Saria
Arberdan (Teil 2)
Langsam kämpfte Saria
sich wieder in den Wachzustand. Ihr Verstand fühlte sich an, als
wäre er in weiche, warme Seide gewickelt. Jeder Gedanke bemühte
sich, sich ihr zu entziehen und es war unglaublich anstrengend, sie
festzuhalten. Zurück in die Dunkelheit zu gleiten war die größte
Verlockung, die die junge Frau seit Jahren empfunden hatte. Nur
der Gedanke mit dem Jungen aus dem Dorf allein zu sein, Eldrin,
dieser Gedanke war noch verlockender gewesen. Doch damals war sie ein
kleines Mädchen von neun Sommern gewesen. Eldrin war ein paar Jahre
älter gewesen als sie, zwölf oder dreizehn, da war sie nicht mehr
sicher. Er hatte helles, gelocktes Haar, süße Sommersprossen
um die Nase und seine blauen Augen blitzten so schön, wenn er
lachte. Die Erinnerung an ihre erste große Liebe – so hatte Saria
die damalige Schwärmerei eines kleinen Mädchens gesehen – ließ
sie lächeln. Eldrin hatte sich nie für sie interessiert. Warum
auch? Die Mädchen in seinem Alter waren für ihn erheblich
anziehender gewesen. Die kleine Saria war damals neidisch auf die
älteren Mädchen, die allmählich zu Frauen wurden. Bei manchen
hatte man schon deutlich die weiblichen Rundungen unter den Kleidern
erahnen können. Besonders diese Formen waren es, die Eldrin damals
so faszinierten. Doch an sich selbst konnte Saria zu dieser Zeit noch
nichts dergleichen feststellen. Sie hatte einen flachen
Brustkorb wie ein Junge, einen knochigen Po und ihre Hüften waren
mehr gerade als kurvig.
Heute sah das anders
aus, das wusste sie. Jetzt würde Eldrin sie bestimmt nicht mehr
ignorieren. Doch was half ihr dieses Wissen, wenn er doch weit
entfernt in Schönborn war, und sie hier auf einem Schiff, weit
weg von Zuhause? Mit einem leichten Anflug an Bedauern wandte die
junge Frau sich von ihrer Erinnerung an ihren ersten Schwarm ab und
konzentrierte sich auf die Gegenwart. Das gelang ihr nun schon
besser, die Benommenheit hatte sich weiter zurückgezogen.
Als erstes nahm sie das
Bett war, in dem sie lag. Das scheint zu einer unangenehmen
Gewohnheit zu werden,
dachte sie sarkastisch. Ständig wache ich in einem Bett
auf, in das ich mich nicht selbst hineinbegeben habe.
Immerhin war es ein Bett und nicht der harte Holzboden des Schiffes.
Auch keine
Hängematte, wie sie die Matrosen benutzten, nein, ein richtiges
Bett. Das letzte Mal war sie in einer Kabine auf der Eule
aufgewacht und nahm nun an, dass dies derselbe Ort war. Ein leichtes
Schaukeln, begleitet von einem entfernten Wassergluckern,
bestätigte diese Vermutung. Beruhigt
atmete Saria tief durch. Sie war in Sicherheit. Kaum war ihr der
Gedanke durch den Kopf gegangen, fiel ihr etwas auf, das jedes
Gefühl von Sicherheit wieder
verscheuchte: Sie lag nackt unter der Bettdecke! Ihre
letzte Erinnerung an die Geschehnisse vor ihrer Ohnmacht war, dass
dieser Barbar, Aril, sie in ihre Kabine bringen wollte. Doch zu
diesem Zeitpunkt war sie angezogen. Hatte der Wilde ihre Situation
ausgenutzt und … Saria wollte gar nicht daran denken.
Mit
vor Sorge pochendem Herzen schlug sie die Augen auf. Die
Kabine war hell, also war es wohl schon wieder Tag. Welcher Tag? Der
dem Abend anschließende, an dem sie ohnmächtig geworden war?
Oder der danach? Wie lange hatte sie diesmal ihr Bewusstsein
verloren? Nach kurzem Überlegen entschied die junge Frau, dass es
der folgende Tag sein musste, denn ihr Hunger war nicht sehr groß.
Um genau zu sein hatte sie im Augenblick überhaupt keinen Hunger,
denn ihr zog es den Magen zusammen. Irgendjemand musste sie
schließlich ausgezogen haben und der wahrscheinlichste Kandidat
war leider Aril.
Saria
drehte den Kopf auf dem Kissen und ließ den Blick durch die Kabine
schweifen. Sie war allein. Sorgfältig darauf bedacht, ihre linke
Schulter nicht zu belasten, schlug sie die Decke beiseite und setzte
sich auf. Vom langen Liegen hatte sich ihr Kreislauf noch nicht ganz
erholt, weswegen ihr ein wenig schwindlig wurde. Das störte die
junge Frau nicht weiter, da
sie ohnehin zunächst nicht aufstehen wollte. Sie blickte an sich
hinab. Längst war ihre Brust nicht mehr so flach wie die des kleinen
Mädchens, das sie einst war. Auch ihre Hüften waren nun angenehm
gerundet und erinnerten nicht mehr an früher. Doch genau in
diesem Moment wünschte sie, sie wäre weniger weiblich.
Zögerlich
konzentrierte Saria sich auf ihren Körper. Im ersten Moment war es
unmöglich für sie zu entscheiden, ob etwas nicht stimmte, so sehr
hatte sie Angst. Doch langsam sickerte die Erkenntnis in ihren
Verstand, dass alles in Ordnung war. Zwischen ihren Beinen fühlte
sich nichts ungewöhnlich an. Kein Brennen, kein Ziehen, keine
irgendwie unangenehmen Gefühle.
Erleichtert
seufzte sie und merkte erst jetzt, wie angespannt sie gewesen war. Es
freute sie nicht, dass
der Hüne
sie ohne ihr Einverständnis
ausgezogen hatte, doch konnte sie daran nichts ändern. Außerdem
hätte es viel schlimmer kommen können, und dass dem nicht so war,
dafür dankte sie allen überirdischen Mächten, die ihr
einfielen. Das waren nicht viele. Für
die Götter hatte Saria noch nie viel übrig gehabt, genauso wenig
wie die für sie.
Während
sie sich gerade mit ihrem Lendenschurz abmühte – mit nur einem Arm
eine unglaublich schwere Aufgabe – klopfte es leise an der Tür
zu ihrer Kabine.
„Wer
ist da?‟ fragte Saria, sofort wieder auf der Hut. Wenn das Aril war
…
„Laládi.
Darf ich hereinkommen?‟ Die glockenhelle Stimme der Elfe war eine
Wohltat.
Sei
vorsichtig, ermahnte die junge
Frau sich in Gedanken. So nett sie sein mag, Du kennst sie
nicht! Um ihre Blöße zu
bedecken, zog sie rasch die Bettdecke vor ihre Brust.
„Ja,
kommt herein!‟ rief sie. „Ich könnte sowieso ein wenig Hilfe
gebrauchen.‟ Den zweiten Satz murmelte sie nur so vor sich hin,
doch die Ohren der Elfe schienen nicht nur spitz zu sein, sondern
auch äußerst gut.
„Meint
Ihr, beim Anziehen?‟ fragte Laládi beim Eintreten und schloss
sanft die Tür hinter sich.
Saria
spürte, wie ihre Wangen warm wurden. „Ja … Es ist mir ein wenig
peinlich, aber mit nur einem Arm habe ich dabei Schwierigkeiten.‟
Die
blonde Elfe lachte auf. „Das braucht Euch doch nicht peinlich sein,
Saria. Das ginge jedem so. Kommt, zeigt mir, was Ihr anziehen
möchtet, und ich helfe Euch dabei.‟
Mit
einem Seufzer ergab Saria sich und deute auf den Rock von gestern und
eine frische Bluse. Die letzte in ihrem Gepäck. Viel hatte sie nicht
mitgenommen auf die Insel, hatte sie doch mit keinen Problemen
gerechnet. Jedenfalls mit keinen, die ihre Kleidung ruinieren würden,
wie es die Orks getan hatten.
„Falls
Ihr Euch fragt, wie Ihr in Euer Bett kamt: Ich sah, wie Aril Euch die
Treppe hinuntertrug und schloss daraus, dass Ihr nicht mehr bei Euch
wart. Ich ließ es zu, dass er Euch auf das Bett legte, dann
aber schickte ich ihn hinaus. Aril hat Euch nicht ausgezogen, ich war
es. Er ist ein Barbar, aber wir konnten ihm schon vermitteln, dass er
eine Frau nicht einfach ausziehen kann. Egal, wie sehr er das
vielleicht will ...‟ Laládi schenkte ihr ein Lächeln, doch
wesentlich beruhigender war der Inhalt dessen, was sie der jungen
Frau eben erzählt hatte. Aril hatte sie nicht ausgezogen, die Elfe
war es gewesen. Ihre Andeutung, dass der Hüne ein Interesse daran
haben könnte, sie in ihrem Bett zu besuchen, ignorierte Saria für
den Augenblick.
„Danke,
dass Ihr mir das sagt. Ich war schon voller Sorge, dass mehr
geschehen sei, als ich möchte‟, gestand Saria ihr mit einem
schüchternen Lächeln. Ihre Wangen brannten nun geradezu, doch das
war ihr gleich. Sollte Laládi doch sehen, dass ihr der Gedanke an
eine intime Begegnung mit Aril nicht behagte. Vielleicht achtete die
Elfe dann vermehrt darauf, dass die beiden nicht allein waren. Oder
besser noch, redete dem Mann alle Flausen von vornherein aus, die er
möglicherweise in Bezug auf sie hatte. Unter anderen Umständen wäre
er ja ganz nett gewesen, aber jetzt, auf der Suche nach ihrer
Schwester, konnte Saria sich eine derartige Ablenkung nicht erlauben.
Hoffentlich würde Aril ihr trotzdem helfen wollen.
„Nein,
da macht Euch keine Sorgen. Barbar hin oder her, Aril hat einen
Ehrenkodex, und daran hält er sich eisern. Er hat uns versprochen,
niemals eine Frau gegen ihren Willen anzurühren, die nicht Teil
seines Volkes ist. Derartige Versprechen nimmt er sehr ernst und er
wird sich daran halten.‟ Sie waren beim letzten Knopf der
Bluse angelangt und Laládi setzte sich nun neben Saria auf die
Bettkante. Ihr Blick wurde eindringlich. „Spielt bitte nicht mit
ihm. Wenn Ihr Interesse an ihm habt, zeigt es ihm. Ansonsten macht
ihm keine schönen Augen, denn das ermutigt ihn nur. Wir werden
ihn nicht aufhalten, solltet Ihr ihn auffordern und es Euch dann
anders überlegen, sobald er darauf eingeht.‟ Ohne auf eine Antwort
zu warten, stand sie mit ihrer elfischen Eleganz auf und verließ
lautlos die Kabine.
Ich
ihn auffordern? Bei Karintia, als wäre ich mit Absicht in
Ohnmacht gefallen! Gerne wäre Saria der Elfe gefolgt und
hätte ihr lautstark erklärt, dass sie sich ihre Ratschläge für
andere aufheben solle. Sie beherrschte sich aber und atmete ein
paarmal tief durch, um sich zu beruhigen. Nachzudenken war jetzt
wichtiger. Die Schiffsreise würde noch ein paar Tage dauern, doch
sollte sie besser schon vor deren Ende entschieden haben, ob sie das
Angebot der Gruppe annehmen wollte oder nicht.
Umständlich
rutschte Saria auf dem Bett nach hinten, bis sie sich bequem mit dem
Rücken an die Schiffswand lehnen konnte. Sie wollte diese
Entscheidung sorgfältig treffen und das brauchte Zeit. Zeit, in der
sie es sich ebenso gut gemütlich machen konnte, während sie
überlegte.
Laládi
schien eine gute Seele zu sein, auch wenn ihre fehlende Erfahrung mit
Elfen sie vorsichtig sein ließ. Andererseits, wer konnte schon von
sich behaupten, viel Umgang mit Elfen zu haben? Es gab so gut wie
keine Angehörigen dieses mystischen Volkes mehr, und die wenigen,
die noch lebten, scheuten den Umgang mit anderen. Es lief darauf
hinaus, dass Saria ihre eigene Erfahrung mit Elfen sammeln musste.
Lieber hätte sie jemanden gefragt, doch diese Möglichkeit bestand
nicht. Also werde ich sie zunächst so nehmen, wie sie ist und
genau beobachten, überlegte sie. Zudem habe ich auf diese
Weise nebenbei die Gelegenheit, eine Elfe kennenzulernen. Die
Neugier siegte und sie setzte Laládi auf ihrer geistigen Liste auf
die Seite, die für einen Verbleib bei der Gruppe gedacht war.
Hamadi.
Die Elfe war schwer einzuschätzen, doch bei dem Medizinmann konnte
die junge Frau überhaupt keine fundierte Entscheidung treffen. Von
seiner Sprache verstand sie kein Wort und gesehen hatte sie ihn
kaum. Er kam nur aus dem Inneren des Schiffes hervor, wenn es Essen
gab oder um nach ihrer Schulter zu sehen. Die hatte er gut versorgt,
das gestand sie ihm zu. Wenn sie aber an seine Augen dachte, überlief
sie ein kalter Schauer. Alles an ihm wirkte so alt und ausgezehrt,
aber nicht die Augen. Wie konnte ein alter Mann wie er so junge Augen
haben? Dennoch … Jemanden mit derart guter Kenntnis der Heilkunst
um sich zu haben war nie ein Fehler. Sie musste schließlich auch in
Erwägung ziehen, dass Danielle verletzt sein könnte, wenn sie sie
fand. In diesem Fall würde sie Hamadi dringend brauchen. Er
spricht also auch eher für ein „ja‟.
Ihren
neuesten Verehrer, Aril, würde sie am liebsten über Bord werfen und
somit unmissverständlich klarstellen, was sie von ihm hielt.
Wenn jemand aus dieser Gruppe mit Sicherheit Schwierigkeiten
machen würde, dann war es der Barbar. Ein Barbar! Wie konnte man nur
mit so jemandem reisen? Irgendwie süß ist er ja schon …
Dieser unerwünschte Gedanke ärgerte sie. Nur weil er so treu
dreinblickende Augen hatte! Als Barbar konnte er gewiss kämpfen und
stark war er auch, das war nicht zu übersehen. Beides Eigenschaften,
die gewiss hilfreich sein konnten. Danielles Entführer würden
ihre Schwester wohl kaum unbeaufsichtigt irgendwo zurücklassen, so
dass Saria sie nur noch abzuholen brauchte. Nein, ein Kampf schien
sehr wahrscheinlich. Aber den musste nicht unbedingt Aril für
sie ausfechten! Er kam also auf die Seite mit den Argumenten gegen
einen Verbleib bei der Gruppe.
Zu
guter Letzt gab es noch den Zwerg, Durin. Viel hatte sie noch nicht
von ihm gesehen. Nur zum Essen schien er seine Kabine zu verlassen
und seine Laune war stets schlecht und aufbrausend. Laládi hatte ihr
zwar versichert, dass der Zwerg einen weichen Kern unter der rauen
Schale verbarg, aber bisher hatte Saria keine Anzeichen für die
Wahrheit hinter dieser Aussage entdeckt. Davon abgesehen kannte
die junge Frau jedoch einige Geschichten über die Zwerge, denen
zufolge das kleine Volk genau so sein sollte: Unnachgiebige Kämpfer
für sich selbst und eine gute Sache. Die Rettung einer entführten
Frau konnte man gewiss als eine gute Sache bezeichnen. Dann hätte
ich also drei dafür und einen dagegen. Ich bleibe, beschloss sie
damit.
Erleichtert
darüber, zumindest eine der anstehenden Entscheidungen jetzt
getroffen zu haben, lächelte Saria. Jetzt blieb noch die
weitaus schwierigere – und für sie gefährlichere – Frage, wie
viel sie den anderen über sich selbst erzählen wollte. Bevor sie
sich ernsthaft darüber Gedanken machen konnte, klopfte es an der
Tür.
„Herein!‟
rief sie, nicht gewillt, sich zu erheben. Ihr Magen fühlte sich zwar
leer an, doch erschienen ihr die Pläne für ihre zukünftige
Suche im Augenblick wichtiger.
Die
Tür wurde schwungvoll aufgestoßen und Aril trat ein. Mit seiner
Körpergröße von fast zwei Schritt musste der Barbar sich bücken,
um nicht mit dem Kopf anzustoßen. Wie bisher immer trug er eine eng
anliegende Lederhose und eine offene Fellweste, die seinen
muskelbepackten Oberkörper kaum verbarg. Im Geheimen vermutete
Saria, dass die ärmellose Weste seine Muskeln sogar betonen
sollte, weil sie den Blick auf Brust und Bauch lenkte.
„Saria,
Du bist wach!‟ sprach er das Offensichtliche aus. „Wie geht es
Dir?‟ Ungefragt setzte der große Mann sich auf ihre Bettkante und
grinste sie breit an.
Da
sie nun beschlossen hatte, mit ihnen zu reisen, akzeptierte Saria das
Du. Dass der Barbar sich ungeniert auf ihr Bett setzte, gefiel ihr
hingegen überhaupt nicht. Dennoch beschloss sie, freundlich zu
bleiben. „Danke, Aril, gut. Ich muss nur daran denken, dass meine
Schulter noch ein wenig Ruhe braucht, bevor ich sie wieder belasten
kann.‟
Eifrig
nickte der Prinz Ruangmós. „Ja, das solltest Du. Wenn es
irgendetwas gibt, wofür Du zwei oder drei Hände brauchst, lass es
mich wissen.‟ Seine braunen Augen blitzten hoffnungsvoll auf.
„Das
ist sehr nett von Dir, danke. Im Moment brauche ich aber noch keine
Hände, nur ein wenig Ruhe. Ich muss nachdenken. Aber ich habe schon
beschlossen, euer Angebot anzunehmen‟, fügte sie rasch hinzu, als
sie die Enttäuschung in seinen Gesichtszügen sah. Sie rang sich
auch ein kleines Lächeln ab, was Arils Stimmung umgehend wieder hob.
„Das
ist gut, ich werde es gleich den anderen sagen!‟ Damit sprang er
auf und war mit zwei Schritten bei der Tür.
„Noch
etwas, Aril‟, hielt Saria ihn auf. „Ich möchte mich noch dafür
bedanken, dass Du mich gestern Abend in meine Kabine gebracht hast.‟
Der
Hüne zuckte mit den Schultern, was bei einem Riesen wie ihm
irgendwie komisch wirkte. „Hab ich gern gemacht.‟ Damit drehte er
sich um und verschwand wieder aus ihrer Kabine.
Saria
sah noch eine Weile die nun wieder geschlossene Tür an. Er hatte
schon einen knackigen Hintern … Verdammt, Mädchen, was denkst
Du da! Schalt sie sich selbst. Gib ihm den Finger und er nimmt
Dich mit Haut und Haaren. Das ist ein Barbar, Du dummes Ding! Sie
würde Aril auf ihrer geistigen Liste doppelt werten, doch dann
stünde es immer noch drei zu zwei für den Verbleib in der Gruppe.
Du musst einfach äußerst vorsichtig sein.
Zwei
Stunden und etliche fruchtlose Grübeleien später trafen sich alle
zum Mittagessen. Als Saria danach bekanntgab, das Hilfsangebot
annehmen zu wollen, erwartete sie ein herzlicheres Willkommen,
als sie gedacht hätte. Dass Aril sich freuen würde, hatte sie von
vornherein gewusst, doch Hamadis wohlwollendes und zufrieden
wirkendes Nicken überraschte sie beinahe ebenso wie Laládis
kurze aber freudige Umarmung. Die Elfe überstrahlte mit ihrem
Lächeln beinahe den freundschaftlichen Händedruck Durins, der
– wenn Saria es durch den dichten braunen Bart richtig erkannte
– ebenfalls ein wenig lächelte. Sie hätte das nicht gedacht, doch
durch diese einfache Geste wurde der kleine Mann, der ihr kaum bis
zur Nasenspitze reichte, auf einen Schlag wesentlich sympathischer.
„Sagt,
wo werden wir eigentlich anlegen? Ich habe bisher ganz vergessen zu
fragen.‟
„In
Woryem, dem Heimathafen der Eule‟, antwortete Laládi ihr.
In
seinem typischen, grummelnden Tonfall fügte Durin hinzu: „Besser
gestern als heute.‟
„Komm
schon, Durin! Ein bisschen Wasser schadet doch nicht.‟ Aril klopfte
seinem Gefährten mit einem lauten Klatschen auf die Schulter.
„Ein
bisschen? Ich sehe seit Tagen nichts anderes um uns herum. Und das
wird auch noch einige Tage so bleiben, falls der Rückweg nicht
deutlich schneller geht als der Hinweg. Doch dieses Glück habe ich
nicht!‟ Ein schiefes Lächeln nahm seinen Worten ein wenig die
Ernsthaftigkeit, doch war ihm deutlich anzusehen, dass er lieber zu
Fuß gegangen wäre.
„Sagt,
Durin, warum mögt Ihr das Wasser nicht? Könnt Ihr nicht schwimmen?‟
fragte Saria neugierig.
„Kein
Zwerg kann schwimmen‟, informierte Durin sie nicht unfreundlich.
„Dafür sind wir zu schwer. Und das liegt nicht nur an unseren
Rüstungen, nein, wir sind einfach zu kräftig, haben zu viele
Muskeln.‟ Aril lachte schnaubend. Durin ließ sich jedoch nicht
davon ablenken. „Anboßna hat es eben bestimmt, dass wir an Land
bleiben sollen. Deswegen ist mir auf Seereisen nie wohl.‟
Von
Anboßna hatte Saria schon gehört, das war der Gott der Zwerge. Sie
hatten nur diesen einen, doch der genügte ihnen. Er hatte – so die
Erzählung – die Zwerge ebenso erschaffen wie die Berge,
Edelsteine, das Bier, Gold und einfach alles, was die Zwerge mochten
oder zum Leben brauchten. Es hieß auch, dass der Schmiedeamboss nach
dem Gott benannt worden war. Ähnlich genug klangen die beiden
Namen, dass Saria dies glauben mochte.
In
den folgenden Tagen begann die junge Frau, ihre neuen Kameraden ins
Herz zu schließen. Zwar waren nur die beiden Kämpfer dazu zu
bewegen, etwas über sich zu erzählen – was bei Aril jedes mal zu
einer Lobeshymne auf sich selbst führte –, doch bedeutete dies
nicht, dass Laládi und Hamadi unfreundlich waren oder Saria mieden.
Gerne hätte sie mehr über sie erfahren, da sie aber selbst nicht
mehr über sich preisgeben wollte, als sie schon getan hatte, sah
sich Saria gezwungen, deren Schweigen zu akzeptieren. Die Zeit würde
zeigen, ob sie sich doch noch von ihnen abwenden musste.
©
Ben Grauh, 21.10.2012
ben.grauh@gmail.com