Saria
Arberdan (Teil 1)
Der Wind wehte der jungen
Frau durchs Haar und ließ den schwarzen Rock um ihre Beine schlagen.
Die linke Schulter schmerzte, doch sie war am Leben. Der Orkpfeil
hatte sie an einen Baum genagelt, doch kamen der Schütze und seine
Kumpanen nicht mehr dazu, sie weiter zu malträtieren. Die Orks
wurden von ihren Begleitern aufgehalten, die bei ihrer Verteidigung
ihre Leben ließen. Dafür hatte sie die Männer und Frauen auch
bezahlt: Um ihr Schutz zu sein auf ihrer Suche. Allerdings hätte es
auf dieser Insel keine Orks geben sollen. Alle Seefahrer, die sie vor
Antritt der Reise befragt hatte, hatten ihr versichert, dass das
gefährlichste hier war, einen Ankerplatz zu finden. Die
Eingeborenen waren friedlich und größere Tiere lebten hier nicht.
Wo die Orks herkamen war ein Rätsel, aber eines, dem sie nicht auf
den Grund gehen wollte.
Nachdem alle um sie herum
tot waren, hatte sie unter Aufbietung all ihres Mutes nach dem Schaft
des Pfeiles gegriffen, der noch aus ihrer Schulter herausragte. Mit
einem Schmerzensschrei hatte sie ihn festgehalten und einen Schritt
nach vorne gemacht. Als die Pfeilspitze aus der Rinde des Baumes
heraus war, sank sie auf die Knie und fühlte schon, wie ihr die
Sinne schwanden. Unter Aufbietung ihrer letzten Reserven stemmte
sie sich wieder auf die Beine und schleppte sich zum Strand. Nur um
zu sehen, dass die Orks das Schiff versenkt hatten, mit dem sie und
ihre Beschützer zur Insel hier im Westen gefahren waren. Ihrer
einzigen Möglichkeit beraubt, die Insel wieder zu verlassen,
brach sie auf dem Sandstrand zusammen.
Ihre nächste bewusste
Wahrnehmung war das leichte Schaukeln eines Schiffes unter ihr.
Erleichtert seufzte sie auf. Es war alles nur ein Traum. Doch als sie
sich aufrichten wollte schoss ein derart starker Schmerz durch ihren
linken Arm, dass sie beinahe wieder bewusstlos wurde. Nun wusste sie,
dass es kein Traum gewesen war. Nachdem der Schmerz ein wenig
abgeklungen war, sah sie sich in der Kabine um, in der sie lag. Das
war nicht die Kabine der Seemöwe,
in der sie hergekommen war. Vorsichtig richtete sie sich erneut
auf, diesmal darauf achtend, nur den rechten Arm zu benutzen.
Sie saß gerade mit sich
drehendem Kopf auf dem Bett, als eine junge blonde
Frau die Kabine betrat.
„Ihr
seid wach!“ rief sie mit glockenheller Stimme. Rasch stellte sie
die Wasserschüssel in ihren Händen zur Seite und trat zu ihr. Mit
kühlen Fingern strich sie
ihrer Patientin über die Stirn, sah ihr in die Augen. Das Blau
in den Augen der Frau schien zu tanzen.
„Soweit
ich das beurteilen kann, seid Ihr bei erstaunlich guter Gesundheit.
Die Schulter wird noch einige Zeit schmerzen, aber Ihr werdet den Arm
wieder vollständig benutzen können. Der Pfeil hat nichts zerstört.“
Sie lächelte das
umwerfendste Lächeln, das je eine Frau zustande gebracht haben
konnte. „Sagt, was habt Ihr eigentlich auf der Insel gemacht? Dort
gibt es nichts außer ein paar Wilden.“
„Ich
suche meine Schwester“, antwortete die verletzte
Frau.
„Eure
Schwester? Wurde sie entführt?“
„Ja.
Danielle wurde entführt. Mein Name ist Saria.“
„Ich
heiße Laládi und es tut mir leid, was Eurer Schwester zugestoßen
ist. Konntet Ihr Hinweise finden?“ Das Mitleid in ihrer Stimme
schien echt, dennoch wollte Saria der anderen nicht trauen.
Irgendetwas an ihr schien falsch. Laládi. Woher stammte nur so
ein Name?
„Nein,
die Eingeborenen waren mir keine Hilfe. Aber sie waren freundlich.
Der Pfeil stammte von einem Ork.“
„Orks?
Hier?“ Laládi war entsetzt. Wenn es auf einer Insel wie dieser
Orks gab, die Erbfeinde ihrer Rasse, dann konnte das nichts Gutes
bedeuten. Die Orks mussten demnach gelernt haben, Schiffe zu bauen.
Freiwillig würde sie niemand mitnehmen und sie hatte noch nie in
ihrem langen Leben davon gehört, dass jemand Orks nicht tötete,
sobald er ihrer ansichtig wurde. Nein, das waren schlechte
Neuigkeiten. „Entschuldigt mich bitte, ich muss mit dem Kapitän
sprechen.“ Geschmeidig stand sie auf und ging ohne ein Geräusch zu
machen aus der Kabine.
Saria
sah auf die geschlossene Tür. Die Kabine hatte aufgehört, sich um
sie zu drehen und nur noch das sanfte Schaukeln des Schiffes hinderte
sie daran, aufzustehen. Ihre Beine fühlten sich noch nicht kräftig
genug an. Die Holzwände waren aus Eiche und wirkten glatt und leicht
abgegriffen. Abgesehen von dem Bett, auf dem sie saß, gab es noch
eine Kleidertruhe und in einer Ecke neben der Tür war ein winziger
Tisch angeschraubt. Davor stand ein Hocker ohne Lehne. Ein kopfgroßes
Bullauge ließ Licht herein. Das Stück blauer Himmel, das die junge
Frau vom Bett aus sehen konnte, ließ auf einen sonnigen Tag
schließen. Gerne wäre sie an Deck gegangen, um etwas frische Luft
zu schnappen, doch sie käme wohl kaum bis zur Tür.
Bis zur Wasserschüssel
könnte ich es schaffen,
überlegte sie. Saria hatte das Bedürfnis, sich zu waschen.
Ihre Haut klebte und ihr Kopf juckte, als würden unzählige kleine
Ameisen darauf herumkrabbeln. Vorsichtig
stand sie auf, immer darauf bedacht, wieder auf das Bett zurück zu
sinken, falls ihre Beine sie nicht tragen wollten. Doch es
gelang ihr, aufzustehen.
Saria biss die Zähne
zusammen und stützte sich mit der rechten Hand an der Kabinenwand
ab. Langsam, Schritt für Schritt ging sie zu dem kleinen Tisch. Für
einen gesunden Menschen wären es kaum zwei Schritte gewesen, sie
aber benötigte fünf. Mit einem Seufzer der Erleichterung sank sie
auf den Hocker. So erschöpft
hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.
Das
Wasser war kühl, als sie ihre Hände hinein tauchte. Sie wusch sich
das Gesicht, hielt die Luft an und tauchte ihren Kopf unter. Als sie
sich wieder aufrichtete, tropfte ihr das Wasser aus den dunkelroten
Haaren auf die Schultern und rann ihr den Hals hinab. In diesem
Moment fragte sie sich, wie sie ihre langen Haare trocknen sollte. So
gut es ging wrang sie das Wasser über der einfachen Schüssel wieder
aus. Es klebte ihr nun am Kopf und sie musste mehrere Strähnen aus
ihren Augen herausstreichen, doch das machte Saria nichts aus. Ihre
Kopfhaut juckte nicht mehr und das war ihr ein wenig Unannehmlichkeit
aufgrund feuchter Haare wert.
So
erfrischt war Saria bereit, sich an den Weg zurück zum Bett zu
wagen. Noch sitzend drehte sie sich um und stellte erfreut fest, dass
ihr Rucksack unter dem Bett verstaut worden war. Sie konnte sich also
umziehen! Mit neuer Energie stemmte die junge Frau sich auf die Beine
und schaffte es diesmal in drei Schritten und ohne sich abstützen zu
müssen zurück zu ihrer Schlafstätte.
Gerade
als sie sich erleichtert hinsetzte und nach ihrem Rucksack greifen
wollte, klopfte es sanft an die Kabinentür.
„Ja,
bitte?“
„Ich
bin es, Laládi. Ich habe jemanden mitgebracht.“ Die Stimme der
blonden Frau klang selbst durch die Tür hindurch hell und klar.
„Kommt
herein!“ rief Saria.
Die
Tür öffnete sich und hinter der schlanken Laládi betrat ein
gebeugter Mann den Raum. Seine Haut war dunkelbraun, sein Gesicht
voller Falten. Als Kleidung trug er einen Lendenschurz und einen
Umhang, beide aus einem Tierfell hergestellt, dass Saria noch nie
gesehen hatte. Der Grundton schien ein sandiges Gelb zu sein,
das mit schwarz-roten Punkten gesprenkelt war.
„Das
ist Hamadi. Er ist Medizinmann und hat Eure Schulter versorgt. Er
würde sich gerne die Wunde ansehen, wenn es Euch nichts
ausmacht.“ Laládi lächelte ihr zu und legte dem dürren Mann
sanft die Hand auf den Oberarm.
„Gut.
Helft Ihr mir bitte, Laládi? Ich habe Schwierigkeiten mich
auszuziehen, solange ich meine Schulter nicht bewegen kann.“
„Natürlich“,
antwortete sie und schloss sanft die Tür hinter sich. Mit flinken
Fingern knöpfte sie Sarias Bluse auf, wobei ihr blondes Haar
über Sarias Wangen strich. Es roch gut, wie eine frische
Sommerbrise. Eine solche Seife hatte Saria noch nie gerochen, aber
sie nahm sich für später vor, zu fragen, ob sie sich das Stück
ausleihen könnte. Sanft streifte Laládi ihr die Bluse ab. Alles,
was diese Frau tat schien sanft zu sein. Das weckte Sarias
Misstrauen noch mehr, doch wagte sie zu diesem Zeitpunkt nicht, ihre
Gefühle zu zeigen.
Um
ihre langen Haare war Saria nun froh, da sie ihr bis über die Brüste
reichten und so halfen, diese zusammen mit ihrem rechten Arm vor
allzu neugierigen Blicken Hamadis zu verbergen. Auch wenn er ein
Medizinmann war, brauchte er nicht alles von ihr zu sehen.
Wortlos
entfernte Hamadi ihr den Verband und beäugte kritisch die Wunde.
Saria selbst versuchte auch einen Blick darauf zu werfen, hatte aber
keinen guten Winkel. Sie sah nur eine große blau-schwarze Stelle,
konnte jedoch aufgrund fehlenden Wissens nicht viel damit anfangen.
Es schmerzte, das wusste sie und das reichte ihr. Da es ihr
nicht möglich war, Hamadi bei seiner Arbeit zuzusehen, blickte
sie dem Mann stattdessen in die Augen, um dort vielleicht etwas
ablesen zu können. Heiler beschönigten manchmal ihre Aussagen
gegenüber ihren Patienten, so viel wusste Saria. Sie hoffte, auf
diese Weise näher an die Wahrheit zu kommen. Falls ihr Arm
abgenommen werden musste, wollte sie das lieber gleich wissen.
Die
Augen des alten Medizinmannes aber ließen in ihr das Gefühl
aufkommen, dass sie sich immer weiter von der Wahrheit entfernte,
egal was sie tat. Hamadis Augen waren die eines Zwanzigjährigen.
Dunkelbraun, glasklar und voller Leben. Das passte nicht zu dem
ausgemergelten Aussehen des ohnehin fremdartigen Mannes. Als er dann
auch noch in einer ihr unbekannten Sprache vor sich hin krächzte,
hielt Saria es vor Neugier nicht mehr aus.
„Von
wo stammt Ihr? Welche Sprache ist das?“ fragte sie ihn. Hamadi
ignorierte sie, aber Laládi antwortete mit ihrer nervig-schönen
Stimme.
„Wir
sind ihm vor kurzem in einem Wald begegnet. Keiner versteht, was er
sagt, aber er scheint uns zu verstehen.“ Ein Lächeln breitete sich
über ihre Züge aus, das wohl beruhigend wirken sollte. „Keine
Sorge, er weiß, was er macht.“
Saria
war keineswegs beruhigt, wusste allerdings auch nicht, was sie selbst
hätte tun können.
Sollte ich das alles
überstehen, werde ich das Heilen lernen,
versprach sie sich selbst.
Hamadi
drückte ein wenig an ihrer Wunde herum. Saria wollte vor Schmerz
brüllen. Aber die junge Frau biss eisern die Zähne zusammen und
ließ es zu nicht mehr kommen als einem lauten Stöhnen.
Der
Medizinmann zog seine knochigen Finger zurück und nickte. Er sagte
etwas in seiner kehligen Sprache und machte Laládi gegenüber einige
Zeichen. Diese nickte und übersetzte für die Patientin.
„Eure
Schulter heilt gut. Sie muss erneut mit einer heilenden Kräutersalbe
bestrichen und frisch verbunden werden, aber Ihr werdet sie
wieder benutzen können.“
„Ich
dachte, Ihr versteht ihn nicht?“ platzte es aus der jungen Frau
heraus. Der pochende Schmerz in ihrer linken Schulter ließ sie ihre
Vorsicht vergessen.
„Nicht
seine Worte, aber seine Absichten verstehe ich. Außerdem bin ich
selbst ein wenig in der Kunst
der Heilung bewandert und
sehe ebenfalls, dass Eure Schulter schon besser aussieht. Ihr werdet
wieder gesund.“ Ihre Stimme ließ nicht erahnen, ob Sarias Worte
sie in irgendeiner Weise berührt hatten.
„Also
gut. Ich entschuldige mich, falls ich Euch beleidigt haben sollte.
Ich habe nur Angst um meinen Arm...“
„Schon
gut, ich bin nicht beleidigt. Kommt,
ich kümmere mich um die Salbe und den Verband.“ Mit grazilen
Handbewegungen bedeutete sie Hamadi, Sarias Kabine zu verlassen. Der
alte Mann nickte, reichte ihr noch einen irdenen Tiegel aus einem
Beutel an seiner Seite und verließ schweigend den Raum. Als die Tür
hinter ihm zugezogen war, entspannte Saria sich ein wenig.
„Macht
er Euch Angst, Saria?“ fragte Laládi, der das leichte Herabsacken
ihrer Schultern bemerkt haben musste.
„Nein“,
log die junge Frau. „Das ist nur die Anspannung wegen meinem Arm.
Die Sorge, ihn zu verlieren. Bei der Suche nach meiner Schwester
werde ich wahrscheinlich beide Arme gebrauchen können.“
„Ja,
da habt Ihr
recht.“ Mit federleichten Berührungen verteilte
Laládi etwas von
der gelben
Salbe, die erstaunlicherweise weniger streng roch als die Heilsalben,
die Saria bisher kennengelernt hatte. Die
Mixtur kühlte ihre pochende Schulter und es fühlte sich gleich so
an, als heilte sie allein durch das Auftragen der
Kräuter. Mit
geübten Bewegungen wurde sie von der blonden Frau verbunden und
wieder angezogen.
„Ich
danke Euch, Laládi.“
„Nicht
dafür“, versicherte die andere Frau ihr. „Nun solltet Ihr Euch
ausruhen. Euer Körper braucht seine Kraft für die Heilung.“
Saria
nickte nur, erschöpft von der Behandlung und dem kleinen Ausflug zur
Wasserschüssel. Laládi nahm die Schüssel mit und kurz nachdem
sie die kleine Schiffskabine verlassen hatte, schlief Saria ein.
Das
alles war vor drei Tagen gewesen. Inzwischen war Saria schon wieder
viel kräftiger, konnte bei ruhigem Seegang über Deck spazieren und
musste nicht mehr den ganzen Tag im Bett verbringen.
Jetzt
stand sie an der Reling und blickte gedankenverloren auf das ruhige
Wasser. Es blies ein stetiger Wind, so dass das Schiff gemütlich
Fahrt machte. Es hieß Eule. Saria wusste nicht, warum Schiffe
nach Vögeln benannt wurden. Es war eben schon immer so, antwortete
jeder, den man fragte. Außer der Mannschaft fuhren noch vier
Passagiere mit: Laládi, Hamadi, ein Zwerg namens Durin und ein
blonder Hüne, der sich als Aril vorgestellt hatte.
Saria
hörte, wie jemand sich von hinten näherte und blickte sich um. Aril
stand hinter ihr und sah sie mit einem Blick an, der ihr nicht sehr
gefiel.
„Aril.
Kann ich etwas für Euch tun?“ fragte sie höflich.
„Ja!
Erzählt mir von Euch“, bat er grinsend.
Überrascht
sah die junge Frau zu dem gut einen Kopf größeren Mann auf. Diese
Aufforderung kam unerwartet.
„Ich...“
Nervös strich sie sich eine Strähne dunkelroten Haares aus dem
Gesicht. „Ich stamme aus einem kleinen Dorf in den Wäldern im
Westen Indunams. Meinen Vater kenne ich nicht und meine Mutter starb
als meine Schwester entführt wurde. Seitdem versuche ich, sie zu
finden.“
„Das
tut mir leid, dass Eure Mutter tot ist. Ich werde Euch helfen, Eure
Schwester zu finden.“
„Das
ist sehr freundlich von Euch, doch wenn Ihr nicht schon wisst, wo
Danielle sich befindet, dann werdet Ihr genauso wenig tun können wie
ich im Augenblick. Die Eingeborenen der Insel waren meine letzte
Spur.“
„Ich
bin Aril, Prinz Ruangmós, Skorpiontöter und Orkschlächter. Wenn
ich etwas verspreche, dann geschieht es!“ Mit diesen Worten drehte
er sich um und stapfte Richtung Heck davon. Saria sah ihm entgeistert
nach.
Was ist ein Skorpion?
fragte sie sich.
Am
Abend aßen alle zusammen mit der Mannschaft. Nach
einer Portion Fischsuppe
mit Zwieback – ein
Essen, das inzwischen eintönig geworden war –
stand Aril auf und verlangte Ruhe.
„Ich
habe beschlossen, dass wir Saria bei der Suche nach ihrer Schwester
helfen!“ verkündete er zur Verblüffung seiner Kameraden.
„Das
kannst Du nicht allein entscheiden, Aril!“ rief Durin. „Wir haben
genauso ein Recht zu entscheiden.“
Aril
sah nun seinerseits den Zwergen überrascht an. Hamadi
blickte neugierig zwischen dem Zwerg und dem Hünen hin und her. Auch
die Mannschaft schwieg gespannt.
„Willst
du mich einen Lügner nennen?“ fragte Aril.
„Nein,
einen Dummkopf!“ Durin stand auf, was ihn nicht größer erschienen
ließ, aber mehr Bewegungsraum verschaffte.
„Hört
auf! Ihr beide“, mischte sich nun Laládi ein. „Es ist niemandem
geholfen, wenn ihr euch schlagt.“ Die Wirbel in ihren blauen Augen
schienen sich zu drehen während sie die Streithähne musterte.
Hamadi beobachtete die Frau
mit Adleraugen, kein Detail entging ihm.
„Wir
haben nicht darüber gesprochen, aber ich stimme mit Aril überein:
Auch ich werde Saria bei ihrer Suche helfen. Als wir angefangen
haben, ihr unsere Hilfe zu geben, haben wir damit auch die
Verantwortung übernommen, ihr bis zum Ende zu helfen.“ Laládi
hatte ihre Stimme nicht erhoben, doch als ihre kurze Ansprache nun zu
Ende war, schien es, als wäre man taub geworden – so leise war es.
Zur
Überraschung aller beendete Hamadi die Stille mit einem gekrächzten
„ja“, das selbst der so beherrschten Laládi für einen
Moment die Züge entgleiten ließ.
Durin
verließ fluchend die Küche und stampfte aufs Deck.
„Ich
wollte keinen Streit verursachen. Ihr müsst mir nicht helfen“,
rief Saria ihm hinterher, meinte aber alle ihre Retter damit. Als
Durin nicht reagierte, biss sich die junge Frau auf die Unterlippe.
„Keine
Sorge, Saria, Durin ist im Inneren seines Herzens unserer Meinung. Er
grummelt nur, weil er nicht zuvor gefragt wurde – und weil er
Wasser nicht mag, ist er generell leicht reizbar auf einer Seereise.“
Laládi lächelte sie an und neigte ihren Kopf ein wenig nach links.
Dabei spitzte der obere Rand ihres rechten Ohres durch das goldgelbe
Haar.
Eine Elfe!
Das erklärte ein paar Dinge, warf aber gleichzeitig weitere Fragen
auf. Elfen waren extrem selten in
Levante. Der
Legende nach waren die Elfen vor Generationen von
einem Tag zum nächsten spurlos verschwunden. Manche Siedlungen
entdeckten Abenteurer noch
Jahrhunderte später, verlassen
und überwuchert. Die besten
Spurensucher aber fanden keine Hinweise darauf, wohin sie gegangen
waren. Da es auch keine Spuren von Gewalt gab, blieb
das Verschwinden der langlebigen Rasse ein Rätsel.
„Ja,
danke...“ stammelte Saria. Ein Zwerg, ein Medizinmann, ein Barbar
und eine Elfe – wie kam nur eine solche Gruppe zusammen? Und
nun sollte sie mit dieser illustren Truppe nach ihrer Schwester
suchen?
Sie
musste hier raus, brauchte frische Luft und Ruhe zum Nachdenken.
Wortlos stand sie auf und
folgte Durin in die hereinbrechende Nacht hinaus. Den
Zwerg sah sie nicht, also stellte sie sich erneut an die
Steuerbordreling und blickte
aufs Meer hinaus. Sollte sie
bei ihnen bleiben und die Entdeckung ihres Geheimnisses
riskieren oder besser einen Weg finden,
ohne die anderen weiter nach Danielle zu suchen? Gewiss könnte diese
Gruppe ihr eine große Hilfe sein. Schon Laládi allein wäre ein
enormer Gewinn,
zusammen mit der Muskelkraft von
Durin und Aril konnte ihr kaum etwas Besseres
widerfahren. Hamadi jedoch war für sie nicht einschätzbar. Er
könnte eine Gefahr werden. In
Gedanken versunken
versuchte sie, sich mit beiden Armen aufzustützen und schrie vor
Schmerz auf. Sie hatte ihre Verletzung für einen Moment vergessen.
Jetzt brannte ihre Schulter
wie Feuer. Die junge Frau
hielt sich mit dem gesunden Arm fest und lehnte sich an die hüfthohe
Reling. Noch bevor sie wieder
richtig Luft bekam, tauchte Aril an ihrer Seite auf und fragte nach,
was passiert sei.
„Arm...
vergessen...“ keuchte Saria zwischen zusammengebissenen Zähnen
hervor.
Ohne
zu zögern legte der Barbar seinen Arm um ihre Hüfte und führte sie
langsam aber bestimmt von der Seite des Schiffes weg.
„Was...
wohin...?“
„In
Deine Kabine. Du solltest Dich ausruhen.“
Wann
hatte sie ihm ein „Du“ erlaubt? Wenn sie besser Luft bekommen
hätte, hätte sie sich seinem Griff entwunden und ihn zur Rede
gestellt. So aber hatte Saria keine andere Wahl als zuzulassen, dass
er sie mit sich zog.
Die
kleine Treppe, die unter Deck führte, war eine Tortur. Es
war zu eng für die beiden, doch der große Mann nahm darauf keine
Rücksicht. Saria schaffte es gerade noch, sich in Arils Griff zu
drehen, so dass nur ihr Rücken gegen die Holzwand gestoßen
wurde und nicht ihre Schulter. Der Stoß vervielfältigte
den Schmerz dennoch und ihr
blieb erneut die Luft weg.
Kurz
bevor ihr schwarz vor Augen wurde, sank sie gegen ihren Begleiter und
hoffte, dass er sie auffangen und ihre Schwäche nicht ausnutzen
würde. Bei allen Göttern, er war ein Barbar!
© Ben Grauh
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