Sonntag, 18. November 2012

Saria (Teil 3)

Saria Arberdan (Teil 3)


Langsam schälte sich Woryem aus dem frühmorgendlichen Nebel. Zunächst war nur das sanfte Gelb des Lichts zu sehen, welches des Nachts stets auf dem mächtigen Verteidigungsturm der Ha­fenstadt brannte. Die nördlichste Stadt Indunams besaß noch weitere Türme, direkt am Hafenein­gang. Doch der größte ragte in der Bucht über alle Dächer und barg das Licht, um Schiffe durch die Nacht zu lotsen. Anschließend tauchten die schwächeren Lichter der kleineren Türme auf und zeig­ten dem Steuermann der Eule genau, wie er das Schiff in das Hafenbecken manövrieren musste. Nach und nach tauchte der feuchte Stein der Türme aus dem Nebel auf, wirkte dunkel und abwei­send. Als sie mit wenig Segel zwischen den Türmen hindurch glitten, meinte die junge Frau an der Reling die Bewegung der Turmwachen ausmachen zu können. Saria war an diesem Tag sehr früh aufgestanden, weil sie es kaum erwarten konnte, an Land zu gehen. Ihre neuen Kameraden hatte sie während der dreiwöchigen Schiffsreise wirklich ins Herz geschlossen, aber sie brauchte dringend ein wenig Abstand von Aril. Der Barbar hatte sich ständig in ihrer Nähe gehalten, sobald sie einen Fuß vor ihre Kabine gesetzt hatte. Das nervte Saria, doch fiel ihr die Decke auf den Kopf, wenn sie immer nur in dem engen, kleinen Raum blieb. Zu ihrer Erleichterung war der blonde Hüne noch nicht wach und sie konnte ein wenig für sich allein an Deck sein. Der Großteil der Mannschaft schlief ebenfalls noch in ihren Hängematten, so dass sie eine Illusion von Einsamkeit heraufbe­schwören konnte, wenn sie über die Reling hinaus aufs Meer blickte. Oder wie jetzt dabei zusah, wie sich aus unheimlichen Schatten zunächst Klauen entwickelten, die gen Himmel strebten, und aus denen kurze Zeit später die Masten anderer Schiffe wurden, die im Hafen vertäut lagen.
Mit ihren Kameraden war abgesprochen, dass sie sich als erstes ein Gasthaus suchten, in dem sie für ein paar Tage den Luxus der Zivilisation genießen und besprechen würden, wie sie die Suche nach Danielle, Sarias Schwester, angehen würden. Die junge Frau hatte zudem noch zwei dringende Wünsche: Neue Kleidung, denn was sie bei sich hatte, war mit der Seemöwe untergegangen. Sie be­saß nur noch, was sie am Leib trug, und das seit drei Wochen. Sie hatte ihr Möglichstes getan, um die Sachen sauber zu halten, dennoch sehnte sie sich nach neuen Kleidern. Ihr zweiter Wunsch war ein heißes Bad. Zwar hatte sie sich Seife leihen können, doch kaltes Seifenwasser aus einer Schüs­sel ersetzte kein heißes Bad in mit Rosenöl versetztem Wasser.
Die Feuchtigkeit des Nebels hing ihr in Tropfen in den Haaren und durchdrang ihre Kleidung. Alles fühlte sich gerade klamm an, doch das war ihr gleichgültig. Ihre von einem Orkpfeil durch­bohrte linke Schulter war wieder soweit geheilt, dass sie sie ohne Schmerzen bewegen konnte. Ein wenig Schonung würde sie noch brauchen, aber es war schon eine unglaubliche Erleichterung, nicht mehr auf Laládis Hilfe beim Ankleiden angewiesen zu sein.
Der Steg materialisierte sich in dem Augenblick vor ihr, als der Himmel im Osten von Orange zu Gelb wechselte. Die Sonne würde den Nebel bald vertreiben. Gebannt blickte Saria der Stadt entgegen, die sie vor knapp zwei Monaten verlassen hatte. Noch ruhten die meisten Bewohner Woryems, doch sie hatte damals gelernt, dass der Hafen niemals vollständig schlief. Zöllner, Wach­männer, Händler, Betrunkene – irgendwer war immer unterwegs. So stand am Kai auch schon ein Zöllner, der auf die Eule wartete. Den Göttern sei Dank würde er sich nur für die Ladung und die Hafengebühren interessieren, so dass die Passagiere ohne Verzögerung von Bord gehen konnten.
Ein leises Knarzen verriet Saria, dass sie nicht mehr allein war.
„Endlich‟, erklang die brummige Stimme Durins neben ihr. „Wird auch Zeit, dass wir wieder Land unter den Füßen haben. Dann gibt es auch wieder Bier, wenn auch nur von Menschen ge­macht!‟
Saria wandte sich dem Zwerg zu und teilte sein Grinsen, wenn auch nicht wegen des Alkohols.
„Ja, Land. Mir macht die Seefahrt weniger aus als Dir, aber ich freue mich ebenso darauf, das Schiff zu verlassen.‟ Zur Antwort brummte Durin lediglich, doch die junge Frau hatte rasch gelernt, die Tonlagen des Brummens zu unterscheiden und zu interpretieren. Zwergische Verständigung schien ebenso sehr auf Brummlauten zu beruhen wie auf Worten. Sie nahm sich vor, ihren Kamera­den bei Gelegenheit danach zu fragen.
Wir legen gleich an. Lass uns unsere Sachen holen und uns vom Kapitän verabschieden.‟
„Je schneller, desto besser‟, stimmt der Zwerg begeistert zu. Seine Rasse war einfach nicht für Seereisen bestimmt.

Eine Stunde später hatte die Sonne schon fast den ganzen Nebel vertrieben und die fünfköpfige Gruppe stand vor dem nunmehr dritten Gasthaus, der Diamantenen Axt. Während die anderen auf­grund des ungewöhnlichen Namens noch überlegten, ob sie es hier versuchen wollten, nahm Durin die Entscheidung in die Hand. Er stieß die dicke Eichentür auf und betrat den Schankraum. Achsel­zuckend folgten ihm die anderen und gelangten kurz nach dem Zwerg in einen nicht sehr großen, aber umso gemütlicher wirkenden Raum, in dem nur zwei Gäste saßen und frühstückten. Die beiden älteren Männer blickten kurz auf, nickten knapp zur Begrüßung und widmeten sich wieder ihrem Haferbrei. Durin hielt sich nicht mit Nettigkeiten auf und lief an den Tischen vorbei quer durch den Raum hinüber zum Tresen, hinter dem ein kompakter Mann mit Vollbart und Glatze stand. Beim zweiten Hinsehen erkannten die Gefährten, dass es sich um einen Zwerg handeln musste. Der Wirt sah Durin und seine grimmige Miene hellte sich augenblicklich auf.
„Was sehen meine alten Augen, endlich wieder jemand, der mein Bier zu schätzen weiß!‟ röhrte er mit tiefer Stimme und eilte hinter dem Tresen hervor, um Durin kräftig die Hand zu schütteln. Die anderen traten neugierig hinzu.
„Und Kundschaft bringst Du auch noch mit! Das lob ich mir. Kommt, Freunde, setzt euch und sagt mir, womit ich dienen kann.‟ Der Zwerg führte sie zu einer gemütlichen Nische neben dem Ka­min, in dem ein angenehm wärmendes Feuer brannte. Die beiden Frauen setzten sich rasch auf die Bank, die an der Kaminwand angebracht war und genossen sogleich den warmen Stein in ihrem Rücken. Sie froren in ihrer vom Nebel feuchten Kleidung und freuten sich über die Wärme. Der Wirt grinste sie an.
„Ich dachte mir, dass den Damen dieser Platz gefällt. Ja, Mórosh denkt mit. Das bin ich, Mórosh Graubart.‟
Mórosh, ich bin Durin Braunbart und das sind Saria, Laládi, Aril und Hamadi.‟ Alle nickten dem Zwerg freundlich zu, der sich nun wieder an alle wandte.
„Ich nehme an, ihr wollt etwas frühstücken. Ich habe Haferbrei mit Honig, Eier, Brot mit Käse und Wurst. Von gestern Abend ist auch noch etwas kalter Braten übrig, falls das euren Mägen mehr zusagt.‟
Alle bestellten sich etwas zu essen, wobei nur Aril ein Stück Braten wollte. Ein Barbar eben, dachte sich Saria.
Nachdem Mórosh alle mit Frühstück versorgt hatte, wandte der blonde Hüne sich nochmal an ihn.
„Mórosh, habt Ihr noch Zimmer frei? Wir suchen für ein paar Tage eine Unterkunft.‟
„In der Tat, das habe ich, ja. Aber nur noch drei, zwei Doppelzimmer und ein Einbettzimmer. Wenn Euch das nichts ausmacht …‟ Der Zwerg lächelte entschuldigend. „Wie Ihr seht ist mein Gasthaus klein und ich habe eben nur sechs Zimmer. Zwei werden von den Herren dort drüben be­legt und das letzte ist meines.‟ Nacheinander blickte er seine Gäste erwartungsvoll an.
„Ich denke, das lässt sich irgendwie machen, mit den drei Zimmern für uns, nicht wahr?‟ Durins Tonfall machte deutlich, dass er nicht gewillt war, woanders eine Unterkunft zu suchen.
„Kein Problem! Ich schlafe mit …‟
„Hamadi in einem Zimmer‟, vollendete Durin Arils Satz. „Die Ladys wollen gewiss unter sich bleiben.‟
Dankbar bejahte Saria und lächelte ihrem Kameraden schüchtern zu. Auf keinen Fall hätte sie mit Aril das Zimmer teilen wollen – das hätte auf jeden Fall zu Schwierigkeiten geführt, egal, was sie getan oder eben nicht getan hätte. Laládi beschränkte sich auf ein Nicken, doch auch ihr war eine gewisse Erleichterung anzusehen. Aril schien längst nicht mehr so enthusiastisch, zeigte sich aber mit dieser Aufteilung einverstanden.
„Sagt, Mórosh, besitzt Ihr einen Badezuber? Ich möchte gerne ein heißes Bad nehmen.‟ Nach­dem nun die Zimmerfrage geklärt war, wollte Saria sich der Erfüllung ihrer beiden dringendsten Wünsche widmen.
Der Wirt aber wirkte schockiert. „Einen Badezuber? Was, in Anboßnas Namen, sollte ich mit so etwas anfangen?‟
„Euch waschen?‟ schlug Aril hilfsbereit vor. Beide Zwerge sahen zuerst den Barbaren, dann sich gegenseitig an und brachen anschließend in Gelächter aus.
„Nein, Saria, Zwerge baden nicht‟, informierte Durin sie, als er sich wieder beruhigt hatte. „Wir waschen uns, gewiss, aber einem Trog voller Wasser trauen wir nicht, sei er auch noch so klein. Wie ich Dir schon sagte, sind wir von Anboßna nicht zum Schwimmen gemacht worden. Darum meiden wir zu große Wassermengen wann immer wir können.‟
Mórosh brummte zustimmend, während er sich den grauen Bart kratzte. „Es gibt ein Badehaus, nicht weit von hier. Rechts die Straße hinunter und die zweite links. Das dritte Haus auf der linken Seite. Dort könnt Ihr baden und, soweit mir bekannt ist, auch schwimmen. Ich selbst habe das Haus nie betreten.‟
„Ich danke Euch, Mórosh.‟ Ein Badehaus war nicht das, was die junge Frau sich vorgestellt hat­te, doch es würde genügen. Sie hätte beim Baden lieber ihre Ruhe gehabt, doch solange sie das Ge­fühl von Schmutz loswürde, wollte sie sich nicht beschweren. Sie glitt von der Bank und stand auf. „Seid bitte so gut und zeigt mir die Zimmer, damit ich meine Sachen dort unterbringen kann.‟
Ihr Wirt führte die Gruppe nach oben, da alle Sarias Beispiel folgen und ihr Hab und Gut ver­stauen wollten. Die Treppe führte rechts des Tresens an der Wand hinauf und vollführte eine enge Wende nach links, wo sie auf die Hauswand stieß. Oben endete sie in einem kurzen Gang nach links, der in einen größeren mündete, der über die gesamte Breite des Gasthauses ging.
„Gleich hier links ist mein Zimmer‟, erläuterte Mórosh die Aufteilung der Räume. „Es ist das kleinste Zimmer und wie Ihr seht hat es eine Tür direkt auf den kleinen Gang hinaus. So wecke ich meine Gäste nicht, wenn ich früh am Morgen aufstehe, um das Frühstück vorzubereiten. Den großen Flur entlang rechts liegen sie beiden Einzelzimmer meiner anderen Gäste. Meinem Zimmer gegenüber ist das dritte Einzelzimmer, die anderen beiden sind die Doppelzimmer. Seht sie Euch an, wenn Ihr wollt, doch sie sind wirklich nicht sehr unterschiedlich. Darauf achte ich, denn ich will meinen Gästen einen gleichbleibenden Komfort bieten. Hier sind die Schlüssel.‟ Er machte von ei­nem großen Schlüsselbund, den er unter seiner Schürze trug, insgesamt fünf Schlüssel ab und reich­te sie weiter. Alle dankten ihm und wandten sich den Zimmern zu.
„Ich bin dafür, wir nehmen Saria und Laládi in die Mitte!‟ Aril verlor keine Zeit, seine Meinung lautstark kundzutun. „Sollte etwas geschehen, können wir dann von beiden Seiten zu Hilfe eilen.‟
„Was sollte denn geschehen? Wir sind hier bei einem Zwerg zu Gast, du dummer Barbar. Hier sind wir sicher!‟ Durin war zwar nur halb so groß wie Aril, doch breitbeinig wie er dastand, die Hände auf die Hüften gestemmt, wirkte er nicht weniger standhaft. Bevor es zu einer tätlichen Aus­einandersetzung kommen konnte, bezogen Laládi und Saria rasch das mittlere Zimmer und beende­ten damit jede Diskussion über die Raumaufteilung.
In dem Raum standen zwei Betten, eines rechts und eines links der Tür. Auf der gegenüberlie­genden Seite standen ein Tisch, zwei Stühle und zwei Truhen. Die übliche Einrichtung eines Gäste­zimmers in doppelter Ausführung also. Laládi beanspruchte das rechte Bett.
„Du warst ungewohnt still im Schankraum‟, bemerkte Saria als die Tür geschlossen war. „Stimmt etwas nicht?‟ Sie hatte die Elfe als zurückhaltend kennengelernt, aber gar nichts zu sagen passte nicht zu dem Bild, welches sie bisher von ihrer neuen Freundin hatte.
Laládi schüttelte den Kopf. „Es ist nur, weil Mórosh ein Zwerg ist. Elfen und Zwerge … Sagen wir einfach, unsere Rassen waren nie Freunde. Durin und ich haben inzwischen gelernt, uns zu vertrauen, vielleicht gar uns zu mögen. Durin ist in mancher Hinsicht jedoch kein typischer Zwerg und manchmal scheint er zu vergessen, dass ich eine Elfe bin.‟ Saria wartete auf eine weiterführende Erklärung, doch Laládi schien nicht gewillt, diese zu geben.
„Glaubst Du also, dass Mórosh Dich seines Hauses verweisen wird, wenn er es herausfindet?‟
„Wenn das alles wäre, was ich fürchten müsste, Saria. Es ist das abgrundtiefe Misstrauen, dass Zwerge gegenüber Elfen hegen – und umgekehrt. Dass ich Durin vertraue bedeutet nicht, dass ich anderen Zwergen vertraue. Unsere Völker führten einst Krieg, das ist viele tausend Jahre her. Doch wir haben nie einen offiziellen Frieden geschlossen, der Krieg wurde nie richtig beendet. Die Kämpfe haben aufgehört, niemand kann mehr sagen, warum. Wenn Elfen und Zwerge sich seitdem begegneten, gingen sie einander aus dem Weg. Wo das nicht möglich war, kam es meist zu einem Kampf mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Ich weiß nicht, wie Mórosh reagiert, wenn er heraus­findet, was ich bin. Darum bemühe ich mich, seine Aufmerksamkeit nicht auf mich zu lenken.‟ Während sie sprach hatte Laládi in ihren Sachen nach etwas gesucht, das sie nun gefunden zu haben schien. Sie nahm einen kleinen Lederbeutel hervor und barg ihn vorsichtig in ihren Händen. Der Blick ihrer wirbelnden blauen Augen fand den Sarias.
„Mach Dir keine Sorgen deswegen, ich kann auf mich aufpassen. Wenn es Dir nichts ausmacht, wäre ich nun gern ein wenig allein.‟
„Gut, dann werde ich inzwischen zum Badehaus gehen. Möchtest Du später mit mir zum Schnei­der gehen? Du weißt, ich brauche ein paar neue Kleider.‟
Ihre Freundin verneinte leise und Saria verließ das Zimmer.

Vor der Tür rannte sie beinahe in Aril hinein, der schon auf sie wartete.
„Lass uns zum Badehaus gehen!‟ Schockiert blickte Saria zu ihm auf. Er will mit? Oh nein. Auf keinen Fall wollte sie Aril in der Nähe wissen, wenn sie nackt in einem Badezuber saß. Hätte Mórosh einen Badezuber besessen, hätte er entweder einen eigenen, abschließbaren Raum dafür ge­habt, oder der Zuber wäre ihr ins Zimmer gestellt worden, das sie ebenfalls hätte abschließen kön­nen. In Badehäusern jedoch wurde die Trennung von Männern und Frauen häufig nur durch einen Vorhang gewährleistet. Saria sah beinahe vor sich, wie Aril den Vorhang beiseiteschob und zu ihr herüberkam. Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn sich für einen kurzen Moment dabei vorstellte, groß muskulös und nackt. Nackt würde sie aber ebenso sein, und diese Situation wollte sie um alles in der Welt vermeiden. Da sie nicht wusste, wie sie Aril davon abhalten sollte, mitzukommen, ging sie einfach wortlos an ihm vorbei. Seine Schritte hinter ihr kamen der jungen Frau vor wie das unheil­volle Stampfen eines Riesen.

Das Badehaus war leicht zu finden. Móroshs Beschreibung stimmte und ein bemaltes Holzschild über der Eingangstür machte es leicht, nicht vorbeizulaufen. Mit einem flauen Gefühl im Bauch betrat Saria das Gebäude.
Der Eingangsbereich war mit hellgrauem Stein ausgelegt, der Tresen aus hellem Holz. An den Wänden waren Bilder von fernen Stränden aufgehängt worden und in einer Ecke stand ein gläserner Behälter mit Wasser, in dem ein paar bunte Fische schwammen. Hinter dem Tresen stand ein junger Mann in blauer Livree und mit sauber gestutztem Bart.
„Guten Tag, willkommen in Boros' Badehaus‟, begrüßte er sie. Saria schien es, als sei er wenig erfreut über seine Gäste.
„Wir möchten gerne baden.‟ Während sie es sagte, merkte sie, wie überflüssig diese Aussage wirkte. Was sollten sie schließlich sonst hier wollen?
„Wir trennen Männer und Frauen, dies hier ist kein solches Haus‟, erwiderte der dunkelhaarige Mann schnippisch.
„Gut, denn in ein solches Haus würde ich nicht gehen.‟ Sie warf ihm einen bösen Blick zu, was ihn umgehend dazu brachte, sich seiner höflichen Umgangsformen zu erinnern.
„Natürlich, verzeiht, meine Dame, dergleichen wollte ich keinesfalls andeuten. Das wäre dann ein Silbertaler für eine Stunde und Person, bitte.‟
„Ich zahle das!‟ rief Aril und kramte die Silberstücke aus seinem Beutel. Saria unterdrückte den Drang zu schreien. In Gedanken verfluchte sie Laládi wegen deren Warnung, Aril nicht wehzutun. Was war aber mit ihr selbst? Sie nahm sich vor, die Elfe noch einmal auf das Thema anzusprechen.
„Die rechte Tür ist für die Dame, links geht es zu den Herren.‟ Der Mann deutete auf die ent­sprechenden Türen hinter seinem Tresen. „Ich wünsche Euch eine angenehme Zeit in Boros' Bade­haus.‟
Ohne sich zu bedanken ging Saria rechts an dem Tresen vorbei und öffnete die Tür. Dahinter fand sie einen Umkleideraum, in dem mehrere hölzerne Regale standen, in die man seine Kleidung legen konnte. Davor standen ebenfalls aus Holz gezimmerte Bänke, auf die man sich beim An- be­ziehungsweise Ausziehen setzen konnte. Der Boden war mit einem flauschigen Teppich ausgelegt, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Das Grün war verblasst und an manchen Stellen war er ab­gewetzt. Dennoch sorgte er an Sarias Füßen für ein angenehmes Gefühl. Ein wenig kitzelte es sogar, was ihr ein Schmunzeln entlockte. Keines der Fächer war belegt, woraus sie schloss, dass sie die einzige Frau im Badehaus sein würde. Nun, solange sie von den Männern, besonders von Aril, ge­trennt war, war ihr das nur recht. Ohne Umschweife legte sie ihre Kleider ab und legte sie säuber­lich in eines der Fächer. Ihre Stiefel stellte sie unter die Bank davor. Der Umkleideraum war warm, so dass sie auch nackt nicht fror. Das mulmige Gefühl kehrte zurück, als sie auf die zweite Tür im Raum zuging, die in den Baderaum führen musste. Mit der Hand auf dem Griff zögerte sie einen Moment, gab sich dann aber einen Ruck. Mach Dich nicht lächerlich, Mädchen. Wenn sie schon darauf hinweisen, dass Männer und Frauen hier getrennt baden, dann werden die Zuber gewiss auch getrennt sein.
Hinter dieser Tür befand sich ein riesiger, mit warmem Dampf gefüllter Raum. Das Wasser musste heiß sein, genau so, wie sie es sich wünschte. Es gab ein großes, rechteckiges Becken, das tief aussah. Das war wohl das Schwimmbecken, von dem Mórosh erzählt hatte. Daneben, mehr zur Mitte des Raumes, befand sich ein kleineres, rundes Becken, in dem man am Rand bequem auf stei­nernen Bänken im Wasser sitzen konnte. Wiederum neben diesem Becken, also in der Mitte des Raumes war – ein Vorhang. Dieser hing in der Mitte schon ein ganzes Stück durch, so dass ein großer Mann möglicherweise hinübersehen konnte. Ein großer Mann wie Aril. Saria schloss einen Moment die Augen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Die Augen auf den Vorhang gerichtet schlich sie zu dem Badezuber. Wenn sie darin saß wäre sie vielleicht zu tief unten, um Aril einen ungehinderten Blick auf sich zu ermöglichen. Das hoffte sie jedenfalls. Als die junge Frau in das Wasser glitt, konnte sie ein wohliges Stöhnen nicht unterdrücken. Das Wasser war perfekt. Heiß, aber nicht so, dass man sich verbrannte, und mit Rosenöl versetzt. Ein paar einzelne Rosenblätter schwammen auf seiner Oberfläche und weckten in ihr den kindlichen Wunsch, eine hölzerne Ente zum Spielen zu haben, so wie vor vielen Jahren als kleines Mädchen.
„Saria, bist Du das?‟ tönte Arils Stimme fröhlich herüber.
Die junge Frau sah keine Möglichkeit, ihre Anwesenheit zu verheimlichen und bejahte seine Fra­ge. „Aber halte Dich von dem Vorhang fern‟, fügte sie hinzu. „Ich möchte allein und in Ruhe baden, bitte Aril.‟ Einige Sekunden lang blieb es still und Saria fragte sich schon, ob sie den Hünen nun doch verletzt hatte. Auch wenn ihr das sehr unwahrscheinlich vorkam.
„Also gut, aber nur, wenn Du mich später mitnimmst beim Kleider kaufen‟, antwortete der Bar­bar schließlich. Saria schloss gequält die Augen und fragte sich, womit sie das verdient hatte.

 
© Ben Grauh, 18.11.2012
ben.grauh@gmail.com

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