Sonntag, 16. Juni 2013

Saria

Saria Arberdan (Teil 7)


Die fremdartigen Schreie der Orks brandeten der jungen Hexe entgegen wie die See bei Sturm gegen eine Klippe. Das Kreischen und Quieken schmerzte in den Ohren. Einzelne Worte konnte Sa­ria nicht heraushören und selbst wenn es ihr möglich gewesen wäre, so hätte sie doch nichts der kehligen Sprache verstanden. Ohnehin war es ihr gleichgültig, was diese grünhäutigen Wesen von sich gaben. Im Moment zählte nur, dass sie ihrem Freund half bevor seine Gegner ihn überwältigen konnten. Die hinterste Reihe der Angreifer des Dorfes flog der jungen Frau auf dem Pferd geradezu entgegen, obwohl diese kaum mehr taten als sich zu ihr umzudrehen. Als die Orks ihre zum Teil rostigen Speere, Schwerter und mit Nägeln gespickten Keulen in ihre Richtung hielten dämmerte Saria, dass sie im Begriff war einen folgenschweren Fehler zu begehen. Sie saß auf einem normalen Reitpferd, nicht dazu gezüchtet und ausgebildet, Gegner niederzutrampeln. Doch selbst wenn sie auf einem Schlachtross gesessen wäre, hätte Saria keinerlei Ausbildung und Erfahrung darin, es in eine wenn auch ungeordnete Schlachtreihe hineinzureiten. Jetzt oder nie! dachte sie, doch zu spät.
Ihr Pferd scheute kurz vor den Waffen der Orks und stieg wiehernd. Saria hob es aus dem Sattel und wäre sie nicht ohnehin auf ein ruckartiges Abbremsen vorbereitet gewesen, hätte dieses Auf­bäumen sie gewiss vom Rücken des Tieres auf den Boden geworfen. Mit knapper Not konnte sie sich im Sattel halten, ihre Schenkel fest an die Seiten des Pferdes gepresst und die Fingerknöchel weiß in dem Versuch, die Zügel in den Händen zu behalten. Dennoch rutschte sie mit dem rechten Fuß aus dem Steigbügel und geriet in eine gefährliche Schieflage. Würde sie jetzt fallen geriete sie unweigerlich unter die Hufe und würde schwer verletzt werden. Oder getötet, was in Anbetracht der Alternative möglicherweise der gnädigere Tod wäre. Verzweifelt griff Saria nach dem Sattelknauf um sich wieder in eine aufrechte Position ziehen zu können. Kein einfaches Vorhaben, besonders da ihr Pferd nicht daran dachte stillzustehen. Das Tier hatte auf den Hinterläufen stehend eine gute Vierteldrehung nach rechts vollführt und schickte sich an, entlang der Orks weiterzulaufen.
Den Sattelknauf in der Hand bemühte die junge Frau sich ächzend wieder auf den Rücken ihres Pferdes zu kommen, da wurde ihr Kopf brutal nach hinten gerissen. Ihre Kopfhaut stand urplötzlich in Flammen, zumindest dem Gefühl nach. Mit einem Schmerzensschrei rutschte sie endgültig aus dem Sattel und sah ihr Pferd wie in Zeitlupe fortgaloppieren, weg von den Orks – und weg von ihr. Der Aufprall auf den kalten Boden war hart und presste ihr die Luft aus den Lungen. Von einem Au­genblick zum nächsten schmerzte nicht nur ihre Kopfhaut sondern auch ihr gesamter Brustkorb. Tränen traten ihr in die Augen als sie mühsam wieder Luft in ihre Lungen sog. Verschwommen sah sie einen Ork in ihr Blickfeld treten, der soeben ein Büschel dunkelroter Haare losließ, das in einer sanften Brise davonwehte. Mein Haar, schoss es der Hexe durch den Kopf. Der Gedanke war völlig fehl am Platz, doch irgendwie ließ er sie nicht los. Der Ork hat mir die Haare ausgerissen. Alles er­schien ihr plötzlich unwirklich. Eigentlich war sie auf der Suche nach ihrer Schwester Danielle, wie konnte sie also nun mit einer Gruppe Fremder durch ein unbekanntes Land reiten und Orks angrei­fen? Das war falsch. Eine reine Zuschauerin in ihrem eigenen Körper sah Saria wie der Ork, der über ihr aufragte und den Himmel vor ihr verbarg, einen rostigen Säbel hob um ihr den Kopf von den Schultern zu trennen. Von dem Rost wirst Du Wundbrand bekommen und sterben, schien eine Stimme in ihrem Kopf zu flüstern.
Sterben? Ich darf nicht sterben, ich muss Danielle finden! Die Klinge des Orks raste auf ihren Hals zu, durchschnitt die Luft so leicht, wie sie gleich Haut und Muskeln durchtrennen würde. Die Hexe rollte zur Seite und entging knapp einer Begegnung mit der Göttin des Todes. Zuntrax würde noch ein wenig auf sie warten müssen. Frustriert brüllte der Ork, weil er sie verfehlt hatte. Saria versuchte auf die Beine zu kommen, denn liegend würde sie sehr schnell doch noch den Kürzeren ziehen. Sie kam nur bis auf die Knie als der Ork ihr seinen metallbeschlagenen Stiefel in die Seite rammte. Wieder wurde ihr die Luft aus den Lungen gedrückt und Saria fiel wieder auf den Boden.
Durch einen Schleier aus Haaren und Tränen blickte die junge Frau auf und sah nun zum ersten Mal bewusst das hässliche Gesicht ihres Gegners. Wie die meisten Orks hatte seine Haut eine blass­grüne Färbung und aus seinem Mund ragten gelbe Hauer. Von seinem linken Ohr fehlte die Hälfte und der übriggebliebene Rest sah unnatürlich weich aus. Dies allein würde ihn schon zu einer un­schön anzusehenden Kreatur machen doch zierte zusätzlich eine gezackte rosa Narbe seine rechte Wange, die knapp unter seinem kleinen, schwarzen Auge begann und sich bis zum Kinn hinunter­zog. Sicher war sie nicht, doch Saria meinte auch zu sehen, dass ein kleines Stück seiner Nase fehl­te, doch dies mochte auch eine Täuschung sein. Der Ork sagt etwas in seiner Sprache, was sich für die Hexe wie ein Knurren und Gurgeln anhörte. Was immer es bedeuten mochte, eine Entschuldi­gung war es gewiss nicht. Erneut holte der Ork mit seinem Säbel aus um ihr den Garaus zu machen.
Dolorae fače!entgegnete Saria und hielt ihm eine der kleinen silbernen Nadeln vor den Wanst. Sie hatte die Nadel aus dem Beutel an ihrem Gürtel geholt während ihr Gegner gesprochen hatte. Es war ein Risiko gewesen, denn hätte der Ork sich nicht mit seinem Gerede aufgehalten, hätte sie die Nadel nicht rechtzeitig in die Finger bekommen. Nun aber krümmte sich der Ork vor Schmerz und die junge Frau konnte sich endlich wieder aufrappeln. Keuchend gelangte sie auf die Beine, nur um sich einem weiteren Ork gegenüber zu sehen. Keuchend rief sie ihren Hexenstab herbei und wehrte den ersten Hieb des zweiten Orks ab. Dieser hatte eine Keule in der haarigen Pranke, die über und über mit Nägeln gespickt war. Die Wucht des Aufpralls ließ Sarias Arme zittern und ihren Brustkorb schmerzen. Hatte der andere Ork ihr etwa eine Rippe gebrochen? Sie hatte keine Zeit darüber nach­zudenken, denn ihr Gegner holte schon zum nächsten Schlag aus. Er hatte hoch angesetzt und be­schrieb eine relativ waagrechte Kurve. Ihr Kopf war sein Ziel. Saria ließ sich in die Hocke fallen und die Keule ging ins Leere. Der Schwung jedoch brachte den Ork aus dem Gleichgewicht, hatte er doch mit einem Aufprall seiner Waffe gerechnet. Saria riss mit der linken Hand ihren Dolch aus der Scheide und rammte ihn dem Ork in die entblößte Achsel. Ein schrilles Quieken zeugte von ih­rem Erfolg. Ihr Gegner versuchte noch einen rückhändigen Schlag anzubringen, doch verließ ihn ob der tödlichen Wunde rasch die Kraft.
Mit einem ekelhaft schmatzenden Geräusch befreite die junge Frau ihre Klinge. Es war nur ein Ork, dennoch spürte sie Übelkeit in sich aufsteigen. Orks rochen schon lebendig ziemlich übel, doch tot stanken sie noch schlimmer. Wäre der Gestank nicht schon genug um sie umzubringen sah Saria sich nun wieder ihrem ersten Gegner gegenüber. Die magischen Schmerzen hatten nachgelas­sen und ihn noch wütender gemacht. Sein Gebrüll war ohrenbetäubend und diesmal würde sie sei­nen Schlag nicht abwehren können. Ihre Kraft war einfach verbraucht, für Kämpfe dieser Art war sie eben nicht geschaffen. Erneut nur ein Gast in ihrem Körper sah sie die rostige Klinge näher kommen. Dieser Ork machte nicht den Fehler sie köpfen zu wollen. Sein Schlag kam quer von oben herab und würde sie sauber diagonal teilen.
Langsam, Zoll für Zoll senkte sich der Säbel. Bald würde sie Zuntrax gegenüberstehen und die Herrin des Todes kennenlernen. Ob die Augen der Göttin tatsächlich aus schimmerndem Obsidian bestanden, wie sie immer dargestellt wurden? War sie die große schlanke Frau mit den spitz zulau­fenden Fingernägeln, die sie als Krallen nutzen konnte, um die unsterblichen Seelen der Menschen zu quälen? Ein Kribbeln überzog Sarias Haut, ließ ihre Nackenhaare sich aufstellen. Sie meinte, einen kalten Hauch zu spüren, der ihre Haare für einen winzigen Moment entgegen der Windrich­tung flattern ließ. Gleich war es soweit, der Säbel war nah.
Warmes, stinkendes Blut spritzte der jungen Frau ins Gesicht, drang in Mund und Nase und ver­anlasste sie umgehend dazu zu würgen. Der Geschmack war grauenerregend. Maden mussten so schmecken oder andere eklige Insekten. So gut sie konnte spuckte sie das Blut aus, versuchte es aus sich herauszubekommen. Was sie auf den Boden spie war rotbrauner Speichel, der in ihren Augen unangenehm schleimig und glibberig wirkte. Ob das eine Krankheit hervorrufen konnte? War es ge­fährlich, Orkblut zu schlucken? Um sich von diesen unangenehmen Gedanken abzulenken blickte Saria auf um zu sehen, warum sie nicht tot und das Blut in ihr Gesicht gespritzt war. Das war ein Fehler, denn der Anblick, der sich ihr bot, war grausamer als sie für möglich gehalten hätte. Der ab­getrennte Arm ihres Angreifers lag vor ihr, daneben sein lebloser Körper. Vom fehlenden Arm abge­sehen war die tödliche Wunde vermutlich das große Loch in seinem Brustkorb, durch das schwarze, feucht schimmernde Eingeweide quollen, umgeben von schwarz glänzendem Orkblut. Allein das war schon sehr beunruhigend für Sarias ohnehin bereits revoltierenden Magen. Den Rest gab ihr jedoch Arils Anblick, der sie gerettet hatte. Über und über mit Blut beschmiert – das meiste, so vermutete sie, Orkblut – hatte der Barbar die blauen Augen zu einem irren Blick aufgerissen, sein Gesicht war zu einer grotesken Maske verzerrt. Sein blondes Haar hing ihm strähnig ins Gesicht und vom Blatt seines Schlachtbeils troff das Blut in Strömen. Dabei wollte ich ihm helfen, schoss es der jungen Frau noch durch den Kopf, bevor sie sich übergab. Beinahe war sie froh darüber, denn der Geruch ihres Erbrochenen verdeckte den Gestank nach Blut und Tod der Orks.

An den Rest des Kampfes konnte Saria sich später nur noch bruchstückhaft erinnern. Von ihrer Position am Boden liegend aus hatte sie keinen guten Blick gehabt. Arils vor Blut starrende Stiefel tauchten regelmäßig in ihrem Gesichtsfeld auf und meist fiel kurz darauf ein Ork tot oder sterbend zu Boden. Sie wusste nicht, ob sie irgendwann vor Erschöpfung eingeschlafen war oder ob sie ohn­mächtig wurde, doch die nächste bewusste Erinnerung waren kräftige Hände, die sie auf die Füße hoben. Auf wackligen Beinen wurde sie von ihr unbekannten Männern in Rüstung mit rotem Über­wurf in das Dorf gebracht, dem sie zu helfen versucht hatten. Erfolgreich offenbar, denn es stand noch und die Orks waren entweder tot oder geflohen. Irgendwer hatte sie gebadet und von dem Blut gereinigt. Laládi vermutlich, denn der enge Verband um ihren Brustkorb duftete nach einer Som­merwiese und das erschien der jungen Hexe irgendwie elfisch.
Nun saß Saria in einem einfachen roten Wollkleid auf einer Bank im Gasthaus des Dorfes, nahe des Feuers, und war bemüht, keine schnellen Bewegungen auszuführen. Soweit ihr erklärt wurde, hatte der Ork ihr tatsächlich zwei Rippen gebrochen, die Laládi mit ihrer Magie wieder ein Stück weit heilen konnte. Der Elfe zufolge würde es aber noch ein paar Tage dauern, bis die Knochen wie­der vollständig zusammengewachsen wären und bis dahin sollte sie den Verband tragen. Die meis­ten Bewegungen schmerzten, wenn auch nicht sehr. Saria war froh, dass die Gruppe sich entschlos­sen hatte in dem Dorf zu überwintern, denn das Auf und Ab eines Ritts hätte sie vermutlich nicht er­tragen können. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit Braten, den sie jedoch bisher nicht ange­rührt hatte. Es war ein gutes Essen, ein Dank der Dorfbevölkerung für die Hilfe gegen die Orks und gern hätte die junge Frau dies angenommen. Doch die sämige dunkle Biersoße erinnerte sie zu sehr an das dunkle Blut der Orks und das wiederum ließ sie an Aril denken. An Aril und diesen wahnsin­nigen Ausdruck in seinen Augen. Trotz des wärmenden Feuers bekam sie bei der Erinnerung an die­sen Anblick eine Gänsehaut. Um sich abzulenken sah die junge Frau sich im Gasthaus um. Es wa­ren nur wenige Gäste hier, die meisten waren draußen und halfen bei aufziehender Dämmerung bei der Reparatur des Palisadenzauns. Niemand wollte einen zweiten Angriff der Orks riskieren, auch wenn es allgemeiner Tenor war, dass man die Attacke erfolgreich abgewehrt hatte. Hier in der Ta­verne befand sich nur eine Handvoll Verletzter und die Dienstmägde, die hier ohnehin gearbeitet hätten. Alle anderen waren mit Aufbauarbeiten oder der Pflege der schwerer Verwundeten beschäf­tigt. Gerne hätte Saria geholfen, doch Laládis Worte waren unmissverständlich gewesen. Die Heil­künste der Elfe waren gut, aber jedwede körperliche Anstrengung in den nächsten Tagen könnte dazu führen, dass ihre Rippen erneut brachen. Also war ihr strengste Ruhe verordnet worden, so sehr ihr das auch missfiel. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war hätte sie jedoch nicht wirklich helfen können, spürte sie doch jede Bewegung. Eine der Mägde, ein Mädchen um die vierzehn Sommer mit dreckig-blondem Haar unter einem verblassten grünen Tuch bemerkte ihren suchenden Blick und kam zu ihr. Vermutlich dachte sie, Saria hätte nach ihr oder einer der anderen Mägde gesucht.
„Schmeckt Euch der Braten nicht? Er ist wirklich gut, Toben ist ein hervorragender Koch, das kann ich Euch versichern. Oder mögt Ihr kein Fleisch? Wir haben auch einen guten Gemüseein­topf.‟
Ich mag Braten, doch ich gestehe, heute möchte ich keinen. Wenn es Euch nichts ausmacht, eine kleine Schüssel Gemüseeintopf nehme ich gerne.‟ Entschuldigend blickte Saria zu dem Mäd­chen auf. Diese grinste sie mit schiefen Zähnen an. Saria mochte die junge Schankmaid, denn sie hatte schnell gemerkt, dass die Hexe ihrer Sprache nicht uneingeschränkt mächtig war und sprach seitdem langsam und in einfachen Sätzen mit ihr. So verstand Saria fast alles.
„Natürlich macht mir das nichts aus, Ihr habt uns allen doch geholfen! Ich bringe Euch sofort den Eintopf, einen Moment.‟
Saria sah dem Mädchen nach wie es leichtfüßig durch den Schankraum lief und dabei geschickt den Tischen und Stühlen auswich, die ihm im Weg standen. Der Angriff hatte ihr Gemüt nicht lange trüben können. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur das Glück gehabt, dass niemand aus ihrer Familie oder von ihren Freunden getötet worden war. Insgesamt hatten die Dorfbewohner in dieser Hinsicht Iorna an ihrer Seite gehabt. Nur drei Männer waren den Klingen der Orks zum Opfer ge­fallen und kaum jemand war so ernsthaft verwundet, dass man um sein Überleben fürchten musste.
„Ihr scheint weit entfernt zu sein.‟
Die junge Hexe zuckte zusammen und verzog sogleich schmerzverzerrt das Gesicht. Plötzliche Bewegungen waren die schlimmsten. Ein wenig verstimmt blickte sie zu dem Ordensritter auf, der sie angesprochen hatte. Vor ihrem Tisch stand ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit kurzen braunen Locken und einem so glatten Kinn, dass Saria sich fragte, ob er überhaupt schon Bartwuchs hatte. Seine braunen Augen blickten freundlich auf sie herab und ein leichtes Lächeln umspielte sei­ne Mundwinkel.
„Verzeiht bitte, ich wollte Euch nicht erschrecken. Mein Name ist Aeren aus dem Orden des Rontó.‟ Auch die sanfte Stimme klang mehr nach einem Jüngling als einem erwachsenen Mann.
Saria atmete einmal tief durch, soweit der Verband ihr das erlaubte, um ihr schnell schlagendes Herz zu beruhigen und sich zu sagen, dass Aeren sie nicht absichtlich erschreckt hatte. „Schon gut Ritter Aeren. Mein Name ist Saria. Bitte, setzt Euch doch.‟ Mit einer ruhigen Handbewegung deute­te sie auf den Stuhl ihr gegenüber.
Bevor der Ritter reagieren konnte kam die Magd mit Sarias Eintopf zurück und stellte diesen auf den Tisch. Aeren verneinte die Frage, ob er ebenfalls etwas essen wolle, bat jedoch um etwas Was­ser. Anschließend setzte er sich zögernd und blickte auf die dampfende Schüssel vor der jungen Frau.
„Wollt Ihr vielleicht doch etwas?‟ Sie zog die Schüssel besitzergreifend ein Stück näher zu sich und nahm den Löffel zur Hand. So wenig sie den Braten hatte essen können, desto mehr Hunger hatte sie beim Anblick des Gemüseeintopfs bekommen und war nicht gewillt diesen zu teilen.
Der Junge – Saria schaffte es trotz der Kettenrüstung und des Langschwerts an seiner Seite nicht, Aeren als Mann anzusehen – schüttelte verneinend den Kopf. „Nein, es ist nur … Ich wollte Euch nicht beim Essen stören.‟ Er wirkte verlegen.
Jetzt erst fiel Saria auf, dass Aeren sie in Indunam ansprach. Akzentfrei. Sie beschloss, dieser Sa­che später auf den Grund zu gehen und sich zunächst nichts anmerken zu lassen.
„Eure Anwesenheit stört mich nicht, Ritter, doch werde ich den Eintopf nicht kalt werden las­sen.‟ Mit einem Lächeln nahm sie ihren Worten die Härte und tauchte den Löffel in die Suppe. „Was bringt Euch zu mir?‟
„Nun, ich habe Euch kämpfen sehen. Genauer gesagt, ich habe gesehen, wie Ihr Eurem Freund zu Hilfe kamt und wie er anschließend kämpfte. Er ist ein Berserker, nicht wahr?‟
Der jungen Hexe blieb das Stück Kartoffel beinahe im Hals stecken. Berserker? Oh ja, das würde es erklären! Ihre Erinnerung war vage und verschwommen, aber Aril schien wirklich ohne jede Rücksicht auf Verluste gekämpft zu haben. Aufgrund seiner Größe und der seines Schlachtbeils konnte Aril sich erlauben, seine Deckung zu vernachlässigen. Doch hatte er seinen eigenen Schutz tatsächlich vollständig ignoriert? Saria konnte es nicht sagen. An seinen Blick konnte sie sich nur zu gut erinnern.
„Seid Ihr Euch da sicher, Ritter? Aril könnte doch auch nur ein großes Selbstvertrauen besitzen und wusste daher, dass die Orks ohnehin nicht nahe genug an ihn herankommen könnten.‟ In ihrer Stimme schwang unterschwellig Hoffnung mit. Mit einem Berserker im Kampf zu stehen konnte für jeden tödlich enden, auch für dessen Freunde.
Aeren sah unglücklich aus, entschied sie.
„Natürlich hatte ich während des Kampfes nicht die Zeit, ihn ausgiebig zu beobachten. Doch mir schienen alle Anzeichen gegeben.‟ Der junge Mann sah zur Seite als wäre er verlegen, machte an­sonsten jedoch nicht den Eindruck als wäre dem so. Von der Seite gesehen wirkte sein Kinn noch glatter als von vorne, was den Eindruck des Jünglings verstärkte.
Wie alt ist er? fragte Saria sich. Vierzehn? Fünfzehn?
„Würde … Würde es Euch etwas ausmachen, wenn ich ihn darauf anspreche? Ich hätte Euch dann gerne in der Nähe gewusst. Ein vertrautes Gesicht sollte ihn beruhigen.‟
„Wie kommt Ihr darauf, dass meine Anwesenheit Aril beruhigt? Es könnte ihn erst recht aus der Fassung bringen. Er ist ein Barbar und wer weiß schon, ob er meine Anwesenheit nicht als Verrat wertet? Bei seinem Volk kann man da nie sicher sein.‟
An Aerens Gesichtsausdruck merkte Saria, dass ihre Worte harscher waren als beabsichtigt. Ver­legen sah sie auf ihre Schüssel nieder und rührte langsam mit dem hölzernen Löffel darin. Das Ge­müse drehte sich gemächlich kreisend in der gelblich-grünen Suppe.
„Ich werde ihn fragen, das ist alles was ich Euch versprechen kann, Ritter‟, murmelte sie nach einem kurzen Moment des Schweigens.
Aeren antwortete ernsthaft. „Ich danke Euch, Mylady. Ihr findet mich tagsüber im Dorf und Abends im Ordenshaus. Ich wünsche Euch noch einen schönen Abend.‟ Mit diesen Worten stand er auf und verbeugte sich leicht.
„Danke, Ritter Aeren, den wünsche ich Euch ebenfalls.‟
Der junge Mann nickte, drehte sich um und ging gemächlichen Schrittes, als hätte er alle Zeit der Welt, aus dem Gasthaus.
Saria sah ihm nach und konnte sich nicht entscheiden, was sie von ihm halten sollte. Vieles an Aeren wirkte widersprüchlich. Er handelte wie ein erwachsener Mann, sah dabei doch aus wie ein Junge, dem noch nicht einmal der Bart wuchs. Seine Haltung strahlte hingegen eine Sicherheit aus, die man nur als Erwachsener haben konnte. Es war ihr ein Rätsel. Ein Seufzen entrang sich ihrer Brust.
Noch etwas, worüber Du Dir Gedanken machen kannst...

© Ben Grauh, 16.06.2013
ben.grauh@gmail.com

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