Mittwoch, 8. Mai 2013

Saria

Diesmal hat es sehr lange gedauert. Ich hoffe, der nächste Teil geht wieder schneller und braucht nicht fast ein halbes Jahr. :)


Saria Arberdan (Teil 6)


Den Rest des Nachmittags verbrachten die beiden Frauen auf der Ladefläche des Karrens und unterhielten sich über Magie, Hexenverfolgung und ein wenig über ihrer beider Vergangenheit. Sa­ria war erleichtert, nicht mehr darauf achten zu müssen, was sie über sich sagte, denn ihr Geheimnis war nun offenbart. Es fühlte sich an als könne sie zum ersten Mal mit ihren neuen Freunden spre­chen. Hamadi und Aril ritten neben dem Wagen und der Barbar warf hin und wieder einen freundli­chen Kommentar ein. Nur Durin, der den Karren lenkte, hatte die Schultern hochgezogen und igno­rierte sie. Hin und wieder warf der Zwerg einen Blick zu ihnen auf die Ladefläche, drehte sich je­doch sofort wieder nach vorne, wenn eine der Frauen zu ihm aufsah. Sarias Versuche ihn in das Ge­spräch einzubeziehen fruchteten nicht.

Kurz vor Einbruch der Nacht erreichte die Gruppe ein Bauerndorf. Schnell sprach sich herum, dass Fremde eingetroffen waren und alle drängten sich um sie. Besonders Durin und Laládi erregten Aufmerksamkeit, waren beide Rassen hier doch selten gesehen. Die Dorfbewohner bedrängten die beiden mit Fragen, besonders die Kinder waren von ihnen fasziniert. So sehr, dass sie alles verga­ßen, inklusive ihrer Manieren. Selten hatte Saria weniger als ein Dutzend Kinder so viel Lärm ma­chen hören. Auch Berührungsängste waren den Halbwüchsigen scheinbar fremd, denn sie strichen über Laládis elfische Kleider und klopften gegen Durins Zwergenrüstung. Die blonde Elfe bemühte sich, der vielen Fragen gerecht zu werden, doch da ihre Kenntnisse in etwa denen der Hexe entspra­chen, verstand auch sie kaum eine Frage. Den Kindern war das gleichgültig.
Die Erwachsenen unternahmen nur halbherzige Versuche, ihre Sprösslinge zur Ordnung zu ru­fen, denn sie waren selbst viel zu neugierig und überrascht von dem unerwarteten Besuch in ihrem Dorf. Ein älterer Herr, der sich bisher am hinteren Kreis der Dorfbewohner befunden hatte, trat nun mit einer Frage auf Saria zu. Diese verstand ihn jedoch nicht und konnte nur den Kopf schütteln.
„Es tut mit leid. Ich nicht verstehe. Wenig Gratoß‟, versuchte sie zu erklären. Der Mann nickte.
„Meine Frage: Braucht ihr Haus?‟ Mit Gesten untermauerte er seine Worte, was der jungen Frau half, ihn zu verstehen.
„Ja‟, antwortete sie nickend. „Gasthaus und Essen, bitte.‟
Lächelnd schüttelte nun ihr Gesprächspartner den Kopf. „Kein Gasthaus. Normales Haus, aber ihr könnt dort schlafen.‟
„Schlafen in normales Haus?‟
„Ja. Kommt, bei mir ist viel Platz!‟ Er deutete auf einen großen Hof und winkte ihr, ihm zu fol­gen.
Mit einem Pfiff, der eigentlich ihrem Pferd gelten sollte, machte die junge Frau die anderen auf sich aufmerksam und deutete in Richtung des Hofes. „Wir können dort übernachten!‟ rief sie ihren Gefährten über den Lärm der Kinder hinweg zu. Diese nickten und setzten sich langsam in Bewe­gung. Ihr Pferd hatte ebenfalls auf den Pfiff reagiert und kam auf sie zu. Saria nahm es am Zügel und folgte dem Mann hinkend zu seinem Heim.
Der Stall, in den sie ihre Pferde und den Karren brachten, war wie das Haupthaus unten herum aus Stein gebaut, darüber befand sich ein hölzerner Aufbau, wo das Stroh gelagert wurde. Auf der rechten Seite standen einige Kühe und fraßen. Die Tiere hoben nur kurz den Kopf als sie hereinka­men, kümmerten sich aber ansonsten nicht um die Neuankömmlinge. Links gab es mehrere Ver­schläge, einen mit fünf Schweinen und mehrere für Pferde, von denen aber nur einer besetzt war. Ihr Gastgeber erzählte ihnen etwas, von dem aber niemand genug verstehen konnte, um darauf zu reagieren. Allem Anschein nach störte das den Bauern nicht weiter, denn er sprach einfach weiter und lächelte mal, dann blickte er traurig drein, lächelte anschließend jedoch wieder. Saria merkte, dass sie gerne mehr verstehen würde, konnte in diesem Moment aber auch nichts unternehmen, was daran etwas hätte ändern können. Einen Zauber, der ihr hierbei helfen könnte, kannte sie nicht.
Nachdem die Pferde gut untergebracht und versorgt waren, führte der Mann – er hatte sich zwi­schenzeitlich als Jerim vorgestellt – sie in das Bauernhaus. Ein aus Stein gebautes, einstöckiges Haus mit dicken Wänden, die einer Burg zur Ehre gereicht hätten. Während der alte Mann ein Feuer im Kamin entfachte und einen großen Topf mit Wasser darüber hing, redete er unablässig mit dunk­ler, leicht kratzender Stimme. Saria und Laládi verstanden nur wenig, doch schien er von seinen Vorfahren zu erzählen, dass sie einst reich waren und das Land hier besaßen. Weshalb er heute ein Bauer war, konnten die beiden Frauen jedoch nicht aus dem unaufhörlichen Schwall an Worten her­aushören. Als der weißhaarige Mann begann, Gemüse und Kräuter für einen Eintopf klein zu schneiden, boten die beiden Frauen ihm Hilfe an, die er dankend annahm. Aril und Durin berat­schlagten inzwischen über ihre weitere Reise, während Hamadi sich neugierig und ohne jede Scheu in dem alten Haus umsah. Dabei öffnete er Schränke, Schubladen und Truhen und murmelte bestän­dig in seiner gutturalen Sprache vor sich hin. Jerim und Saria bemerkten es gleichzeitig und die jun­ge Frau suchte schon nach entschuldigenden Worten, doch ihr Gastgeber winkte ab.
„Nichts, was er kaputtmachen kann‟ erklärte er langsam und deutlich sprechend.
„Aber … Eure Sachen, nicht Hamadi Sachen.‟
Da lachte der alte Mann schallend und wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. „Ist gut, wirklich‟, bemühte er sich, für die Frauen verständlich zu reden. „Hamadi darf alles ansehen.‟
Die Elfe und die Hexe sahen sich verdutzt an, beschlossen aber dann stillschweigend, dass sie das Thema ruhen lassen würden. Immerhin hatte Jerim deutlich gemacht, dass es ihn nicht störte, wenn ihr Kamerad seine Sachen durchsah. Wahrscheinlich war wirklich nichts darunter, was kaputt­gehen konnte, und als Bauer hatte er vermutlich auch keine allzu wertvollen Gegenstände im Haus. In gemütlicher Atmosphäre kochten die drei weiter und bald duftete es in dem Raum nach heißem Eintopf und frischem Brot, dass Jerim erst an diesem Morgen gebacken hatte, wie er stolz erklärte. Es war körniger als das Brot, das man für gewöhnlich in Indunam aß, schmeckte aber gut.
Während des Essens fragte Jerim sie nach ihrer Reise und die beiden Frauen berichteten abwech­selnd und sich gegenseitig mit den Worten unterstützend von ihren bisherigen Erlebnissen. Bevor es dazu kommen konnte, dass Saria sich etwas wegen ihrer Magie ausdenken musste, von der sie vor­sichtshalber nicht erzählen wollte, half ihr ihres Gastgebers Abneigung gegen Orks.
„Orks? So nah schon? Letzte Woche noch waren sie mehrere Tagesreisen im Süden!‟
„Orks sind Süden?‟
Der Bauer nickte. „Sie kommen von Süden. Viele Orks, sehr viele. Rauben Land, töten Men­schen und Tiere.‟ Seine Miene war düster. „Warum und woher sie kommen, weiß niemand.‟
Rasch übersetzten die Frauen für ihre Freunde.
„Aus dem Süden? Dann haben wir unser Ziel!‟ rief Aril. Der Barbar brannte darauf, gegen die großen, hässlichen Gegner zu kämpfen. Auch Durin schien sich darauf zu freuen, denn der Zwerg nickte bekräftigend.
„Diese Plage müssen wir ausrotten.‟
Laládi mischte sich ein, bevor die beiden sich in Rage reden konnten. „Nun, große Krieger, das können wir am besten in ausgeruhtem Zustand.‟ Ihre Stimme war honigsüß, doch meinte Saria einen leicht befehlenden Unterton mitschwingen zu hören. Ob sie elfische Magie wirkte? Magie hin oder her, ihre Worte zeigten Wirkung. Die beiden Kämpfer der Gruppe beruhigten sich augenblick­lich und sahen sich nach den besten Schlafgelegenheiten um.
„Noch Frage, Jerim, wenn ich darf‟, wandte die Hexe sich ein letztes Mal an ihren Gastgeber.
„Natürlich, meine Dame.‟
„Ist vor langer Zeit hier eine Frau gewesen, wie ich mit Haare dunkel. Ihr Name ist Danielle. Meine Schwester.‟ Allmählich scheute sie sich diese Frage zu stellen, denn sie erhielt immer die gleich niederschmetternde Antwort.
„Nein, an eine Frau wie Euch mit dunklen Haaren kann ich mich nicht erinnern, tut mir leid. Sucht Ihr sie?‟
Nickend bejahte sie und bedankte sich für die Auskunft. Alle wünschten eine Gute Nacht und Je­rim zog sich in sein Schlafzimmer zurück.
Zu Sarias Überraschung überließen die Männer ihr und Laládi den Platz beim Feuer. Dort lag ein dicker Teppich, der zusammen mit ihren eigenen Decken ihre Schlafstelle nahezu gemütlich werden ließ. Bis zu dem Moment, in dem Laládi ungeniert begann sich zu entkleiden. Der jungen Hexe fiel erst jetzt auf, dass die Männer ihnen zwar den gemütlichsten Platz gelassen hatten, aber den vor Bli­cken ungeschütztesten Fleck des Hauses. Die Haut an ihrem Rücken begann zu prickeln und sie musste sich nicht umsehen um sich der Blicke bewusst zu sein. Wie konnte die Elfe das so seelenru­hig hinnehmen? Besaß sie denn kein Schamgefühl? Fieberhaft überlegte Saria, ob sie sich ihr Nachtgewand trotz der Umstände anziehen wollte oder ob sie nicht doch lieber in ihren Reiseklei­dern schlafen sollte. Bevorzugt hätte sie das Nachthemd, doch der Gedanke sich unter Arils auf­merksamen Blicken auszuziehen behagte ihr nicht. Dann fiel es ihr ein und beinahe hätte sie laut gelacht. Als Hexe konnte sie sich aller neugierigen Blicke entziehen, jedenfalls für ein paar Minu­ten. Lange genug, um sich umzuziehen. Den Kopf leicht nach vorn gebeugt ließ sie sich ihr dunkel­rotes Haar ins Gesicht fallen um ihr schelmisches Grinsen zu verbergen. Dem Barbar würde sie das Süppchen gehörig versalzen.
In nicht nur gespielter Ruhe ging sie vor ihrem Rucksack in die Hocke und suchte ihr einfaches Leinennachthemd heraus. Dabei ließ sie sich Zeit und wartete insgeheim darauf, dass Laládi fertig wurde. Als es soweit war erhob Saria sich und begann, den Männern ihren Rücken zugewandt, ihre Bluse zu öffnen. Dies hinter sich gebracht, zog sie den Stoff ein wenig nach unten und blickte dann mit einem neckischen Lächeln über ihre nun entblößte Schulter nach hinten. Wie erwartet lagen Arils blaue Augen auf ihr und auch Hamadi zeigte Interesse. Durin hatte scheinbar weder Augen für sie noch für Laládi, was die junge Frau seiner zwergischen Natur zuschob. Der Barbar grinste sie offen an und wartete nur darauf, mehr zu sehen.
Tenebras!‟ Schlagartig erlosch jedes Fünkchen Licht und der Raum war in absolute Dunkelheit gehüllt. Aril schrie enttäuscht auf und von Hamadi meinte Saria ein leises Kichern zu vernehmen. Mit der Enttäuschung des Barbaren hielt die junge Frau sich jedoch nicht auf und beendete, was sie soeben noch im Feuerschein begonnen hatte: Der Stoff ihres Rocks raschelte als sie ihn zu Boden gleiten ließ. Selbst blind in dieser magischen Schwärze tastete sie vor sich nach ihrem Nachthemd und streifte es sich anschließend ein wenig ungelenk über. In Momenten wie diesem hatte sie großes Mitleid mit jedem Blinden, den es auf der Welt gab. Sobald sich die Hexe sicher war, dass sie aus­reichend bekleidet war, hob sie den Zauber auf und sah sich um. Aril schmollte, hatte er sich doch deutlich mehr erhofft. Nun, so einfach würde sie es keinem Mann machen, egal wie gut er aussah. Ihr Schamane grinste sie nur wissend an, während in Laládis tiefblauen Augen und ihrem unbeweg­ten Gesicht nichts zu lesen war. Die Elfe hätte eine marmorne Statue sein können, so unbewegt stand sie zwei Schritte von Saria entfernt und sah die Hexe an. Dieser Blick zerrte so sehr an ihr, dass die junge Frau sich mit einem gemurmelten „Entschuldigung‟ in ihre Decken verkroch und sich bemühte, nicht mehr gesehen zu werden.

Der nächste Morgen kam schnell und begann viel zu früh. Noch vor dem Sonnenaufgang, da war Saria sich ohne jeden Zweifel sicher, krähte Jerims Hahn und weckte die Gruppe. Durch die ge­schlossenen Fensterläden drang noch kein Licht und die junge Hexe beschloss die Situation zu nut­zen und sich ohne magische Dunkelheit rasch anzuziehen. Laládi hatte sich im Grunde nicht tat­sächlich beschwert, doch hatte sie auch nicht billigend ausgesehen am gestrigen Abend. Der Zau­berspruch war nicht geächtet, jedenfalls nicht in Indunam, doch vielleicht war das bei den Elfen an­ders. Saria wusste immer noch sehr wenig über dieses Volk. Zu ihrer aller Überraschung fanden sie den alten Bauern beim Öffnen der Fensterläden vor dem Haus vor. Er musste sich noch vor dem Hahnenschrei an ihnen vorbei aus dem Haus geschlichen haben. Durin murmelte etwas, das wie „Wachen aufstellen sollen‟ klang. Innerlich stimmte Saria ihm zu. So freundlich und harmlos Jerim erscheinen mochte, keiner von ihnen kannte ihn. Gerade sie als Hexe sollte es besser wissen, musste sie doch beständig mit der Möglichkeit rechnen, dass ein Mob sie auf den Scheiterhaufen bringen wollte.
Ungeachtet ihres Fehlers war die Stimmung beim gemeinsamen Frühstück mit Jerim gut. Der Bauer erzählte ihnen noch ein wenig über seine Vorfahren und die Geschichte Gratoß'. Mit der Übersetzung taten sich die zwei Frauen schwer, da sie selbst nicht alles verstanden und nebenher versuchten zu essen. Die interessanteste Neuigkeit war, dass es im südlichen Grenzgebiet einen Wald geben sollte, in dem ein kriegerischer Orden lebte. Ob dieser mit den Orks kollaborierte, die Eindringlinge bekämpfte oder gar von ihnen überrannt worden war, das vermochte ihr Gastgeber nicht zu sagen.
Nachdem sie Jerim noch ein wenig Proviant für die Reise abgekauft hatten, sattelten sie ihre Pferde und spannten den Wagen an. Die Kinder des Dorfes liefen erneut um sie herum und bestürm­ten sie mit Fragen, die sie kaum verstanden und noch weniger beantworten konnten. Dieser Um­stand änderte jedoch nichts an der Faszination der Kinder für die Fremden, so dass sie schließlich erst am späten Vormittag das Bauerndorf verließen.

Der Herbst machte sich auf ihrem Weg nach Süden immer deutlicher bemerkbar. Überwog bei ihrem Aufbruch aus dem Dorf noch das saftige Grün der Blätter, färbten sich die Baumkronen im­mer mehr zu leuchtendem Gelb, Orange und Rot. Die Nächte wurden spürbar länger, die Sonne ver­mochte sie auch am Tag kaum noch zu wärmen, wenn sie denn überhaupt das zähe Grau des Nebels durchbrach, der beständig den Himmel über dem Land überzog. Bald war die Gruppe wieder bis auf die Haut durchnässt von den feinen Wassertröpfchen in der Luft. Die beiden Frauen verbesserten ihre Sprachfertigkeiten in den Gasthäusern und Dörfern, in denen sie Station machten um zu über­nachten oder um etwas zu Essen zu erstehen. Die Vorratskammern waren voll, doch zögerten viele, einen Teil ihrer Wintervorräte zu veräußern.
Orks begegneten sie nur selten und meist waren es nur kleine Trupps von zwei oder drei der grünhäutigen Wesen mit denen sie leicht fertig wurden. Erst als die kleine Gruppe sich Gratoß' süd­licher Grenze näherte wurden die Begegnungen mit ihren Feinden häufiger.
„Allmählich werden die wirklich lästig!‟ schimpfte Durin einmal nachdem sie wieder drei der stinkenden Orks erschlagen hatten. Schweigend pflichteten die anderen ihm bei.

Nur wenige Stunden später ritten sie durch einen inzwischen sehr kahlen Wald. Die leeren Äste reckten sich schwarz in den grauen Himmel und wirkten trostlos. Nach Tagen ohne Sonne begannen sie sich nach ein wenig Farbe zu sehen. Selbst die Wiesen waren blass und bargen nur noch wenige Farbtupfer von Blumen, die sich noch gegen den nahenden Winter stemmten. Nicht mehr lange und sie würden sich eine Bleibe für die kalten Monate suchen müssen. Im Winter reiste nur, wer keine andere Wahl hatte. Jeder vernunftbegabte Mensch zog sich an ein wärmendes Feuer innerhalb eines Hauses zurück. Einen Vorteil hatten die kahlen Bäume und Sträucher jedoch: Orks konnten sich so schlechter an sie heranschleichen.
Aufmerksam beobachtete jeder einzelne von ihnen die Umgebung. Laládi ritt ein Stück voraus und kundschaftete die Gegend für sie aus. Als Elfe fand sie sich selbst in einem fremden Wald gut zurecht. Als nächstes kam Durin auf seinem Karren, gefolgt von Saria und Hamadi, die ihre Flanken im Auge behielten. Der Zwerg grummelte gern ein wenig vor sich hin, weil er mit der Hexe und dem Schamanen allein gelassen wurde, wie er es bezeichnete. Eine offene Beschwerde über diese Aufteilung brachte er jedoch nie vor, da auch ihm ihre Sicherheit wichtiger war als ein paar persön­licher Vorlieben. Aril übernahm die Nachhut. Der Barbar war ein guter Reiter und konnte notfalls auch allein mit zwei oder auch drei Gegnern fertig werden, wenn er sie rechtzeitig erblickte.
Dem Wirt des letzten Gasthauses zufolge, in dem sie eine angenehm trockene und warme Nacht verbracht hatten, müssten sie bald auf ein Dorf treffen. Wenn hier in der Nähe jedoch Bauern lebten, dann war es entschieden zu ruhig im Wald, selbst für den fortgeschrittenen Herbst. Zumindest ein paar Holzfäller sollten zu hören sein, die die letzten Bäume für den Winter fällten bevor das Holz zu hart wäre, um es noch zersägen zu können. Doch sie hörten nichts. Wäre es nur das Fehlen von durch Menschen verursachter Geräusche hätten sie es darauf schieben können, dass sie noch weiter von dem Dorf entfernt waren als gedacht oder dass der Wirt sich geirrt hatte. Waldgeräusche hörten sie jedoch auch nicht und das beunruhigte die kleine Gruppe wirklich. Kein Vogel zwitscherte, kein Nager brach sich Bahn durch das Unterholz und Wild war erst recht keines zu sehen.
Rauch‟, meldete Durin vom Bock seines Karrens aus. Nur Augenblicke später roch Saria es auch. Unwillkürlich spannte sie sich an. Natürlich konnte der Geruch von einem oder mehrerer Feu­er in Öfen stammen, schließlich sollte ja ein Dorf in der Nähe sein. Aufgrund der unnatürlichen Stil­le um sie herum erschien diese Erklärung nicht die wahrscheinlichste zu sein. Vor ihnen auf dem Weg hörten sie nun Hufe auf dem weichen Waldboden. Wie vereinbart hielten sie an und zogen ihre Waffen. Doch es war nur Laládi, die von ihrem Kundschafterritt zurückkam. Ihren Gesichtszügen zufolge hatte sie nichts Gutes gesehen.
„Wir sind dem Dorf nahe‟, begann sie ihre Ausführungen sobald Aril aufgeschlossen hatte. „Der Rauch stammt vom hölzernen Palisadenzaun, den angreifende Orks in Brand gesteckt haben. Ich war auf der falschen Seite und konnte durch den Rauch hindurch nicht genau sehen, doch schienen es viele Orks zu sein. Das Dorf hat gute Kämpfer, doch wenn die Orks den Zaun überwinden wer­den sie verlieren. Sie müssen auch ihre Häuser vor den Flammen schützen.‟
Wir müssen ihnen helfen!‟ rief Aril und grub seinem großen Ross die Fersen in die Flanken.
„Warte!‟ rief die Elfe ihm noch nach, doch er reagierte nicht. Hamadi sah die anderen kurz an und machte sich dann auf den Weg, dem Barbaren zu folgen. „Voreiliger Narr!‟ hörte Saria die Elfe schimpfen – zum ersten Mal seit sie sich kannten. „Kommt, wir lassen den Wagen hier. Allein kön­nen die beiden auch nichts ausrichten. Durin, du reitest mit mir!‟
„Was? Auf ein Pferd? Nein! Zwerge...‟ Weiter kam er nicht, denn Laládi hielt sich nicht mit Dis­kussionen auf. Sie packte ihren Kamerad am Kragen und zog ihn auf ihr Pferd. Kurz darauf ritt sie mit einem schimpfenden Zwerg hinter sich los. Saria hatte ein äußerst ungutes Gefühl im Bauch, folgte den anderen jedoch.

Sie hatten kleinere, aber schnellere Pferde als Aril, so dass sie rechtzeitig zum Dorf kamen um zu sehen, wie der Barbar in vollem Ritt durch die Orks vor dem Tor pflügte. Mit seiner riesigen Axt holte er einhändig aus und köpfte im Vorbeireiten zwei Orks, bevor die anderen hastig zur Seite und außer Reichweite sprangen. Hamadi war dem blonden Hünen nicht mitten in den Pulk Gegner ge­folgt, sondern ritt in einem Halbkreis um sie herum. Vom Pferd aus konnte er mit seinem Dolch nie­manden erreichen, verwirrte die Orks jedoch durch seine Anwesenheit. Ein leichter Wind war auf­gekommen und wehte den Rauch weg von den Orks und Richtung Dorf. Das erschwerte die Be­kämpfung des Feuers, das den Zaun schon zu einem großen Teil in seinem züngelndem Griff hatte. Es erleichterte jedoch den Neuankömmlingen die Sicht, was ihnen sehr gelegen kam.
„Bring mich näher ran und lass mich runter!‟ rief Durin hinter Laládi. Diese zog im Ritt ihren Elfensäbel und hielt auf die Schneise zu, die Aril hinterlasse hatte. Kurz bevor sie hineinritt verlang­samte die Elfe das Tempo ihres Pferdes und ließ den Zwergen in langsamen Trab hinuntergleiten. Dieser zog in einer fließenden Bewegung seine Axt und trennte einem Ork den Unterarm ab, der so­eben nach Laládis Bein greifen wollte. Dessen Aufschrei war schrill und laut, wie das Quieken ei­nes Schweins, das beim Schlachten nicht umgehend getötet wird. Sein Todesgeschrei machte jedoch einige der anderen Orks auf die neue Bedrohung aufmerksam, die bisher noch nichts von ihnen be­merkt hatten. Laládi hatte zu viel Tempo herausgenommen und sah sich nun von allen Seiten um­ringt von kreischenden, blutrünstigen Orkkriegern. Vom Rücken ihres Pferdes aus hatte sie einen besseren Überblick und den Vorteil einer erhöhten Position, doch konnte sie dennoch niemals über­all zugleich ihr Schwert dazwischenhalten. Der Zwerg eilte ihr zu Hilfe und schützte mit mächtigen Axtschlägen Laládis linke Seite. Dunkelrot, fast schwarz, spritzte das Blut der Orks während die beiden ihnen Gliedmaßen abtrennten oder ihnen den kalten Stahl in den Leib rammten, nur um ihn gleich darauf wieder herauszuziehen und einen Hieb des nächsten Gegners abzuwehren. Aril hatte in der Zwischenzeit auf der anderen Seite seinen großen Hengst gewendet und hielt erneut in vol­lem Galopp auf die Angreifer des Dorfes zu. Diesmal erwarteten die Orks seinen Angriff und beinahe hätte es für den blonden Hünen tödlich geendet. Die Dorfbewohner aber hatten noch ein paar Pfeile übrig, die sie nun der rechten Flanke der Orks entgegenschickten. Nur wenige Pfeile tö­teten eines der abscheulichen Wesen, doch lenkten sie deren Aufmerksamkeit lange genug ab, um Aril den Vorstoß in ihre Reihen zu ermöglichen.
Saria hielt sich noch Abseits und überlegte, wie sie ihren Freunden am besten beistehen konnte. Als Hexe war sie keine große Kämpferin und würde wohl kaum mehr als zwei oder drei Orks töten bevor sie selbst in Stücke gehackt würde. Auch ihre Magie nutzte bei einem derartigen Kampf we­nig, da sie keinen Zauberspruch kannte, der mehrere Lebewesen zugleich betraf. Hamadi schien we­niger Sorgen deswegen zu haben oder war einfach der bessere Kämpfer. Der Schamane, der inzwi­schen wieder zur Hexe zurückgeritten war, eilte an ihr vorbei und warf sich, nur mit einem Dolch bewaffnet, auf den ersten Ork, der seinen Weg kreuzte. Es dauerte nur wenige Herzschläge und der Ork war tot, aufgeschlitzt an seiner Kehle. Gleich darauf rammte der schmächtige Mann dem nächs­ten Ork seinen Dolch in den Bauch, drehte die Klinge und riss sie wieder heraus. Elendig vor Schmerz quiekend starb sein zweiter Gegner. Überrascht sah Saria, wie schnell und beweglich der verhutzelte Schamane war. Irgendetwas stimmt bei ihm nicht. Jetzt war jedoch nicht die Zeit, sol­chen Gedanken nachzugehen. Die junge Frau lenkte ihr Pferd vorsichtig näher an die Kämpfenden heran, nah genug für ihre Zauber, aber noch außerhalb der direkten Reichweite der Angreifer. Sie wollte den Kampf beobachten und ihren Freunden durch Magie helfen, wenn diese in Bedrängnis gerieten.
Hamadi kämpfte und wand sich zu Laládi und Durin durch, was zur Folge hatte, dass sich um die drei rasch eine größere Menge orkischer Leichen auftürmte. Anders war es ein paar Meter weiter, wo Aril nun doch steckengeblieben war. Der Barbar sprang von seinem Ross und schickte es mit ei­nem kräftigen Schlag auf die hintere Flanke weiter. Das Tier stürmte los und trampelte auf seinem Weg aus dem Getümmel heraus ein paar Orks nieder. Aril jedoch war nun allein, umringt von zäh­nefletschenden Orks, die ihn mordlüstern anschrien. Einen kurzen Moment schien die Zeit um ihn herum stillzustehen. Barbar und Orks taxierten einander und niemand schien den ersten Schritt ma­chen zu wollen. Dann geschah alles gleichzeitig. Aril holte mit seinem mächtigen Schlachtbeil aus und trennte mit einem einzigen Schwinger gleich zwei Orks den Kopf ab. Saria sah das Muskelspiel in den Schulterblättern des Hünen und konnte nicht anders als seine Kraft zu bewundern. Der Schlag brach allerdings den Bann und nun wurde ihr Freund von allen Seiten zugleich bedrängt. Das konnte selbst er nicht lange überstehen.
„Aril!‟ Die junge Frau grub ohne nachzudenken ihrem Pferd die Fersen in die Flanken und ritt auf die Orks zu.

© Ben Grauh, 08.05.2013
ben.grauh@gmail.com