Saria
Arberdan (Teil 6)
Den Rest des Nachmittags
verbrachten die beiden Frauen auf der Ladefläche des Karrens und
unterhielten sich über Magie, Hexenverfolgung und ein wenig über
ihrer beider Vergangenheit. Saria war erleichtert, nicht mehr
darauf achten zu müssen, was sie über sich sagte, denn ihr
Geheimnis war nun offenbart. Es fühlte sich an als könne sie zum
ersten Mal mit ihren neuen Freunden sprechen. Hamadi und Aril
ritten neben dem Wagen und der Barbar warf hin und wieder einen
freundlichen Kommentar ein. Nur Durin, der den Karren lenkte,
hatte die Schultern hochgezogen und ignorierte sie. Hin und
wieder warf der Zwerg einen Blick zu ihnen auf die Ladefläche,
drehte sich jedoch sofort wieder nach vorne, wenn eine der
Frauen zu ihm aufsah. Sarias Versuche ihn in das Gespräch
einzubeziehen fruchteten nicht.
Kurz vor Einbruch der
Nacht erreichte die Gruppe ein Bauerndorf. Schnell sprach sich herum,
dass Fremde eingetroffen waren und alle drängten sich um sie.
Besonders Durin und Laládi erregten Aufmerksamkeit, waren beide
Rassen hier doch selten gesehen. Die Dorfbewohner bedrängten die
beiden mit Fragen, besonders die Kinder waren von ihnen fasziniert.
So sehr, dass sie alles vergaßen, inklusive ihrer Manieren.
Selten hatte Saria weniger als ein Dutzend Kinder so viel Lärm
machen hören. Auch Berührungsängste waren den Halbwüchsigen
scheinbar fremd, denn sie strichen über Laládis elfische Kleider
und klopften gegen Durins Zwergenrüstung. Die blonde Elfe bemühte
sich, der vielen Fragen gerecht zu werden, doch da ihre Kenntnisse in
etwa denen der Hexe entsprachen, verstand auch sie kaum eine
Frage. Den Kindern war das gleichgültig.
Die Erwachsenen
unternahmen nur halbherzige Versuche, ihre Sprösslinge zur Ordnung
zu rufen, denn sie waren selbst viel zu neugierig und überrascht
von dem unerwarteten Besuch in ihrem Dorf. Ein älterer Herr, der
sich bisher am hinteren Kreis der Dorfbewohner befunden hatte, trat
nun mit einer Frage auf Saria zu. Diese verstand ihn jedoch nicht und
konnte nur den Kopf schütteln.
„Es tut mit leid. Ich
nicht verstehe. Wenig Gratoß‟, versuchte sie zu erklären. Der
Mann nickte.
„Meine Frage: Braucht
ihr Haus?‟ Mit Gesten untermauerte er seine Worte, was der jungen
Frau half, ihn zu verstehen.
„Ja‟, antwortete sie
nickend. „Gasthaus und Essen, bitte.‟
Lächelnd schüttelte
nun ihr Gesprächspartner den Kopf. „Kein Gasthaus. Normales Haus,
aber ihr könnt dort schlafen.‟
„Schlafen in normales
Haus?‟
„Ja. Kommt, bei mir
ist viel Platz!‟ Er deutete auf einen großen Hof und winkte ihr,
ihm zu folgen.
Mit einem Pfiff, der
eigentlich ihrem Pferd gelten sollte, machte die junge Frau die
anderen auf sich aufmerksam und deutete in Richtung des Hofes. „Wir
können dort übernachten!‟ rief sie ihren Gefährten über den
Lärm der Kinder hinweg zu. Diese nickten und setzten sich langsam in
Bewegung. Ihr Pferd hatte ebenfalls auf den Pfiff reagiert und
kam auf sie zu. Saria nahm es am Zügel und folgte dem Mann hinkend
zu seinem Heim.
Der Stall, in den sie
ihre Pferde und den Karren brachten, war wie das Haupthaus unten
herum aus Stein gebaut, darüber befand sich ein hölzerner Aufbau,
wo das Stroh gelagert wurde. Auf der rechten Seite standen einige
Kühe und fraßen. Die Tiere hoben nur kurz den Kopf als sie
hereinkamen, kümmerten sich aber ansonsten nicht um die
Neuankömmlinge. Links gab es mehrere Verschläge, einen mit
fünf Schweinen und mehrere für Pferde, von denen aber nur einer
besetzt war. Ihr Gastgeber erzählte ihnen etwas, von dem aber
niemand genug verstehen konnte, um darauf zu reagieren. Allem
Anschein nach störte das den Bauern nicht weiter, denn er sprach
einfach weiter und lächelte mal, dann blickte er traurig drein,
lächelte anschließend jedoch wieder. Saria merkte, dass sie gerne
mehr verstehen würde, konnte in diesem Moment aber auch nichts
unternehmen, was daran etwas hätte ändern können. Einen Zauber,
der ihr hierbei helfen könnte, kannte sie nicht.
Nachdem die Pferde gut
untergebracht und versorgt waren, führte der Mann – er hatte sich
zwischenzeitlich als Jerim vorgestellt – sie in das
Bauernhaus. Ein aus Stein gebautes, einstöckiges Haus mit dicken
Wänden, die einer Burg zur Ehre gereicht hätten. Während der alte
Mann ein Feuer im Kamin entfachte und einen großen Topf mit Wasser
darüber hing, redete er unablässig mit dunkler, leicht
kratzender Stimme. Saria und Laládi verstanden nur wenig, doch
schien er von seinen Vorfahren zu erzählen, dass sie einst reich
waren und das Land hier besaßen. Weshalb er heute ein Bauer war,
konnten die beiden Frauen jedoch nicht aus dem unaufhörlichen
Schwall an Worten heraushören. Als der weißhaarige Mann
begann, Gemüse und Kräuter für einen Eintopf klein zu schneiden,
boten die beiden Frauen ihm Hilfe an, die er dankend annahm. Aril und
Durin beratschlagten inzwischen über ihre weitere Reise,
während Hamadi sich neugierig und ohne jede Scheu in dem alten Haus
umsah. Dabei öffnete er Schränke, Schubladen und Truhen und
murmelte beständig in seiner gutturalen Sprache vor sich hin.
Jerim und Saria bemerkten es gleichzeitig und die junge Frau
suchte schon nach entschuldigenden Worten, doch ihr Gastgeber winkte
ab.
„Nichts, was er
kaputtmachen kann‟ erklärte er langsam und deutlich sprechend.
„Aber … Eure Sachen,
nicht Hamadi Sachen.‟
Da lachte der alte Mann
schallend und wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln.
„Ist gut, wirklich‟, bemühte er sich, für die Frauen
verständlich zu reden. „Hamadi darf alles ansehen.‟
Die Elfe und die Hexe
sahen sich verdutzt an, beschlossen aber dann stillschweigend, dass
sie das Thema ruhen lassen würden. Immerhin hatte Jerim deutlich
gemacht, dass es ihn nicht störte, wenn ihr Kamerad seine Sachen
durchsah. Wahrscheinlich war wirklich nichts darunter, was
kaputtgehen konnte, und als Bauer hatte er vermutlich auch keine
allzu wertvollen Gegenstände im Haus. In gemütlicher Atmosphäre
kochten die drei weiter und bald duftete es in dem Raum nach heißem
Eintopf und frischem Brot, dass Jerim erst an diesem Morgen gebacken
hatte, wie er stolz erklärte. Es war körniger als das Brot, das man
für gewöhnlich in Indunam aß, schmeckte aber gut.
Während des Essens
fragte Jerim sie nach ihrer Reise und die beiden Frauen berichteten
abwechselnd und sich gegenseitig mit den Worten unterstützend
von ihren bisherigen Erlebnissen. Bevor es dazu kommen konnte, dass
Saria sich etwas wegen ihrer Magie ausdenken musste, von der sie
vorsichtshalber nicht erzählen wollte, half ihr ihres
Gastgebers Abneigung gegen Orks.
„Orks? So nah schon?
Letzte Woche noch waren sie mehrere Tagesreisen im Süden!‟
„Orks sind Süden?‟
Der Bauer nickte. „Sie
kommen von Süden. Viele Orks, sehr viele. Rauben Land, töten
Menschen und Tiere.‟ Seine Miene war düster. „Warum und
woher sie kommen, weiß niemand.‟
Rasch übersetzten die
Frauen für ihre Freunde.
„Aus dem Süden? Dann
haben wir unser Ziel!‟ rief Aril. Der Barbar brannte darauf, gegen
die großen, hässlichen Gegner zu kämpfen. Auch Durin schien sich
darauf zu freuen, denn der Zwerg nickte bekräftigend.
„Diese Plage müssen
wir ausrotten.‟
Laládi mischte sich
ein, bevor die beiden sich in Rage reden konnten. „Nun, große
Krieger, das können wir am besten in ausgeruhtem Zustand.‟ Ihre
Stimme war honigsüß, doch meinte Saria einen leicht befehlenden
Unterton mitschwingen zu hören. Ob sie elfische Magie wirkte? Magie
hin oder her, ihre Worte zeigten Wirkung. Die beiden Kämpfer der
Gruppe beruhigten sich augenblicklich und sahen sich nach den
besten Schlafgelegenheiten um.
„Noch Frage, Jerim,
wenn ich darf‟, wandte die Hexe sich ein letztes Mal an ihren
Gastgeber.
„Natürlich, meine
Dame.‟
„Ist vor langer Zeit
hier eine Frau gewesen, wie ich mit Haare dunkel. Ihr Name ist
Danielle. Meine Schwester.‟ Allmählich scheute sie sich diese
Frage zu stellen, denn sie erhielt immer die gleich
niederschmetternde Antwort.
„Nein, an eine Frau
wie Euch mit dunklen Haaren kann ich mich nicht erinnern, tut mir
leid. Sucht Ihr sie?‟
Nickend bejahte sie und
bedankte sich für die Auskunft. Alle wünschten eine Gute Nacht und
Jerim zog sich in sein Schlafzimmer zurück.
Zu Sarias Überraschung
überließen die Männer ihr und Laládi den Platz beim Feuer. Dort
lag ein dicker Teppich, der zusammen mit ihren eigenen Decken ihre
Schlafstelle nahezu gemütlich werden ließ. Bis zu dem Moment, in
dem Laládi ungeniert begann sich zu entkleiden. Der jungen Hexe fiel
erst jetzt auf, dass die Männer ihnen zwar den gemütlichsten Platz
gelassen hatten, aber den vor Blicken ungeschütztesten Fleck
des Hauses. Die Haut an ihrem Rücken begann zu prickeln und sie
musste sich nicht umsehen um sich der Blicke bewusst zu sein. Wie
konnte die Elfe das so seelenruhig hinnehmen? Besaß sie denn
kein Schamgefühl? Fieberhaft überlegte Saria, ob sie sich ihr
Nachtgewand trotz der Umstände anziehen wollte oder ob sie nicht
doch lieber in ihren Reisekleidern schlafen sollte. Bevorzugt
hätte sie das Nachthemd, doch der Gedanke sich unter Arils
aufmerksamen Blicken auszuziehen behagte ihr nicht. Dann fiel es
ihr ein und beinahe hätte sie laut gelacht. Als Hexe konnte sie sich
aller neugierigen Blicke entziehen, jedenfalls für ein paar
Minuten. Lange genug, um sich umzuziehen. Den Kopf leicht nach
vorn gebeugt ließ sie sich ihr dunkelrotes Haar ins Gesicht
fallen um ihr schelmisches Grinsen zu verbergen. Dem Barbar würde
sie das Süppchen gehörig versalzen.
In nicht nur gespielter
Ruhe ging sie vor ihrem Rucksack in die Hocke und suchte ihr
einfaches Leinennachthemd heraus. Dabei ließ sie sich Zeit und
wartete insgeheim darauf, dass Laládi fertig wurde. Als es soweit
war erhob Saria sich und begann, den Männern ihren Rücken
zugewandt, ihre Bluse zu öffnen. Dies hinter sich gebracht, zog sie
den Stoff ein wenig nach unten und blickte dann mit einem neckischen
Lächeln über ihre nun entblößte Schulter nach hinten. Wie
erwartet lagen Arils blaue Augen auf ihr und auch Hamadi zeigte
Interesse. Durin hatte scheinbar weder Augen für sie noch für
Laládi, was die junge Frau seiner zwergischen Natur zuschob. Der
Barbar grinste sie offen an und wartete nur darauf, mehr zu sehen.
„Tenebras!‟
Schlagartig erlosch jedes Fünkchen Licht und der Raum war in
absolute Dunkelheit gehüllt. Aril schrie enttäuscht auf und von
Hamadi meinte Saria ein leises Kichern zu vernehmen. Mit der
Enttäuschung des Barbaren hielt die junge Frau sich jedoch nicht auf
und beendete, was sie soeben noch im Feuerschein begonnen hatte: Der
Stoff ihres Rocks raschelte als sie ihn zu Boden gleiten ließ.
Selbst blind in dieser magischen Schwärze tastete sie vor sich nach
ihrem Nachthemd und streifte es sich anschließend ein wenig ungelenk
über. In Momenten wie diesem
hatte sie großes Mitleid mit jedem Blinden, den es auf
der Welt gab. Sobald sich die Hexe sicher war, dass sie ausreichend
bekleidet war, hob sie den Zauber auf und sah sich um. Aril
schmollte, hatte er sich doch deutlich mehr erhofft. Nun, so einfach
würde sie es keinem Mann machen, egal wie gut er aussah. Ihr
Schamane grinste sie nur wissend an, während in Laládis tiefblauen
Augen und ihrem unbewegten Gesicht nichts zu lesen war. Die Elfe
hätte eine marmorne Statue sein können, so unbewegt stand sie zwei
Schritte von Saria entfernt und sah die Hexe an. Dieser
Blick zerrte so sehr an ihr, dass die junge Frau sich mit einem
gemurmelten „Entschuldigung‟ in ihre Decken verkroch und sich
bemühte, nicht mehr gesehen zu werden.
Der
nächste Morgen kam schnell und begann viel zu früh. Noch vor dem
Sonnenaufgang, da war Saria sich ohne jeden Zweifel sicher, krähte
Jerims Hahn und weckte die
Gruppe. Durch die geschlossenen Fensterläden drang noch kein
Licht und die junge Hexe beschloss die Situation zu nutzen und
sich ohne magische Dunkelheit rasch anzuziehen. Laládi hatte sich im
Grunde nicht tatsächlich beschwert, doch hatte sie auch nicht
billigend ausgesehen am gestrigen Abend. Der Zauberspruch war
nicht geächtet, jedenfalls nicht in Indunam, doch vielleicht war das
bei den Elfen anders. Saria wusste immer noch sehr
wenig über dieses Volk. Zu
ihrer aller Überraschung fanden sie den alten Bauern beim Öffnen
der Fensterläden vor dem Haus vor. Er musste sich noch vor dem
Hahnenschrei an ihnen vorbei aus dem Haus geschlichen haben. Durin
murmelte etwas, das wie „Wachen aufstellen sollen‟ klang.
Innerlich stimmte Saria ihm zu. So freundlich und harmlos Jerim
erscheinen
mochte, keiner von ihnen kannte ihn. Gerade sie als Hexe sollte es
besser wissen, musste sie doch beständig mit der Möglichkeit
rechnen, dass ein Mob sie auf den Scheiterhaufen bringen wollte.
Ungeachtet
ihres Fehlers war die Stimmung beim gemeinsamen Frühstück mit Jerim
gut. Der Bauer erzählte ihnen noch ein wenig über seine Vorfahren
und die Geschichte Gratoß'. Mit der Übersetzung taten sich die zwei
Frauen schwer, da sie selbst nicht alles verstanden und nebenher
versuchten zu essen. Die
interessanteste Neuigkeit war, dass es im südlichen Grenzgebiet
einen Wald geben sollte, in dem ein
kriegerischer Orden lebte. Ob dieser mit den Orks kollaborierte, die
Eindringlinge bekämpfte oder gar von ihnen überrannt worden war,
das vermochte ihr Gastgeber nicht zu sagen.
Nachdem
sie Jerim noch ein wenig Proviant für die Reise abgekauft hatten,
sattelten sie ihre Pferde und spannten den Wagen an. Die Kinder des
Dorfes liefen erneut um sie
herum und bestürmten sie mit Fragen, die sie kaum verstanden
und noch weniger beantworten konnten. Dieser Umstand änderte
jedoch nichts an der Faszination der Kinder für die Fremden, so dass
sie schließlich erst am späten Vormittag das Bauerndorf verließen.
Der
Herbst machte sich auf ihrem Weg nach Süden immer deutlicher
bemerkbar. Überwog bei ihrem Aufbruch aus dem
Dorf noch das saftige Grün der Blätter, färbten sich die
Baumkronen immer mehr zu leuchtendem Gelb, Orange und Rot. Die
Nächte wurden spürbar länger, die Sonne vermochte sie auch am
Tag kaum noch zu wärmen, wenn sie denn überhaupt das zähe Grau des
Nebels durchbrach, der beständig
den Himmel über dem Land überzog. Bald
war die Gruppe wieder bis auf die Haut durchnässt von den feinen
Wassertröpfchen in der Luft. Die beiden Frauen verbesserten ihre
Sprachfertigkeiten in den Gasthäusern und Dörfern, in denen sie
Station machten um zu übernachten oder um etwas zu Essen zu
erstehen. Die Vorratskammern waren
voll, doch zögerten viele, einen Teil ihrer Wintervorräte zu
veräußern.
Orks
begegneten sie nur selten und meist waren es nur kleine Trupps von
zwei oder drei der grünhäutigen Wesen mit
denen sie leicht fertig wurden. Erst
als die kleine Gruppe sich Gratoß' südlicher Grenze näherte
wurden die Begegnungen mit ihren Feinden häufiger.
„Allmählich
werden die wirklich lästig!‟ schimpfte Durin einmal nachdem sie
wieder drei der stinkenden Orks erschlagen hatten. Schweigend
pflichteten die anderen ihm bei.
Nur
wenige Stunden später ritten sie durch einen inzwischen sehr kahlen
Wald. Die leeren Äste reckten sich schwarz in den grauen Himmel und
wirkten trostlos. Nach Tagen
ohne Sonne begannen sie sich nach ein wenig Farbe zu sehen. Selbst
die Wiesen waren blass und bargen nur noch wenige Farbtupfer von
Blumen, die sich noch gegen den nahenden Winter stemmten. Nicht mehr
lange und sie würden sich eine Bleibe für die kalten Monate suchen
müssen. Im Winter reiste
nur, wer keine andere Wahl hatte. Jeder vernunftbegabte Mensch zog
sich an ein wärmendes Feuer innerhalb eines Hauses zurück. Einen
Vorteil hatten die kahlen Bäume und Sträucher jedoch: Orks konnten
sich so schlechter an sie heranschleichen.
Aufmerksam
beobachtete jeder einzelne von ihnen die Umgebung. Laládi ritt ein
Stück voraus und kundschaftete die Gegend für sie aus. Als
Elfe fand sie sich selbst in einem fremden
Wald gut zurecht. Als nächstes kam Durin auf seinem Karren, gefolgt
von Saria und Hamadi, die ihre Flanken im Auge behielten. Der Zwerg
grummelte gern ein wenig vor sich hin, weil er mit der Hexe und dem
Schamanen allein gelassen wurde, wie er es bezeichnete. Eine offene
Beschwerde über diese Aufteilung brachte er jedoch nie vor, da auch
ihm ihre Sicherheit wichtiger war als ein paar persönlicher
Vorlieben. Aril übernahm die Nachhut. Der Barbar war ein guter
Reiter und konnte notfalls auch allein mit zwei oder auch drei
Gegnern fertig werden, wenn er sie rechtzeitig erblickte.
Dem
Wirt des letzten Gasthauses zufolge, in dem sie eine angenehm
trockene und warme Nacht verbracht hatten, müssten sie bald auf ein
Dorf treffen. Wenn hier in
der Nähe jedoch Bauern lebten, dann war es entschieden zu ruhig im
Wald, selbst für den fortgeschrittenen Herbst. Zumindest
ein paar Holzfäller sollten zu hören sein, die die letzten Bäume
für den Winter fällten bevor das Holz zu hart wäre, um es noch
zersägen zu können. Doch
sie hörten nichts. Wäre es nur das Fehlen von durch
Menschen verursachter
Geräusche hätten sie es darauf schieben können, dass sie noch
weiter von dem Dorf entfernt waren als gedacht oder dass der Wirt
sich geirrt hatte. Waldgeräusche hörten sie jedoch auch nicht und
das beunruhigte die kleine Gruppe wirklich. Kein
Vogel zwitscherte, kein Nager brach sich Bahn durch das Unterholz und
Wild war erst recht keines zu sehen.
„Rauch‟,
meldete Durin vom Bock seines
Karrens aus. Nur Augenblicke
später roch Saria es auch. Unwillkürlich
spannte sie sich an. Natürlich konnte der Geruch von einem oder
mehrerer Feuer in Öfen stammen, schließlich sollte ja ein Dorf
in der Nähe sein. Aufgrund der unnatürlichen Stille um sie
herum erschien diese Erklärung nicht die
wahrscheinlichste zu sein. Vor
ihnen auf dem Weg hörten sie nun Hufe auf dem weichen Waldboden. Wie
vereinbart hielten sie an und zogen ihre Waffen. Doch es war nur
Laládi, die von ihrem
Kundschafterritt zurückkam. Ihren Gesichtszügen zufolge hatte sie
nichts Gutes gesehen.
„Wir
sind dem Dorf nahe‟, begann sie ihre Ausführungen sobald Aril
aufgeschlossen hatte. „Der Rauch stammt vom hölzernen
Palisadenzaun, den angreifende Orks in Brand gesteckt haben. Ich war
auf der falschen Seite und konnte durch den Rauch hindurch nicht
genau sehen, doch schienen es viele Orks zu sein. Das Dorf hat gute
Kämpfer, doch wenn die Orks den Zaun überwinden werden sie
verlieren. Sie müssen auch ihre Häuser vor den Flammen schützen.‟
„Wir
müssen ihnen helfen!‟ rief Aril und grub seinem großen Ross die
Fersen in die Flanken.
„Warte!‟
rief die Elfe ihm noch nach, doch er reagierte nicht. Hamadi sah die
anderen kurz an und machte sich dann auf den Weg, dem Barbaren zu
folgen. „Voreiliger Narr!‟ hörte Saria die Elfe schimpfen –
zum ersten Mal seit sie sich kannten. „Kommt,
wir lassen den Wagen hier. Allein können die beiden auch nichts
ausrichten. Durin, du reitest mit mir!‟
„Was?
Auf ein Pferd? Nein! Zwerge...‟ Weiter kam er nicht, denn Laládi
hielt sich nicht mit Diskussionen auf. Sie packte ihren Kamerad
am Kragen und zog ihn auf ihr Pferd. Kurz darauf ritt sie mit einem
schimpfenden Zwerg hinter sich los. Saria hatte ein äußerst ungutes
Gefühl im Bauch, folgte den anderen jedoch.
Sie
hatten kleinere, aber schnellere Pferde als Aril, so dass sie
rechtzeitig zum Dorf kamen um zu sehen, wie der Barbar in vollem Ritt
durch die Orks vor dem Tor pflügte. Mit seiner riesigen Axt holte er
einhändig aus und köpfte im Vorbeireiten zwei Orks, bevor die
anderen hastig zur Seite und außer Reichweite sprangen. Hamadi
war dem blonden Hünen nicht mitten in den Pulk Gegner gefolgt,
sondern ritt in einem Halbkreis um sie herum. Vom Pferd aus konnte er
mit seinem Dolch niemanden erreichen, verwirrte die Orks jedoch
durch seine Anwesenheit. Ein
leichter Wind war aufgekommen und wehte den Rauch weg von den
Orks und Richtung Dorf. Das erschwerte die Bekämpfung des
Feuers, das den Zaun schon zu einem großen Teil in seinem züngelndem
Griff hatte. Es erleichterte jedoch den Neuankömmlingen die Sicht,
was ihnen
sehr gelegen kam.
„Bring
mich näher ran und lass mich runter!‟ rief Durin hinter Laládi.
Diese zog im Ritt ihren Elfensäbel
und hielt auf die Schneise zu, die Aril hinterlasse hatte. Kurz
bevor sie hineinritt verlangsamte die Elfe das Tempo ihres
Pferdes und ließ den Zwergen in langsamen Trab hinuntergleiten.
Dieser zog in einer fließenden Bewegung seine Axt und trennte einem
Ork den Unterarm ab, der soeben nach Laládis Bein greifen
wollte. Dessen Aufschrei war
schrill und laut, wie das Quieken eines Schweins, das beim
Schlachten nicht umgehend getötet wird. Sein
Todesgeschrei machte jedoch einige der anderen Orks auf die neue
Bedrohung aufmerksam, die bisher noch nichts von ihnen bemerkt
hatten. Laládi hatte zu viel Tempo herausgenommen und sah sich nun
von allen Seiten umringt von kreischenden, blutrünstigen
Orkkriegern. Vom Rücken
ihres Pferdes aus hatte sie einen
besseren Überblick und den Vorteil einer erhöhten Position, doch
konnte sie dennoch niemals überall zugleich ihr Schwert
dazwischenhalten. Der Zwerg
eilte ihr zu Hilfe und
schützte mit mächtigen Axtschlägen
Laládis linke Seite. Dunkelrot, fast schwarz, spritzte das Blut der
Orks während die beiden ihnen Gliedmaßen abtrennten oder ihnen den
kalten Stahl in den Leib rammten, nur um ihn gleich darauf wieder
herauszuziehen und einen Hieb des nächsten Gegners abzuwehren. Aril
hatte in der Zwischenzeit auf der anderen Seite seinen großen Hengst
gewendet und hielt erneut in vollem Galopp auf die Angreifer des
Dorfes zu. Diesmal erwarteten die Orks seinen Angriff und beinahe
hätte es für den blonden Hünen tödlich geendet. Die Dorfbewohner
aber hatten noch ein paar Pfeile übrig, die sie nun der rechten
Flanke der Orks entgegenschickten. Nur
wenige Pfeile töteten eines der abscheulichen Wesen, doch
lenkten sie deren Aufmerksamkeit lange genug ab, um Aril den Vorstoß
in ihre Reihen zu ermöglichen.
Saria
hielt sich noch Abseits und
überlegte, wie sie ihren Freunden am besten beistehen konnte. Als
Hexe war sie keine große Kämpferin und würde wohl kaum mehr als
zwei oder drei Orks töten bevor sie selbst in Stücke gehackt würde.
Auch ihre Magie nutzte bei einem derartigen Kampf wenig, da sie
keinen Zauberspruch kannte, der mehrere Lebewesen zugleich betraf.
Hamadi schien weniger
Sorgen deswegen zu haben oder war einfach der bessere Kämpfer. Der
Schamane, der inzwischen
wieder zur Hexe zurückgeritten war,
eilte an ihr vorbei und warf sich, nur mit einem Dolch bewaffnet, auf
den ersten Ork, der seinen Weg kreuzte. Es dauerte nur wenige
Herzschläge und der Ork war tot, aufgeschlitzt an seiner Kehle.
Gleich darauf rammte der schmächtige Mann dem nächsten Ork
seinen Dolch in den Bauch, drehte die Klinge und riss sie wieder
heraus. Elendig vor Schmerz quiekend starb sein zweiter Gegner.
Überrascht sah Saria, wie
schnell und beweglich der verhutzelte Schamane war. Irgendetwas
stimmt bei ihm nicht. Jetzt war
jedoch nicht die Zeit, solchen Gedanken nachzugehen. Die
junge Frau lenkte ihr Pferd vorsichtig näher an die Kämpfenden
heran, nah genug für ihre Zauber, aber noch außerhalb der direkten
Reichweite der Angreifer. Sie
wollte den Kampf beobachten und ihren Freunden durch Magie helfen,
wenn diese in Bedrängnis gerieten.
Hamadi
kämpfte und wand sich zu Laládi und Durin durch, was zur Folge
hatte, dass sich um die drei rasch eine größere Menge orkischer
Leichen auftürmte. Anders
war es ein paar Meter weiter, wo Aril nun doch steckengeblieben war.
Der Barbar sprang von seinem
Ross und schickte es mit einem kräftigen Schlag auf die hintere
Flanke weiter. Das Tier stürmte los und trampelte auf seinem Weg aus
dem Getümmel heraus ein paar Orks nieder. Aril jedoch war nun
allein, umringt von zähnefletschenden Orks, die ihn mordlüstern
anschrien. Einen kurzen
Moment schien die Zeit um ihn herum stillzustehen. Barbar
und Orks taxierten einander und niemand schien den ersten Schritt
machen zu wollen. Dann geschah alles gleichzeitig. Aril holte
mit seinem mächtigen Schlachtbeil aus und trennte mit einem einzigen
Schwinger gleich zwei Orks den Kopf ab. Saria
sah das Muskelspiel in den Schulterblättern des Hünen und konnte
nicht anders als seine Kraft zu bewundern. Der Schlag brach
allerdings den Bann und nun wurde ihr Freund von allen Seiten
zugleich bedrängt. Das konnte selbst er nicht lange überstehen.
„Aril!‟
Die junge Frau grub ohne nachzudenken ihrem Pferd die Fersen in die
Flanken und ritt auf die Orks zu.
©
Ben Grauh, 08.05.2013
ben.grauh@gmail.com