Montag, 23. Dezember 2013

Saria

Saria Arberdan (Teil 9)


Am nächsten Morgen war es auch schon so weit. Jene winzige Hoffnung Sarias, dass die anderen ihre Idee vergessen könnten, wenn die junge Frau sie einfach nicht mehr erwähnte und sich ansons­ten unauffällig verhielt, wurde zerschlagen. Beim Frühstück warteten alle auf sie, sogar Aeren war anwesend.
Aril grinste ihr den ganzen Weg von der Treppe bis zum Tisch entgegen. „Heute besorgen wir Dir ein Übungsschwert und dann üben wir,“ begrüßte er Saria gut gelaunt. 
„Ein Schwert? Aber ich dachte, ich solle mit dem Rapier umzugehen lernen?“ Ein Schwert wäre der jungen Hexe zu schwer. Als Hexe verbrachte man viel Zeit mit dem Erlernen von Zaubersprü­chen, wobei die körperliche Ertüchtigung oft etwas kurz kam. Dementsprechend war Saria nicht sehr stark.
„Das meint er auch. Ich werde Euch ein Rapier beschaffen, keine Sorge. Und üben werdet Ihr zu­nächst mit mir und nicht mit Aril. Er würde Euch nur ständig das Rapier aus der Hand schlagen und dabei lernt Ihr nichts.“ Aeren sah die noch stehende Frau freundlich an.
Saria ließ die Schultern sinken und setzte sich ergeben auf die Holzbank neben Laládi. An die­sem Morgen schmeckte ihr das Frühstück nicht ganz so gut wie sonst.

Eine halbe Stunde später stand Saria frierend im Schnee und harrte der Dinge. Sie hatte sich um­gezogen und trug nun statt dem Kleid ihre Reisehose, einen dicken Mantel und ihre Lederrüstung. Auch wenn es sich um das erste Training handelte wollte sie keine Verletzungen riskieren. Aeren hatte irgendwo ein stumpfes Rapier samt Waffengurt aufgetrieben, welches nun unbequem an ihrer Hüfte baumelte. Zweieinhalb Kilogramm waren nicht viel, an dieser Stelle jedoch äußerst unge­wohnt. Zudem schwang die lange Klinge bei jeder Bewegung hin und her, selbst wenn Saria nur den Arm hob. Gehen konnte sie mit der Waffe nur, wenn sie sie festhielt, sonst schlug die Klinge bei jedem Schritt gegen ihre Beine. Immerhin steckte sie in einer Schwertscheide, was eine versehentli­che Verletzung verhinderte.
„Also, Saria,‟ begann Aeren in ruhigem Tonfall. Dem jungen Ordensritter schien die Kälte nichts anzuhaben. „Zunächst ein paar grundlegende Dinge. Um Euch an das Rapier an Eurer Seite zu ge­wöhnen möchte ich, dass Ihr es nur zum Schlafen und Essen ablegt. Nur wenn Ihr es tatsächlich nicht mehr wahrnehmt, dann könnt Ihr es auch wieder für längere Zeit ablegen.‟
Die junge Frau verzog keine Miene. Wahrscheinlich würde sie heute Abend einige blaue Flecke an ihren Beinen haben und sich den Mund trocken geredet haben, weil sie sich ständig entschuldi­gen müsste, wenn sie jemanden mit der Schwertscheide traf. Ein nicht unerwartetes Übel, dennoch lästig.
„Ziehen werdet Ihr die Klinge vorläufig nur wenn ich es sage. Auch stumpf kann das Rapier an­dere noch verletzen und solange Ihr nicht einigermaßen damit umgehen könnt, wärt Ihr eine Gefahr für Euch selbst und andere.‟ Auch hier keine Überraschung. „Doch auch wenn Ihr den Umgang mit dieser Waffe erlernt habt solltet Ihr nur dann blank ziehen, wenn ihr kämpfen müsst. Wann immer möglich solltet Ihr eine andere Lösung suchen.‟
Was denn, auch noch ein Vortrag? „Aeren, bitte. Mir ist kalt. Könntet Ihr mir nicht in der war­men Gaststube erklären, wann ich eine Waffe ziehen sollte und wann nicht?‟ Der inzwischen aufge­kommene Wind ging ihr durch Mark und Bein und machte es der jungen Frau schwer, ihren Lehrer nicht anzuschreien. Zu ihrer Verblüffung zeigte sich ein Lächeln auf dem glatten Gesicht des jungen Mannes.
„Euch ist kalt? Nun, dann wärmen wir uns auf. Wir laufen drei Runden um das Dorf. Los!‟ Mit diesen Worten drehte er sich um und begann in gemächlichem Tempo in Richtung Palisadenzaun zu laufen.
Damit hatte Saria nicht gerechnet und starrte dem Ordensritter zunächst entgeistert nach. Laufen? Mit diesem Ding an meiner Hüfte?
„Saria, jetzt!‟ rief ihr Lehrer über seine Schulter.
„Das darf doch nicht wahr sein!‟ Einen leisen Fluch unterdrückend legte Saria ihre linke Hand auf das Rapier und begann zu laufen. Rasch hatte sie Aeren eingeholt, doch anstatt nun langsamer laufen zu können erhöhte der Ordensritter sein Tempo und passte sich ihren Schritten an.
„Ihr macht das gut, dass Ihr die Waffe festhaltet. Es dauert bis man den richtigen Rhythmus fin­det, mit dem man sich nicht ständig selbst schlägt.‟ Saria würdigte ihn keiner Antwort.
Die erste Runde hielt die junge Hexe gut mit. Gegen Mitte der zweiten Runde, etwa in Höhe des rückwärtigen Tores, fiel es ihr allmählich schwerer, Aerens Tempo mitzuhalten. Eine derartige Blö­ße wollte sie sich an ihrem ersten Tag jedoch nicht geben, also sagte sie nichts und zwang sich wei­terhin einen Fuß vor den anderen zu setzen. Für den Rest der zweiten Runde war diese Vorgehens­weise ausreichend, auch noch für den Anfang der dritten. Dann aber ging es nicht mehr. In einem Moment der Unachtsamkeit rutschte Saria auf dem festgetretenen Schnee aus und schaffte es nicht rechtzeitig, sich abzufangen. Mit einem gedämpften Poltern schlug sie auf den Boden und wirbelte Schneestaub auf. Ihr Schmerzensschrei war jedoch keineswegs gedämpft. Sie war auf die linke Sei­te gefallen und hatte sich dabei das Heft des Rapiers in die Rippen gerammt. Zwar waren die voran­gegangenen Brüche verheilt, doch kam zu dem Schmerz noch die Angst, sich erneut die Knochen zu brechen.
Aeren kam schlitternd zum Stehen und sah sich um, was geschehen war. Umgehend spurtete er die wenigen Meter zurück und ließ sich neben seinem Schützling auf die Knie fallen. „Saria, seid Ihr verletzt? Was ist geschehen?“ Sein besorgter Tonfall besänftigte Saria ein wenig und sie ent­schied sich, nicht gleich alles hinzuschmeißen.
„Ich bin ausgerutscht,“ brachte die junge Frau schwer atmend hervor und drehte sich auf die rechte, unverletzte Seite. Die Kälte des Schnees drang ihr durch die Kleidung, doch es kümmerte sie nicht. Vorsichtig tastete sie mit der rechten Hand ihren linken Brustkorb ab, wo das Heft sie getrof­fen hatte. Zu ihrer unsagbaren Erleichterung begann der Schmerz bereits abzuklingen und es schien nichts gebrochen zu sein.
„Kommt, ich helfe Euch auf. Wenn Eure Kleidung durchnässt ist, könnte Euch das ebenso um­bringen wie ein Schwertstreich.“ Der Ordensritter hatte recht. Nun da sie darauf achtete, spürte sie die Feuchtigkeit unter sich und begann zu zittern.
„Ich … sollte mich wohl … umziehen.“ Gegen ihren Willen klapperten ihr die Zähne und sie be­gann, am ganzen Körper zu zittern. Fühlte es sich vorhin kalt an, war es jetzt eisig. Ohne auf den Ordensritter zu achten wandte die junge Hexe sich um und ging, die Arme eng um den eigenen Oberkörper geschlungen, raschen Schrittes auf das Gasthaus zu, in dem sie alle untergekommen waren. Betreten schweigend folgte Aeren ihr bis in den Schankraum, blieb dort jedoch unschlüssig stehen. Saria beachtete ihn nicht weiter, erklomm die Treppe nach oben und betrat ihr Zimmer.
Mit klammen Fingern streifte sie die nasse Kleidung ab und zog sich etwas trockenes an. Da ihr eine zweite Hose fehlte, zog sie wieder das rote Wollkleid an, welches sie am Morgen erst gegen die Hose getauscht hatte. Natürlich würde sich das Kleid umgehend vollsaugen, sollte sie in den Schnee fallen, doch die junge Frau hatte schon eine Idee, wie sich das verhindern ließe. Vorsichtig, um nichts im Zimmer umzustoßen, legte sie den Schwertgurt an und streifte auch wieder ihre Lederrüs­tung über. Die fühlte sich zwar kalt an, war jedoch nur äußerlich nass. So ausgerüstet ging sie mit entschlossener Miene wieder hinunter in den Schankraum.
Aerens Blick, als sie die Treppe herunter kam und an ihm vorbei rauschte, entschädigte sie bei­nahe für die Demütigung beim Laufen. „Kommt Ihr?“ rief sie ihm ohne langsamer zu werden über die Schulter hinweg zu. Der junge Ordensritter ließ sich nicht zweimal bitten und folgte ihr.
„Wo wollt Ihr denn hin, Saria?“
„In den Stall. Dort ist es trocken, es liegt kein Schnee und der Mittelgang sollte breit genug für die ersten Lektionen sein, meint Ihr nicht?“ Bevor ihr Begleiter antworten konnte betrat Saria den Stall und sah sich um. Zufrieden stellte sie fest, dass der Mittelgang tatsächlich breit genug war, um sich ungehindert bewegen zu können. Ein paar der Pferde sahen neugierig auf und blähten die Nüs­tern. Ihr Brauner trat einen Schritt nach vorn und reckte den Kopf aus seiner Box heraus. Die junge Frau tätschelte ihn am Hals, was er mit einem Schnauben quittierte.
„Später, mein Großer, erst muss ich noch etwas anderes machen.“ Sein Wiehern klang in ihren Ohren enttäuscht, doch da mussten sie jetzt beide durch.
„Nun ja, ausreichend Platz hätten wir hier wohl ...“ brachte Aeren endlich wieder ein paar Worte über die Lippen.
„Gut, dann lasst uns anfangen.“ Sie bewegte sich auf die Mitte des Ganges zu. „Aber lasst Euch nicht einfallen, mir Löcher in mein Kleid zu ritzen. Dann müsst Ihr mir ein neues bezahlen.“
Der junge Mann hatte einen so unerwartet dümmlich aussehenden Gesichtsausdruck, dass Saria beinahe laut gelacht hätte. „Ähm, natürlich,“ stammelte er. Dann räusperte er sich und begann mit seinen Unterweisungen.
An diesem Tag lernte Saria die Grundlagen des Fechtens und einfache Angriffs- und Abwehrfol­gen. Ihr Lehrer lobte mehrfach ihre schnelle Auffassungsgabe und ihr Geschick, betonte jedoch ebenso häufig, dass sie noch viel zu lernen habe und keinesfalls denken solle, sie sei schon bereit für einen echten Kampf. Dennoch war die junge Frau stolz darauf, dass sie nicht aufgegeben und damit den Ordensritter sogar überrascht hatte. Sein Lob hob ihre Stimmung umso mehr.
Da Aeren weiterhin Aufgaben für seinen Orden übernahm, trennten sie sich am frühen Nachmit­tag und machten aus, am nächsten Morgen fortzufahren. Saria nutzte das restliche Tageslicht, ihr Versprechen wahrzumachen und ritt aus. Laládi begleitete sie und während sie die winterliche Landschaft in der Nähe des Dorfes erkundeten, unterhielten sie sich über die Zusammenhänge zwi­schen Magie und Natur.
Am Abend gönnte die junge Hexe sich das heiße Bad, nach dem es ihr seit dem unfreiwilligen Sturz in den kalten Schnee verlangte.

Die folgenden Tage vergingen rasch und bald waren drei Wochen vorbei. Vormittags übte Aeren mit ihr und nachmittags ritt sie aus oder kämpfte mit den Dorfkindern in Schneeballschlachten um den Sieg. Abends und bei schlechtem Wetter lernte sie Zaubersprüche, die sie bei sich hatte. Um die Theorie in die Praxis umzusetzen, eigneten sich ihre Ausritte vorzüglich, besonders wenn sie allein war.
Ihre Magie zu üben war jedoch keineswegs der einzige Grund für Sarias Ausritte in die Wälder. Sie war auch auf der Suche nach einem geeigneten Ort, an dem sie zur Wintersonnenwende unge­stört feiern konnte. Es dauerte nicht lange, bis die junge Hexe fündig wurde: Eine kleine Lichtung, geschützt durch moosbewachsene Findlinge und in einer sanften Senke gelegen. Schon Tage vor der Sonnenwende begann Saria, Holz zu sammeln und aufzuschichten. Während der Nacht würde sie keine Zeit haben, Holz nachzulegen, also musste der Haufen groß sein. Als das Holz etwa einen Schritt auf einen Schritt lag und sich knapp zwei Schritt auftürmte war die Hexe in ihr zufrieden. Das würde reichen, sie war immerhin allein.

Am Abend vor der Wintersonnenwende saßen die Gefährten zusammen mit Aeren, der inzwi­schen jeden Abend mit ihnen verbrachte, im Gasthaus und unterhielten sich über den Tag. Saria hat­te sich zurückgelehnt und genoss die wohlige Wärme des Kaminfeuers während sie in Gedanken zum wiederholten Male durchspielte, wie sie sich in der darauffolgenden Nacht aus dem Dorf schleichen würde.
„Werdet ihr morgen Abend alle zur Sonnwendfeier kommen? Da ihr zur Zeit ein Teil des Dorfes seid, wäre es eine Beleidigung abzulehnen.“ Der junge Ordensritter lächelte in die Runde.
Sonnwendfeier? Im Dorf? Saria riss die Augen auf. Wovon sprach Aeren da? In den letzten Ta­gen war sie entweder beim Training im Stall oder im Wald gewesen, so dass sie nicht viel vom Dor­fleben mitbekommen hatte. Aber die Vorbereitungen für ein derartiges Ereignis hätte sie doch be­stimmt nicht übersehen!
„Aber natürlich kommen wir!“ rief Aril erfreut und laut genug, dass man ihn gewiss noch vor der geschlossenen Tür der Schankstube verstehen konnte. „Das lassen wir nicht aus, nicht wahr?“ Mit einem breiten Grinsen schaute er in die Runde.
„Wir kommen gern,“ sagte Laládi mit einem leichten Lächeln. Hamadi nickte und selbst Durin brummte zustimmend.
„Saria, Du doch auch, oder?“ Arils blaue Augen sahen sie an und in diesem Moment hasste Saria die darin leuchtende Hoffnung.
„Ja … natürlich,“ stammelte sie und rang sich ein Lächeln ab. Die Aufmerksamkeit des Barbaren hatte sich jedoch schon wieder Aeren zugewandt, so dass er von ihrer misslichen Lage keine Notiz nahm. Einzig der Schamane schien etwas zu bemerken, doch wandte er sich ab, sobald Saria zu ihm hinüber blickte. Nun gut. Dann würde sie sich eben auf der Feier zeigen und im allgemeinen Trubel verschwinden. Vielleicht half ihr die Ablenkung sogar.

Am nächsten Tag bereiteten alle das Fest vor, jeder half dort, wo er helfen konnte. Feuerholz wurde auf dem Dorfplatz aufgeschichtet, Essen wurde vorbereitet und Stände errichtet, an denen es zusammen mit heißen Getränken verteilt werden würde. Sogar die Kinder halfen mit, mit denen Sa­ria ihre Schneeballschlachten ausgetragen hatte. Die junge Hexe verbannte alle Gedanken an ihre eigene Feier aus ihrem Kopf. Darüber nachzudenken hatte keinen Sinn und auf diese Weise hatte sie die Möglichkeit, mit den anderen während der Arbeit zu Scherzen.
Die Vorbereitungen dauerten bis in den Nachmittag hinein. Als es nichts mehr zu tun gab, forder­ten ein paar unermüdliche Kinder Saria auf, noch ein paar Schneebälle mit ihnen zu werfen. La­chend willigte sie ein und fand sich kurze Zeit später vor den Toren des Palisadenzauns in einem Kleinkrieg wieder. Neben den Kindern machten diesmal auch mehrere Jugendliche und sogar ein paar junge Erwachsene wie sie selbst mit. Hastig wurden Schutzmauern errichtet, Bunker gegraben und natürlich Schneebälle geworfen.
Es dauerte nicht lange bis einige Zuschauer am Rand des Schlachtfeldes standen und Kinder und Freunde anfeuerten. Für den heutigen Tag war die Arbeit getan und ein Fest stand bevor. Niemand wollte sich ein wenig Spaß entgehen lassen. Saria entdeckte Aril unter den Zuschauern. Da er alle überragte war er nicht schwer auszumachen. Sein Blick schweifte suchend über die Spieler, er hielt wohl nach ihr Ausschau. Rasch duckte die junge Frau sich hinter einen Schneehaufen und grinste schelmisch. Er wollte ihr bei einer Schneeballschlacht zusehen? Nun, dann sollte er in der ersten Reihe stehen! Saria formte einen Schneeball und lief gebückt, die Deckung durch Schneemauern und das allgemeine Durcheinander nutzend, auf den Barbaren zu. Nur wenige Meter von ihm ent­fernt richtete sie sich mit einem Triumphschrei auf und schickte den Schneeball los. Aufgrund der Eile hatte sie sich ein wenig verschätzt und traf Aril statt wie beabsichtigt an der Brust an der Stirn. Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund. Sie wusste, dass ein Stein im Schnee oder auch nur ein wenig Eis durchaus zu einer Verletzung führen konnte. Deshalb achtete sie sonst immer darauf, auf den Körper zu werfen, wo die dicke Winterkleidung Schutz bot. Doch der Barbar schien nicht verletzt zu sein. Der überraschte Blick, den er ihr zuwarf, erinnerte sie stark an ein naives Bärenjun­ges. Neben Aril stand Laládi, deren sonst so kontrollierte Gesichtszüge für den Augenblick ebenso verdutzt wirkten wie die des Hünen rechts von ihr. Saria konnte nicht anders und begann zu Ki­chern.
„Na warte!“ Für seine Größe überraschend schnell ging Aril in die Hocke und griff in den Schnee. „Jetzt zeig ich Dir mal, wie man Schneebälle wirft.“
„Ha!“ Saria lachte auf und drehte sich um. Haken schlagend lief sie davon, suchte Deckung hin­ter allem und jedem. Dennoch spürte sie, wie sie ein Schneeball am Rücken traf. Schlitternd blieb sie stehen und holte zum Gegenschlag aus. Aril war ihr gefolgt und nicht weit hinter ihr, warf sich jedoch geschickt zur Seite, als ihr kaltes Wurfgeschoss auf ihn zuraste. Zu seinem Pech hatte die junge Hexe aber Übung und warf gleich noch eine kleine Schneekugel, die ihr Ziel fand – diesmal tatsächlich den Oberkörper des Barbaren. Der gab sich nicht geschlagen und warf noch aus dem Liegen heraus zurück. Zum ersten Mal fragte Saria sich, ob Aril vielleicht sogar jünger war als sie selbst. Um lange zu überlegen ließ er ihr jedoch keine Zeit. Zwischen den beiden entbrannte eine Hetzjagd von einem Ende zum anderen des Schlachtfeldes und wieder zurück. Schneebälle flogen und trafen, nicht nur vom jeweils anderen sondern auch von den Kindern und Jugendlichen um sie herum. Von Zeit zu Zeit antworteten sie diesen mit eigenen Geschossen, was zu einem noch größeren Chaos führte, als schon zuvor geherrscht hatte.
Irgendwann achtete Saria einen Moment lang nicht auf Aril und wehrte sich gegen eine Gruppe von drei Kindern, die sie von früheren Schneeballschlachten kannte. Plötzlich tauchte der Barbar neben ihr auf und warf sich zusammen mit der Hexe in den Schnee. Sie landete mal wieder auf der linken Seite, hatte aber vor der Schneeballschlacht ihr Rapier beiseitegelegt, um die Kinder nicht versehentlich zu verletzen. Der Schnee war weich genug, dass es nicht schmerzte.
Kurz darauf schrie sie doch auf, nicht vor Schmerz sondern vor Kälte. Aril hatte begonnen sie mit Schnee einzureiben und sowie der unter die Kleidung gelangte war er unglaubich kalt.
„Nein! Nicht!“ Lachend versuchte sie sich zu wehren, seine Hände davon abzuhalten, noch mehr Kälte in ihren Kragen zu stopfen. Der Barbar war zu stark für sie. Eine seiner Hände konnte sie fest­halten, jedoch nur, wenn sie beide Arme benutzte. Dann war Arils zweite Hand frei und er konnte sie ungehindert nutzen.
„Also gut, ich gebe auf, ich gebe auf!“ rief sie und ließ seinen Arm los. Der Hüne hörte dankens­werterweise auf sie und ließ den Schnee, den er schon wieder in seiner riesigen Pranke hatte, fallen.
„Du gibst also zu, dass ich besser bin?“ neckte er sie schwer atmend.
Die Hexe antwortete zunächst nicht, da sie selbst kaum noch Luft bekam. Dann wandte sie Aril den Kopf zu und lächelte ihn schelmisch an. „Na ja, ich habe Dich gewinnen lassen.“ Sie zwinkerte ihm zu und kam stöhnend auf die Beine. „Und jetzt brauche ich dringend ein heißes Bad. Wir sehen uns nachher auf der Feier.“ Zitternd ging sie zurück ins Gasthaus und ließ sich das angesprochene heiße Bad bereiten.

Am Abend bemühte Saria sich, von allen einmal gesehen zu werden, plauderte mit vielen Müt­tern, deren Kinder sie kannten und ansprachen. Peinlich achtete sie darauf, nie allein mit Aril zu sein. Während sie im heißen Wasser entspannt hatte, hatte sie auch Zeit gehabt nachzudenken und sich entschieden, dem Barbar keine Hoffnungen machen zu wollen. So süß er auch manchmal wirk­te, er war ein Wilder. Das durfte sie einfach nicht vergessen. Sie musste sich nur seine Berserkerna­tur vor Augen führen. Die Erinnerung an seinen Gesichtsausdruck ließ sie frösteln. Laládis Warnung hatte Saria ebenfalls nicht vergessen. Ein wenig erwartete sie ohnehin noch ein Gespräch mit der Elfe über diesen Nachmittag.
Als ein paar Stunden nach Einbruch der Dunkelheit die Kinder gegen deren Willen ins Bett ge­bracht wurden, half Saria den Müttern. Es war wie erhofft eine gute Gelegenheit sich unauffällig von der Feier fortzustehlen. Im Stall band sie ihrem Pferd rasch Lappen um die Hufe, um seine Schritte zu dämpfen. Da es auf dem Fest recht laut zuging, war dies vermutlich eine unnötige Vor­sichtsmaßnahme, doch die junge Hexe wollte sicher gehen.
Die Lichtung im Wald erreichte sie kurz vor Mitternacht, doch es blieb noch genug Zeit. Sie band ihr Pferd ein gutes Stück entfernt von dem Holzhaufen an einen Baum und deckte es sorgfältig ab. Nachdem der Hengst versorgt war trat Saria vor das Holz. Mit geschlossenen Augen atmete sie ein paar mal tief durch.
Ignem fače.“ Auf ihrem rechten Zeigefinger erschien eine kleine Flamme. Sie streckte die Hand aus und berührte mit dem Finger das Holz. Da es feucht war entzündete es sich nicht. Das hatte Sa­ria erwartet und ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Sie konzentrierte sich auf die kleine Flamme und auf sich selbst. Alles um sich herum blendete sie aus. Die Lichtung gab es nicht mehr, die Sterne und der Mond über ihr waren verschwunden. Es existierten nur sie, die Flamme auf ih­rem Finger und das Holz. Und ihre Magie. Ein Kribbeln fuhr über ihre Haut, feinste Härchen stell­ten sich elektrisiert auf. Sie kanalisierte ihre Magie, lenkte sie ihren Arm hinab und in die Flamme, in das Holz. Ihr Pferd wieherte, doch sie nahm es kaum wahr. Saria speiste die Flamme bis sie anschwoll und sich auf das Holz ausbreitete. Doch damit nicht genug. Noch mehr Energie floss von ihr in das Feuer, bis es hoch und hell brannte. Während dieser Prozedur war die junge Hexe Schritt um Schritt rückwärts gegangen, um nicht durch die Hitze verbrannt zu werden. Nach mehreren Minuten war sie fertig, erschöpft und doch voller Tatandrang. Dies war nur der erste Teil des Rituals. Das Holz war nötig, um das Feuer in Gang zu bringen, doch nun wurde es von Magie genährt, ihrer Magie. Sie hatte ihre Kräfte nahezu vollständig erschöpft, sie hineingepumpt in die Flammen. Das machte jedoch nichts, denn in dieser Nacht würde sie diese Kräfte nicht mehr benötigen. Nun musste sie dafür sorgen, dass der Fluss der Energien bestehen blieb. Das war der Teil des Rituals, der ihr schon als Jugendliche Freude bereitet hatte, als sie das erste Mal an der Durchführung des Sonnenwendrituals teilgenommen hatte. Ohne zu zögern legte sie ihre Kleidung ab. Das Feuer strahlte ausreichend Hitze ab, dass sie nicht fror. Sie begann zu tanzen. Die erhitzte Luft floss über ihre Haut, streichelte ihren Körper. Sie brauchte einige Herzschläge, bis sie den richtigen Rhythmus fand. Dann aber schoss die Magie der Umgebung durch ihren Körper und nährte die Flammen. Dieses Gefühl war mit nichts zu vergleichen. Das Kribbeln der Energien auf ihrer Haut, die tiefe Zufriedenheit, das Eins-sein mit der Natur. Saria konnte nicht anders sie lächelte. Sie lächelte und tanzte, tanzte, tanzte.
Die leuchtenden Augen, die sie beobachteten, bemerkte sie nicht.

© Ben Grauh, 23.12.2013
ben.grauh@gmail.com

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