Saria
Arberdan (Teil 7)
Die
fremdartigen Schreie der Orks brandeten der jungen Hexe entgegen wie
die See bei Sturm gegen eine Klippe. Das Kreischen und Quieken
schmerzte in den Ohren. Einzelne Worte konnte Saria nicht
heraushören und selbst wenn es ihr möglich gewesen wäre, so hätte
sie doch nichts der kehligen Sprache verstanden. Ohnehin war es ihr
gleichgültig, was diese grünhäutigen Wesen von sich gaben. Im
Moment zählte nur, dass sie ihrem Freund half bevor seine Gegner ihn
überwältigen konnten. Die hinterste Reihe der Angreifer des Dorfes
flog der jungen Frau auf dem Pferd geradezu entgegen, obwohl diese
kaum mehr taten als sich zu ihr umzudrehen. Als die Orks ihre zum
Teil rostigen Speere, Schwerter und mit Nägeln gespickten Keulen in
ihre Richtung hielten dämmerte Saria, dass sie im Begriff war einen
folgenschweren Fehler zu begehen. Sie saß auf einem normalen
Reitpferd, nicht dazu gezüchtet und ausgebildet, Gegner
niederzutrampeln. Doch selbst wenn sie auf einem Schlachtross
gesessen wäre, hätte Saria keinerlei Ausbildung und Erfahrung
darin, es in eine wenn auch ungeordnete Schlachtreihe hineinzureiten.
Jetzt oder nie! dachte sie,
doch zu spät.
Ihr
Pferd scheute kurz vor den Waffen der Orks und stieg wiehernd. Saria
hob es aus dem Sattel und wäre sie nicht ohnehin auf ein ruckartiges
Abbremsen vorbereitet gewesen, hätte dieses Aufbäumen sie
gewiss vom Rücken des Tieres auf den Boden geworfen. Mit
knapper Not konnte sie sich im Sattel halten, ihre Schenkel fest an
die Seiten des Pferdes gepresst und die Fingerknöchel weiß in dem
Versuch, die Zügel in den Händen zu behalten. Dennoch rutschte sie
mit dem rechten Fuß aus dem Steigbügel und geriet in eine
gefährliche Schieflage. Würde
sie jetzt fallen geriete sie unweigerlich unter die Hufe und würde
schwer verletzt werden. Oder getötet, was in Anbetracht der
Alternative möglicherweise der gnädigere Tod wäre. Verzweifelt
griff Saria nach dem Sattelknauf um sich wieder in eine aufrechte
Position ziehen zu können. Kein
einfaches Vorhaben, besonders da ihr Pferd nicht daran dachte
stillzustehen. Das Tier hatte auf den Hinterläufen stehend eine gute
Vierteldrehung nach rechts vollführt
und schickte sich an, entlang der Orks weiterzulaufen.
Den
Sattelknauf in der Hand bemühte die junge Frau sich ächzend wieder
auf den Rücken ihres Pferdes zu kommen, da wurde ihr Kopf brutal
nach hinten gerissen. Ihre Kopfhaut stand urplötzlich in Flammen,
zumindest dem Gefühl nach. Mit einem Schmerzensschrei rutschte sie
endgültig aus dem Sattel und sah ihr Pferd wie in Zeitlupe
fortgaloppieren, weg von den
Orks – und weg von ihr. Der
Aufprall auf den kalten Boden war hart und presste ihr die Luft aus
den Lungen. Von einem
Augenblick zum nächsten schmerzte nicht nur ihre Kopfhaut
sondern auch ihr gesamter Brustkorb. Tränen traten
ihr in die Augen als sie mühsam wieder Luft in ihre Lungen sog.
Verschwommen sah sie einen
Ork in ihr Blickfeld treten, der soeben ein Büschel dunkelroter
Haare losließ, das in einer sanften Brise davonwehte. Mein
Haar, schoss es der Hexe durch
den Kopf. Der Gedanke war völlig fehl am Platz, doch irgendwie ließ
er sie nicht los. Der Ork hat mir die Haare ausgerissen.
Alles erschien ihr
plötzlich unwirklich. Eigentlich war sie auf der Suche nach ihrer
Schwester Danielle, wie konnte sie also nun mit einer Gruppe Fremder
durch ein unbekanntes Land reiten und Orks angreifen? Das war
falsch. Eine reine Zuschauerin in ihrem eigenen Körper sah Saria wie
der Ork, der über ihr aufragte und den Himmel vor ihr verbarg, einen
rostigen Säbel hob um ihr den Kopf von den Schultern zu trennen. Von
dem Rost wirst Du Wundbrand bekommen und sterben,
schien eine Stimme in ihrem Kopf zu flüstern.
Sterben?
Ich darf nicht sterben, ich muss Danielle finden!
Die Klinge des Orks raste auf ihren Hals zu, durchschnitt die Luft so
leicht, wie sie gleich Haut und Muskeln durchtrennen würde. Die Hexe
rollte zur Seite und entging knapp einer Begegnung mit der
Göttin des Todes. Zuntrax
würde noch ein wenig auf sie warten müssen. Frustriert
brüllte der Ork, weil er sie verfehlt hatte. Saria versuchte auf die
Beine zu kommen, denn liegend würde sie sehr schnell doch noch den
Kürzeren ziehen. Sie kam nur
bis auf die Knie als der Ork ihr seinen metallbeschlagenen Stiefel in
die Seite rammte. Wieder wurde ihr die Luft aus den Lungen gedrückt
und Saria fiel wieder auf den
Boden.
Durch
einen Schleier aus Haaren und Tränen blickte die junge Frau auf und
sah nun zum ersten Mal bewusst das hässliche Gesicht ihres Gegners.
Wie die meisten Orks hatte seine Haut eine blassgrüne Färbung
und aus seinem Mund ragten gelbe Hauer. Von
seinem linken Ohr fehlte die Hälfte und der übriggebliebene Rest
sah unnatürlich weich aus.
Dies allein würde ihn schon zu einer unschön anzusehenden
Kreatur machen doch zierte zusätzlich eine gezackte rosa Narbe seine
rechte Wange, die knapp unter seinem kleinen, schwarzen Auge begann
und sich bis zum Kinn hinunterzog. Sicher war sie nicht, doch
Saria meinte auch zu sehen, dass ein kleines Stück seiner Nase
fehlte, doch dies mochte auch eine Täuschung sein. Der
Ork sagt etwas in seiner Sprache, was sich für die Hexe wie ein
Knurren und Gurgeln anhörte. Was immer es bedeuten mochte, eine
Entschuldigung war es gewiss nicht. Erneut
holte der Ork mit seinem Säbel aus um ihr den Garaus
zu machen.
„Dolorae
fače!‟
entgegnete Saria und hielt
ihm eine der kleinen silbernen Nadeln vor den Wanst. Sie
hatte die Nadel aus dem Beutel an ihrem Gürtel geholt während ihr
Gegner gesprochen hatte. Es war ein Risiko gewesen, denn hätte der
Ork sich nicht mit seinem
Gerede aufgehalten, hätte sie die Nadel nicht rechtzeitig in die
Finger bekommen. Nun aber krümmte sich der Ork vor Schmerz und die
junge Frau konnte sich endlich wieder aufrappeln. Keuchend
gelangte sie auf die Beine, nur um sich einem weiteren Ork gegenüber
zu sehen. Keuchend rief sie
ihren Hexenstab herbei und
wehrte den ersten Hieb des zweiten Orks ab. Dieser hatte eine Keule
in der haarigen Pranke, die über und über mit Nägeln gespickt war.
Die Wucht des Aufpralls ließ
Sarias Arme zittern und ihren Brustkorb schmerzen. Hatte der andere
Ork ihr etwa eine Rippe gebrochen? Sie
hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn ihr Gegner holte
schon zum nächsten Schlag aus. Er hatte hoch angesetzt und
beschrieb eine relativ waagrechte Kurve. Ihr Kopf war sein Ziel.
Saria ließ sich in die Hocke fallen und die Keule ging ins Leere.
Der Schwung jedoch brachte
den Ork aus dem Gleichgewicht, hatte er doch mit einem Aufprall
seiner Waffe gerechnet. Saria
riss mit der linken Hand ihren Dolch aus der Scheide und rammte ihn
dem Ork in die entblößte Achsel. Ein
schrilles Quieken zeugte von ihrem Erfolg. Ihr Gegner versuchte
noch einen rückhändigen Schlag anzubringen, doch verließ ihn ob
der tödlichen Wunde rasch die Kraft.
Mit
einem ekelhaft schmatzenden Geräusch befreite die junge Frau ihre
Klinge. Es war nur ein Ork, dennoch spürte sie Übelkeit in sich
aufsteigen. Orks rochen schon
lebendig ziemlich übel,
doch tot stanken sie noch schlimmer. Wäre
der Gestank nicht schon genug um sie umzubringen sah Saria sich nun
wieder ihrem ersten Gegner gegenüber. Die magischen Schmerzen hatten
nachgelassen und ihn noch wütender gemacht. Sein
Gebrüll war ohrenbetäubend und diesmal würde sie seinen
Schlag nicht abwehren können. Ihre Kraft war einfach verbraucht, für
Kämpfe dieser Art war sie eben nicht geschaffen. Erneut nur ein Gast
in ihrem Körper sah sie die rostige Klinge näher kommen. Dieser Ork
machte nicht den Fehler sie köpfen zu wollen. Sein Schlag kam quer
von oben herab und würde sie sauber diagonal teilen.
Langsam,
Zoll für Zoll senkte sich der Säbel. Bald würde sie Zuntrax
gegenüberstehen und die Herrin des Todes kennenlernen. Ob
die Augen der Göttin tatsächlich aus schimmerndem Obsidian
bestanden, wie sie immer dargestellt wurden? War sie die große
schlanke Frau mit den spitz zulaufenden Fingernägeln, die sie
als Krallen nutzen konnte, um die unsterblichen Seelen der Menschen
zu quälen? Ein Kribbeln überzog Sarias Haut, ließ ihre Nackenhaare
sich aufstellen. Sie meinte, einen kalten Hauch zu spüren, der ihre
Haare für einen winzigen Moment entgegen der Windrichtung
flattern ließ. Gleich war es soweit, der Säbel war nah.
Warmes,
stinkendes Blut spritzte der jungen Frau ins Gesicht, drang in Mund
und Nase und veranlasste sie umgehend dazu zu würgen. Der
Geschmack war grauenerregend. Maden mussten so schmecken oder andere
eklige Insekten. So gut sie konnte spuckte sie das Blut aus,
versuchte es aus sich herauszubekommen. Was sie auf den Boden spie
war rotbrauner Speichel, der in ihren Augen unangenehm schleimig und
glibberig wirkte. Ob das eine
Krankheit hervorrufen konnte? War es gefährlich, Orkblut zu
schlucken? Um sich von diesen unangenehmen Gedanken abzulenken
blickte Saria auf um zu sehen, warum sie nicht tot und das Blut in
ihr Gesicht gespritzt war. Das
war ein Fehler, denn der
Anblick, der sich ihr bot, war grausamer als sie für möglich
gehalten hätte. Der
abgetrennte Arm ihres Angreifers lag vor ihr, daneben
sein lebloser Körper. Vom fehlenden Arm abgesehen war die
tödliche Wunde vermutlich das große Loch in seinem Brustkorb, durch
das schwarze, feucht schimmernde Eingeweide quollen,
umgeben von schwarz glänzendem Orkblut. Allein
das war schon sehr beunruhigend für Sarias ohnehin bereits
revoltierenden Magen. Den Rest gab ihr jedoch Arils Anblick, der sie
gerettet hatte. Über und
über mit Blut beschmiert – das meiste, so vermutete sie, Orkblut –
hatte der Barbar die blauen Augen zu einem irren Blick aufgerissen,
sein Gesicht war zu einer grotesken Maske verzerrt. Sein
blondes Haar hing ihm strähnig ins Gesicht und vom Blatt seines
Schlachtbeils troff das Blut in Strömen. Dabei wollte ich
ihm helfen, schoss es der jungen
Frau noch durch den Kopf, bevor sie sich übergab. Beinahe war sie
froh darüber, denn der Geruch ihres Erbrochenen verdeckte den
Gestank nach Blut und Tod der Orks.
An
den Rest des Kampfes konnte Saria sich später nur noch
bruchstückhaft erinnern. Von
ihrer Position am Boden liegend aus hatte sie keinen guten Blick
gehabt. Arils vor Blut starrende Stiefel tauchten regelmäßig in
ihrem Gesichtsfeld auf und meist fiel kurz darauf ein Ork tot oder
sterbend zu Boden. Sie wusste
nicht, ob sie irgendwann vor Erschöpfung eingeschlafen war oder ob
sie ohnmächtig wurde, doch die nächste bewusste Erinnerung
waren kräftige Hände, die sie auf die Füße hoben. Auf wackligen
Beinen wurde sie von ihr unbekannten Männern in Rüstung mit rotem
Überwurf in das Dorf gebracht, dem sie zu helfen versucht
hatten. Erfolgreich offenbar,
denn es stand noch und die Orks waren entweder tot oder geflohen.
Irgendwer hatte sie gebadet
und von dem Blut gereinigt. Laládi vermutlich, denn der enge Verband
um ihren Brustkorb duftete nach einer Sommerwiese und das
erschien der jungen Hexe irgendwie elfisch.
Nun
saß Saria in einem einfachen
roten Wollkleid auf einer
Bank im Gasthaus des Dorfes, nahe des Feuers, und war bemüht, keine
schnellen Bewegungen auszuführen. Soweit
ihr erklärt wurde, hatte der Ork ihr tatsächlich zwei Rippen
gebrochen, die Laládi mit ihrer Magie wieder ein Stück weit heilen
konnte. Der Elfe zufolge würde
es aber noch ein paar Tage dauern, bis die Knochen wieder
vollständig zusammengewachsen
wären
und bis dahin sollte sie den Verband tragen. Die meisten
Bewegungen schmerzten, wenn auch nicht sehr. Saria
war froh, dass die Gruppe sich entschlossen hatte in dem Dorf zu
überwintern, denn das Auf und Ab eines Ritts hätte sie vermutlich
nicht ertragen können. Vor
ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit Braten, den sie jedoch bisher
nicht angerührt hatte. Es war ein gutes Essen, ein Dank der
Dorfbevölkerung für die Hilfe gegen die Orks und gern hätte die
junge Frau dies angenommen. Doch die sämige dunkle Biersoße
erinnerte sie zu sehr an das dunkle Blut der Orks und das
wiederum ließ sie an Aril denken. An
Aril und diesen
wahnsinnigen Ausdruck in seinen Augen. Trotz
des wärmenden Feuers bekam sie bei der Erinnerung an diesen
Anblick eine Gänsehaut. Um
sich abzulenken sah die junge Frau sich im Gasthaus um. Es waren
nur wenige Gäste hier, die meisten waren draußen und halfen bei
aufziehender Dämmerung bei der Reparatur des Palisadenzauns. Niemand
wollte einen zweiten Angriff der Orks riskieren, auch wenn es
allgemeiner Tenor war, dass man die Attacke erfolgreich abgewehrt
hatte. Hier in der Taverne
befand sich nur eine Handvoll
Verletzter und die Dienstmägde, die hier ohnehin gearbeitet hätten.
Alle anderen waren mit Aufbauarbeiten oder der Pflege der schwerer
Verwundeten beschäftigt. Gerne
hätte Saria geholfen, doch Laládis Worte waren unmissverständlich
gewesen. Die Heilkünste der Elfe waren gut, aber jedwede
körperliche Anstrengung in den nächsten Tagen könnte dazu führen,
dass ihre Rippen erneut brachen. Also war ihr strengste Ruhe
verordnet worden, so sehr ihr das auch missfiel. Wenn
sie ehrlich zu sich selbst war hätte sie jedoch nicht wirklich
helfen können, spürte sie doch jede Bewegung. Eine
der Mägde, ein Mädchen um die vierzehn Sommer mit dreckig-blondem
Haar unter einem verblassten grünen Tuch bemerkte ihren suchenden
Blick und kam zu ihr. Vermutlich dachte sie, Saria hätte nach ihr
oder einer der anderen Mägde
gesucht.
„Schmeckt
Euch der Braten nicht? Er ist wirklich gut, Toben ist ein
hervorragender Koch, das kann ich Euch versichern. Oder mögt Ihr
kein Fleisch? Wir haben auch einen guten Gemüseeintopf.‟
„Ich
mag Braten, doch ich gestehe, heute möchte
ich keinen. Wenn es Euch
nichts ausmacht, eine kleine Schüssel Gemüseeintopf nehme
ich gerne.‟ Entschuldigend
blickte Saria zu dem Mädchen auf. Diese
grinste sie mit
schiefen Zähnen an. Saria
mochte die junge Schankmaid,
denn sie hatte schnell gemerkt, dass die Hexe ihrer Sprache nicht
uneingeschränkt mächtig war und sprach seitdem langsam und in
einfachen Sätzen mit ihr. So verstand Saria fast alles.
„Natürlich macht
mir das nichts aus, Ihr habt uns allen doch geholfen! Ich bringe Euch
sofort den Eintopf, einen Moment.‟
Saria sah dem
Mädchen nach wie es leichtfüßig durch den Schankraum lief und
dabei geschickt den Tischen und Stühlen auswich, die ihm im Weg
standen. Der Angriff hatte ihr Gemüt nicht lange trüben können.
Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur das Glück gehabt, dass
niemand aus ihrer Familie oder von ihren Freunden getötet worden
war. Insgesamt hatten die Dorfbewohner in dieser Hinsicht Iorna an
ihrer Seite gehabt. Nur drei Männer waren den Klingen der Orks zum
Opfer gefallen und kaum jemand war so ernsthaft verwundet, dass
man um sein Überleben fürchten musste.
„Ihr scheint weit
entfernt zu sein.‟
Die junge Hexe
zuckte zusammen und verzog sogleich schmerzverzerrt das Gesicht.
Plötzliche Bewegungen waren die schlimmsten. Ein wenig verstimmt
blickte sie zu dem Ordensritter auf, der sie angesprochen hatte. Vor
ihrem Tisch stand ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit kurzen
braunen Locken und einem so glatten Kinn, dass Saria sich fragte, ob
er überhaupt schon Bartwuchs hatte. Seine braunen Augen blickten
freundlich auf sie herab und ein leichtes Lächeln umspielte seine
Mundwinkel.
„Verzeiht bitte,
ich wollte Euch nicht erschrecken. Mein Name ist Aeren aus dem Orden
des Rontó.‟ Auch die sanfte Stimme klang mehr nach einem Jüngling
als einem erwachsenen Mann.
Saria atmete einmal
tief durch, soweit der Verband ihr das erlaubte, um ihr schnell
schlagendes Herz zu beruhigen und sich zu sagen, dass Aeren sie nicht
absichtlich erschreckt hatte. „Schon gut Ritter Aeren. Mein Name
ist Saria. Bitte, setzt Euch doch.‟ Mit einer ruhigen Handbewegung
deutete sie auf den Stuhl ihr gegenüber.
Bevor der Ritter
reagieren konnte kam die Magd mit Sarias Eintopf zurück und stellte
diesen auf den Tisch. Aeren verneinte die Frage, ob er ebenfalls
etwas essen wolle, bat jedoch um etwas Wasser. Anschließend
setzte er sich zögernd und blickte auf die dampfende Schüssel vor
der jungen Frau.
„Wollt Ihr
vielleicht doch etwas?‟ Sie zog die Schüssel besitzergreifend ein
Stück näher zu sich und nahm den Löffel zur Hand. So wenig sie den
Braten hatte essen können, desto mehr Hunger hatte sie beim Anblick
des Gemüseeintopfs bekommen und war nicht gewillt diesen zu teilen.
Der Junge – Saria
schaffte es trotz der Kettenrüstung und des Langschwerts an seiner
Seite nicht, Aeren als Mann anzusehen – schüttelte verneinend den
Kopf. „Nein, es ist nur … Ich wollte Euch nicht beim Essen
stören.‟ Er wirkte verlegen.
Jetzt erst fiel
Saria auf, dass Aeren sie in Indunam ansprach. Akzentfrei. Sie
beschloss, dieser Sache später auf den Grund zu gehen und sich
zunächst nichts anmerken zu lassen.
„Eure Anwesenheit
stört mich nicht, Ritter, doch werde ich den Eintopf nicht kalt
werden lassen.‟ Mit einem Lächeln nahm sie ihren Worten die
Härte und tauchte den Löffel in die Suppe. „Was bringt Euch zu
mir?‟
„Nun, ich habe
Euch kämpfen sehen. Genauer gesagt, ich habe gesehen, wie Ihr Eurem
Freund zu Hilfe kamt und wie er anschließend kämpfte. Er ist
ein Berserker, nicht wahr?‟
Der jungen Hexe
blieb das Stück Kartoffel beinahe im Hals stecken. Berserker? Oh ja,
das würde es erklären! Ihre Erinnerung war vage und verschwommen,
aber Aril schien wirklich ohne jede Rücksicht auf Verluste gekämpft
zu haben. Aufgrund seiner Größe und der seines Schlachtbeils konnte
Aril sich erlauben, seine Deckung zu vernachlässigen. Doch hatte er
seinen eigenen Schutz tatsächlich vollständig ignoriert? Saria
konnte es nicht sagen. An seinen Blick konnte sie sich nur zu gut
erinnern.
„Seid Ihr Euch da
sicher, Ritter? Aril könnte doch auch nur ein großes
Selbstvertrauen besitzen und wusste daher, dass die Orks ohnehin
nicht nahe genug an ihn herankommen könnten.‟ In ihrer Stimme
schwang unterschwellig Hoffnung mit. Mit einem Berserker im Kampf zu
stehen konnte für jeden tödlich enden, auch für dessen Freunde.
Aeren sah
unglücklich aus, entschied sie.
„Natürlich hatte
ich während des Kampfes nicht die Zeit, ihn ausgiebig zu beobachten.
Doch mir schienen alle Anzeichen gegeben.‟ Der junge Mann sah zur
Seite als wäre er verlegen, machte ansonsten jedoch nicht den
Eindruck als wäre dem so. Von der Seite gesehen wirkte sein Kinn
noch glatter als von vorne, was den Eindruck des Jünglings
verstärkte.
Wie alt ist er?
fragte Saria sich. Vierzehn? Fünfzehn?
„Würde … Würde
es Euch etwas ausmachen, wenn ich ihn darauf anspreche? Ich hätte
Euch dann gerne in der Nähe gewusst. Ein vertrautes Gesicht sollte
ihn beruhigen.‟
„Wie kommt Ihr
darauf, dass meine Anwesenheit Aril beruhigt? Es könnte ihn erst
recht aus der Fassung bringen. Er ist ein Barbar und wer weiß schon,
ob er meine Anwesenheit nicht als Verrat wertet? Bei seinem Volk kann
man da nie sicher sein.‟
An Aerens
Gesichtsausdruck merkte Saria, dass ihre Worte harscher waren als
beabsichtigt. Verlegen sah sie auf ihre Schüssel nieder und
rührte langsam mit dem hölzernen Löffel darin. Das Gemüse
drehte sich gemächlich kreisend in der gelblich-grünen Suppe.
„Ich werde ihn
fragen, das ist alles was ich Euch versprechen kann, Ritter‟,
murmelte sie nach einem kurzen Moment des Schweigens.
Aeren antwortete
ernsthaft. „Ich danke Euch, Mylady. Ihr findet mich tagsüber im
Dorf und Abends im Ordenshaus. Ich wünsche Euch noch einen schönen
Abend.‟ Mit diesen Worten stand er auf und verbeugte sich leicht.
„Danke, Ritter
Aeren, den wünsche ich Euch ebenfalls.‟
Der junge Mann
nickte, drehte sich um und ging gemächlichen Schrittes, als hätte
er alle Zeit der Welt, aus dem Gasthaus.
Saria sah ihm nach
und konnte sich nicht entscheiden, was sie von ihm halten sollte.
Vieles an Aeren wirkte widersprüchlich. Er handelte wie ein
erwachsener Mann, sah dabei doch aus wie ein Junge, dem noch nicht
einmal der Bart wuchs. Seine Haltung strahlte hingegen eine
Sicherheit aus, die man nur als Erwachsener haben konnte. Es war ihr
ein Rätsel. Ein Seufzen entrang sich ihrer Brust.
Noch etwas,
worüber Du Dir Gedanken machen kannst...
©
Ben Grauh, 16.06.2013
ben.grauh@gmail.com
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