Saria
Arberdan (Teil 3)
Langsam schälte sich
Woryem aus dem frühmorgendlichen Nebel. Zunächst war nur das sanfte
Gelb des Lichts zu sehen, welches des Nachts stets auf dem mächtigen
Verteidigungsturm der Hafenstadt brannte. Die nördlichste Stadt
Indunams besaß noch weitere Türme, direkt am Hafeneingang.
Doch der größte ragte in der Bucht über alle Dächer und barg das
Licht, um Schiffe durch die Nacht zu lotsen. Anschließend tauchten
die schwächeren Lichter der kleineren Türme auf und zeigten
dem Steuermann der Eule
genau, wie er das Schiff in
das Hafenbecken manövrieren musste. Nach und nach tauchte der
feuchte Stein der Türme aus dem Nebel auf, wirkte dunkel und
abweisend. Als sie mit wenig Segel zwischen den Türmen hindurch
glitten, meinte die junge
Frau an der Reling die Bewegung der Turmwachen ausmachen zu können.
Saria war an diesem Tag sehr früh aufgestanden, weil sie es kaum
erwarten konnte, an Land zu gehen. Ihre neuen Kameraden hatte sie
während der dreiwöchigen Schiffsreise wirklich ins Herz
geschlossen, aber sie brauchte dringend ein wenig Abstand von Aril.
Der Barbar hatte sich ständig in ihrer Nähe gehalten, sobald sie
einen Fuß vor ihre Kabine gesetzt hatte. Das nervte Saria, doch fiel
ihr die Decke auf den Kopf, wenn sie immer nur in dem engen, kleinen
Raum blieb. Zu ihrer
Erleichterung war der blonde Hüne noch nicht wach und sie konnte ein
wenig für sich allein an Deck sein. Der Großteil der Mannschaft
schlief ebenfalls noch in ihren Hängematten, so dass sie eine
Illusion von Einsamkeit heraufbeschwören konnte, wenn sie über
die Reling hinaus aufs Meer blickte. Oder wie jetzt dabei zusah, wie
sich aus unheimlichen Schatten zunächst Klauen entwickelten, die gen
Himmel strebten, und aus denen kurze Zeit später die Masten anderer
Schiffe wurden, die im Hafen vertäut lagen.
Mit
ihren Kameraden war abgesprochen, dass sie sich als erstes ein
Gasthaus suchten, in dem sie für ein paar Tage den Luxus der
Zivilisation genießen und besprechen würden, wie sie die Suche nach
Danielle, Sarias Schwester, angehen würden. Die
junge Frau hatte zudem noch zwei dringende Wünsche: Neue Kleidung,
denn was sie bei sich hatte,
war mit der Seemöwe
untergegangen. Sie besaß nur noch, was sie am Leib trug, und
das seit drei Wochen. Sie hatte ihr Möglichstes getan, um die Sachen
sauber zu halten, dennoch sehnte sie sich nach neuen Kleidern. Ihr
zweiter Wunsch war ein heißes Bad. Zwar
hatte sie sich Seife leihen können, doch kaltes Seifenwasser aus
einer Schüssel ersetzte kein heißes Bad in mit Rosenöl
versetztem Wasser.
Die
Feuchtigkeit des Nebels hing ihr in Tropfen in den Haaren und
durchdrang ihre Kleidung. Alles fühlte sich gerade klamm an,
doch das war ihr gleichgültig. Ihre von einem Orkpfeil durchbohrte
linke Schulter war wieder soweit geheilt, dass sie sie ohne Schmerzen
bewegen konnte. Ein wenig Schonung würde sie noch brauchen, aber es
war schon eine unglaubliche Erleichterung, nicht mehr auf Laládis
Hilfe beim Ankleiden angewiesen zu sein.
Der
Steg materialisierte sich in dem Augenblick vor ihr, als der Himmel
im Osten von Orange zu Gelb wechselte. Die Sonne würde den Nebel
bald vertreiben. Gebannt blickte Saria der Stadt entgegen, die sie
vor knapp zwei Monaten verlassen hatte. Noch
ruhten
die meisten Bewohner Woryems, doch sie hatte damals gelernt, dass der
Hafen niemals vollständig schlief. Zöllner, Wachmänner,
Händler, Betrunkene – irgendwer war immer unterwegs. So
stand am Kai auch
schon ein Zöllner, der auf die Eule
wartete. Den Göttern sei Dank würde er sich nur für die Ladung und
die Hafengebühren interessieren, so dass die Passagiere ohne
Verzögerung von Bord gehen konnten.
Ein
leises Knarzen verriet Saria, dass sie nicht mehr allein war.
„Endlich‟,
erklang die brummige Stimme Durins neben ihr. „Wird auch Zeit, dass
wir wieder Land unter den Füßen haben. Dann gibt es auch wieder
Bier, wenn auch nur von Menschen gemacht!‟
Saria
wandte sich dem Zwerg zu und teilte sein Grinsen, wenn auch nicht
wegen des Alkohols.
„Ja,
Land. Mir macht die Seefahrt weniger aus als Dir, aber ich freue mich
ebenso darauf, das Schiff zu verlassen.‟ Zur
Antwort brummte Durin lediglich, doch die junge Frau hatte rasch
gelernt, die Tonlagen des Brummens zu unterscheiden und zu
interpretieren. Zwergische
Verständigung schien ebenso sehr auf Brummlauten zu beruhen wie auf
Worten. Sie nahm sich vor, ihren Kameraden bei Gelegenheit
danach zu fragen.
„Wir
legen gleich an. Lass uns unsere Sachen holen und uns vom Kapitän
verabschieden.‟
„Je
schneller, desto besser‟, stimmt der Zwerg begeistert zu. Seine
Rasse war einfach nicht für Seereisen bestimmt.
Eine
Stunde später hatte die Sonne schon fast den ganzen Nebel vertrieben
und die fünfköpfige Gruppe stand vor dem nunmehr dritten Gasthaus,
der Diamantenen Axt.
Während die anderen aufgrund des ungewöhnlichen Namens noch
überlegten, ob sie es hier versuchen wollten, nahm Durin die
Entscheidung in die Hand. Er stieß die dicke Eichentür auf und
betrat den Schankraum. Achselzuckend folgten ihm die anderen und
gelangten kurz nach dem Zwerg in einen nicht sehr großen, aber umso
gemütlicher wirkenden Raum, in dem nur zwei Gäste saßen und
frühstückten. Die beiden
älteren Männer blickten kurz auf, nickten knapp zur Begrüßung und
widmeten sich wieder ihrem Haferbrei. Durin
hielt sich nicht mit Nettigkeiten auf und lief an den Tischen vorbei
quer durch den Raum hinüber zum Tresen, hinter dem ein kompakter
Mann mit Vollbart und Glatze stand. Beim zweiten Hinsehen erkannten
die Gefährten, dass es sich um einen Zwerg handeln musste. Der
Wirt sah Durin und seine grimmige Miene hellte sich augenblicklich
auf.
„Was
sehen meine alten Augen, endlich wieder jemand, der mein Bier zu
schätzen weiß!‟ röhrte er mit tiefer Stimme und eilte hinter dem
Tresen hervor, um Durin kräftig die Hand zu schütteln. Die
anderen traten neugierig hinzu.
„Und
Kundschaft bringst Du auch noch mit! Das lob ich mir. Kommt, Freunde,
setzt euch und sagt mir, womit ich dienen kann.‟ Der Zwerg führte
sie zu einer gemütlichen Nische neben dem Kamin, in dem ein
angenehm wärmendes Feuer brannte. Die
beiden Frauen setzten sich rasch auf die Bank, die an der Kaminwand
angebracht war und genossen sogleich den warmen Stein in ihrem
Rücken. Sie froren in ihrer vom Nebel feuchten Kleidung und freuten
sich über die Wärme. Der Wirt grinste sie an.
„Ich
dachte mir, dass den Damen dieser Platz gefällt. Ja, Mórosh denkt
mit. Das bin ich, Mórosh Graubart.‟
„Mórosh,
ich bin Durin Braunbart und
das sind Saria, Laládi, Aril und Hamadi.‟ Alle nickten dem Zwerg
freundlich zu, der sich nun wieder an alle wandte.
„Ich
nehme an, ihr wollt etwas frühstücken. Ich habe Haferbrei mit
Honig, Eier, Brot mit Käse und Wurst. Von gestern Abend ist auch
noch etwas kalter Braten übrig, falls das euren Mägen mehr zusagt.‟
Alle
bestellten sich etwas zu essen, wobei nur Aril ein Stück Braten
wollte. Ein Barbar eben,
dachte sich Saria.
Nachdem
Mórosh alle mit Frühstück versorgt hatte, wandte der blonde Hüne
sich nochmal an ihn.
„Mórosh,
habt Ihr noch Zimmer frei? Wir suchen für ein paar Tage eine
Unterkunft.‟
„In
der Tat, das habe ich, ja. Aber nur noch drei, zwei Doppelzimmer und
ein Einbettzimmer. Wenn Euch das nichts ausmacht …‟ Der Zwerg
lächelte entschuldigend. „Wie Ihr seht ist mein Gasthaus klein und
ich habe eben nur sechs Zimmer. Zwei werden von den Herren dort
drüben belegt und das letzte ist meines.‟ Nacheinander
blickte er seine Gäste erwartungsvoll an.
„Ich
denke, das lässt sich irgendwie machen, mit den drei Zimmern für
uns, nicht wahr?‟ Durins Tonfall machte deutlich, dass er nicht
gewillt war, woanders eine Unterkunft zu suchen.
„Kein
Problem! Ich schlafe mit …‟
„Hamadi
in einem Zimmer‟, vollendete Durin Arils Satz. „Die Ladys wollen
gewiss unter sich bleiben.‟
Dankbar
bejahte Saria und lächelte ihrem Kameraden schüchtern zu. Auf
keinen Fall hätte sie mit Aril das Zimmer teilen wollen – das
hätte auf jeden Fall zu Schwierigkeiten geführt, egal, was sie
getan oder eben nicht getan hätte. Laládi beschränkte sich auf ein
Nicken, doch auch ihr war eine gewisse Erleichterung anzusehen. Aril
schien längst nicht mehr so enthusiastisch, zeigte sich aber mit
dieser Aufteilung einverstanden.
„Sagt,
Mórosh, besitzt Ihr einen Badezuber? Ich möchte gerne ein heißes
Bad nehmen.‟ Nachdem nun die Zimmerfrage geklärt war, wollte
Saria sich der Erfüllung ihrer beiden dringendsten Wünsche widmen.
Der
Wirt aber wirkte schockiert. „Einen Badezuber? Was, in Anboßnas
Namen, sollte ich mit so etwas anfangen?‟
„Euch
waschen?‟ schlug Aril hilfsbereit vor. Beide Zwerge sahen zuerst
den Barbaren, dann sich gegenseitig an und brachen anschließend in
Gelächter aus.
„Nein,
Saria, Zwerge baden nicht‟, informierte Durin sie, als er sich
wieder beruhigt hatte. „Wir waschen uns, gewiss, aber einem Trog
voller Wasser trauen wir nicht, sei er auch noch so klein. Wie ich
Dir schon sagte, sind wir von Anboßna nicht zum Schwimmen gemacht
worden. Darum meiden wir zu große Wassermengen wann immer wir
können.‟
Mórosh
brummte zustimmend, während er sich den grauen Bart kratzte. „Es
gibt ein Badehaus, nicht weit von hier. Rechts die Straße hinunter
und die zweite links. Das dritte Haus auf der linken Seite. Dort
könnt Ihr baden und, soweit mir bekannt ist, auch schwimmen. Ich
selbst habe das Haus nie betreten.‟
„Ich
danke Euch, Mórosh.‟ Ein Badehaus war nicht das, was die junge
Frau sich vorgestellt hatte, doch es würde genügen. Sie hätte
beim Baden lieber ihre Ruhe gehabt, doch solange sie das Gefühl
von Schmutz loswürde, wollte sie sich nicht beschweren. Sie glitt
von der Bank und stand auf. „Seid bitte so gut und zeigt mir die
Zimmer, damit ich meine Sachen dort unterbringen kann.‟
Ihr
Wirt führte die Gruppe nach oben, da alle Sarias Beispiel folgen und
ihr Hab und Gut verstauen wollten. Die Treppe führte rechts des
Tresens an der Wand hinauf und vollführte eine enge Wende nach
links, wo sie auf die Hauswand stieß. Oben endete sie in einem
kurzen Gang nach links, der in einen größeren mündete, der über
die gesamte Breite des Gasthauses ging.
„Gleich
hier links ist mein Zimmer‟, erläuterte Mórosh die Aufteilung der
Räume. „Es ist das kleinste Zimmer und wie Ihr seht hat es eine
Tür direkt auf den kleinen Gang hinaus. So wecke ich meine Gäste
nicht, wenn ich früh am Morgen aufstehe, um das Frühstück
vorzubereiten. Den großen Flur entlang rechts liegen sie beiden
Einzelzimmer meiner anderen Gäste. Meinem Zimmer gegenüber ist das
dritte Einzelzimmer, die anderen beiden sind die Doppelzimmer. Seht
sie Euch an, wenn Ihr wollt, doch sie sind wirklich nicht sehr
unterschiedlich. Darauf achte ich, denn ich will meinen Gästen einen
gleichbleibenden Komfort bieten. Hier sind die Schlüssel.‟ Er
machte von einem großen Schlüsselbund, den er unter seiner
Schürze trug, insgesamt fünf Schlüssel ab und reichte sie
weiter. Alle dankten ihm und wandten sich den Zimmern zu.
„Ich
bin dafür, wir nehmen Saria und Laládi in die Mitte!‟ Aril verlor
keine Zeit, seine Meinung lautstark kundzutun. „Sollte etwas
geschehen, können wir dann von beiden Seiten zu Hilfe eilen.‟
„Was
sollte denn geschehen? Wir sind hier bei einem Zwerg zu Gast, du
dummer Barbar. Hier sind wir sicher!‟ Durin war zwar nur halb so
groß wie Aril, doch breitbeinig wie er dastand, die Hände auf die
Hüften gestemmt, wirkte er nicht weniger standhaft. Bevor es zu
einer tätlichen Auseinandersetzung kommen konnte, bezogen
Laládi und Saria rasch das mittlere Zimmer und beendeten damit
jede Diskussion über die Raumaufteilung.
In
dem Raum standen zwei Betten, eines rechts und eines links der Tür.
Auf der gegenüberliegenden Seite standen ein Tisch, zwei Stühle
und zwei Truhen. Die übliche Einrichtung eines Gästezimmers in
doppelter Ausführung also. Laládi beanspruchte das rechte Bett.
„Du
warst ungewohnt still im Schankraum‟, bemerkte Saria als die Tür
geschlossen war. „Stimmt etwas nicht?‟ Sie hatte die Elfe als
zurückhaltend kennengelernt, aber gar nichts zu sagen passte nicht
zu dem Bild, welches sie bisher von ihrer neuen Freundin hatte.
Laládi
schüttelte den Kopf. „Es ist nur, weil Mórosh ein Zwerg ist.
Elfen und Zwerge … Sagen wir einfach, unsere Rassen waren nie
Freunde. Durin und ich haben inzwischen gelernt, uns zu vertrauen,
vielleicht gar uns zu mögen. Durin ist in mancher Hinsicht jedoch
kein typischer Zwerg und manchmal scheint er zu vergessen, dass ich
eine Elfe bin.‟ Saria wartete auf eine weiterführende Erklärung,
doch Laládi schien nicht gewillt, diese zu geben.
„Glaubst
Du also, dass Mórosh Dich seines Hauses verweisen wird, wenn er es
herausfindet?‟
„Wenn
das alles wäre, was ich fürchten müsste, Saria. Es ist das
abgrundtiefe Misstrauen, dass Zwerge gegenüber Elfen hegen – und
umgekehrt. Dass ich Durin vertraue bedeutet nicht, dass ich anderen
Zwergen vertraue. Unsere Völker führten einst Krieg, das ist viele
tausend Jahre her. Doch wir haben nie einen offiziellen Frieden
geschlossen, der Krieg wurde nie richtig beendet. Die Kämpfe haben
aufgehört, niemand kann mehr sagen, warum. Wenn Elfen und Zwerge
sich seitdem begegneten, gingen sie einander aus dem Weg. Wo das
nicht möglich war, kam es meist zu einem Kampf mit hohen Verlusten
auf beiden Seiten. Ich weiß nicht, wie Mórosh reagiert, wenn er
herausfindet, was ich bin. Darum bemühe ich mich, seine
Aufmerksamkeit nicht auf mich zu lenken.‟ Während sie sprach hatte
Laládi in ihren Sachen nach etwas gesucht, das sie nun gefunden zu
haben schien. Sie nahm einen kleinen Lederbeutel hervor und barg ihn
vorsichtig in ihren Händen. Der Blick ihrer wirbelnden blauen Augen
fand den Sarias.
„Mach
Dir keine Sorgen deswegen, ich kann auf mich aufpassen. Wenn es Dir
nichts ausmacht, wäre ich nun gern ein wenig allein.‟
„Gut,
dann werde ich inzwischen zum Badehaus gehen. Möchtest Du später
mit mir zum Schneider gehen? Du weißt, ich brauche ein paar
neue Kleider.‟
Ihre
Freundin verneinte leise und Saria verließ das Zimmer.
Vor
der Tür rannte sie beinahe in Aril hinein, der schon auf sie
wartete.
„Lass
uns zum Badehaus gehen!‟ Schockiert blickte Saria zu ihm auf. Er
will mit? Oh nein. Auf keinen Fall wollte sie Aril in der Nähe
wissen, wenn sie nackt in einem Badezuber saß. Hätte Mórosh einen
Badezuber besessen, hätte er entweder einen eigenen, abschließbaren
Raum dafür gehabt, oder der Zuber wäre ihr ins Zimmer gestellt
worden, das sie ebenfalls hätte abschließen können. In
Badehäusern jedoch wurde die Trennung von Männern und Frauen häufig
nur durch einen Vorhang gewährleistet. Saria sah beinahe vor sich,
wie Aril den Vorhang beiseiteschob und zu ihr herüberkam. Sie
ertappte sich dabei, wie sie ihn sich für einen kurzen Moment dabei
vorstellte, groß muskulös und nackt. Nackt würde sie aber ebenso
sein, und diese Situation wollte sie um alles in der Welt
vermeiden. Da sie nicht wusste, wie sie Aril davon abhalten sollte,
mitzukommen, ging sie einfach wortlos an ihm vorbei. Seine Schritte
hinter ihr kamen der jungen Frau vor wie das unheilvolle
Stampfen eines Riesen.
Das
Badehaus war leicht zu finden. Móroshs Beschreibung stimmte und ein
bemaltes Holzschild über der Eingangstür machte es leicht, nicht
vorbeizulaufen. Mit einem flauen Gefühl im Bauch betrat Saria das
Gebäude.
Der
Eingangsbereich war mit hellgrauem Stein ausgelegt, der Tresen aus
hellem Holz. An den Wänden waren Bilder von fernen Stränden
aufgehängt worden und in einer Ecke stand ein gläserner Behälter
mit Wasser, in dem ein paar bunte Fische schwammen. Hinter dem Tresen
stand ein junger Mann in blauer Livree und mit sauber gestutztem
Bart.
„Guten
Tag, willkommen in Boros' Badehaus‟, begrüßte er sie. Saria
schien es, als sei er wenig erfreut über seine Gäste.
„Wir
möchten gerne baden.‟ Während sie es sagte, merkte sie, wie
überflüssig diese Aussage wirkte. Was sollten sie schließlich
sonst hier wollen?
„Wir
trennen Männer und Frauen, dies hier ist kein solches Haus‟,
erwiderte der dunkelhaarige Mann schnippisch.
„Gut,
denn in ein solches Haus würde ich nicht gehen.‟ Sie warf ihm
einen bösen Blick zu, was ihn umgehend dazu brachte, sich seiner
höflichen Umgangsformen zu erinnern.
„Natürlich,
verzeiht, meine Dame, dergleichen wollte ich keinesfalls andeuten.
Das wäre dann ein Silbertaler für eine Stunde und Person, bitte.‟
„Ich
zahle das!‟ rief Aril und kramte die Silberstücke aus seinem
Beutel. Saria unterdrückte den Drang zu schreien. In Gedanken
verfluchte sie Laládi wegen deren Warnung, Aril nicht wehzutun. Was
war aber mit ihr selbst? Sie nahm sich vor, die Elfe noch einmal auf
das Thema anzusprechen.
„Die
rechte Tür ist für die Dame, links geht es zu den Herren.‟ Der
Mann deutete auf die entsprechenden Türen hinter seinem Tresen.
„Ich wünsche Euch eine angenehme Zeit in Boros' Badehaus.‟
Ohne
sich zu bedanken ging Saria rechts an dem Tresen vorbei und öffnete
die Tür. Dahinter fand sie einen Umkleideraum, in dem mehrere
hölzerne Regale standen, in die man seine Kleidung legen konnte.
Davor standen ebenfalls aus Holz gezimmerte Bänke, auf die man sich
beim An- beziehungsweise Ausziehen setzen konnte. Der Boden war
mit einem flauschigen Teppich ausgelegt, der schon bessere Zeiten
gesehen hatte. Das Grün war verblasst und an manchen Stellen war er
abgewetzt. Dennoch sorgte er an Sarias Füßen für ein
angenehmes Gefühl. Ein wenig kitzelte es sogar, was ihr ein
Schmunzeln entlockte. Keines der Fächer war belegt, woraus sie
schloss, dass sie die einzige Frau im Badehaus sein würde. Nun,
solange sie von den Männern, besonders von Aril, getrennt war,
war ihr das nur recht. Ohne Umschweife legte sie ihre Kleider ab und
legte sie säuberlich in eines der Fächer. Ihre Stiefel stellte
sie unter die Bank davor. Der Umkleideraum war warm, so dass sie auch
nackt nicht fror. Das mulmige Gefühl kehrte zurück, als sie auf die
zweite Tür im Raum zuging, die in den Baderaum führen musste. Mit
der Hand auf dem Griff zögerte sie einen Moment, gab sich dann aber
einen Ruck. Mach Dich nicht lächerlich, Mädchen. Wenn sie schon
darauf hinweisen, dass Männer und Frauen hier getrennt baden, dann
werden die Zuber gewiss auch getrennt sein.
Hinter
dieser Tür befand sich ein riesiger, mit warmem Dampf gefüllter
Raum. Das Wasser musste heiß sein, genau so, wie sie es sich
wünschte. Es gab ein großes, rechteckiges Becken, das tief aussah.
Das war wohl das Schwimmbecken, von dem Mórosh erzählt hatte.
Daneben, mehr zur Mitte des Raumes, befand sich ein kleineres, rundes
Becken, in dem man am Rand bequem auf steinernen Bänken im
Wasser sitzen konnte. Wiederum neben diesem Becken, also in der Mitte
des Raumes war – ein Vorhang. Dieser hing in der Mitte schon ein
ganzes Stück durch, so dass ein großer Mann möglicherweise
hinübersehen konnte. Ein großer Mann wie Aril. Saria schloss einen
Moment die Augen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Die Augen
auf den Vorhang gerichtet schlich sie zu dem Badezuber. Wenn sie
darin saß wäre sie vielleicht zu tief unten, um Aril einen
ungehinderten Blick auf sich zu ermöglichen. Das hoffte sie
jedenfalls. Als die junge Frau in das Wasser glitt, konnte sie ein
wohliges Stöhnen nicht unterdrücken. Das Wasser war perfekt. Heiß,
aber nicht so, dass man sich verbrannte, und mit Rosenöl versetzt.
Ein paar einzelne Rosenblätter schwammen auf seiner Oberfläche und
weckten in ihr den kindlichen Wunsch, eine hölzerne Ente zum Spielen
zu haben, so wie vor vielen Jahren als kleines Mädchen.
„Saria,
bist Du das?‟ tönte Arils Stimme fröhlich herüber.
Die
junge Frau sah keine Möglichkeit, ihre Anwesenheit zu verheimlichen
und bejahte seine Frage. „Aber halte Dich von dem Vorhang
fern‟, fügte sie hinzu. „Ich möchte allein und in Ruhe baden,
bitte Aril.‟ Einige Sekunden lang blieb es still und Saria fragte
sich schon, ob sie den Hünen nun doch verletzt hatte. Auch wenn ihr
das sehr unwahrscheinlich vorkam.
„Also
gut, aber nur, wenn Du mich später mitnimmst beim Kleider kaufen‟,
antwortete der Barbar schließlich. Saria schloss gequält die
Augen und fragte sich, womit sie das verdient hatte.
©
Ben Grauh, 18.11.2012
ben.grauh@gmail.com