blickte auf die dampfende Schüssel vor der jungen Frau.
„Wollt Ihr vielleicht doch etwas?‟ Sie zog die Schüssel besitzergreifend ein Stück näher zu sich und nahm den Löffel zur Hand. So wenig sie den Braten hatte essen können, desto mehr Hunger hatte sie beim Anblick des Gemüseeintopfs bekommen und war nicht gewillt diesen zu teilen.
Der Junge – Saria schaffte es trotz der Kettenrüstung und des Langschwerts an seiner Seite nicht, Aeren als Mann anzusehen – schüttelte verneinend den Kopf. „Nein, es ist nur … Ich wollte Euch nicht beim Essen stören.‟ Er wirkte verlegen.
Jetzt erst fiel Saria auf, dass Aeren sie in Indunam ansprach. Akzentfrei. Sie beschloss, dieser Sa­che später auf den Grund zu gehen und sich zunächst nichts anmerken zu lassen.
„Eure Anwesenheit stört mich nicht, Ritter, doch werde ich den Eintopf nicht kalt werden las­sen.‟ Mit einem Lächeln nahm sie ihren Worten die Härte und tauchte den Löffel in die Suppe. „Was bringt Euch zu mir?‟
„Nun, ich habe Euch kämpfen sehen. Genauer gesagt, ich habe gesehen, wie Ihr Eurem Freund zu Hilfe kamt und wie er anschließend kämpfte. Er ist ein Berserker, nicht wahr?‟
Der jungen Hexe blieb das Stück Kartoffel beinahe im Hals stecken. Berserker? Oh ja, das würde es erklären! Ihre Erinnerung war vage und verschwommen, aber Aril schien wirklich ohne jede Rücksicht auf Verluste gekämpft zu haben. Aufgrund seiner Größe und der seines Schlachtbeils konnte Aril sich erlauben, seine Deckung zu vernachlässigen. Doch hatte er seinen eigenen Schutz tatsächlich vollständig ignoriert? Saria konnte es nicht sagen. An seinen Blick konnte sie sich nur zu gut erinnern.
„Seid Ihr Euch da sicher, Ritter? Aril könnte doch auch nur ein großes Selbstvertrauen besitzen und wusste daher, dass die Orks ohnehin nicht nahe genug an ihn herankommen könnten.‟ In ihrer Stimme schwang unterschwellig Hoffnung mit. Mit einem Berserker im Kampf zu stehen konnte für jeden tödlich enden, auch für dessen Freunde.
Aeren sah unglücklich aus, entschied sie.
„Natürlich hatte ich während des Kampfes nicht die Zeit, ihn ausgiebig zu beobachten. Doch mir schienen alle Anzeichen gegeben.‟ Der junge Mann sah zur Seite als wäre er verlegen, machte an­sonsten jedoch nicht den Eindruck als wäre dem so. Von der Seite gesehen wirkte sein Kinn noch glatter als von vorne, was den Eindruck des Jünglings verstärkte.
Wie alt ist er? fragte Saria sich. Vierzehn? Fünfzehn?
„Würde … Würde es Euch etwas ausmachen, wenn ich ihn darauf anspreche? Ich hätte Euch dann gerne in der Nähe gewusst. Ein vertrautes Gesicht sollte ihn beruhigen.‟
„Wie kommt Ihr darauf, dass meine Anwesenheit Aril beruhigt? Es könnte ihn erst recht aus der Fassung bringen. Er ist ein Barbar und wer weiß schon, ob er meine Anwesenheit nicht als Verrat wertet? Bei seinem Volk kann man da nie sicher sein.‟
An Aerens Gesichtsausdruck merkte Saria, dass ihre Worte harscher waren als beabsichtigt. Ver­legen sah sie auf ihre Schüssel nieder und rührte langsam mit dem hölzernen Löffel darin. Das Ge­müse drehte sich gemächlich kreisend in der gelblich-grünen Suppe.
„Ich werde ihn fragen, das ist alles was ich Euch versprechen kann, Ritter‟, murmelte sie nach einem kurzen Moment des Schweigens.
Aeren antwortete ernsthaft. „Ich danke Euch, Mylady. Ihr findet mich tagsüber im Dorf und Abends im Ordenshaus. Ich wünsche Euch noch einen schönen Abend.‟ Mit diesen Worten stand er auf und verbeugte sich leicht.
„Danke, Ritter Aeren, den wünsche ich Euch ebenfalls.‟
Der junge Mann nickte, drehte sich um und ging gemächlichen Schrittes, als hätte er alle Zeit der Welt, aus dem Gasthaus.
Saria sah ihm nach und konnte sich nicht entscheiden, was sie von ihm halten sollte. Vieles an Aeren wirkte widersprüchlich. Er handelte wie ein erwachsener Mann, sah dabei doch aus wie ein Junge, dem noch nicht einmal der Bart wuchs. Seine Haltung strahlte hingegen eine Sicherheit aus, die man nur als Erwachsener haben konnte. Es war ihr ein Rätsel. Ein Seufzen entrang sich ihrer Brust.
Noch etwas, worüber Du Dir Gedanken machen kannst...

© Ben Grauh, 16.06.2013
ben.grauh@gmail.com