Saria
Arberdan (Teil 9)
Am
nächsten Morgen war es auch schon so weit. Jene winzige Hoffnung
Sarias, dass die anderen ihre Idee vergessen könnten, wenn die junge
Frau sie einfach nicht mehr erwähnte und sich ansonsten
unauffällig verhielt, wurde zerschlagen. Beim Frühstück warteten
alle auf sie, sogar Aeren war anwesend.
Aril
grinste ihr den ganzen Weg von der Treppe bis zum Tisch entgegen.
„Heute besorgen wir Dir ein Übungsschwert und dann üben wir,“
begrüßte er Saria gut gelaunt.
„Ein
Schwert? Aber ich dachte, ich solle mit dem Rapier umzugehen lernen?“
Ein Schwert wäre der jungen Hexe zu schwer. Als Hexe verbrachte man
viel Zeit mit dem Erlernen von Zaubersprüchen, wobei die
körperliche Ertüchtigung oft etwas kurz kam. Dementsprechend war
Saria nicht sehr stark.
„Das
meint er auch. Ich werde Euch ein Rapier beschaffen, keine Sorge. Und
üben werdet Ihr zunächst mit mir und nicht mit Aril. Er würde
Euch nur ständig das Rapier aus der Hand schlagen und dabei lernt
Ihr nichts.“ Aeren sah die noch stehende Frau freundlich an.
Saria
ließ die Schultern sinken und setzte sich ergeben auf die Holzbank
neben Laládi. An diesem Morgen schmeckte ihr das Frühstück
nicht ganz so gut wie sonst.
Eine
halbe Stunde später stand Saria frierend im Schnee und harrte der
Dinge. Sie hatte sich umgezogen und trug nun statt dem Kleid
ihre Reisehose, einen dicken Mantel und ihre Lederrüstung. Auch wenn
es sich um das erste Training handelte wollte sie keine Verletzungen
riskieren. Aeren hatte irgendwo ein stumpfes Rapier samt Waffengurt
aufgetrieben, welches nun unbequem an ihrer Hüfte baumelte.
Zweieinhalb Kilogramm waren nicht viel, an dieser Stelle jedoch
äußerst ungewohnt. Zudem schwang die lange Klinge bei jeder
Bewegung hin und her, selbst wenn Saria nur den Arm hob. Gehen konnte
sie mit der Waffe nur, wenn sie sie festhielt, sonst schlug die
Klinge bei jedem Schritt gegen ihre Beine. Immerhin steckte sie in
einer Schwertscheide, was eine versehentliche Verletzung
verhinderte.
„Also,
Saria,‟ begann Aeren in ruhigem Tonfall. Dem jungen Ordensritter
schien die Kälte nichts anzuhaben. „Zunächst ein paar
grundlegende Dinge. Um Euch an das Rapier an Eurer Seite zu gewöhnen
möchte ich, dass Ihr es nur zum Schlafen und Essen ablegt. Nur wenn
Ihr es tatsächlich nicht mehr wahrnehmt, dann könnt Ihr es auch
wieder für längere Zeit ablegen.‟
Die
junge Frau verzog keine Miene. Wahrscheinlich würde sie heute Abend
einige blaue Flecke an ihren Beinen haben und sich den Mund trocken
geredet haben, weil sie sich ständig entschuldigen müsste,
wenn sie jemanden mit der Schwertscheide traf. Ein nicht unerwartetes
Übel, dennoch lästig.
„Ziehen
werdet Ihr die Klinge vorläufig nur wenn ich es sage. Auch stumpf
kann das Rapier andere noch verletzen und solange Ihr nicht
einigermaßen damit umgehen könnt, wärt Ihr eine Gefahr für Euch
selbst und andere.‟ Auch hier keine Überraschung. „Doch auch
wenn Ihr den Umgang mit dieser Waffe erlernt habt solltet Ihr nur
dann blank ziehen, wenn ihr kämpfen müsst. Wann immer möglich
solltet Ihr eine andere Lösung suchen.‟
Was
denn, auch noch ein Vortrag?
„Aeren, bitte. Mir ist kalt. Könntet
Ihr mir nicht in der warmen Gaststube erklären, wann ich eine
Waffe ziehen sollte und wann nicht?‟ Der inzwischen aufgekommene
Wind ging ihr durch Mark und Bein und machte es der jungen Frau
schwer, ihren Lehrer nicht anzuschreien. Zu
ihrer Verblüffung zeigte sich ein Lächeln auf dem glatten Gesicht
des jungen Mannes.
„Euch
ist kalt? Nun, dann wärmen wir uns auf. Wir laufen drei Runden um
das Dorf. Los!‟ Mit diesen Worten drehte er sich um und begann in
gemächlichem Tempo in Richtung Palisadenzaun
zu laufen.
Damit
hatte Saria nicht gerechnet und starrte dem Ordensritter zunächst
entgeistert nach. Laufen? Mit diesem Ding an meiner Hüfte?
„Saria, jetzt!‟
rief ihr Lehrer über seine Schulter.
„Das darf doch
nicht wahr sein!‟ Einen leisen Fluch unterdrückend legte Saria
ihre linke Hand auf das Rapier und begann zu laufen. Rasch hatte sie
Aeren eingeholt, doch anstatt nun langsamer laufen zu können erhöhte
der Ordensritter sein Tempo und passte sich ihren Schritten an.
„Ihr
macht das gut, dass Ihr die Waffe festhaltet. Es dauert bis man den
richtigen Rhythmus findet, mit dem man sich nicht ständig
selbst schlägt.‟ Saria
würdigte ihn keiner Antwort.
Die
erste Runde hielt die junge Hexe gut mit. Gegen
Mitte der zweiten Runde, etwa in Höhe des rückwärtigen Tores, fiel
es ihr allmählich schwerer, Aerens Tempo mitzuhalten. Eine derartige
Blöße wollte sie sich an ihrem ersten Tag jedoch nicht geben,
also sagte sie nichts und zwang sich weiterhin einen Fuß vor
den anderen zu setzen. Für
den Rest der zweiten Runde war diese Vorgehensweise ausreichend,
auch noch für den Anfang der dritten. Dann aber ging es nicht mehr.
In einem Moment der Unachtsamkeit rutschte Saria auf dem
festgetretenen Schnee aus und schaffte es nicht rechtzeitig, sich
abzufangen. Mit einem gedämpften Poltern schlug sie auf den Boden
und wirbelte Schneestaub auf. Ihr Schmerzensschrei war jedoch
keineswegs gedämpft. Sie war
auf die linke Seite gefallen und hatte sich dabei das Heft des
Rapiers in die Rippen gerammt. Zwar waren die vorangegangenen
Brüche verheilt, doch kam zu dem Schmerz noch die Angst, sich erneut
die Knochen zu brechen.
Aeren kam
schlitternd zum Stehen und sah sich um, was geschehen war. Umgehend
spurtete er die wenigen Meter zurück und ließ sich neben seinem
Schützling auf die Knie fallen. „Saria, seid Ihr verletzt? Was ist
geschehen?“ Sein besorgter Tonfall besänftigte Saria ein wenig und
sie entschied sich, nicht gleich alles hinzuschmeißen.
„Ich bin
ausgerutscht,“ brachte die junge Frau schwer atmend hervor und
drehte sich auf die rechte, unverletzte Seite. Die Kälte des Schnees
drang ihr durch die Kleidung, doch es kümmerte sie nicht. Vorsichtig
tastete sie mit der rechten Hand ihren linken Brustkorb ab, wo das
Heft sie getroffen hatte. Zu ihrer unsagbaren Erleichterung
begann der Schmerz bereits abzuklingen und es schien nichts gebrochen
zu sein.
„Kommt,
ich helfe Euch auf. Wenn Eure Kleidung durchnässt ist, könnte Euch
das ebenso umbringen wie ein Schwertstreich.“ Der Ordensritter
hatte recht. Nun da sie
darauf achtete, spürte sie die Feuchtigkeit unter sich und begann zu
zittern.
„Ich … sollte
mich wohl … umziehen.“ Gegen ihren Willen klapperten ihr die
Zähne und sie begann, am ganzen Körper zu zittern. Fühlte es
sich vorhin kalt an, war es jetzt eisig. Ohne auf den Ordensritter zu
achten wandte die junge Hexe sich um und ging, die Arme eng um den
eigenen Oberkörper geschlungen, raschen Schrittes auf das Gasthaus
zu, in dem sie alle untergekommen waren. Betreten schweigend folgte
Aeren ihr bis in den Schankraum, blieb dort jedoch unschlüssig
stehen. Saria beachtete ihn nicht weiter, erklomm die Treppe nach
oben und betrat ihr Zimmer.
Mit klammen Fingern
streifte sie die nasse Kleidung ab und zog sich etwas trockenes an.
Da ihr eine zweite Hose fehlte, zog sie wieder das rote Wollkleid an,
welches sie am Morgen erst gegen die Hose getauscht hatte. Natürlich
würde sich das Kleid umgehend vollsaugen, sollte sie in den Schnee
fallen, doch die junge Frau hatte schon eine Idee, wie sich das
verhindern ließe. Vorsichtig, um nichts im Zimmer umzustoßen, legte
sie den Schwertgurt an und streifte auch wieder ihre Lederrüstung
über. Die fühlte sich zwar kalt an, war jedoch nur äußerlich
nass. So ausgerüstet ging sie mit entschlossener Miene wieder
hinunter in den Schankraum.
Aerens Blick, als
sie die Treppe herunter kam und an ihm vorbei rauschte, entschädigte
sie beinahe für die Demütigung beim Laufen. „Kommt Ihr?“
rief sie ihm ohne langsamer zu werden über die Schulter hinweg zu.
Der junge Ordensritter ließ sich nicht zweimal bitten und folgte
ihr.
„Wo wollt Ihr
denn hin, Saria?“
„In den Stall.
Dort ist es trocken, es liegt kein Schnee und der Mittelgang sollte
breit genug für die ersten Lektionen sein, meint Ihr nicht?“ Bevor
ihr Begleiter antworten konnte betrat Saria den Stall und sah sich
um. Zufrieden stellte sie fest, dass der Mittelgang tatsächlich
breit genug war, um sich ungehindert bewegen zu können. Ein paar der
Pferde sahen neugierig auf und blähten die Nüstern. Ihr
Brauner trat einen Schritt nach vorn und reckte den Kopf aus seiner
Box heraus. Die junge Frau tätschelte ihn am Hals, was er mit einem
Schnauben quittierte.
„Später, mein
Großer, erst muss ich noch etwas anderes machen.“ Sein Wiehern
klang in ihren Ohren enttäuscht, doch da mussten sie jetzt beide
durch.
„Nun ja,
ausreichend Platz hätten wir hier wohl ...“ brachte Aeren endlich
wieder ein paar Worte über die Lippen.
„Gut, dann lasst
uns anfangen.“ Sie bewegte sich auf die Mitte des Ganges zu. „Aber
lasst Euch nicht einfallen, mir Löcher in mein Kleid zu ritzen. Dann
müsst Ihr mir ein neues bezahlen.“
Der junge Mann
hatte einen so unerwartet dümmlich aussehenden Gesichtsausdruck,
dass Saria beinahe laut gelacht hätte. „Ähm, natürlich,“
stammelte er. Dann räusperte er sich und begann mit seinen
Unterweisungen.
An diesem Tag
lernte Saria die Grundlagen des Fechtens und einfache Angriffs- und
Abwehrfolgen. Ihr Lehrer lobte mehrfach ihre schnelle
Auffassungsgabe und ihr Geschick, betonte jedoch ebenso häufig, dass
sie noch viel zu lernen habe und keinesfalls denken solle, sie sei
schon bereit für einen echten Kampf. Dennoch war die junge Frau
stolz darauf, dass sie nicht aufgegeben und damit den Ordensritter
sogar überrascht hatte. Sein Lob hob ihre Stimmung umso mehr.
Da Aeren weiterhin
Aufgaben für seinen Orden übernahm, trennten sie sich am frühen
Nachmittag und machten aus, am nächsten Morgen fortzufahren.
Saria nutzte das restliche Tageslicht, ihr Versprechen wahrzumachen
und ritt aus. Laládi begleitete sie und während sie die winterliche
Landschaft in der Nähe des Dorfes erkundeten, unterhielten sie sich
über die Zusammenhänge zwischen Magie und Natur.
Am Abend gönnte
die junge Hexe sich das heiße Bad, nach dem es ihr seit dem
unfreiwilligen Sturz in den kalten Schnee verlangte.
Die folgenden Tage
vergingen rasch und bald waren drei Wochen vorbei. Vormittags übte
Aeren mit ihr und nachmittags ritt sie aus oder kämpfte mit den
Dorfkindern in Schneeballschlachten um den Sieg. Abends und bei
schlechtem Wetter lernte sie Zaubersprüche, die sie bei sich hatte.
Um die Theorie in die Praxis umzusetzen, eigneten sich ihre Ausritte
vorzüglich, besonders wenn sie allein war.
Ihre Magie zu üben
war jedoch keineswegs der einzige Grund für Sarias Ausritte in die
Wälder. Sie war auch auf der Suche nach einem geeigneten Ort, an dem
sie zur Wintersonnenwende ungestört feiern konnte. Es dauerte
nicht lange, bis die junge Hexe fündig wurde: Eine kleine Lichtung,
geschützt durch moosbewachsene Findlinge und in einer sanften Senke
gelegen. Schon Tage vor der Sonnenwende begann Saria, Holz zu sammeln
und aufzuschichten. Während der Nacht würde sie keine Zeit haben,
Holz nachzulegen, also musste der Haufen groß sein. Als das Holz
etwa einen Schritt auf einen Schritt lag und sich knapp zwei Schritt
auftürmte war die Hexe in ihr zufrieden. Das würde reichen, sie war
immerhin allein.
Am Abend vor der
Wintersonnenwende saßen die Gefährten zusammen mit Aeren, der
inzwischen jeden Abend mit ihnen verbrachte, im Gasthaus und
unterhielten sich über den Tag. Saria hatte sich zurückgelehnt
und genoss die wohlige Wärme des Kaminfeuers während sie in
Gedanken zum wiederholten Male durchspielte, wie sie sich in der
darauffolgenden Nacht aus dem Dorf schleichen würde.
„Werdet ihr
morgen Abend alle zur Sonnwendfeier kommen? Da ihr zur Zeit ein Teil
des Dorfes seid, wäre es eine Beleidigung abzulehnen.“ Der junge
Ordensritter lächelte in die Runde.
Sonnwendfeier?
Im Dorf? Saria riss die Augen auf. Wovon sprach Aeren da?
In den letzten Tagen war sie entweder beim Training im Stall
oder im Wald gewesen, so dass sie nicht viel vom Dorfleben
mitbekommen hatte. Aber die Vorbereitungen für ein derartiges
Ereignis hätte sie doch bestimmt nicht übersehen!
„Aber natürlich
kommen wir!“ rief Aril erfreut und laut genug, dass man ihn gewiss
noch vor der geschlossenen Tür der Schankstube verstehen konnte.
„Das lassen wir nicht aus, nicht wahr?“ Mit einem breiten Grinsen
schaute er in die Runde.
„Wir kommen
gern,“ sagte Laládi mit einem leichten Lächeln. Hamadi nickte und
selbst Durin brummte zustimmend.
„Saria, Du doch
auch, oder?“ Arils blaue Augen sahen sie an und in diesem Moment
hasste Saria die darin leuchtende Hoffnung.
„Ja …
natürlich,“ stammelte sie und rang sich ein Lächeln ab. Die
Aufmerksamkeit des Barbaren hatte sich jedoch schon wieder Aeren
zugewandt, so dass er von ihrer misslichen Lage keine Notiz nahm.
Einzig der Schamane schien etwas zu bemerken, doch wandte er sich ab,
sobald Saria zu ihm hinüber blickte. Nun gut. Dann würde sie sich
eben auf der Feier zeigen und im allgemeinen Trubel verschwinden.
Vielleicht half ihr die Ablenkung sogar.
Am nächsten Tag
bereiteten alle das Fest vor, jeder half dort, wo er helfen konnte.
Feuerholz wurde auf dem Dorfplatz aufgeschichtet, Essen wurde
vorbereitet und Stände errichtet, an denen es zusammen mit heißen
Getränken verteilt werden würde. Sogar die Kinder halfen mit, mit
denen Saria ihre Schneeballschlachten ausgetragen hatte. Die
junge Hexe verbannte alle Gedanken an ihre eigene Feier aus ihrem
Kopf. Darüber nachzudenken hatte keinen Sinn und auf diese Weise
hatte sie die Möglichkeit, mit den anderen während der Arbeit zu
Scherzen.
Die Vorbereitungen
dauerten bis in den Nachmittag hinein. Als es nichts mehr zu tun gab,
forderten ein paar unermüdliche Kinder Saria auf, noch ein paar
Schneebälle mit ihnen zu werfen. Lachend willigte sie ein und
fand sich kurze Zeit später vor den Toren des Palisadenzauns in
einem Kleinkrieg wieder. Neben den Kindern machten diesmal auch
mehrere Jugendliche und sogar ein paar junge Erwachsene wie sie
selbst mit. Hastig wurden Schutzmauern errichtet, Bunker gegraben und
natürlich Schneebälle geworfen.
Es dauerte nicht
lange bis einige Zuschauer am Rand des Schlachtfeldes standen und
Kinder und Freunde anfeuerten. Für den heutigen Tag war die Arbeit
getan und ein Fest stand bevor. Niemand wollte sich ein wenig Spaß
entgehen lassen. Saria entdeckte Aril unter den Zuschauern. Da er
alle überragte war er nicht schwer auszumachen. Sein Blick schweifte
suchend über die Spieler, er hielt wohl nach ihr Ausschau. Rasch
duckte die junge Frau sich hinter einen Schneehaufen und grinste
schelmisch. Er wollte ihr bei einer Schneeballschlacht zusehen? Nun,
dann sollte er in der ersten Reihe stehen! Saria formte einen
Schneeball und lief gebückt, die Deckung durch Schneemauern und das
allgemeine Durcheinander nutzend, auf den Barbaren zu. Nur wenige
Meter von ihm entfernt richtete sie sich mit einem Triumphschrei
auf und schickte den Schneeball los. Aufgrund der Eile hatte sie sich
ein wenig verschätzt und traf Aril statt wie beabsichtigt an der
Brust an der Stirn. Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund. Sie
wusste, dass ein Stein im Schnee oder auch nur ein wenig Eis durchaus
zu einer Verletzung führen konnte. Deshalb achtete sie sonst immer
darauf, auf den Körper zu werfen, wo die dicke Winterkleidung Schutz
bot. Doch der Barbar schien nicht verletzt zu sein. Der überraschte
Blick, den er ihr zuwarf, erinnerte sie stark an ein naives
Bärenjunges. Neben Aril stand Laládi, deren sonst so
kontrollierte Gesichtszüge für den Augenblick ebenso verdutzt
wirkten wie die des Hünen rechts von ihr. Saria konnte nicht anders
und begann zu Kichern.
„Na warte!“ Für
seine Größe überraschend schnell ging Aril in die Hocke und griff
in den Schnee. „Jetzt zeig ich Dir mal, wie man Schneebälle
wirft.“
„Ha!“ Saria
lachte auf und drehte sich um. Haken schlagend lief sie davon, suchte
Deckung hinter allem und jedem. Dennoch spürte sie, wie sie ein
Schneeball am Rücken traf. Schlitternd blieb sie stehen und holte
zum Gegenschlag aus. Aril war ihr gefolgt und nicht weit hinter ihr,
warf sich jedoch geschickt zur Seite, als ihr kaltes Wurfgeschoss auf
ihn zuraste. Zu seinem Pech hatte die junge Hexe aber Übung und warf
gleich noch eine kleine Schneekugel, die ihr Ziel fand – diesmal
tatsächlich den Oberkörper des Barbaren. Der gab sich nicht
geschlagen und warf noch aus dem Liegen heraus zurück. Zum ersten
Mal fragte Saria sich, ob Aril vielleicht sogar jünger war als sie
selbst. Um lange zu überlegen ließ er ihr jedoch keine Zeit.
Zwischen den beiden entbrannte eine Hetzjagd von einem Ende zum
anderen des Schlachtfeldes und wieder zurück. Schneebälle flogen
und trafen, nicht nur vom jeweils anderen sondern auch von den
Kindern und Jugendlichen um sie herum. Von Zeit zu Zeit antworteten
sie diesen mit eigenen Geschossen, was zu einem noch größeren Chaos
führte, als schon zuvor geherrscht hatte.
Irgendwann achtete
Saria einen Moment lang nicht auf Aril und wehrte sich gegen eine
Gruppe von drei Kindern, die sie von früheren Schneeballschlachten
kannte. Plötzlich tauchte der Barbar neben ihr auf und warf sich
zusammen mit der Hexe in den Schnee. Sie landete mal wieder auf der
linken Seite, hatte aber vor der Schneeballschlacht ihr Rapier
beiseitegelegt, um die Kinder nicht versehentlich zu verletzen. Der
Schnee war weich genug, dass es nicht schmerzte.
Kurz darauf schrie
sie doch auf, nicht vor Schmerz sondern vor Kälte. Aril hatte
begonnen sie mit Schnee einzureiben und sowie der unter die Kleidung
gelangte war er unglaubich kalt.
„Nein! Nicht!“
Lachend versuchte sie sich zu wehren, seine Hände davon abzuhalten,
noch mehr Kälte in ihren Kragen zu stopfen. Der Barbar war zu stark
für sie. Eine seiner Hände konnte sie festhalten, jedoch nur,
wenn sie beide Arme benutzte. Dann war Arils zweite Hand frei und er
konnte sie ungehindert nutzen.
„Also gut, ich
gebe auf, ich gebe auf!“ rief sie und ließ seinen Arm los. Der
Hüne hörte dankenswerterweise auf sie und ließ den Schnee,
den er schon wieder in seiner riesigen Pranke hatte, fallen.
„Du gibst also
zu, dass ich besser bin?“ neckte er sie schwer atmend.
Die Hexe antwortete
zunächst nicht, da sie selbst kaum noch Luft bekam. Dann wandte sie
Aril den Kopf zu und lächelte ihn schelmisch an. „Na ja, ich habe
Dich gewinnen lassen.“ Sie zwinkerte ihm zu und kam stöhnend auf
die Beine. „Und jetzt brauche ich dringend ein heißes Bad. Wir
sehen uns nachher auf der Feier.“ Zitternd ging sie zurück ins
Gasthaus und ließ sich das angesprochene heiße Bad bereiten.
Am Abend bemühte
Saria sich, von allen einmal gesehen zu werden, plauderte mit vielen
Müttern, deren Kinder sie kannten und ansprachen. Peinlich
achtete sie darauf, nie allein mit Aril zu sein. Während sie im
heißen Wasser entspannt hatte, hatte sie auch Zeit gehabt
nachzudenken und sich entschieden, dem Barbar keine Hoffnungen machen
zu wollen. So süß er auch manchmal wirkte, er war ein Wilder.
Das durfte sie einfach nicht vergessen. Sie musste sich nur seine
Berserkernatur vor Augen führen. Die Erinnerung an seinen
Gesichtsausdruck ließ sie frösteln. Laládis Warnung hatte Saria
ebenfalls nicht vergessen. Ein wenig erwartete sie ohnehin noch ein
Gespräch mit der Elfe über diesen Nachmittag.
Als ein paar
Stunden nach Einbruch der Dunkelheit die Kinder gegen deren Willen
ins Bett gebracht wurden, half Saria den Müttern. Es war wie
erhofft eine gute Gelegenheit sich unauffällig von der Feier
fortzustehlen. Im Stall band sie ihrem Pferd rasch Lappen um die
Hufe, um seine Schritte zu dämpfen. Da es auf dem Fest recht laut
zuging, war dies vermutlich eine unnötige Vorsichtsmaßnahme,
doch die junge Hexe wollte sicher gehen.
Die Lichtung im
Wald erreichte sie kurz vor Mitternacht, doch es blieb noch genug
Zeit. Sie band ihr Pferd ein gutes Stück entfernt von dem Holzhaufen
an einen Baum und deckte es sorgfältig ab. Nachdem der Hengst
versorgt war trat Saria vor das Holz. Mit geschlossenen Augen atmete
sie ein paar mal tief durch.
„Ignem fače.“
Auf ihrem rechten Zeigefinger erschien eine kleine Flamme. Sie
streckte die Hand aus und berührte mit dem Finger das Holz. Da es
feucht war entzündete es sich nicht. Das hatte Saria erwartet
und ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Sie konzentrierte
sich auf die kleine Flamme und auf sich selbst. Alles um sich herum
blendete sie aus. Die Lichtung gab es nicht mehr, die Sterne und der
Mond über ihr waren verschwunden. Es existierten nur sie, die Flamme
auf ihrem Finger und das Holz. Und ihre Magie. Ein Kribbeln fuhr
über ihre Haut, feinste Härchen stellten sich elektrisiert
auf. Sie kanalisierte ihre Magie, lenkte sie ihren Arm hinab und in
die Flamme, in das Holz. Ihr Pferd wieherte, doch sie nahm es kaum
wahr. Saria speiste die Flamme bis sie anschwoll und sich auf das
Holz ausbreitete. Doch damit nicht genug. Noch mehr Energie floss von
ihr in das Feuer, bis es hoch und hell brannte. Während dieser
Prozedur war die junge Hexe Schritt um Schritt rückwärts gegangen,
um nicht durch die Hitze verbrannt zu werden. Nach mehreren Minuten
war sie fertig, erschöpft und doch voller Tatandrang. Dies war nur
der erste Teil des Rituals. Das Holz war nötig, um das Feuer in Gang
zu bringen, doch nun wurde es von Magie genährt, ihrer Magie. Sie
hatte ihre Kräfte nahezu vollständig erschöpft, sie hineingepumpt
in die Flammen. Das machte jedoch nichts, denn in dieser Nacht würde
sie diese Kräfte nicht mehr benötigen. Nun musste sie dafür
sorgen, dass der Fluss der Energien bestehen blieb. Das war der Teil
des Rituals, der ihr schon als Jugendliche Freude bereitet hatte, als
sie das erste Mal an der Durchführung des Sonnenwendrituals
teilgenommen hatte. Ohne zu zögern legte sie ihre Kleidung ab. Das
Feuer strahlte ausreichend Hitze ab, dass sie nicht fror. Sie begann
zu tanzen. Die erhitzte Luft floss über ihre Haut, streichelte ihren
Körper. Sie brauchte einige Herzschläge, bis sie den richtigen
Rhythmus fand. Dann aber schoss die Magie der Umgebung durch ihren
Körper und nährte die Flammen. Dieses Gefühl war mit nichts zu
vergleichen. Das Kribbeln der Energien auf ihrer Haut, die tiefe
Zufriedenheit, das Eins-sein mit der Natur. Saria konnte nicht anders
sie lächelte. Sie lächelte und tanzte, tanzte, tanzte.
Die leuchtenden
Augen, die sie beobachteten, bemerkte sie nicht.
©
Ben Grauh, 23.12.2013
ben.grauh@gmail.com
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