Saria
Arberdan (Teil 5)
Der darauffolgende Tag
war eine Qual. Zunächst mussten sie alle der Stadtwache Rede und
Antwort stehen, die kurz nach dem Tode Ormans eingetroffen war.
Nur wenig später mussten sie die ganze Geschichte erneut von Anfang
an berichten, diesmal der Carinar der Stadt. Während dieser
Befragungen war Saria nervös. Ihre Kameraden deuteten dies als
Resultat des Angriffs auf sie und erklärten das auch den Wachen.
Diese glaubten nur zu gern, dass eine junge Frau es mit der Angst
bekam, wenn ein Mann mit einem Schwert sie angriff. Die Carinar,
Nelanie, wirkte schon ein wenig skeptischer, was den Grund für
Sarias Nervosität anging. Schließlich ließ sich die oberste
Gesetzeshüterin Woryems aber davon überzeugen, dass Saria
nichts mit dem Tod einer der Männer zu tun hatte. Auch Aril wurde
nicht verhaftet, denn er habe nur einer Freundin helfen wollen. Dass
dabei der Angreifer getötet wurde, habe dieser sich selbst
zuzuschreiben. Zwei Ausländer waren tot, kein Stadtbewohner oder
Indunamer wurde verletzt, die Carinar erhob keine Anklage. Damit war
die Sache für die Stadtwache erledigt. Nelanie versprach, die
Kan'chok zu benachrichtigen.
„Sie wird Rhi'la nicht
um Unterstützung für Gratoß bitten. Und falls doch, wird sie
ablehnen‟, erklärte Durin düster, als sich die Gruppe wieder auf
dem Weg zur Diamantenen Axt
befanden. „Die Carinar interessiert nicht, was außerhalb ihres
Landes geschieht.‟
„Dann
gehen wir nach Gratoß und helfen den Menschen!‟
„Das
müssen wir wohl, Aril, ja.‟
„Ihr
wollt nach Osten?‟ fragte Saria erstaunt. Da ihre neuen Freunde
auch ihr schon Hilfe angeboten hatten, wusste sie um deren gutes
Herz. Doch nach dem, was Orman mit seinen letzten Atemzügen
gesagt hatte, glich das einem Todesurteil. Orks waren nicht zu
unterschätzen, egal wie dumm sie sein mochten. Ganze Horden Orks
waren ein mehr als ernst zu nehmender Gegner für jede Armee,
sie aber waren nur zu fünft.
„Ja,
wir gehen nach Osten. Irgendwer muss den Gratoßanern helfen und die
Carinar werden es nicht machen. Durin hat recht, was außerhalb ihrer
Grenzen geschieht, kümmert diese Frauen nicht.‟ Laládi blickte
mit ihren blauen Augen in Sarias. „Wirst Du mit uns kommen?‟
Sie
wollte Nein sagen. Eine Reise nach Gratoß, um gegen Orks zu kämpfen?
Denen ging jedes vernunftbegabte Lebewesen lieber aus dem Weg, wenn
es konnte. Andererseits wusste Saria auch, wie recht die anderen
bezüglich der Carinar hatten. Und im Osten hast Du noch
nicht nach Danielle gesucht. Das
gab den Ausschlag. „Ja, ich komme mit.‟ Hamadi
lächelte abwesend vor sich hin.
Zwei
Tage später stand Saria erneut an der Reling eines Schiffes und sah
zu, wie Woryem immer kleiner wurde. Die
Amsel, eine einmastige
Kogge, segelte an der Küste
entlang nach Osten und würde am ersten Hafen jenseits der
Grenze zu Handelszwecken Halt machen. Der
Zielhafen hieß Graubor. Die Überfahrt würde zehn Tage dauern,
lange genug, um ein paar Worte Gratoß zu lernen. Orman hatte
Indunamisch gesprochen, doch das würden gewiss nicht alle Gratoßaner
beherrschen. Sie wollten zumindest in der Lage sein, nach dem
nächsten Gasthaus und etwas zu Essen fragen zu können. Als
Woryem aus ihrem Blick verschwunden war, begab Saria sich unter Deck
und begann mit den anderen zu lernen. Bald stellte sich heraus, dass
Aril wenig Talent für Sprachen besaß und Hamadi lernte überhaupt
nicht. Durin bemühte sich, doch nur Laládi und Saria machten
ausreichend Fortschritte, so dass die beiden Frauen die einzigen
waren, die sich neun Tage später in Graubor verständigen konnten.
Sie hatten guten Wind gehabt.
Graubors
Hafen wirkte auf den ersten Blick nicht anders als der Woryems. Alles
war kleiner, das galt auch für die Stadt selbst, doch davon
abgesehen hätte dieser Ort ebenso gut in Indunam liegen können wie
überall sonst. Der Gleichheit mit anderen Hafenstädten zum Trotz
trugen alle aus der Gruppe ihre Rüstung. Reisen
waren immer gefährlich und in fremden Ländern konnte man nicht
vorsichtig genug sein. Zwar waren die Beziehungen zwischen Indunam
und Gratoß stabil, doch gab es immer einzelne Gruppen, die den Krieg
vor zwei Generationen nicht vergessen hatten und ihre Erinnerungen
gerne mit Ausländern teilten, indem sie sie umbrachten. Hätte
Durins Kettenrüstung nicht bei jedem Schritt gerasselt, wären sie
vielleicht gar nicht aufgefallen. So jedoch warfen viele Menschen
ihnen neugierige bis abweisende Blicke zu. Unter
beständiger Anspannung sahen sie sich nach einem Gasthaus um.
Graubor war aus einem kleinen Fischerdorf entstanden, das über
Generationen hinweg gewachsen war, was zu einer verwirrenden
Flut kleiner Gassen, verwinkelter Straßen und unterschiedlich großen
Plätzen geführt hatte. Für
Fremde ein Irrgarten zwischen Holz und Stein der Häuser. Mehrmals
verlief die Gruppe sich und ging im Kreis bis sie zwei Stunden nach
ihrer Ankunft im Hafen ein Gasthaus fanden. Zu ihrer aller Glück
verstand die Wirtin ein paar Brocken Indunamisch, so dass sie sich in
einer Mischung aus beiden Sprachen und Handzeichen verständigen
konnten und Zimmer sowie etwas zu Essen bekamen. Der Preis, den die
dunkelblonde Frau verlangte, war hoch aber nicht überzogen. Zudem
war Saria nicht geneigt, über Handzeichen und Vermutungen mit der
Wirtin zu verhandeln. Lieber hätte sie im Stall übernachtet.
Nachdem
Unterkunft und Verpflegung für die Nacht geklärt waren, machten sie
sich auf die Suche nach Ausrüstung für den nächsten Tag. Auf
der Amsel hatten sie
beschlossen, mit dem Pferd weiter nach Osten zu reisen. Für Durin
würden sie einen kleinen Wagen besorgen, denn der Zwerg weigerte
sich mit der seiner Rasse eigenen Sturheit, auch nur auf einem Pony
zu reiten. Immerhin hatte ein Wagen den Vorteil, dass sie mehr
Ausrüstung darauf unterbringen konnten, sowie ihn als Schlafstätte
nutzen konnten, sollten sie kein Gasthaus oder anderweitig
Unterschlupf finden. Beim
Pferdekauf versuchte Saria zu verhandeln, konnte den Preis für die
Tiere jedoch kaum verringern. Die junge Frau war sich nach dem kauf
nicht sicher, ob es an ihrem Verhandlungsgeschick lag oder einfach
daran, dass der Pferdehändler sie wohl kaum verstanden hatte.
Außerdem fragte Saria sich, woher Aril, der das alles bezahlte, so
viel Gold hatte. Als Barbar
hätte es natürlich gestohlen sein können, aber wenn sie darüber
nachdachte, schien ihr der Hüne kein gewöhnlicher Wilder zu sein,
so rau seine Art auch hin und wieder war. Außer den Pferden
besorgten sie noch Verpflegung für sich und die Tiere, sowie Zelte,
Seil und eine Erste-Hilfe-Ausrüstung ein.
Saria
verbrachte eine unruhige Nacht. Es war nicht das erste Mal, dass sie
Indunam verließ, doch diesmal waren die Vorzeichen anders. Bisher
hatte sie nach ihrer Schwester gesucht und sich bemüht,
Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Bei dieser Reise aber würden
sie die Probleme aber geradezu suchen – ein Gedanke, der ihr den
Schlaf raubte. Mit dem Dolch konnte sie umgehen, doch gegen viele
größere Waffen war er einfach unterlegen. Hinzu kam ihre mangelnde
Kampferfahrung. Ein Waffenmeister hatte ihr ein wenig
beigebracht, doch ein Übungskampf war etwas anderes als eine
Auseinandersetzung auf Leben und Tod. Saria
hatte andere, bessere Möglichkeiten sich zu wehren. Doch sorgte sie
sich darüber, wie ihre neuen Freunde diese Fähigkeiten aufnehmen
würden. Es waren nur noch
wenige Stunden bis Sonnenaufgang, als die junge Frau endlich
einschlief.
Der
nächste Morgen war kalt und die Luft feucht von Nebel. Kein
besonders einladendes Reisewetter, doch wenn sie nicht in
Graubor überwintern wollten, mussten sie aufbrechen. Fest
in ihre Mäntel und Umhänge gehüllt verließen sie die Hafenstadt.
Auf den ersten Blick wirkte Gratoß nicht anders als Indunam. Die
Landschaft wellte sich leicht und die Straße schlängelte sich
gemächlich zwischen den sanften Hügeln hindurch, an manchen Stellen
auch darüber hinweg. Der nahe Wald zeigte ein noch weitgehend grünes
Kleid, das jedoch an manchen Stellen schon von Rot und Gelb
unterbrochen wurde. Die Pferde stapften langsam voran, an die
Geschwindigkeit des Ponys angepasst, das Durins Karren zog. Der
Zwerg hatte darauf bestanden, kein Pferd zu nehmen, weil er „nicht
den ganzen Tag auf einen fetten Pferdehintern‟ starren wollte. Dank
des ausgebauten Weges kam die Gruppe dennoch gut voran und erreicht
am Abend ein Gasthaus, kurz nachdem es zu regnen begonnen hatte.
Mit Hilfe eines Stallburschen brachten sie ihre Tiere unter und
drängten in die wohlig warme Gaststube. Erneut
übernahm Saria das Reden und besorgte ihnen ein Abendessen sowie
zwei Zimmer.
Die
folgenden Tage verliefen ähnlich: Tagsüber ritten sie in
gemütlichem Tempo die Straße entlang, übernachteten meist in
Gasthäusern und bekamen den Herbst mehr und mehr zu spüren.
„Dieses
Wetter ist wirklich furchtbar‟, schimpfte Durin. „Wenn es nicht
gerade neblig ist, regnet es. Gibt es in diesem Land keine Sonne?‟
Niemand antwortete ihm, denn ihnen allen ging es nicht anders. Nach
Tagen ohne trocknende Sonnenstrahlen waren sie durchnässt und trüber
Stimmung, denn ihre Kleidung trocknete über Nacht selbst in einem
Gasthaus nicht vollständig, so dass sie schon beim Aufbruch am
Morgen unangenehm an der Haut klebte. Es
regnete gerade wieder, ein leichtes Nieseln, das auch ein besonders
feuchter Nebel hätte sein können. Die
Kapuzen tief ins Gesicht gezogen trotteten sie voran. Der von
der Witterung schlammige Waldweg war rutschig,
weshalb sie sich alle auf das Reiten konzentrierten und niemand
die Umgebung im Auge behielt. So bemerkte auch niemand die
Schatten, die unter den tief hängenden Ästen der Bäume
vorbeihuschten. Große, stämmige Gestalten.
Ein
leises tschonk ließ
Saria den Kopf heben, doch da war es schon zu spät. Der Pfeil traf
Laládi im Oberschenkel und ließ sie vor Schmerz aufschreien. Ihr
Pferd scheute und nur mit
Mühe konnte die Elfe sich im Sattel halten. Bevor sie reagieren
konnten, flogen schon die nächsten Pfeile heran. Aril ließ sich von
seinem Pferd fallen, rollte sich geschickt am Boden ab und sprang
gleich wieder auf die Beine, die Hand schon an seinem riesigen
Schlachtbeil. Durin ließ sich weniger elegant nach hinten auf seinen
Karren fallen und rollte sich
auf die Füße.
„Kommt
her ihr Feiglinge und kämpft wie echte Zwerge!‟ schrie er dem Wald
entgegen. Ihren Schamanen konnte Saria schon nicht mehr sehen, hatte
aber auch keine Zeit, nach ihm zu suchen. Zwei Pfeile schossen auf
sie zu. Unter dem ersten duckte sie sich weg, auch dem zweiten konnte
sie entgehen. Der traf jedoch ihr Pferd, das daraufhin laut wiehernd
losstürmte und seine Reiterin abwarf. Ächzend
landete die junge Frau auf dem Boden und robbte eilig in Richtung des
Karrens, um sich vor den
herabregnenden Pfeilen zu schützen. Als
sie unter dem schützenden Holz ankam stellte sie überrascht fest,
dass Hamadi der verwundeten
Elfe geholfen und sie ebenfalls unter den Karren gebracht hatte.
Dieser alt aussehende Schamane war schnell!
Ein
lautes Brüllen ließ Saria ihre Aufmerksamkeit wieder mehr auf das
Geschehen abseits des Karrens lenken. Durin und Aril hatten einen
Gegenangriff begonnen. Hinter
seinem großen Schild versteckt lief Durin voran, Aril geduckt hinter
sich. Zwei Pfeile flogen noch
heran, die beide mit einem lauten Plonk
in dem Schild hängen
blieben. Dann waren die beiden unter den Bäumen und die anderen
hörten das Klirren von Stahl auf Stahl.
„Gehen‟,
krächzte Hamadi und Saria reagierte ohne Zögern. Hätte sie sich
die Zeit genommen darüber nachzudenken, hätte sie vielleicht
gestutzt. So aber rannte sie
schlitternd und ohne Schild auf den Wald und die Kampfgeräusche zu.
Ihre Augen gewöhnten sich nahezu ohne Verzögerung an das Zwielicht
unter dem dichten, vor Feuchtigkeit schweren Blätterdach und sie
verschaffte sich einen raschen Überblick. Durin und Aril kämpften
Rücken an Rücken äxteschwingend gegen ein paar Orks. Zwei weitere
wollten sich soeben auf ihre beiden Kameraden stürzten, da bemerkten
sie ihre neue Gegnerin. Die rostigen Schwerter der Orks sahen
gemeingefährlich aus. Die
Waffen waren gebogen und schartig, ein Treffer mit ihnen riss
einem gewiss das Fleisch von den Knochen.
Grinsend
ihre faulen Zähne zeigend kamen die zwei Orks auf sie zu. Gegen
beide auf einmal hatte sie keine Aussicht auf Erfolg. Einen
musste sie ablenken, sonst war sie tot. Ohne zu überlegen griff
Saria in ihren Umhang und zog eine kleine, silberne Nadel hervor.
„Dolorae
fače!‟
rief sie und hielt die Nadel
dem linken Ork entgegen. Das
Silber löste sich auf, woraufhin der Ork grunzend zu Boden sank. Er
fühlte Schmerzen, genau so, wie Saria es beabsichtigt hatte.
Der zweite Ork geriet mit seinen Bewegungen ins Stocken, was ihr die
benötigte Zeit verschaffte, sich zu bewaffnen. Sie zog jedoch
nicht ihren Dolch, sondern ließ
einen etwa anderthalb Schritt langen, gewundenen Stab in ihren Händen
erscheinen. Er bestand aus dunklem, fast schwarzen Eschenholz.
Am oberen Ende war ein roter Rubin befestigt. Gerne
hätte Saria ihrem Gegner den ersten Schlag noch verpasst, solange
dieser abgelenkt war, doch so schnell war sie zu ihrem Leidwesen
nicht. Der blassgrüne Ork
hatte sich wieder ihr zugewandt und brüllte sie nun wutentbrannt mit
derart fauligem Atem an, dass die junge Frau beinahe würgen musste.
Saria schwang ihren Stab, doch der Ork parierte mit Leichtigkeit. Ihr
Gegner, der einen guten Kopf größer war als sie, hob
sein Schwert und schlug von oben herab zu. Saria hob ihren Stab und
ließ die gegnerische Klinge daran abprallen. Die Wucht des Aufpralls
spürte sie bis hinab in ihre Schultern. Zum Glück war ihre Wunde
inzwischen vollständig verheilt. Sie
senkte ihre Waffe ein wenig und rammte das Ende des Stabes in den
Bauch ihres Gegners. Abgesehen von einem Grunzen schien es den Ork
jedoch nicht sehr zu beeindrucken. Das war nicht gut, das dauerte zu
lange – der Schmerzenszauber würde nur knapp zwei Minuten halten,
dann schwand die Wirkung. Wenn sie bis dahin den ersten Ork nicht
besiegt hatte, würde sie zweien gegenüberstehen. Saria spürte eine
leichte Panik in sich aufsteigen, verdrängte diese aber sogleich
wieder.
Der
Ork begann nun, sie mit kurzen Hieben zu traktieren. Schritt
für Schritt wich Saria zurück, zu sehr damit beschäftigt, die
Schläge abzuwehren, um selbst angreifen zu können. Ganz
unkontrolliert war es jedoch nicht, was die junge Frau machte.
Während sie langsam rückwärts ging behielt sie Aril und Durin im
Auge. Die beiden schienen mit ihren Gegnern fertig zu werden, doch
das war nicht der Grund ihrer Blicke. Sie wollte nur wenigstens zehn
Schritt von den beiden entfernt sein. Endlich war es soweit. Nun
zeigte Saria dem Ork die Zähne.
„Tenebras!‟
Ihr zweiter Zauber, und auch der gelang.
Schlagartig wurde es um sie
herum dunkel, eine Abwesenheit von Licht, wie nur Magie sie
erschaffen konnte. Sie selbst konnte in dieser Finsternis zwar
selbst nichts mehr sehen, war im Gegensatz zu dem Ork darauf
vorbereitet gewesen. Ihr Gegner schlug blind um sich, genau wie sie
erwartet hatte. Als es dunkel wurde, war Saria schnell zwei Schritte
zurückgegangen, um außer Reichweite des Orkschwerts zu kommen. Nun
schlich sie auf ihr Gedächtnis und ihre Ohren vertrauend um den
Feind herum und gelangte in dessen Rücken. Hier
begann der schwierigste Teil, abzuschätzen wie weit er von ihr
entfernt war. Doch dergleichen hatte die junge Frau geübt. Sie ging
einen großen Schritt nach vorne, holte weit aus und schwang ihren
Stab auf Kopfhöhe des Orks. Ihr Gegner befand sich genau dort, wo
sie ihn vermutet hatte. Mit einem ekelerregenden Knacken traf ihr
Stab auf Widerstand, woraufhin ein Geräusch wie das
eines fallenden, nassen Sackes vor ihr zu hören war. Der
Ork war am Boden. Um sicher zu sein, hieb Saria erneut auf ihn ein,
doch er gab keinen Ton mehr von sich. Hätte
die junge Frau Zeit gehabt darüber nachzudenken, wäre ihr
schlecht geworden. Doch hinter sich hörte sie das Nahen schwerer
Schritte, was sie dazu veranlasste, ihren Stab wieder fester zu
packen. Eine warme Flüssigkeit rann ihr über die Finger.
Bewusst nicht auf ihre Finger
blickend beendete Saria den Zauber, damit sie sehen konnte, was auf
sie zukam.
Die
durch den Zauber hervorgerufenen Schmerzen hatten den zweiten Ork
kampfunfähig gemacht, doch das war jetzt vorbei. Er war wieder
bei vollen Kräften und hatte den Tod seines Kameraden
mitbekommen. Das machte ihn wütend. Orks waren nicht für
Intelligenz bekannt, aber mit Wut kannten sie sich aus. Mit erhobenem
Schwert rannte dieses Monster von einem Ork auf sie zu. Es blieb
keine Zeit mehr für einen Zauberspruch, auch wenn ihr dies weit
lieber gewesen wäre, als eine Auseinandersetzung mit Waffen. Saria
riss den Stab nach oben und wich seitlich aus. Die Klinge
des Orks teilte zischend die Luft bevor sie krachend mit dem Holz
ihres Stabes zusammentraf. Einen normalen Stab hätte die Wucht des
Schlages gespalten, nicht so aber das magisch behandelte Holz ihrer
Waffe. Das bekam nicht einmal einen Kratzer ab. Dennoch ächzte die
junge Frau unter dem Schlag, den sie zur Seite hin ablenkte. Ihr Stab
mochte von nichtmagischen Waffen nicht zerstört werden können,
doch gegen die Kraft ihrer Gegner musste sie selbst ankommen. Gegen
einen kraftstrotzenden Ork war sie einfach unterlegen. Flinker war
sie wohl, doch langsam war ihr Gegner auch nicht, so dass unterm
Strich ein leichter Vorteil für den Ork bestehen blieb, solange
Saria ihre Magie nicht nutzen konnte. Das ging im direkten Nahkampf
jedoch nur selten gut. Die Dunkelheit hatte sie heraufbeschwören
können, weil der andere Ork wenig einfallsreich bei seinen Angriffen
war und sie so den richtigen Moment gut abpassen hatte können. Ihr
zweiter Gegner war ein gerissenerer Kämpfer. Er
variierte seine Schläge, hieb und stach aus immer wieder anderen
Richtungen auf sie ein. Saria spürte, wie ihre Kräfte begannen, sie
zu verlassen. Etwas musste geschehen, und zwar schnell.
Als
das blassgrüne Monster vor ihr zu einem gerade Stich ausholte,
riskierte die junge Frau es. Die Spitze des Stabes auf die hässliche
Fratze des Orks gerichtet sprang sie nach vorne. Im selben Moment
rammte ihr Gegenüber sein Schwert nach vorne. Saria spürte, wie die
schartige Klinge an ihrer Rüstung
entlangschabte und das harte
Leder aufriss. Schmerz explodierte an ihrer linken Seite, als die
rostige Klinge den Rüstungsschutz durchdrang und auf ihre Haut traf.
Sie selbst hatte jedoch gut gezielt und stieß das untere Ende ihres
Stabes direkt ins Auge des Orks. Dieser brüllte vor Schmerz und ließ
seine Waffe fallen. Hastig wich er zurück und bedeckte seine nun
leere Augenhöhle mit den schwieligen Pranken. Ihre blutende
Seite ignorierend hob Saria ihren Stab und schlug mit aller Kraft auf
den Kopf ihres Gegners ein. Jetzt war die beste Gelegenheit für sie,
den Kampf zu beenden. Das
Kämpfen war dem Ork offensichtlich vergangen, doch war er auch nicht
gewillt zu sterben. Seine erhobenen Hände schützten seinen Kopf und
ihm den Brustkorb einzuschlagen, darauf brauchte Saria nicht zu
hoffen.
Da
quiekte der Ork unerwartet auf und fiel zu Boden. Gleich darauf
krachte Durins Streitaxt zwischen seinen Armen hindurch in
seinen Brustkorb. Die Kraft des Zwerges reichte um durch die fettige
Rüstung und die Knochen des Orks zu kommen. Einmal zuckte das
widerwärtige Wesen noch, dann lag es still. Grunzend stellte Durin
ein Bein auf den Brustkorb des Leichnams und zog seine Axt mit einem
schmatzenden Geräusch wieder heraus. Aril stand neben ihm und beide
der jungen Frau nun gegenüber. Die
Krieger waren voller Blut, soweit Saria es jedoch möglich war es zu
beurteilen, handelte es sich ausschließlich um Orkblut. Die
beiden wirkten auch nicht verletzt.
„Was
ist das? Wo hast Du den her?‟ verlangte Durin zu wissen und deutete
auf den Stab in ihrer Hand.
Damit
ist es wohl raus. „Das ist ein
Hexenstab. Ich beherrsche Magie.‟
„Hexe!
Und Dir kam es nicht in den Sinn, uns das zu sagen, nein? Brennen
solltest Du!‟
„Durin,
ich …‟
„Lass
mich in Ruhe!‟ Mit diesen Worten stapfte er davon in Richtung des
Karrens.
Saria
ließ den Kopf sinken. Eine solche Reaktion hatte sie gefürchtet und
genau deswegen nichts gesagt. Hexen waren nirgendwo in Indunam
angesehen, auch wenn sie noch so harmlos oder hilfsbereit waren.
Schon als Kind war Saria eingeimpft worden, ihre Magie geheim zu
halten. Wie mit Hexen andernorts umgegangen wurde, wusste sie nicht,
darum hatte sie sich entschlossen, es zu verheimlichen. Bei den
Zwergen schienen sie jedenfalls auch nicht beliebt zu sein. Aril vor
ihr räusperte sich und sie blickte auf.
Seine
blauen Augen waren freundlich. „Mich stört es nicht, dass Du eine
Hexe bist. Wir haben einen Schamanen und eine Elfe, was macht eine
Hexe da schon für einen Unterschied?‟ Sein Lächeln wirkte
ehrlich und hievte der jungen Frau riesige Felsbrocken vom Herzen.
„Aber
Durin …‟
„Der
ist nur beleidigt, weil Du nichts gesagt hast. Außerdem mag er Magie
im Allgemeinen nicht besonders, das scheint bei Zwergen üblich zu
sein. Du bist verletzt‟ stellte er fest.
Sie
sah an sich herab und spürte erst jetzt, dass ihr das Blut klebrig
das Bein hinunterlief. Die Wunde war nicht tief und begann schon sich
zu schließen, doch die rostige Klinge machte ihr Sorgen.
Wundbrand konnte tödlich enden.
„Komm,
wir gehen zu Hamadi, er soll sich das mal ansehen.‟ Aril nahm sie
sanft bei der Hand und führte sie aus dem Wald hinaus. Erst auf
halbem Weg zu dem Karren realisierte Saria, dass sie mit dem Barbar
Hand in Hand ging. So tröstlich das nach Durins Anfeindung war, sie
wollte keine falsche Hoffnung bei ihm wecken und entzog ihm ihre Hand
sanft wieder. Der Hüne grinste sie nur an.
Der
Schamane hatte sich während des Kampfes um Laládis Bein gekümmert
und die Elfe meinte, sie würde schon bald wieder ohne zu
humpeln gehen können. Als Durin den beiden grummelnd berichtete, was
er und Aril über Saria herausgefunden hatten, blickte sie nur
überrascht auf. Hamadi lächelte unangenehm wissend.
„Tatsächlich,
eine Hexe? Warum hast Du nichts erwähnt?‟ Laládis glockenhelle
Stimme spiegelte nur Überraschung und Neugier wider, keinen
Vorwurf.
„In
Indunam werden Hexen nicht geduldet und auf dem Scheiterhaufen
verbrannt. Ich wusste nicht wie ihr dazu steht und habe mich nicht
getraut etwas zu sagen‟, erklärte Saria. Durin
brummte nur griesgrämig. Laládi lächelte.
„Das
kann ich verstehen. Ich habe mich Mórosh
aus ähnlichen Gründen ebenfalls nicht zu erkennen geben
wollen, wie Du weißt. Komm, lass Hamadi Deine Wunde versorgen.‟
Saria begab sich auf den Karren neben die Elfe und ließ Hamadi
seinen Schamanenzauber herbeirufen. Wärme durchflutete ihren Körper
ausgehend von der Wunde an ihrer Seite, die sich daraufhin
vollständig schloss. Saria dankte dem alten Kauz kleinlaut und
entschuldigte sich noch einmal bei allen für das nicht
entgegengebrachte Vertrauen. Alle außer Durin winkten ab und sie
zogen weiter, nachdem sie ihre Pferde wieder zusammengetrieben
hatten.
©
Ben Grauh, 02.01.2013
ben.grauh@gmail.com
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