Dienstag, 2. Oktober 2012

Saria Arberdan (Teil 1)

Saria Arberdan (Teil 1)


Der Wind wehte der jungen Frau durchs Haar und ließ den schwarzen Rock um ihre Beine schlagen. Die linke Schulter schmerzte, doch sie war am Leben. Der Orkpfeil hatte sie an einen Baum genagelt, doch kamen der Schütze und seine Kumpanen nicht mehr dazu, sie weiter zu mal­trätieren. Die Orks wurden von ihren Begleitern aufgehalten, die bei ihrer Verteidigung ihre Leben ließen. Dafür hatte sie die Männer und Frauen auch bezahlt: Um ihr Schutz zu sein auf ihrer Suche. Allerdings hätte es auf dieser Insel keine Orks geben sollen. Alle Seefahrer, die sie vor Antritt der Reise befragt hatte, hatten ihr versichert, dass das gefährlichste hier war, einen Ankerplatz zu fin­den. Die Eingeborenen waren friedlich und größere Tiere lebten hier nicht. Wo die Orks herkamen war ein Rätsel, aber eines, dem sie nicht auf den Grund gehen wollte.
Nachdem alle um sie herum tot waren, hatte sie unter Aufbietung all ihres Mutes nach dem Schaft des Pfeiles gegriffen, der noch aus ihrer Schulter herausragte. Mit einem Schmerzensschrei hatte sie ihn festgehalten und einen Schritt nach vorne gemacht. Als die Pfeilspitze aus der Rinde des Bau­mes heraus war, sank sie auf die Knie und fühlte schon, wie ihr die Sinne schwanden. Unter Aufbie­tung ihrer letzten Reserven stemmte sie sich wieder auf die Beine und schleppte sich zum Strand. Nur um zu sehen, dass die Orks das Schiff versenkt hatten, mit dem sie und ihre Beschützer zur In­sel hier im Westen gefahren waren. Ihrer einzigen Möglichkeit beraubt, die Insel wieder zu verlas­sen, brach sie auf dem Sandstrand zusammen.

Ihre nächste bewusste Wahrnehmung war das leichte Schaukeln eines Schiffes unter ihr. Erleichtert seufzte sie auf. Es war alles nur ein Traum. Doch als sie sich aufrichten wollte schoss ein derart starker Schmerz durch ihren linken Arm, dass sie beinahe wieder bewusstlos wurde. Nun wusste sie, dass es kein Traum gewesen war. Nachdem der Schmerz ein wenig abgeklungen war, sah sie sich in der Kabine um, in der sie lag. Das war nicht die Kabine der Seemöwe, in der sie hergekom­men war. Vorsichtig richtete sie sich erneut auf, diesmal darauf achtend, nur den rechten Arm zu be­nutzen. Sie saß gerade mit sich drehendem Kopf auf dem Bett, als eine junge blonde Frau die Kabi­ne betrat.
Ihr seid wach!“ rief sie mit glockenheller Stimme. Rasch stellte sie die Wasserschüssel in ihren Händen zur Seite und trat zu ihr. Mit kühlen Fingern strich sie ihrer Patientin über die Stirn, sah ihr in die Augen. Das Blau in den Augen der Frau schien zu tanzen.
Soweit ich das beurteilen kann, seid Ihr bei erstaunlich guter Gesundheit. Die Schulter wird noch einige Zeit schmerzen, aber Ihr werdet den Arm wieder vollständig benutzen können. Der Pfeil hat nichts zerstört.“ Sie lächelte das umwerfendste Lächeln, das je eine Frau zustande gebracht haben konnte. „Sagt, was habt Ihr eigentlich auf der Insel gemacht? Dort gibt es nichts außer ein paar Wil­den.“
Ich suche meine Schwester“, antwortete die verletzte Frau.
„Eure Schwester? Wurde sie entführt?“
„Ja. Danielle wurde entführt. Mein Name ist Saria.“
„Ich heiße Laládi und es tut mir leid, was Eurer Schwester zugestoßen ist. Konntet Ihr Hinweise fin­den?“ Das Mitleid in ihrer Stimme schien echt, dennoch wollte Saria der anderen nicht trauen. Ir­gendetwas an ihr schien falsch. Laládi. Woher stammte nur so ein Name?
„Nein, die Eingeborenen waren mir keine Hilfe. Aber sie waren freundlich. Der Pfeil stammte von einem Ork.“
„Orks? Hier?“ Laládi war entsetzt. Wenn es auf einer Insel wie dieser Orks gab, die Erbfeinde ihrer Rasse, dann konnte das nichts Gutes bedeuten. Die Orks mussten demnach gelernt haben, Schiffe zu bauen. Freiwillig würde sie niemand mitnehmen und sie hatte noch nie in ihrem langen Leben davon gehört, dass jemand Orks nicht tötete, sobald er ihrer ansichtig wurde. Nein, das waren schlechte Neuigkeiten. „Entschuldigt mich bitte, ich muss mit dem Kapitän sprechen.“ Geschmeidig stand sie auf und ging ohne ein Geräusch zu machen aus der Kabine.
Saria sah auf die geschlossene Tür. Die Kabine hatte aufgehört, sich um sie zu drehen und nur noch das sanfte Schaukeln des Schiffes hinderte sie daran, aufzustehen. Ihre Beine fühlten sich noch nicht kräftig genug an. Die Holzwände waren aus Eiche und wirkten glatt und leicht abgegriffen. Abgesehen von dem Bett, auf dem sie saß, gab es noch eine Kleidertruhe und in einer Ecke neben der Tür war ein winziger Tisch angeschraubt. Davor stand ein Hocker ohne Lehne. Ein kopfgroßes Bullauge ließ Licht herein. Das Stück blauer Himmel, das die junge Frau vom Bett aus sehen konn­te, ließ auf einen sonnigen Tag schließen. Gerne wäre sie an Deck gegangen, um etwas frische Luft zu schnappen, doch sie käme wohl kaum bis zur Tür.
Bis zur Wasserschüssel könnte ich es schaffen, überlegte sie. Saria hatte das Bedürfnis, sich zu wa­schen. Ihre Haut klebte und ihr Kopf juckte, als würden unzählige kleine Ameisen darauf herum­krabbeln. Vorsichtig stand sie auf, immer darauf bedacht, wieder auf das Bett zurück zu sinken, falls ihre Beine sie nicht tragen wollten. Doch es gelang ihr, aufzustehen. Saria biss die Zähne zusammen und stützte sich mit der rechten Hand an der Kabinenwand ab. Langsam, Schritt für Schritt ging sie zu dem kleinen Tisch. Für einen gesunden Menschen wären es kaum zwei Schritte gewesen, sie aber benötigte fünf. Mit einem Seufzer der Erleichterung sank sie auf den Hocker. So erschöpft hat­te sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.
Das Wasser war kühl, als sie ihre Hände hinein tauchte. Sie wusch sich das Gesicht, hielt die Luft an und tauchte ihren Kopf unter. Als sie sich wieder aufrichtete, tropfte ihr das Wasser aus den dun­kelroten Haaren auf die Schultern und rann ihr den Hals hinab. In diesem Moment fragte sie sich, wie sie ihre langen Haare trocknen sollte. So gut es ging wrang sie das Wasser über der einfachen Schüssel wieder aus. Es klebte ihr nun am Kopf und sie musste mehrere Strähnen aus ihren Augen herausstreichen, doch das machte Saria nichts aus. Ihre Kopfhaut juckte nicht mehr und das war ihr ein wenig Unannehmlichkeit aufgrund feuchter Haare wert.
So erfrischt war Saria bereit, sich an den Weg zurück zum Bett zu wagen. Noch sitzend drehte sie sich um und stellte erfreut fest, dass ihr Rucksack unter dem Bett verstaut worden war. Sie konnte sich also umziehen! Mit neuer Energie stemmte die junge Frau sich auf die Beine und schaffte es diesmal in drei Schritten und ohne sich abstützen zu müssen zurück zu ihrer Schlafstätte.
Gerade als sie sich erleichtert hinsetzte und nach ihrem Rucksack greifen wollte, klopfte es sanft an die Kabinentür.
„Ja, bitte?“
„Ich bin es, Laládi. Ich habe jemanden mitgebracht.“ Die Stimme der blonden Frau klang selbst durch die Tür hindurch hell und klar.
„Kommt herein!“ rief Saria.
Die Tür öffnete sich und hinter der schlanken Laládi betrat ein gebeugter Mann den Raum. Seine Haut war dunkelbraun, sein Gesicht voller Falten. Als Kleidung trug er einen Lendenschurz und einen Umhang, beide aus einem Tierfell hergestellt, dass Saria noch nie gesehen hatte. Der Grund­ton schien ein sandiges Gelb zu sein, das mit schwarz-roten Punkten gesprenkelt war.
„Das ist Hamadi. Er ist Medizinmann und hat Eure Schulter versorgt. Er würde sich gerne die Wun­de ansehen, wenn es Euch nichts ausmacht.“ Laládi lächelte ihr zu und legte dem dürren Mann sanft die Hand auf den Oberarm.
„Gut. Helft Ihr mir bitte, Laládi? Ich habe Schwierigkeiten mich auszuziehen, solange ich meine Schulter nicht bewegen kann.“
„Natürlich“, antwortete sie und schloss sanft die Tür hinter sich. Mit flinken Fingern knöpfte sie Sa­rias Bluse auf, wobei ihr blondes Haar über Sarias Wangen strich. Es roch gut, wie eine frische Sommerbrise. Eine solche Seife hatte Saria noch nie gerochen, aber sie nahm sich für später vor, zu fragen, ob sie sich das Stück ausleihen könnte. Sanft streifte Laládi ihr die Bluse ab. Alles, was die­se Frau tat schien sanft zu sein. Das weckte Sarias Misstrauen noch mehr, doch wagte sie zu diesem Zeitpunkt nicht, ihre Gefühle zu zeigen.
Um ihre langen Haare war Saria nun froh, da sie ihr bis über die Brüste reichten und so halfen, die­se zusammen mit ihrem rechten Arm vor allzu neugierigen Blicken Hamadis zu verbergen. Auch wenn er ein Medizinmann war, brauchte er nicht alles von ihr zu sehen.
Wortlos entfernte Hamadi ihr den Verband und beäugte kritisch die Wunde. Saria selbst versuchte auch einen Blick darauf zu werfen, hatte aber keinen guten Winkel. Sie sah nur eine große blau-schwarze Stelle, konnte jedoch aufgrund fehlenden Wissens nicht viel damit anfangen. Es schmerz­te, das wusste sie und das reichte ihr. Da es ihr nicht möglich war, Hamadi bei seiner Arbeit zuzuse­hen, blickte sie dem Mann stattdessen in die Augen, um dort vielleicht etwas ablesen zu können. Heiler beschönigten manchmal ihre Aussagen gegenüber ihren Patienten, so viel wusste Saria. Sie hoffte, auf diese Weise näher an die Wahrheit zu kommen. Falls ihr Arm abgenommen werden musste, wollte sie das lieber gleich wissen.
Die Augen des alten Medizinmannes aber ließen in ihr das Gefühl aufkommen, dass sie sich immer weiter von der Wahrheit entfernte, egal was sie tat. Hamadis Augen waren die eines Zwanzigjähri­gen. Dunkelbraun, glasklar und voller Leben. Das passte nicht zu dem ausgemergelten Aussehen des ohnehin fremdartigen Mannes. Als er dann auch noch in einer ihr unbekannten Sprache vor sich hin krächzte, hielt Saria es vor Neugier nicht mehr aus.
„Von wo stammt Ihr? Welche Sprache ist das?“ fragte sie ihn. Hamadi ignorierte sie, aber Laládi antwortete mit ihrer nervig-schönen Stimme.
„Wir sind ihm vor kurzem in einem Wald begegnet. Keiner versteht, was er sagt, aber er scheint uns zu verstehen.“ Ein Lächeln breitete sich über ihre Züge aus, das wohl beruhigend wirken sollte. „Keine Sorge, er weiß, was er macht.“
Saria war keineswegs beruhigt, wusste allerdings auch nicht, was sie selbst hätte tun können.
Sollte ich das alles überstehen, werde ich das Heilen lernen, versprach sie sich selbst.
Hamadi drückte ein wenig an ihrer Wunde herum. Saria wollte vor Schmerz brüllen. Aber die junge Frau biss eisern die Zähne zusammen und ließ es zu nicht mehr kommen als einem lauten Stöhnen.
Der Medizinmann zog seine knochigen Finger zurück und nickte. Er sagte etwas in seiner kehligen Sprache und machte Laládi gegenüber einige Zeichen. Diese nickte und übersetzte für die Patientin.
„Eure Schulter heilt gut. Sie muss erneut mit einer heilenden Kräutersalbe bestrichen und frisch ver­bunden werden, aber Ihr werdet sie wieder benutzen können.“
„Ich dachte, Ihr versteht ihn nicht?“ platzte es aus der jungen Frau heraus. Der pochende Schmerz in ihrer linken Schulter ließ sie ihre Vorsicht vergessen.
Nicht seine Worte, aber seine Absichten verstehe ich. Außerdem bin ich selbst ein wenig in der Kunst der Heilung bewandert und sehe ebenfalls, dass Eure Schulter schon besser aussieht. Ihr wer­det wieder gesund.“ Ihre Stimme ließ nicht erahnen, ob Sarias Worte sie in irgendeiner Weise be­rührt hatten.
Also gut. Ich entschuldige mich, falls ich Euch beleidigt haben sollte. Ich habe nur Angst um mei­nen Arm...“
Schon gut, ich bin nicht beleidigt. Kommt, ich kümmere mich um die Salbe und den Verband.“ Mit grazilen Handbewegungen bedeutete sie Hamadi, Sarias Kabine zu verlassen. Der alte Mann nickte, reichte ihr noch einen irdenen Tiegel aus einem Beutel an seiner Seite und verließ schweigend den Raum. Als die Tür hinter ihm zugezogen war, entspannte Saria sich ein wenig.
„Macht er Euch Angst, Saria?“ fragte Laládi, der das leichte Herabsacken ihrer Schultern bemerkt haben musste.
„Nein“, log die junge Frau. „Das ist nur die Anspannung wegen meinem Arm. Die Sorge, ihn zu verlieren. Bei der Suche nach meiner Schwester werde ich wahrscheinlich beide Arme gebrauchen können.“
Ja, da habt Ihr recht.“ Mit federleichten Berührungen verteilte Laládi etwas von der gelben Salbe, die erstaunlicherweise weniger streng roch als die Heilsalben, die Saria bisher kennengelernt hatte. Die Mixtur kühlte ihre pochende Schulter und es fühlte sich gleich so an, als heilte sie allein durch das Auftragen der Kräuter. Mit geübten Bewegungen wurde sie von der blonden Frau verbunden und wieder angezogen.
„Ich danke Euch, Laládi.“
„Nicht dafür“, versicherte die andere Frau ihr. „Nun solltet Ihr Euch ausruhen. Euer Körper braucht seine Kraft für die Heilung.“
Saria nickte nur, erschöpft von der Behandlung und dem kleinen Ausflug zur Wasserschüssel. Lalá­di nahm die Schüssel mit und kurz nachdem sie die kleine Schiffskabine verlassen hatte, schlief Sa­ria ein.

Das alles war vor drei Tagen gewesen. Inzwischen war Saria schon wieder viel kräftiger, konnte bei ruhigem Seegang über Deck spazieren und musste nicht mehr den ganzen Tag im Bett verbringen.
Jetzt stand sie an der Reling und blickte gedankenverloren auf das ruhige Wasser. Es blies ein steti­ger Wind, so dass das Schiff gemütlich Fahrt machte. Es hieß Eule. Saria wusste nicht, warum Schiffe nach Vögeln benannt wurden. Es war eben schon immer so, antwortete jeder, den man frag­te. Außer der Mannschaft fuhren noch vier Passagiere mit: Laládi, Hamadi, ein Zwerg namens Du­rin und ein blonder Hüne, der sich als Aril vorgestellt hatte.
Saria hörte, wie jemand sich von hinten näherte und blickte sich um. Aril stand hinter ihr und sah sie mit einem Blick an, der ihr nicht sehr gefiel.
„Aril. Kann ich etwas für Euch tun?“ fragte sie höflich.
„Ja! Erzählt mir von Euch“, bat er grinsend.
Überrascht sah die junge Frau zu dem gut einen Kopf größeren Mann auf. Diese Aufforderung kam unerwartet.
„Ich...“ Nervös strich sie sich eine Strähne dunkelroten Haares aus dem Gesicht. „Ich stamme aus einem kleinen Dorf in den Wäldern im Westen Indunams. Meinen Vater kenne ich nicht und meine Mutter starb als meine Schwester entführt wurde. Seitdem versuche ich, sie zu finden.“
„Das tut mir leid, dass Eure Mutter tot ist. Ich werde Euch helfen, Eure Schwester zu finden.“
„Das ist sehr freundlich von Euch, doch wenn Ihr nicht schon wisst, wo Danielle sich befindet, dann werdet Ihr genauso wenig tun können wie ich im Augenblick. Die Eingeborenen der Insel waren meine letzte Spur.“
„Ich bin Aril, Prinz Ruangmós, Skorpiontöter und Orkschlächter. Wenn ich etwas verspreche, dann geschieht es!“ Mit diesen Worten drehte er sich um und stapfte Richtung Heck davon. Saria sah ihm entgeistert nach.
Was ist ein Skorpion? fragte sie sich.

Am Abend aßen alle zusammen mit der Mannschaft. Nach einer Portion Fischsuppe mit Zwieback – ein Essen, das inzwischen eintönig geworden war – stand Aril auf und verlangte Ruhe.
„Ich habe beschlossen, dass wir Saria bei der Suche nach ihrer Schwester helfen!“ verkündete er zur Verblüffung seiner Kameraden.
Das kannst Du nicht allein entscheiden, Aril!“ rief Durin. „Wir haben genauso ein Recht zu ent­scheiden.“
Aril sah nun seinerseits den Zwergen überrascht an. Hamadi blickte neugierig zwischen dem Zwerg und dem Hünen hin und her. Auch die Mannschaft schwieg gespannt.
Willst du mich einen Lügner nennen?“ fragte Aril.
„Nein, einen Dummkopf!“ Durin stand auf, was ihn nicht größer erschienen ließ, aber mehr Bewe­gungsraum verschaffte.
Hört auf! Ihr beide“, mischte sich nun Laládi ein. „Es ist niemandem geholfen, wenn ihr euch schlagt.“ Die Wirbel in ihren blauen Augen schienen sich zu drehen während sie die Streithähne musterte. Hamadi beobachtete die Frau mit Adleraugen, kein Detail entging ihm.
„Wir haben nicht darüber gesprochen, aber ich stimme mit Aril überein: Auch ich werde Saria bei ihrer Suche helfen. Als wir angefangen haben, ihr unsere Hilfe zu geben, haben wir damit auch die Verantwortung übernommen, ihr bis zum Ende zu helfen.“ Laládi hatte ihre Stimme nicht erhoben, doch als ihre kurze Ansprache nun zu Ende war, schien es, als wäre man taub geworden – so leise war es.
Zur Überraschung aller beendete Hamadi die Stille mit einem gekrächzten „ja“, das selbst der so be­herrschten Laládi für einen Moment die Züge entgleiten ließ.
Durin verließ fluchend die Küche und stampfte aufs Deck.
„Ich wollte keinen Streit verursachen. Ihr müsst mir nicht helfen“, rief Saria ihm hinterher, meinte aber alle ihre Retter damit. Als Durin nicht reagierte, biss sich die junge Frau auf die Unterlippe.
„Keine Sorge, Saria, Durin ist im Inneren seines Herzens unserer Meinung. Er grummelt nur, weil er nicht zuvor gefragt wurde – und weil er Wasser nicht mag, ist er generell leicht reizbar auf einer Seereise.“ Laládi lächelte sie an und neigte ihren Kopf ein wenig nach links. Dabei spitzte der obere Rand ihres rechten Ohres durch das goldgelbe Haar.
Eine Elfe! Das erklärte ein paar Dinge, warf aber gleichzeitig weitere Fragen auf. Elfen waren ex­trem selten in Levante. Der Legende nach waren die Elfen vor Generationen von einem Tag zum nächsten spurlos verschwunden. Manche Siedlungen entdeckten Abenteurer noch Jahrhunderte spä­ter, verlassen und überwuchert. Die besten Spurensucher aber fanden keine Hinweise darauf, wohin sie gegangen waren. Da es auch keine Spuren von Gewalt gab, blieb das Verschwinden der langle­bigen Rasse ein Rätsel.
Ja, danke...“ stammelte Saria. Ein Zwerg, ein Medizinmann, ein Barbar und eine Elfe – wie kam nur eine solche Gruppe zusammen? Und nun sollte sie mit dieser illustren Truppe nach ihrer Schwester suchen?
Sie musste hier raus, brauchte frische Luft und Ruhe zum Nachdenken. Wortlos stand sie auf und folgte Durin in die hereinbrechende Nacht hinaus. Den Zwerg sah sie nicht, also stellte sie sich er­neut an die Steuerbordreling und blickte aufs Meer hinaus. Sollte sie bei ihnen bleiben und die Ent­deckung ihres Geheimnisses riskieren oder besser einen Weg finden, ohne die anderen weiter nach Danielle zu suchen? Gewiss könnte diese Gruppe ihr eine große Hilfe sein. Schon Laládi allein wäre ein enormer Gewinn, zusammen mit der Muskelkraft von Durin und Aril konnte ihr kaum et­was Besseres widerfahren. Hamadi jedoch war für sie nicht einschätzbar. Er könnte eine Gefahr werden. In Gedanken versunken versuchte sie, sich mit beiden Armen aufzustützen und schrie vor Schmerz auf. Sie hatte ihre Verletzung für einen Moment vergessen. Jetzt brannte ihre Schulter wie Feuer. Die junge Frau hielt sich mit dem gesunden Arm fest und lehnte sich an die hüfthohe Reling. Noch bevor sie wieder richtig Luft bekam, tauchte Aril an ihrer Seite auf und fragte nach, was pas­siert sei.
Arm... vergessen...“ keuchte Saria zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ohne zu zögern legte der Barbar seinen Arm um ihre Hüfte und führte sie langsam aber bestimmt von der Seite des Schiffes weg.
„Was... wohin...?“
„In Deine Kabine. Du solltest Dich ausruhen.“
Wann hatte sie ihm ein „Du“ erlaubt? Wenn sie besser Luft bekommen hätte, hätte sie sich seinem Griff entwunden und ihn zur Rede gestellt. So aber hatte Saria keine andere Wahl als zuzulassen, dass er sie mit sich zog.
Die kleine Treppe, die unter Deck führte, war eine Tortur. Es war zu eng für die beiden, doch der große Mann nahm darauf keine Rücksicht. Saria schaffte es gerade noch, sich in Arils Griff zu dre­hen, so dass nur ihr Rücken gegen die Holzwand gestoßen wurde und nicht ihre Schulter. Der Stoß vervielfältigte den Schmerz dennoch und ihr blieb erneut die Luft weg.
Kurz bevor ihr schwarz vor Augen wurde, sank sie gegen ihren Begleiter und hoffte, dass er sie auf­fangen und ihre Schwäche nicht ausnutzen würde. Bei allen Göttern, er war ein Barbar!

 
© Ben Grauh

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