Sonntag, 21. Oktober 2012

Saria (Teil 2)

Saria Arberdan (Teil 2)


Langsam kämpfte Saria sich wieder in den Wachzustand. Ihr Verstand fühlte sich an, als wäre er in weiche, warme Seide gewickelt. Jeder Gedanke bemühte sich, sich ihr zu entziehen und es war unglaublich anstrengend, sie festzuhalten. Zurück in die Dunkelheit zu gleiten war die größte Verlo­ckung, die die junge Frau seit Jahren empfunden hatte. Nur der Gedanke mit dem Jungen aus dem Dorf allein zu sein, Eldrin, dieser Gedanke war noch verlockender gewesen. Doch damals war sie ein kleines Mädchen von neun Sommern gewesen. Eldrin war ein paar Jahre älter gewesen als sie, zwölf oder dreizehn, da war sie nicht mehr sicher. Er hatte helles, gelocktes Haar, süße Sommer­sprossen um die Nase und seine blauen Augen blitzten so schön, wenn er lachte. Die Erinnerung an ihre erste große Liebe – so hatte Saria die damalige Schwärmerei eines kleinen Mädchens gesehen – ließ sie lächeln. Eldrin hatte sich nie für sie interessiert. Warum auch? Die Mädchen in seinem Alter waren für ihn erheblich anziehender gewesen. Die kleine Saria war damals neidisch auf die älteren Mädchen, die allmählich zu Frauen wurden. Bei manchen hatte man schon deutlich die weiblichen Rundungen unter den Kleidern erahnen können. Besonders diese Formen waren es, die Eldrin da­mals so faszinierten. Doch an sich selbst konnte Saria zu dieser Zeit noch nichts dergleichen fest­stellen. Sie hatte einen flachen Brustkorb wie ein Junge, einen knochigen Po und ihre Hüften waren mehr gerade als kurvig.
Heute sah das anders aus, das wusste sie. Jetzt würde Eldrin sie bestimmt nicht mehr ignorieren. Doch was half ihr dieses Wissen, wenn er doch weit entfernt in Schönborn war, und sie hier auf ei­nem Schiff, weit weg von Zuhause? Mit einem leichten Anflug an Bedauern wandte die junge Frau sich von ihrer Erinnerung an ihren ersten Schwarm ab und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Das gelang ihr nun schon besser, die Benommenheit hatte sich weiter zurückgezogen.
Als erstes nahm sie das Bett war, in dem sie lag. Das scheint zu einer unangenehmen Gewohn­heit zu werden, dachte sie sarkastisch. Ständig wache ich in einem Bett auf, in das ich mich nicht selbst hineinbegeben habe. Immerhin war es ein Bett und nicht der harte Holzboden des Schiffes. Auch keine Hängematte, wie sie die Matrosen benutzten, nein, ein richtiges Bett. Das letzte Mal war sie in einer Kabine auf der Eule aufgewacht und nahm nun an, dass dies derselbe Ort war. Ein leichtes Schaukeln, begleitet von einem entfernten Wassergluckern, bestätigte diese Vermutung. Be­ruhigt atmete Saria tief durch. Sie war in Sicherheit. Kaum war ihr der Gedanke durch den Kopf ge­gangen, fiel ihr etwas auf, das jedes Gefühl von Sicherheit wieder verscheuchte: Sie lag nackt unter der Bettdecke! Ihre letzte Erinnerung an die Geschehnisse vor ihrer Ohnmacht war, dass dieser Bar­bar, Aril, sie in ihre Kabine bringen wollte. Doch zu diesem Zeitpunkt war sie angezogen. Hatte der Wilde ihre Situation ausgenutzt und … Saria wollte gar nicht daran denken.
Mit vor Sorge pochendem Herzen schlug sie die Augen auf. Die Kabine war hell, also war es wohl schon wieder Tag. Welcher Tag? Der dem Abend anschließende, an dem sie ohnmächtig ge­worden war? Oder der danach? Wie lange hatte sie diesmal ihr Bewusstsein verloren? Nach kurzem Überlegen entschied die junge Frau, dass es der folgende Tag sein musste, denn ihr Hunger war nicht sehr groß. Um genau zu sein hatte sie im Augenblick überhaupt keinen Hunger, denn ihr zog es den Magen zusammen. Irgendjemand musste sie schließlich ausgezogen haben und der wahr­scheinlichste Kandidat war leider Aril.
Saria drehte den Kopf auf dem Kissen und ließ den Blick durch die Kabine schweifen. Sie war allein. Sorgfältig darauf bedacht, ihre linke Schulter nicht zu belasten, schlug sie die Decke beiseite und setzte sich auf. Vom langen Liegen hatte sich ihr Kreislauf noch nicht ganz erholt, weswegen ihr ein wenig schwindlig wurde. Das störte die junge Frau nicht weiter, da sie ohnehin zunächst nicht aufstehen wollte. Sie blickte an sich hinab. Längst war ihre Brust nicht mehr so flach wie die des kleinen Mädchens, das sie einst war. Auch ihre Hüften waren nun angenehm gerundet und erin­nerten nicht mehr an früher. Doch genau in diesem Moment wünschte sie, sie wäre weniger weib­lich.
Zögerlich konzentrierte Saria sich auf ihren Körper. Im ersten Moment war es unmöglich für sie zu entscheiden, ob etwas nicht stimmte, so sehr hatte sie Angst. Doch langsam sickerte die Erkenntnis in ihren Verstand, dass alles in Ordnung war. Zwischen ihren Beinen fühlte sich nichts ungewöhnlich an. Kein Brennen, kein Ziehen, keine irgendwie unangenehmen Gefühle. Erleichtert seufzte sie und merkte erst jetzt, wie angespannt sie gewesen war. Es freute sie nicht, dass der Hüne sie ohne ihr Einverständnis ausgezogen hatte, doch konnte sie daran nichts ändern. Außerdem hätte es viel schlimmer kommen können, und dass dem nicht so war, dafür dankte sie al­len überirdischen Mächten, die ihr einfielen. Das waren nicht viele. Für die Götter hatte Saria noch nie viel übrig gehabt, genauso wenig wie die für sie.
Während sie sich gerade mit ihrem Lendenschurz abmühte – mit nur einem Arm eine unglaub­lich schwere Aufgabe – klopfte es leise an der Tür zu ihrer Kabine.
„Wer ist da?‟ fragte Saria, sofort wieder auf der Hut. Wenn das Aril war …
„Laládi. Darf ich hereinkommen?‟ Die glockenhelle Stimme der Elfe war eine Wohltat.
Sei vorsichtig, ermahnte die junge Frau sich in Gedanken. So nett sie sein mag, Du kennst sie nicht! Um ihre Blöße zu bedecken, zog sie rasch die Bettdecke vor ihre Brust.
„Ja, kommt herein!‟ rief sie. „Ich könnte sowieso ein wenig Hilfe gebrauchen.‟ Den zweiten Satz murmelte sie nur so vor sich hin, doch die Ohren der Elfe schienen nicht nur spitz zu sein, son­dern auch äußerst gut.
„Meint Ihr, beim Anziehen?‟ fragte Laládi beim Eintreten und schloss sanft die Tür hinter sich.
Saria spürte, wie ihre Wangen warm wurden. „Ja … Es ist mir ein wenig peinlich, aber mit nur einem Arm habe ich dabei Schwierigkeiten.‟
Die blonde Elfe lachte auf. „Das braucht Euch doch nicht peinlich sein, Saria. Das ginge jedem so. Kommt, zeigt mir, was Ihr anziehen möchtet, und ich helfe Euch dabei.‟
Mit einem Seufzer ergab Saria sich und deute auf den Rock von gestern und eine frische Bluse. Die letzte in ihrem Gepäck. Viel hatte sie nicht mitgenommen auf die Insel, hatte sie doch mit kei­nen Problemen gerechnet. Jedenfalls mit keinen, die ihre Kleidung ruinieren würden, wie es die Orks getan hatten.
„Falls Ihr Euch fragt, wie Ihr in Euer Bett kamt: Ich sah, wie Aril Euch die Treppe hinuntertrug und schloss daraus, dass Ihr nicht mehr bei Euch wart. Ich ließ es zu, dass er Euch auf das Bett leg­te, dann aber schickte ich ihn hinaus. Aril hat Euch nicht ausgezogen, ich war es. Er ist ein Barbar, aber wir konnten ihm schon vermitteln, dass er eine Frau nicht einfach ausziehen kann. Egal, wie sehr er das vielleicht will ...‟ Laládi schenkte ihr ein Lächeln, doch wesentlich beruhigender war der Inhalt dessen, was sie der jungen Frau eben erzählt hatte. Aril hatte sie nicht ausgezogen, die Elfe war es gewesen. Ihre Andeutung, dass der Hüne ein Interesse daran haben könnte, sie in ihrem Bett zu besuchen, ignorierte Saria für den Augenblick.
„Danke, dass Ihr mir das sagt. Ich war schon voller Sorge, dass mehr geschehen sei, als ich möchte‟, gestand Saria ihr mit einem schüchternen Lächeln. Ihre Wangen brannten nun geradezu, doch das war ihr gleich. Sollte Laládi doch sehen, dass ihr der Gedanke an eine intime Begegnung mit Aril nicht behagte. Vielleicht achtete die Elfe dann vermehrt darauf, dass die beiden nicht allein waren. Oder besser noch, redete dem Mann alle Flausen von vornherein aus, die er möglicherweise in Bezug auf sie hatte. Unter anderen Umständen wäre er ja ganz nett gewesen, aber jetzt, auf der Suche nach ihrer Schwester, konnte Saria sich eine derartige Ablenkung nicht erlauben. Hoffentlich würde Aril ihr trotzdem helfen wollen.
„Nein, da macht Euch keine Sorgen. Barbar hin oder her, Aril hat einen Ehrenkodex, und daran hält er sich eisern. Er hat uns versprochen, niemals eine Frau gegen ihren Willen anzurühren, die nicht Teil seines Volkes ist. Derartige Versprechen nimmt er sehr ernst und er wird sich daran hal­ten.‟ Sie waren beim letzten Knopf der Bluse angelangt und Laládi setzte sich nun neben Saria auf die Bettkante. Ihr Blick wurde eindringlich. „Spielt bitte nicht mit ihm. Wenn Ihr Interesse an ihm habt, zeigt es ihm. Ansonsten macht ihm keine schönen Augen, denn das ermutigt ihn nur. Wir wer­den ihn nicht aufhalten, solltet Ihr ihn auffordern und es Euch dann anders überlegen, sobald er darauf eingeht.‟ Ohne auf eine Antwort zu warten, stand sie mit ihrer elfischen Eleganz auf und ver­ließ lautlos die Kabine.
Ich ihn auffordern? Bei Karintia, als wäre ich mit Absicht in Ohnmacht gefallen! Gerne wäre Sa­ria der Elfe gefolgt und hätte ihr lautstark erklärt, dass sie sich ihre Ratschläge für andere aufheben solle. Sie beherrschte sich aber und atmete ein paarmal tief durch, um sich zu beruhigen. Nachzu­denken war jetzt wichtiger. Die Schiffsreise würde noch ein paar Tage dauern, doch sollte sie besser schon vor deren Ende entschieden haben, ob sie das Angebot der Gruppe annehmen wollte oder nicht.
Umständlich rutschte Saria auf dem Bett nach hinten, bis sie sich bequem mit dem Rücken an die Schiffswand lehnen konnte. Sie wollte diese Entscheidung sorgfältig treffen und das brauchte Zeit. Zeit, in der sie es sich ebenso gut gemütlich machen konnte, während sie überlegte.
Laládi schien eine gute Seele zu sein, auch wenn ihre fehlende Erfahrung mit Elfen sie vorsichtig sein ließ. Andererseits, wer konnte schon von sich behaupten, viel Umgang mit Elfen zu haben? Es gab so gut wie keine Angehörigen dieses mystischen Volkes mehr, und die wenigen, die noch leb­ten, scheuten den Umgang mit anderen. Es lief darauf hinaus, dass Saria ihre eigene Erfahrung mit Elfen sammeln musste. Lieber hätte sie jemanden gefragt, doch diese Möglichkeit bestand nicht. Also werde ich sie zunächst so nehmen, wie sie ist und genau beobachten, überlegte sie. Zudem habe ich auf diese Weise nebenbei die Gelegenheit, eine Elfe kennenzulernen. Die Neugier siegte und sie setzte Laládi auf ihrer geistigen Liste auf die Seite, die für einen Verbleib bei der Gruppe gedacht war.
Hamadi. Die Elfe war schwer einzuschätzen, doch bei dem Medizinmann konnte die junge Frau überhaupt keine fundierte Entscheidung treffen. Von seiner Sprache verstand sie kein Wort und ge­sehen hatte sie ihn kaum. Er kam nur aus dem Inneren des Schiffes hervor, wenn es Essen gab oder um nach ihrer Schulter zu sehen. Die hatte er gut versorgt, das gestand sie ihm zu. Wenn sie aber an seine Augen dachte, überlief sie ein kalter Schauer. Alles an ihm wirkte so alt und ausgezehrt, aber nicht die Augen. Wie konnte ein alter Mann wie er so junge Augen haben? Dennoch … Jemanden mit derart guter Kenntnis der Heilkunst um sich zu haben war nie ein Fehler. Sie musste schließlich auch in Erwägung ziehen, dass Danielle verletzt sein könnte, wenn sie sie fand. In diesem Fall wür­de sie Hamadi dringend brauchen. Er spricht also auch eher für ein „ja‟.
Ihren neuesten Verehrer, Aril, würde sie am liebsten über Bord werfen und somit unmissver­ständlich klarstellen, was sie von ihm hielt. Wenn jemand aus dieser Gruppe mit Sicherheit Schwie­rigkeiten machen würde, dann war es der Barbar. Ein Barbar! Wie konnte man nur mit so jemandem reisen? Irgendwie süß ist er ja schon … Dieser unerwünschte Gedanke ärgerte sie. Nur weil er so treu dreinblickende Augen hatte! Als Barbar konnte er gewiss kämpfen und stark war er auch, das war nicht zu übersehen. Beides Eigenschaften, die gewiss hilfreich sein konnten. Danielles Entfüh­rer würden ihre Schwester wohl kaum unbeaufsichtigt irgendwo zurücklassen, so dass Saria sie nur noch abzuholen brauchte. Nein, ein Kampf schien sehr wahrscheinlich. Aber den musste nicht unbe­dingt Aril für sie ausfechten! Er kam also auf die Seite mit den Argumenten gegen einen Verbleib bei der Gruppe.
Zu guter Letzt gab es noch den Zwerg, Durin. Viel hatte sie noch nicht von ihm gesehen. Nur zum Essen schien er seine Kabine zu verlassen und seine Laune war stets schlecht und aufbrausend. Laládi hatte ihr zwar versichert, dass der Zwerg einen weichen Kern unter der rauen Schale verbarg, aber bisher hatte Saria keine Anzeichen für die Wahrheit hinter dieser Aussage entdeckt. Davon ab­gesehen kannte die junge Frau jedoch einige Geschichten über die Zwerge, denen zufolge das kleine Volk genau so sein sollte: Unnachgiebige Kämpfer für sich selbst und eine gute Sache. Die Rettung einer entführten Frau konnte man gewiss als eine gute Sache bezeichnen. Dann hätte ich also drei dafür und einen dagegen. Ich bleibe, beschloss sie damit.
Erleichtert darüber, zumindest eine der anstehenden Entscheidungen jetzt getroffen zu haben, lä­chelte Saria. Jetzt blieb noch die weitaus schwierigere – und für sie gefährlichere – Frage, wie viel sie den anderen über sich selbst erzählen wollte. Bevor sie sich ernsthaft darüber Gedanken machen konnte, klopfte es an der Tür.
„Herein!‟ rief sie, nicht gewillt, sich zu erheben. Ihr Magen fühlte sich zwar leer an, doch er­schienen ihr die Pläne für ihre zukünftige Suche im Augenblick wichtiger.
Die Tür wurde schwungvoll aufgestoßen und Aril trat ein. Mit seiner Körpergröße von fast zwei Schritt musste der Barbar sich bücken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen. Wie bisher immer trug er eine eng anliegende Lederhose und eine offene Fellweste, die seinen muskelbepackten Oberkör­per kaum verbarg. Im Geheimen vermutete Saria, dass die ärmellose Weste seine Muskeln sogar be­tonen sollte, weil sie den Blick auf Brust und Bauch lenkte.
„Saria, Du bist wach!‟ sprach er das Offensichtliche aus. „Wie geht es Dir?‟ Ungefragt setzte der große Mann sich auf ihre Bettkante und grinste sie breit an.
Da sie nun beschlossen hatte, mit ihnen zu reisen, akzeptierte Saria das Du. Dass der Barbar sich ungeniert auf ihr Bett setzte, gefiel ihr hingegen überhaupt nicht. Dennoch beschloss sie, freundlich zu bleiben. „Danke, Aril, gut. Ich muss nur daran denken, dass meine Schulter noch ein wenig Ruhe braucht, bevor ich sie wieder belasten kann.‟
Eifrig nickte der Prinz Ruangmós. „Ja, das solltest Du. Wenn es irgendetwas gibt, wofür Du zwei oder drei Hände brauchst, lass es mich wissen.‟ Seine braunen Augen blitzten hoffnungsvoll auf.
„Das ist sehr nett von Dir, danke. Im Moment brauche ich aber noch keine Hände, nur ein wenig Ruhe. Ich muss nachdenken. Aber ich habe schon beschlossen, euer Angebot anzunehmen‟, fügte sie rasch hinzu, als sie die Enttäuschung in seinen Gesichtszügen sah. Sie rang sich auch ein kleines Lächeln ab, was Arils Stimmung umgehend wieder hob.
„Das ist gut, ich werde es gleich den anderen sagen!‟ Damit sprang er auf und war mit zwei Schritten bei der Tür.
„Noch etwas, Aril‟, hielt Saria ihn auf. „Ich möchte mich noch dafür bedanken, dass Du mich gestern Abend in meine Kabine gebracht hast.‟
Der Hüne zuckte mit den Schultern, was bei einem Riesen wie ihm irgendwie komisch wirkte. „Hab ich gern gemacht.‟ Damit drehte er sich um und verschwand wieder aus ihrer Kabine.
Saria sah noch eine Weile die nun wieder geschlossene Tür an. Er hatte schon einen knackigen Hintern … Verdammt, Mädchen, was denkst Du da! Schalt sie sich selbst. Gib ihm den Finger und er nimmt Dich mit Haut und Haaren. Das ist ein Barbar, Du dummes Ding! Sie würde Aril auf ihrer geistigen Liste doppelt werten, doch dann stünde es immer noch drei zu zwei für den Verbleib in der Gruppe. Du musst einfach äußerst vorsichtig sein.

Zwei Stunden und etliche fruchtlose Grübeleien später trafen sich alle zum Mittagessen. Als Sa­ria danach bekanntgab, das Hilfsangebot annehmen zu wollen, erwartete sie ein herzlicheres Will­kommen, als sie gedacht hätte. Dass Aril sich freuen würde, hatte sie von vornherein gewusst, doch Hamadis wohlwollendes und zufrieden wirkendes Nicken überraschte sie beinahe ebenso wie Lalá­dis kurze aber freudige Umarmung. Die Elfe überstrahlte mit ihrem Lächeln beinahe den freund­schaftlichen Händedruck Durins, der – wenn Saria es durch den dichten braunen Bart richtig er­kannte – ebenfalls ein wenig lächelte. Sie hätte das nicht gedacht, doch durch diese einfache Geste wurde der kleine Mann, der ihr kaum bis zur Nasenspitze reichte, auf einen Schlag wesentlich sym­pathischer.
„Sagt, wo werden wir eigentlich anlegen? Ich habe bisher ganz vergessen zu fragen.‟
„In Woryem, dem Heimathafen der Eule‟, antwortete Laládi ihr.
In seinem typischen, grummelnden Tonfall fügte Durin hinzu: „Besser gestern als heute.‟
„Komm schon, Durin! Ein bisschen Wasser schadet doch nicht.‟ Aril klopfte seinem Gefährten mit einem lauten Klatschen auf die Schulter.
„Ein bisschen? Ich sehe seit Tagen nichts anderes um uns herum. Und das wird auch noch einige Tage so bleiben, falls der Rückweg nicht deutlich schneller geht als der Hinweg. Doch dieses Glück habe ich nicht!‟ Ein schiefes Lächeln nahm seinen Worten ein wenig die Ernsthaftigkeit, doch war ihm deutlich anzusehen, dass er lieber zu Fuß gegangen wäre.
„Sagt, Durin, warum mögt Ihr das Wasser nicht? Könnt Ihr nicht schwimmen?‟ fragte Saria neu­gierig.
„Kein Zwerg kann schwimmen‟, informierte Durin sie nicht unfreundlich. „Dafür sind wir zu schwer. Und das liegt nicht nur an unseren Rüstungen, nein, wir sind einfach zu kräftig, haben zu viele Muskeln.‟ Aril lachte schnaubend. Durin ließ sich jedoch nicht davon ablenken. „Anboßna hat es eben bestimmt, dass wir an Land bleiben sollen. Deswegen ist mir auf Seereisen nie wohl.‟
Von Anboßna hatte Saria schon gehört, das war der Gott der Zwerge. Sie hatten nur diesen einen, doch der genügte ihnen. Er hatte – so die Erzählung – die Zwerge ebenso erschaffen wie die Berge, Edelsteine, das Bier, Gold und einfach alles, was die Zwerge mochten oder zum Leben brauchten. Es hieß auch, dass der Schmiedeamboss nach dem Gott benannt worden war. Ähnlich genug klan­gen die beiden Namen, dass Saria dies glauben mochte.
In den folgenden Tagen begann die junge Frau, ihre neuen Kameraden ins Herz zu schließen. Zwar waren nur die beiden Kämpfer dazu zu bewegen, etwas über sich zu erzählen – was bei Aril jedes mal zu einer Lobeshymne auf sich selbst führte –, doch bedeutete dies nicht, dass Laládi und Hamadi unfreundlich waren oder Saria mieden. Gerne hätte sie mehr über sie erfahren, da sie aber selbst nicht mehr über sich preisgeben wollte, als sie schon getan hatte, sah sich Saria gezwungen, deren Schweigen zu akzeptieren. Die Zeit würde zeigen, ob sie sich doch noch von ihnen abwenden musste.

 
© Ben Grauh, 21.10.2012
ben.grauh@gmail.com

Freitag, 19. Oktober 2012

Gedicht

Leben ?



Finsternis umhüllt mich,
Sanft wie Seide,
Zärtlich wie eine Liebende.
Wird sie mich je freigeben?

Bewegen will ich mich,
Doch meine Arme und Beine
Stoßen gegen weiche Polster,
Nicht zu erkennen in der Dunkelheit.

Nur mit Mühe hebe ich
Meine Arme und Beine,
Drücke mit aller Kraft
Gegen mein Gefängnis.

Ein Spalt öffnet sich,
Licht dringt ein.
Ich erkenne den Sarg,
Mein Gefängnis.

Seide umhüllt mich
In der Tat,
Schwarz wie die Nacht
Und voller Pracht.

Auf stoße ich
Den hölzernen Deckel.
Licht strahlt gleißend
Hinein in mein Grab.

Bin ich am Leben?

 
© Ben Grauh, 19.10.2012

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Gedicht

Träume


Fußspuren im kalten Sand
Führen mich zu ihr.
Majestätisch liegt sie da
Mondschein silbrig glänzend auf der See
Die Sterne funkeln über ihr.

Zerbrechlich wirken ihre Finger
Doch unerschütterlich sie ragen in die Luft
Zerren an ihrem Tuch wird der Wind
Die zu tragen, die nun schlafen
Sanft in ihrer Wiege schaukeln.

Süß singen die Wellen
Singen von unergründlich Tiefen
Und Blutrot schickt die Sonne
Unerbittlich ihre Strahlen
Zu tauchen ihr schwarzes Kleid in Gold.

Fern von meiner Heimat
Oh meine Schöne
Fahren wir zum Horizont
Ohne Schranken, ohne Hast
Und bring mich zu meinen Träumen!

 
© Ben Grauh, 05.05.2012

Dienstag, 2. Oktober 2012

Saria Arberdan (Teil 1)

Saria Arberdan (Teil 1)


Der Wind wehte der jungen Frau durchs Haar und ließ den schwarzen Rock um ihre Beine schlagen. Die linke Schulter schmerzte, doch sie war am Leben. Der Orkpfeil hatte sie an einen Baum genagelt, doch kamen der Schütze und seine Kumpanen nicht mehr dazu, sie weiter zu mal­trätieren. Die Orks wurden von ihren Begleitern aufgehalten, die bei ihrer Verteidigung ihre Leben ließen. Dafür hatte sie die Männer und Frauen auch bezahlt: Um ihr Schutz zu sein auf ihrer Suche. Allerdings hätte es auf dieser Insel keine Orks geben sollen. Alle Seefahrer, die sie vor Antritt der Reise befragt hatte, hatten ihr versichert, dass das gefährlichste hier war, einen Ankerplatz zu fin­den. Die Eingeborenen waren friedlich und größere Tiere lebten hier nicht. Wo die Orks herkamen war ein Rätsel, aber eines, dem sie nicht auf den Grund gehen wollte.
Nachdem alle um sie herum tot waren, hatte sie unter Aufbietung all ihres Mutes nach dem Schaft des Pfeiles gegriffen, der noch aus ihrer Schulter herausragte. Mit einem Schmerzensschrei hatte sie ihn festgehalten und einen Schritt nach vorne gemacht. Als die Pfeilspitze aus der Rinde des Bau­mes heraus war, sank sie auf die Knie und fühlte schon, wie ihr die Sinne schwanden. Unter Aufbie­tung ihrer letzten Reserven stemmte sie sich wieder auf die Beine und schleppte sich zum Strand. Nur um zu sehen, dass die Orks das Schiff versenkt hatten, mit dem sie und ihre Beschützer zur In­sel hier im Westen gefahren waren. Ihrer einzigen Möglichkeit beraubt, die Insel wieder zu verlas­sen, brach sie auf dem Sandstrand zusammen.

Ihre nächste bewusste Wahrnehmung war das leichte Schaukeln eines Schiffes unter ihr. Erleichtert seufzte sie auf. Es war alles nur ein Traum. Doch als sie sich aufrichten wollte schoss ein derart starker Schmerz durch ihren linken Arm, dass sie beinahe wieder bewusstlos wurde. Nun wusste sie, dass es kein Traum gewesen war. Nachdem der Schmerz ein wenig abgeklungen war, sah sie sich in der Kabine um, in der sie lag. Das war nicht die Kabine der Seemöwe, in der sie hergekom­men war. Vorsichtig richtete sie sich erneut auf, diesmal darauf achtend, nur den rechten Arm zu be­nutzen. Sie saß gerade mit sich drehendem Kopf auf dem Bett, als eine junge blonde Frau die Kabi­ne betrat.
Ihr seid wach!“ rief sie mit glockenheller Stimme. Rasch stellte sie die Wasserschüssel in ihren Händen zur Seite und trat zu ihr. Mit kühlen Fingern strich sie ihrer Patientin über die Stirn, sah ihr in die Augen. Das Blau in den Augen der Frau schien zu tanzen.
Soweit ich das beurteilen kann, seid Ihr bei erstaunlich guter Gesundheit. Die Schulter wird noch einige Zeit schmerzen, aber Ihr werdet den Arm wieder vollständig benutzen können. Der Pfeil hat nichts zerstört.“ Sie lächelte das umwerfendste Lächeln, das je eine Frau zustande gebracht haben konnte. „Sagt, was habt Ihr eigentlich auf der Insel gemacht? Dort gibt es nichts außer ein paar Wil­den.“
Ich suche meine Schwester“, antwortete die verletzte Frau.
„Eure Schwester? Wurde sie entführt?“
„Ja. Danielle wurde entführt. Mein Name ist Saria.“
„Ich heiße Laládi und es tut mir leid, was Eurer Schwester zugestoßen ist. Konntet Ihr Hinweise fin­den?“ Das Mitleid in ihrer Stimme schien echt, dennoch wollte Saria der anderen nicht trauen. Ir­gendetwas an ihr schien falsch. Laládi. Woher stammte nur so ein Name?
„Nein, die Eingeborenen waren mir keine Hilfe. Aber sie waren freundlich. Der Pfeil stammte von einem Ork.“
„Orks? Hier?“ Laládi war entsetzt. Wenn es auf einer Insel wie dieser Orks gab, die Erbfeinde ihrer Rasse, dann konnte das nichts Gutes bedeuten. Die Orks mussten demnach gelernt haben, Schiffe zu bauen. Freiwillig würde sie niemand mitnehmen und sie hatte noch nie in ihrem langen Leben davon gehört, dass jemand Orks nicht tötete, sobald er ihrer ansichtig wurde. Nein, das waren schlechte Neuigkeiten. „Entschuldigt mich bitte, ich muss mit dem Kapitän sprechen.“ Geschmeidig stand sie auf und ging ohne ein Geräusch zu machen aus der Kabine.
Saria sah auf die geschlossene Tür. Die Kabine hatte aufgehört, sich um sie zu drehen und nur noch das sanfte Schaukeln des Schiffes hinderte sie daran, aufzustehen. Ihre Beine fühlten sich noch nicht kräftig genug an. Die Holzwände waren aus Eiche und wirkten glatt und leicht abgegriffen. Abgesehen von dem Bett, auf dem sie saß, gab es noch eine Kleidertruhe und in einer Ecke neben der Tür war ein winziger Tisch angeschraubt. Davor stand ein Hocker ohne Lehne. Ein kopfgroßes Bullauge ließ Licht herein. Das Stück blauer Himmel, das die junge Frau vom Bett aus sehen konn­te, ließ auf einen sonnigen Tag schließen. Gerne wäre sie an Deck gegangen, um etwas frische Luft zu schnappen, doch sie käme wohl kaum bis zur Tür.
Bis zur Wasserschüssel könnte ich es schaffen, überlegte sie. Saria hatte das Bedürfnis, sich zu wa­schen. Ihre Haut klebte und ihr Kopf juckte, als würden unzählige kleine Ameisen darauf herum­krabbeln. Vorsichtig stand sie auf, immer darauf bedacht, wieder auf das Bett zurück zu sinken, falls ihre Beine sie nicht tragen wollten. Doch es gelang ihr, aufzustehen. Saria biss die Zähne zusammen und stützte sich mit der rechten Hand an der Kabinenwand ab. Langsam, Schritt für Schritt ging sie zu dem kleinen Tisch. Für einen gesunden Menschen wären es kaum zwei Schritte gewesen, sie aber benötigte fünf. Mit einem Seufzer der Erleichterung sank sie auf den Hocker. So erschöpft hat­te sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.
Das Wasser war kühl, als sie ihre Hände hinein tauchte. Sie wusch sich das Gesicht, hielt die Luft an und tauchte ihren Kopf unter. Als sie sich wieder aufrichtete, tropfte ihr das Wasser aus den dun­kelroten Haaren auf die Schultern und rann ihr den Hals hinab. In diesem Moment fragte sie sich, wie sie ihre langen Haare trocknen sollte. So gut es ging wrang sie das Wasser über der einfachen Schüssel wieder aus. Es klebte ihr nun am Kopf und sie musste mehrere Strähnen aus ihren Augen herausstreichen, doch das machte Saria nichts aus. Ihre Kopfhaut juckte nicht mehr und das war ihr ein wenig Unannehmlichkeit aufgrund feuchter Haare wert.
So erfrischt war Saria bereit, sich an den Weg zurück zum Bett zu wagen. Noch sitzend drehte sie sich um und stellte erfreut fest, dass ihr Rucksack unter dem Bett verstaut worden war. Sie konnte sich also umziehen! Mit neuer Energie stemmte die junge Frau sich auf die Beine und schaffte es diesmal in drei Schritten und ohne sich abstützen zu müssen zurück zu ihrer Schlafstätte.
Gerade als sie sich erleichtert hinsetzte und nach ihrem Rucksack greifen wollte, klopfte es sanft an die Kabinentür.
„Ja, bitte?“
„Ich bin es, Laládi. Ich habe jemanden mitgebracht.“ Die Stimme der blonden Frau klang selbst durch die Tür hindurch hell und klar.
„Kommt herein!“ rief Saria.
Die Tür öffnete sich und hinter der schlanken Laládi betrat ein gebeugter Mann den Raum. Seine Haut war dunkelbraun, sein Gesicht voller Falten. Als Kleidung trug er einen Lendenschurz und einen Umhang, beide aus einem Tierfell hergestellt, dass Saria noch nie gesehen hatte. Der Grund­ton schien ein sandiges Gelb zu sein, das mit schwarz-roten Punkten gesprenkelt war.
„Das ist Hamadi. Er ist Medizinmann und hat Eure Schulter versorgt. Er würde sich gerne die Wun­de ansehen, wenn es Euch nichts ausmacht.“ Laládi lächelte ihr zu und legte dem dürren Mann sanft die Hand auf den Oberarm.
„Gut. Helft Ihr mir bitte, Laládi? Ich habe Schwierigkeiten mich auszuziehen, solange ich meine Schulter nicht bewegen kann.“
„Natürlich“, antwortete sie und schloss sanft die Tür hinter sich. Mit flinken Fingern knöpfte sie Sa­rias Bluse auf, wobei ihr blondes Haar über Sarias Wangen strich. Es roch gut, wie eine frische Sommerbrise. Eine solche Seife hatte Saria noch nie gerochen, aber sie nahm sich für später vor, zu fragen, ob sie sich das Stück ausleihen könnte. Sanft streifte Laládi ihr die Bluse ab. Alles, was die­se Frau tat schien sanft zu sein. Das weckte Sarias Misstrauen noch mehr, doch wagte sie zu diesem Zeitpunkt nicht, ihre Gefühle zu zeigen.
Um ihre langen Haare war Saria nun froh, da sie ihr bis über die Brüste reichten und so halfen, die­se zusammen mit ihrem rechten Arm vor allzu neugierigen Blicken Hamadis zu verbergen. Auch wenn er ein Medizinmann war, brauchte er nicht alles von ihr zu sehen.
Wortlos entfernte Hamadi ihr den Verband und beäugte kritisch die Wunde. Saria selbst versuchte auch einen Blick darauf zu werfen, hatte aber keinen guten Winkel. Sie sah nur eine große blau-schwarze Stelle, konnte jedoch aufgrund fehlenden Wissens nicht viel damit anfangen. Es schmerz­te, das wusste sie und das reichte ihr. Da es ihr nicht möglich war, Hamadi bei seiner Arbeit zuzuse­hen, blickte sie dem Mann stattdessen in die Augen, um dort vielleicht etwas ablesen zu können. Heiler beschönigten manchmal ihre Aussagen gegenüber ihren Patienten, so viel wusste Saria. Sie hoffte, auf diese Weise näher an die Wahrheit zu kommen. Falls ihr Arm abgenommen werden musste, wollte sie das lieber gleich wissen.
Die Augen des alten Medizinmannes aber ließen in ihr das Gefühl aufkommen, dass sie sich immer weiter von der Wahrheit entfernte, egal was sie tat. Hamadis Augen waren die eines Zwanzigjähri­gen. Dunkelbraun, glasklar und voller Leben. Das passte nicht zu dem ausgemergelten Aussehen des ohnehin fremdartigen Mannes. Als er dann auch noch in einer ihr unbekannten Sprache vor sich hin krächzte, hielt Saria es vor Neugier nicht mehr aus.
„Von wo stammt Ihr? Welche Sprache ist das?“ fragte sie ihn. Hamadi ignorierte sie, aber Laládi antwortete mit ihrer nervig-schönen Stimme.
„Wir sind ihm vor kurzem in einem Wald begegnet. Keiner versteht, was er sagt, aber er scheint uns zu verstehen.“ Ein Lächeln breitete sich über ihre Züge aus, das wohl beruhigend wirken sollte. „Keine Sorge, er weiß, was er macht.“
Saria war keineswegs beruhigt, wusste allerdings auch nicht, was sie selbst hätte tun können.
Sollte ich das alles überstehen, werde ich das Heilen lernen, versprach sie sich selbst.
Hamadi drückte ein wenig an ihrer Wunde herum. Saria wollte vor Schmerz brüllen. Aber die junge Frau biss eisern die Zähne zusammen und ließ es zu nicht mehr kommen als einem lauten Stöhnen.
Der Medizinmann zog seine knochigen Finger zurück und nickte. Er sagte etwas in seiner kehligen Sprache und machte Laládi gegenüber einige Zeichen. Diese nickte und übersetzte für die Patientin.
„Eure Schulter heilt gut. Sie muss erneut mit einer heilenden Kräutersalbe bestrichen und frisch ver­bunden werden, aber Ihr werdet sie wieder benutzen können.“
„Ich dachte, Ihr versteht ihn nicht?“ platzte es aus der jungen Frau heraus. Der pochende Schmerz in ihrer linken Schulter ließ sie ihre Vorsicht vergessen.
Nicht seine Worte, aber seine Absichten verstehe ich. Außerdem bin ich selbst ein wenig in der Kunst der Heilung bewandert und sehe ebenfalls, dass Eure Schulter schon besser aussieht. Ihr wer­det wieder gesund.“ Ihre Stimme ließ nicht erahnen, ob Sarias Worte sie in irgendeiner Weise be­rührt hatten.
Also gut. Ich entschuldige mich, falls ich Euch beleidigt haben sollte. Ich habe nur Angst um mei­nen Arm...“
Schon gut, ich bin nicht beleidigt. Kommt, ich kümmere mich um die Salbe und den Verband.“ Mit grazilen Handbewegungen bedeutete sie Hamadi, Sarias Kabine zu verlassen. Der alte Mann nickte, reichte ihr noch einen irdenen Tiegel aus einem Beutel an seiner Seite und verließ schweigend den Raum. Als die Tür hinter ihm zugezogen war, entspannte Saria sich ein wenig.
„Macht er Euch Angst, Saria?“ fragte Laládi, der das leichte Herabsacken ihrer Schultern bemerkt haben musste.
„Nein“, log die junge Frau. „Das ist nur die Anspannung wegen meinem Arm. Die Sorge, ihn zu verlieren. Bei der Suche nach meiner Schwester werde ich wahrscheinlich beide Arme gebrauchen können.“
Ja, da habt Ihr recht.“ Mit federleichten Berührungen verteilte Laládi etwas von der gelben Salbe, die erstaunlicherweise weniger streng roch als die Heilsalben, die Saria bisher kennengelernt hatte. Die Mixtur kühlte ihre pochende Schulter und es fühlte sich gleich so an, als heilte sie allein durch das Auftragen der Kräuter. Mit geübten Bewegungen wurde sie von der blonden Frau verbunden und wieder angezogen.
„Ich danke Euch, Laládi.“
„Nicht dafür“, versicherte die andere Frau ihr. „Nun solltet Ihr Euch ausruhen. Euer Körper braucht seine Kraft für die Heilung.“
Saria nickte nur, erschöpft von der Behandlung und dem kleinen Ausflug zur Wasserschüssel. Lalá­di nahm die Schüssel mit und kurz nachdem sie die kleine Schiffskabine verlassen hatte, schlief Sa­ria ein.

Das alles war vor drei Tagen gewesen. Inzwischen war Saria schon wieder viel kräftiger, konnte bei ruhigem Seegang über Deck spazieren und musste nicht mehr den ganzen Tag im Bett verbringen.
Jetzt stand sie an der Reling und blickte gedankenverloren auf das ruhige Wasser. Es blies ein steti­ger Wind, so dass das Schiff gemütlich Fahrt machte. Es hieß Eule. Saria wusste nicht, warum Schiffe nach Vögeln benannt wurden. Es war eben schon immer so, antwortete jeder, den man frag­te. Außer der Mannschaft fuhren noch vier Passagiere mit: Laládi, Hamadi, ein Zwerg namens Du­rin und ein blonder Hüne, der sich als Aril vorgestellt hatte.
Saria hörte, wie jemand sich von hinten näherte und blickte sich um. Aril stand hinter ihr und sah sie mit einem Blick an, der ihr nicht sehr gefiel.
„Aril. Kann ich etwas für Euch tun?“ fragte sie höflich.
„Ja! Erzählt mir von Euch“, bat er grinsend.
Überrascht sah die junge Frau zu dem gut einen Kopf größeren Mann auf. Diese Aufforderung kam unerwartet.
„Ich...“ Nervös strich sie sich eine Strähne dunkelroten Haares aus dem Gesicht. „Ich stamme aus einem kleinen Dorf in den Wäldern im Westen Indunams. Meinen Vater kenne ich nicht und meine Mutter starb als meine Schwester entführt wurde. Seitdem versuche ich, sie zu finden.“
„Das tut mir leid, dass Eure Mutter tot ist. Ich werde Euch helfen, Eure Schwester zu finden.“
„Das ist sehr freundlich von Euch, doch wenn Ihr nicht schon wisst, wo Danielle sich befindet, dann werdet Ihr genauso wenig tun können wie ich im Augenblick. Die Eingeborenen der Insel waren meine letzte Spur.“
„Ich bin Aril, Prinz Ruangmós, Skorpiontöter und Orkschlächter. Wenn ich etwas verspreche, dann geschieht es!“ Mit diesen Worten drehte er sich um und stapfte Richtung Heck davon. Saria sah ihm entgeistert nach.
Was ist ein Skorpion? fragte sie sich.

Am Abend aßen alle zusammen mit der Mannschaft. Nach einer Portion Fischsuppe mit Zwieback – ein Essen, das inzwischen eintönig geworden war – stand Aril auf und verlangte Ruhe.
„Ich habe beschlossen, dass wir Saria bei der Suche nach ihrer Schwester helfen!“ verkündete er zur Verblüffung seiner Kameraden.
Das kannst Du nicht allein entscheiden, Aril!“ rief Durin. „Wir haben genauso ein Recht zu ent­scheiden.“
Aril sah nun seinerseits den Zwergen überrascht an. Hamadi blickte neugierig zwischen dem Zwerg und dem Hünen hin und her. Auch die Mannschaft schwieg gespannt.
Willst du mich einen Lügner nennen?“ fragte Aril.
„Nein, einen Dummkopf!“ Durin stand auf, was ihn nicht größer erschienen ließ, aber mehr Bewe­gungsraum verschaffte.
Hört auf! Ihr beide“, mischte sich nun Laládi ein. „Es ist niemandem geholfen, wenn ihr euch schlagt.“ Die Wirbel in ihren blauen Augen schienen sich zu drehen während sie die Streithähne musterte. Hamadi beobachtete die Frau mit Adleraugen, kein Detail entging ihm.
„Wir haben nicht darüber gesprochen, aber ich stimme mit Aril überein: Auch ich werde Saria bei ihrer Suche helfen. Als wir angefangen haben, ihr unsere Hilfe zu geben, haben wir damit auch die Verantwortung übernommen, ihr bis zum Ende zu helfen.“ Laládi hatte ihre Stimme nicht erhoben, doch als ihre kurze Ansprache nun zu Ende war, schien es, als wäre man taub geworden – so leise war es.
Zur Überraschung aller beendete Hamadi die Stille mit einem gekrächzten „ja“, das selbst der so be­herrschten Laládi für einen Moment die Züge entgleiten ließ.
Durin verließ fluchend die Küche und stampfte aufs Deck.
„Ich wollte keinen Streit verursachen. Ihr müsst mir nicht helfen“, rief Saria ihm hinterher, meinte aber alle ihre Retter damit. Als Durin nicht reagierte, biss sich die junge Frau auf die Unterlippe.
„Keine Sorge, Saria, Durin ist im Inneren seines Herzens unserer Meinung. Er grummelt nur, weil er nicht zuvor gefragt wurde – und weil er Wasser nicht mag, ist er generell leicht reizbar auf einer Seereise.“ Laládi lächelte sie an und neigte ihren Kopf ein wenig nach links. Dabei spitzte der obere Rand ihres rechten Ohres durch das goldgelbe Haar.
Eine Elfe! Das erklärte ein paar Dinge, warf aber gleichzeitig weitere Fragen auf. Elfen waren ex­trem selten in Levante. Der Legende nach waren die Elfen vor Generationen von einem Tag zum nächsten spurlos verschwunden. Manche Siedlungen entdeckten Abenteurer noch Jahrhunderte spä­ter, verlassen und überwuchert. Die besten Spurensucher aber fanden keine Hinweise darauf, wohin sie gegangen waren. Da es auch keine Spuren von Gewalt gab, blieb das Verschwinden der langle­bigen Rasse ein Rätsel.
Ja, danke...“ stammelte Saria. Ein Zwerg, ein Medizinmann, ein Barbar und eine Elfe – wie kam nur eine solche Gruppe zusammen? Und nun sollte sie mit dieser illustren Truppe nach ihrer Schwester suchen?
Sie musste hier raus, brauchte frische Luft und Ruhe zum Nachdenken. Wortlos stand sie auf und folgte Durin in die hereinbrechende Nacht hinaus. Den Zwerg sah sie nicht, also stellte sie sich er­neut an die Steuerbordreling und blickte aufs Meer hinaus. Sollte sie bei ihnen bleiben und die Ent­deckung ihres Geheimnisses riskieren oder besser einen Weg finden, ohne die anderen weiter nach Danielle zu suchen? Gewiss könnte diese Gruppe ihr eine große Hilfe sein. Schon Laládi allein wäre ein enormer Gewinn, zusammen mit der Muskelkraft von Durin und Aril konnte ihr kaum et­was Besseres widerfahren. Hamadi jedoch war für sie nicht einschätzbar. Er könnte eine Gefahr werden. In Gedanken versunken versuchte sie, sich mit beiden Armen aufzustützen und schrie vor Schmerz auf. Sie hatte ihre Verletzung für einen Moment vergessen. Jetzt brannte ihre Schulter wie Feuer. Die junge Frau hielt sich mit dem gesunden Arm fest und lehnte sich an die hüfthohe Reling. Noch bevor sie wieder richtig Luft bekam, tauchte Aril an ihrer Seite auf und fragte nach, was pas­siert sei.
Arm... vergessen...“ keuchte Saria zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ohne zu zögern legte der Barbar seinen Arm um ihre Hüfte und führte sie langsam aber bestimmt von der Seite des Schiffes weg.
„Was... wohin...?“
„In Deine Kabine. Du solltest Dich ausruhen.“
Wann hatte sie ihm ein „Du“ erlaubt? Wenn sie besser Luft bekommen hätte, hätte sie sich seinem Griff entwunden und ihn zur Rede gestellt. So aber hatte Saria keine andere Wahl als zuzulassen, dass er sie mit sich zog.
Die kleine Treppe, die unter Deck führte, war eine Tortur. Es war zu eng für die beiden, doch der große Mann nahm darauf keine Rücksicht. Saria schaffte es gerade noch, sich in Arils Griff zu dre­hen, so dass nur ihr Rücken gegen die Holzwand gestoßen wurde und nicht ihre Schulter. Der Stoß vervielfältigte den Schmerz dennoch und ihr blieb erneut die Luft weg.
Kurz bevor ihr schwarz vor Augen wurde, sank sie gegen ihren Begleiter und hoffte, dass er sie auf­fangen und ihre Schwäche nicht ausnutzen würde. Bei allen Göttern, er war ein Barbar!

 
© Ben Grauh

Saria Arberdan

Hallo!

Was ich hier posten möchte sind kurze Episoden aus dem Leben eines fiktiven (Fantasy-)Charakters. Es handelt sich um eine Hexe, die in dem Buch vorkommen wird, das ich momentan schreibe und hoffe, irgendwann veröffentlichen zu können.

Alles, was ich hier über sie veröffentliche darf weitergegeben und verlinkt werden. Ich bitte nur darum, mich auf die ein oder andere Weise als Autor zu nennen. Natürlich werde ich immer ein Copyright-Zeichen einfügen, doch das kann wohl jeder mit ein bisschen Ahnung aus dem Text entfernen.

Lob, Kritik und Fragen nehme ich gerne an bzw. beantworte diese. (Natürlich nichts zu persönliches... ;-))
Wenn ihr irgendwas lieber nicht öffentlich kommentieren oder fragen möchtet, schickt mir einfach eine E-Mail an:

ben.grauh@gmail.com

Da ich in meiner Freizeit schreibe, können Antworten, Reaktionen und vor allem neue Posts/Teile auch mal länger auf sich warten lassen. Bitte nicht drängen, dann dauert es nur länger!

In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen!

Ben Grauh