Mittwoch, 2. Januar 2013

Saria (Teil 5)

Saria Arberdan (Teil 5)


Der darauffolgende Tag war eine Qual. Zunächst mussten sie alle der Stadtwache Rede und Ant­wort stehen, die kurz nach dem Tode Ormans eingetroffen war. Nur wenig später mussten sie die ganze Geschichte erneut von Anfang an berichten, diesmal der Carinar der Stadt. Während dieser Befragungen war Saria nervös. Ihre Kameraden deuteten dies als Resultat des Angriffs auf sie und erklärten das auch den Wachen. Diese glaubten nur zu gern, dass eine junge Frau es mit der Angst bekam, wenn ein Mann mit einem Schwert sie angriff. Die Carinar, Nelanie, wirkte schon ein wenig skeptischer, was den Grund für Sarias Nervosität anging. Schließlich ließ sich die oberste Gesetzes­hüterin Woryems aber davon überzeugen, dass Saria nichts mit dem Tod einer der Männer zu tun hatte. Auch Aril wurde nicht verhaftet, denn er habe nur einer Freundin helfen wollen. Dass dabei der Angreifer getötet wurde, habe dieser sich selbst zuzuschreiben. Zwei Ausländer waren tot, kein Stadtbewohner oder Indunamer wurde verletzt, die Carinar erhob keine Anklage. Damit war die Sa­che für die Stadtwache erledigt. Nelanie versprach, die Kan'chok zu benachrichtigen.
„Sie wird Rhi'la nicht um Unterstützung für Gratoß bitten. Und falls doch, wird sie ablehnen‟, erklärte Durin düster, als sich die Gruppe wieder auf dem Weg zur Diamantenen Axt befanden. „Die Carinar interessiert nicht, was außerhalb ihres Landes geschieht.‟
„Dann gehen wir nach Gratoß und helfen den Menschen!‟
„Das müssen wir wohl, Aril, ja.‟
„Ihr wollt nach Osten?‟ fragte Saria erstaunt. Da ihre neuen Freunde auch ihr schon Hilfe ange­boten hatten, wusste sie um deren gutes Herz. Doch nach dem, was Orman mit seinen letzten Atem­zügen gesagt hatte, glich das einem Todesurteil. Orks waren nicht zu unterschätzen, egal wie dumm sie sein mochten. Ganze Horden Orks waren ein mehr als ernst zu nehmender Gegner für jede Ar­mee, sie aber waren nur zu fünft.
Ja, wir gehen nach Osten. Irgendwer muss den Gratoßanern helfen und die Carinar werden es nicht machen. Durin hat recht, was außerhalb ihrer Grenzen geschieht, kümmert diese Frauen nicht.‟ Laládi blickte mit ihren blauen Augen in Sarias. „Wirst Du mit uns kommen?‟
Sie wollte Nein sagen. Eine Reise nach Gratoß, um gegen Orks zu kämpfen? Denen ging jedes vernunftbegabte Lebewesen lieber aus dem Weg, wenn es konnte. Andererseits wusste Saria auch, wie recht die anderen bezüglich der Carinar hatten. Und im Osten hast Du noch nicht nach Danielle gesucht. Das gab den Ausschlag. „Ja, ich komme mit.‟ Hamadi lächelte abwesend vor sich hin.

Zwei Tage später stand Saria erneut an der Reling eines Schiffes und sah zu, wie Woryem immer kleiner wurde. Die Amsel, eine einmastige Kogge, segelte an der Küste entlang nach Osten und wür­de am ersten Hafen jenseits der Grenze zu Handelszwecken Halt machen. Der Zielhafen hieß Grau­bor. Die Überfahrt würde zehn Tage dauern, lange genug, um ein paar Worte Gratoß zu lernen. Or­man hatte Indunamisch gesprochen, doch das würden gewiss nicht alle Gratoßaner beherrschen. Sie wollten zumindest in der Lage sein, nach dem nächsten Gasthaus und etwas zu Essen fragen zu können. Als Woryem aus ihrem Blick verschwunden war, begab Saria sich unter Deck und begann mit den anderen zu lernen. Bald stellte sich heraus, dass Aril wenig Talent für Sprachen besaß und Hamadi lernte überhaupt nicht. Durin bemühte sich, doch nur Laládi und Saria machten ausreichend Fortschritte, so dass die beiden Frauen die einzigen waren, die sich neun Tage später in Graubor verständigen konnten. Sie hatten guten Wind gehabt.
Graubors Hafen wirkte auf den ersten Blick nicht anders als der Woryems. Alles war kleiner, das galt auch für die Stadt selbst, doch davon abgesehen hätte dieser Ort ebenso gut in Indunam liegen können wie überall sonst. Der Gleichheit mit anderen Hafenstädten zum Trotz trugen alle aus der Gruppe ihre Rüstung. Reisen waren immer gefährlich und in fremden Ländern konnte man nicht vorsichtig genug sein. Zwar waren die Beziehungen zwischen Indunam und Gratoß stabil, doch gab es immer einzelne Gruppen, die den Krieg vor zwei Generationen nicht vergessen hatten und ihre Erinnerungen gerne mit Ausländern teilten, indem sie sie umbrachten. Hätte Durins Kettenrüstung nicht bei jedem Schritt gerasselt, wären sie vielleicht gar nicht aufgefallen. So jedoch warfen viele Menschen ihnen neugierige bis abweisende Blicke zu. Unter beständiger Anspannung sahen sie sich nach einem Gasthaus um. Graubor war aus einem kleinen Fischerdorf entstanden, das über Genera­tionen hinweg gewachsen war, was zu einer verwirrenden Flut kleiner Gassen, verwinkelter Straßen und unterschiedlich großen Plätzen geführt hatte. Für Fremde ein Irrgarten zwischen Holz und Stein der Häuser. Mehrmals verlief die Gruppe sich und ging im Kreis bis sie zwei Stunden nach ihrer Ankunft im Hafen ein Gasthaus fanden. Zu ihrer aller Glück verstand die Wirtin ein paar Brocken Indunamisch, so dass sie sich in einer Mischung aus beiden Sprachen und Handzeichen verständi­gen konnten und Zimmer sowie etwas zu Essen bekamen. Der Preis, den die dunkelblonde Frau verlangte, war hoch aber nicht überzogen. Zudem war Saria nicht geneigt, über Handzeichen und Vermutungen mit der Wirtin zu verhandeln. Lieber hätte sie im Stall übernachtet.
Nachdem Unterkunft und Verpflegung für die Nacht geklärt waren, machten sie sich auf die Su­che nach Ausrüstung für den nächsten Tag. Auf der Amsel hatten sie beschlossen, mit dem Pferd weiter nach Osten zu reisen. Für Durin würden sie einen kleinen Wagen besorgen, denn der Zwerg weigerte sich mit der seiner Rasse eigenen Sturheit, auch nur auf einem Pony zu reiten. Immerhin hatte ein Wagen den Vorteil, dass sie mehr Ausrüstung darauf unterbringen konnten, sowie ihn als Schlafstätte nutzen konnten, sollten sie kein Gasthaus oder anderweitig Unterschlupf finden. Beim Pferdekauf versuchte Saria zu verhandeln, konnte den Preis für die Tiere jedoch kaum verringern. Die junge Frau war sich nach dem kauf nicht sicher, ob es an ihrem Verhandlungsgeschick lag oder einfach daran, dass der Pferdehändler sie wohl kaum verstanden hatte. Außerdem fragte Saria sich, woher Aril, der das alles bezahlte, so viel Gold hatte. Als Barbar hätte es natürlich gestohlen sein können, aber wenn sie darüber nachdachte, schien ihr der Hüne kein gewöhnlicher Wilder zu sein, so rau seine Art auch hin und wieder war. Außer den Pferden besorgten sie noch Verpflegung für sich und die Tiere, sowie Zelte, Seil und eine Erste-Hilfe-Ausrüstung ein.

Saria verbrachte eine unruhige Nacht. Es war nicht das erste Mal, dass sie Indunam verließ, doch diesmal waren die Vorzeichen anders. Bisher hatte sie nach ihrer Schwester gesucht und sich be­müht, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Bei dieser Reise aber würden sie die Probleme aber geradezu suchen – ein Gedanke, der ihr den Schlaf raubte. Mit dem Dolch konnte sie umgehen, doch gegen viele größere Waffen war er einfach unterlegen. Hinzu kam ihre mangelnde Kampfer­fahrung. Ein Waffenmeister hatte ihr ein wenig beigebracht, doch ein Übungskampf war etwas an­deres als eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod. Saria hatte andere, bessere Möglichkeiten sich zu wehren. Doch sorgte sie sich darüber, wie ihre neuen Freunde diese Fähigkeiten aufnehmen würden. Es waren nur noch wenige Stunden bis Sonnenaufgang, als die junge Frau endlich einsch­lief.
Der nächste Morgen war kalt und die Luft feucht von Nebel. Kein besonders einladendes Reise­wetter, doch wenn sie nicht in Graubor überwintern wollten, mussten sie aufbrechen. Fest in ihre Mäntel und Umhänge gehüllt verließen sie die Hafenstadt. Auf den ersten Blick wirkte Gratoß nicht anders als Indunam. Die Landschaft wellte sich leicht und die Straße schlängelte sich gemächlich zwischen den sanften Hügeln hindurch, an manchen Stellen auch darüber hinweg. Der nahe Wald zeigte ein noch weitgehend grünes Kleid, das jedoch an manchen Stellen schon von Rot und Gelb unterbrochen wurde. Die Pferde stapften langsam voran, an die Geschwindigkeit des Ponys ange­passt, das Durins Karren zog. Der Zwerg hatte darauf bestanden, kein Pferd zu nehmen, weil er „nicht den ganzen Tag auf einen fetten Pferdehintern‟ starren wollte. Dank des ausgebauten Weges kam die Gruppe dennoch gut voran und erreicht am Abend ein Gasthaus, kurz nachdem es zu reg­nen begonnen hatte. Mit Hilfe eines Stallburschen brachten sie ihre Tiere unter und drängten in die wohlig warme Gaststube. Erneut übernahm Saria das Reden und besorgte ihnen ein Abendessen so­wie zwei Zimmer.
Die folgenden Tage verliefen ähnlich: Tagsüber ritten sie in gemütlichem Tempo die Straße ent­lang, übernachteten meist in Gasthäusern und bekamen den Herbst mehr und mehr zu spüren.
„Dieses Wetter ist wirklich furchtbar‟, schimpfte Durin. „Wenn es nicht gerade neblig ist, regnet es. Gibt es in diesem Land keine Sonne?‟ Niemand antwortete ihm, denn ihnen allen ging es nicht anders. Nach Tagen ohne trocknende Sonnenstrahlen waren sie durchnässt und trüber Stimmung, denn ihre Kleidung trocknete über Nacht selbst in einem Gasthaus nicht vollständig, so dass sie schon beim Aufbruch am Morgen unangenehm an der Haut klebte. Es regnete gerade wieder, ein leichtes Nieseln, das auch ein besonders feuchter Nebel hätte sein können. Die Kapuzen tief ins Ge­sicht gezogen trotteten sie voran. Der von der Witterung schlammige Waldweg war rutschig, wes­halb sie sich alle auf das Reiten konzentrierten und niemand die Umgebung im Auge behielt. So be­merkte auch niemand die Schatten, die unter den tief hängenden Ästen der Bäume vorbeihuschten. Große, stämmige Gestalten.
Ein leises tschonk ließ Saria den Kopf heben, doch da war es schon zu spät. Der Pfeil traf Laládi im Oberschenkel und ließ sie vor Schmerz aufschreien. Ihr Pferd scheute und nur mit Mühe konnte die Elfe sich im Sattel halten. Bevor sie reagieren konnten, flogen schon die nächsten Pfeile heran. Aril ließ sich von seinem Pferd fallen, rollte sich geschickt am Boden ab und sprang gleich wieder auf die Beine, die Hand schon an seinem riesigen Schlachtbeil. Durin ließ sich weniger elegant nach hinten auf seinen Karren fallen und rollte sich auf die Füße.
„Kommt her ihr Feiglinge und kämpft wie echte Zwerge!‟ schrie er dem Wald entgegen. Ihren Schamanen konnte Saria schon nicht mehr sehen, hatte aber auch keine Zeit, nach ihm zu suchen. Zwei Pfeile schossen auf sie zu. Unter dem ersten duckte sie sich weg, auch dem zweiten konnte sie entgehen. Der traf jedoch ihr Pferd, das daraufhin laut wiehernd losstürmte und seine Reiterin ab­warf. Ächzend landete die junge Frau auf dem Boden und robbte eilig in Richtung des Karrens, um sich vor den herabregnenden Pfeilen zu schützen. Als sie unter dem schützenden Holz ankam stellte sie überrascht fest, dass Hamadi der verwundeten Elfe geholfen und sie ebenfalls unter den Karren gebracht hatte. Dieser alt aussehende Schamane war schnell!
Ein lautes Brüllen ließ Saria ihre Aufmerksamkeit wieder mehr auf das Geschehen abseits des Karrens lenken. Durin und Aril hatten einen Gegenangriff begonnen. Hinter seinem großen Schild versteckt lief Durin voran, Aril geduckt hinter sich. Zwei Pfeile flogen noch heran, die beide mit ei­nem lauten Plonk in dem Schild hängen blieben. Dann waren die beiden unter den Bäumen und die anderen hörten das Klirren von Stahl auf Stahl.
Gehen‟, krächzte Hamadi und Saria reagierte ohne Zögern. Hätte sie sich die Zeit genommen darüber nachzudenken, hätte sie vielleicht gestutzt. So aber rannte sie schlitternd und ohne Schild auf den Wald und die Kampfgeräusche zu. Ihre Augen gewöhnten sich nahezu ohne Verzögerung an das Zwielicht unter dem dichten, vor Feuchtigkeit schweren Blätterdach und sie verschaffte sich einen raschen Überblick. Durin und Aril kämpften Rücken an Rücken äxteschwingend gegen ein paar Orks. Zwei weitere wollten sich soeben auf ihre beiden Kameraden stürzten, da bemerkten sie ihre neue Gegnerin. Die rostigen Schwerter der Orks sahen gemeingefährlich aus. Die Waffen wa­ren gebogen und schartig, ein Treffer mit ihnen riss einem gewiss das Fleisch von den Knochen.
Grinsend ihre faulen Zähne zeigend kamen die zwei Orks auf sie zu. Gegen beide auf einmal hat­te sie keine Aussicht auf Erfolg. Einen musste sie ablenken, sonst war sie tot. Ohne zu überlegen griff Saria in ihren Umhang und zog eine kleine, silberne Nadel hervor.
Dolorae fače!rief sie und hielt die Nadel dem linken Ork entgegen. Das Silber löste sich auf, woraufhin der Ork grunzend zu Boden sank. Er fühlte Schmerzen, genau so, wie Saria es beabsich­tigt hatte. Der zweite Ork geriet mit seinen Bewegungen ins Stocken, was ihr die benötigte Zeit ver­schaffte, sich zu bewaffnen. Sie zog jedoch nicht ihren Dolch, sondern ließ einen etwa anderthalb Schritt langen, gewundenen Stab in ihren Händen erscheinen. Er bestand aus dunklem, fast schwar­zen Eschenholz. Am oberen Ende war ein roter Rubin befestigt. Gerne hätte Saria ihrem Gegner den ersten Schlag noch verpasst, solange dieser abgelenkt war, doch so schnell war sie zu ihrem Leid­wesen nicht. Der blassgrüne Ork hatte sich wieder ihr zugewandt und brüllte sie nun wutentbrannt mit derart fauligem Atem an, dass die junge Frau beinahe würgen musste. Saria schwang ihren Stab, doch der Ork parierte mit Leichtigkeit. Ihr Gegner, der einen guten Kopf größer war als sie, hob sein Schwert und schlug von oben herab zu. Saria hob ihren Stab und ließ die gegnerische Klinge daran abprallen. Die Wucht des Aufpralls spürte sie bis hinab in ihre Schultern. Zum Glück war ihre Wunde inzwischen vollständig verheilt. Sie senkte ihre Waffe ein wenig und rammte das Ende des Stabes in den Bauch ihres Gegners. Abgesehen von einem Grunzen schien es den Ork jedoch nicht sehr zu beeindrucken. Das war nicht gut, das dauerte zu lange – der Schmerzenszauber würde nur knapp zwei Minuten halten, dann schwand die Wirkung. Wenn sie bis dahin den ersten Ork nicht besiegt hatte, würde sie zweien gegenüberstehen. Saria spürte eine leichte Panik in sich aufsteigen, verdrängte diese aber sogleich wieder.
Der Ork begann nun, sie mit kurzen Hieben zu traktieren. Schritt für Schritt wich Saria zurück, zu sehr damit beschäftigt, die Schläge abzuwehren, um selbst angreifen zu können. Ganz unkontrol­liert war es jedoch nicht, was die junge Frau machte. Während sie langsam rückwärts ging behielt sie Aril und Durin im Auge. Die beiden schienen mit ihren Gegnern fertig zu werden, doch das war nicht der Grund ihrer Blicke. Sie wollte nur wenigstens zehn Schritt von den beiden entfernt sein. Endlich war es soweit. Nun zeigte Saria dem Ork die Zähne.
Tenebras!‟ Ihr zweiter Zauber, und auch der gelang. Schlagartig wurde es um sie herum dunkel, eine Abwesenheit von Licht, wie nur Magie sie erschaffen konnte. Sie selbst konnte in dieser Fins­ternis zwar selbst nichts mehr sehen, war im Gegensatz zu dem Ork darauf vorbereitet gewesen. Ihr Gegner schlug blind um sich, genau wie sie erwartet hatte. Als es dunkel wurde, war Saria schnell zwei Schritte zurückgegangen, um außer Reichweite des Orkschwerts zu kommen. Nun schlich sie auf ihr Gedächtnis und ihre Ohren vertrauend um den Feind herum und gelangte in dessen Rücken. Hier begann der schwierigste Teil, abzuschätzen wie weit er von ihr entfernt war. Doch dergleichen hatte die junge Frau geübt. Sie ging einen großen Schritt nach vorne, holte weit aus und schwang ihren Stab auf Kopfhöhe des Orks. Ihr Gegner befand sich genau dort, wo sie ihn vermutet hatte. Mit einem ekelerregenden Knacken traf ihr Stab auf Widerstand, woraufhin ein Geräusch wie das eines fallenden, nassen Sackes vor ihr zu hören war. Der Ork war am Boden. Um sicher zu sein, hieb Saria erneut auf ihn ein, doch er gab keinen Ton mehr von sich. Hätte die junge Frau Zeit ge­habt darüber nachzudenken, wäre ihr schlecht geworden. Doch hinter sich hörte sie das Nahen schwerer Schritte, was sie dazu veranlasste, ihren Stab wieder fester zu packen. Eine warme Flüs­sigkeit rann ihr über die Finger. Bewusst nicht auf ihre Finger blickend beendete Saria den Zauber, damit sie sehen konnte, was auf sie zukam.
Die durch den Zauber hervorgerufenen Schmerzen hatten den zweiten Ork kampfunfähig ge­macht, doch das war jetzt vorbei. Er war wieder bei vollen Kräften und hatte den Tod seines Kame­raden mitbekommen. Das machte ihn wütend. Orks waren nicht für Intelligenz bekannt, aber mit Wut kannten sie sich aus. Mit erhobenem Schwert rannte dieses Monster von einem Ork auf sie zu. Es blieb keine Zeit mehr für einen Zauberspruch, auch wenn ihr dies weit lieber gewesen wäre, als eine Auseinandersetzung mit Waffen. Saria riss den Stab nach oben und wich seitlich aus. Die Klin­ge des Orks teilte zischend die Luft bevor sie krachend mit dem Holz ihres Stabes zusammentraf. Einen normalen Stab hätte die Wucht des Schlages gespalten, nicht so aber das magisch behandelte Holz ihrer Waffe. Das bekam nicht einmal einen Kratzer ab. Dennoch ächzte die junge Frau unter dem Schlag, den sie zur Seite hin ablenkte. Ihr Stab mochte von nichtmagischen Waffen nicht zer­stört werden können, doch gegen die Kraft ihrer Gegner musste sie selbst ankommen. Gegen einen kraftstrotzenden Ork war sie einfach unterlegen. Flinker war sie wohl, doch langsam war ihr Gegner auch nicht, so dass unterm Strich ein leichter Vorteil für den Ork bestehen blieb, solange Saria ihre Magie nicht nutzen konnte. Das ging im direkten Nahkampf jedoch nur selten gut. Die Dunkelheit hatte sie heraufbeschwören können, weil der andere Ork wenig einfallsreich bei seinen Angriffen war und sie so den richtigen Moment gut abpassen hatte können. Ihr zweiter Gegner war ein geris­senerer Kämpfer. Er variierte seine Schläge, hieb und stach aus immer wieder anderen Richtungen auf sie ein. Saria spürte, wie ihre Kräfte begannen, sie zu verlassen. Etwas musste geschehen, und zwar schnell.
Als das blassgrüne Monster vor ihr zu einem gerade Stich ausholte, riskierte die junge Frau es. Die Spitze des Stabes auf die hässliche Fratze des Orks gerichtet sprang sie nach vorne. Im selben Moment rammte ihr Gegenüber sein Schwert nach vorne. Saria spürte, wie die schartige Klinge an ihrer Rüstung entlangschabte und das harte Leder aufriss. Schmerz explodierte an ihrer linken Seite, als die rostige Klinge den Rüstungsschutz durchdrang und auf ihre Haut traf. Sie selbst hatte jedoch gut gezielt und stieß das untere Ende ihres Stabes direkt ins Auge des Orks. Dieser brüllte vor Schmerz und ließ seine Waffe fallen. Hastig wich er zurück und bedeckte seine nun leere Augen­höhle mit den schwieligen Pranken. Ihre blutende Seite ignorierend hob Saria ihren Stab und schlug mit aller Kraft auf den Kopf ihres Gegners ein. Jetzt war die beste Gelegenheit für sie, den Kampf zu beenden. Das Kämpfen war dem Ork offensichtlich vergangen, doch war er auch nicht gewillt zu sterben. Seine erhobenen Hände schützten seinen Kopf und ihm den Brustkorb einzuschlagen, dar­auf brauchte Saria nicht zu hoffen.
Da quiekte der Ork unerwartet auf und fiel zu Boden. Gleich darauf krachte Durins Streitaxt zwi­schen seinen Armen hindurch in seinen Brustkorb. Die Kraft des Zwerges reichte um durch die fet­tige Rüstung und die Knochen des Orks zu kommen. Einmal zuckte das widerwärtige Wesen noch, dann lag es still. Grunzend stellte Durin ein Bein auf den Brustkorb des Leichnams und zog seine Axt mit einem schmatzenden Geräusch wieder heraus. Aril stand neben ihm und beide der jungen Frau nun gegenüber. Die Krieger waren voller Blut, soweit Saria es jedoch möglich war es zu beur­teilen, handelte es sich ausschließlich um Orkblut. Die beiden wirkten auch nicht verletzt.
„Was ist das? Wo hast Du den her?‟ verlangte Durin zu wissen und deutete auf den Stab in ihrer Hand.
Damit ist es wohl raus. „Das ist ein Hexenstab. Ich beherrsche Magie.‟
Hexe! Und Dir kam es nicht in den Sinn, uns das zu sagen, nein? Brennen solltest Du!‟
„Durin, ich …‟
„Lass mich in Ruhe!‟ Mit diesen Worten stapfte er davon in Richtung des Karrens.
Saria ließ den Kopf sinken. Eine solche Reaktion hatte sie gefürchtet und genau deswegen nichts gesagt. Hexen waren nirgendwo in Indunam angesehen, auch wenn sie noch so harmlos oder hilfs­bereit waren. Schon als Kind war Saria eingeimpft worden, ihre Magie geheim zu halten. Wie mit Hexen andernorts umgegangen wurde, wusste sie nicht, darum hatte sie sich entschlossen, es zu verheimlichen. Bei den Zwergen schienen sie jedenfalls auch nicht beliebt zu sein. Aril vor ihr räus­perte sich und sie blickte auf.
Seine blauen Augen waren freundlich. „Mich stört es nicht, dass Du eine Hexe bist. Wir haben einen Schamanen und eine Elfe, was macht eine Hexe da schon für einen Unterschied?‟ Sein Lä­cheln wirkte ehrlich und hievte der jungen Frau riesige Felsbrocken vom Herzen.
„Aber Durin …‟
„Der ist nur beleidigt, weil Du nichts gesagt hast. Außerdem mag er Magie im Allgemeinen nicht besonders, das scheint bei Zwergen üblich zu sein. Du bist verletzt‟ stellte er fest.
Sie sah an sich herab und spürte erst jetzt, dass ihr das Blut klebrig das Bein hinunterlief. Die Wunde war nicht tief und begann schon sich zu schließen, doch die rostige Klinge machte ihr Sor­gen. Wundbrand konnte tödlich enden.
„Komm, wir gehen zu Hamadi, er soll sich das mal ansehen.‟ Aril nahm sie sanft bei der Hand und führte sie aus dem Wald hinaus. Erst auf halbem Weg zu dem Karren realisierte Saria, dass sie mit dem Barbar Hand in Hand ging. So tröstlich das nach Durins Anfeindung war, sie wollte keine falsche Hoffnung bei ihm wecken und entzog ihm ihre Hand sanft wieder. Der Hüne grinste sie nur an.
Der Schamane hatte sich während des Kampfes um Laládis Bein gekümmert und die Elfe mein­te, sie würde schon bald wieder ohne zu humpeln gehen können. Als Durin den beiden grummelnd berichtete, was er und Aril über Saria herausgefunden hatten, blickte sie nur überrascht auf. Hamadi lächelte unangenehm wissend.
„Tatsächlich, eine Hexe? Warum hast Du nichts erwähnt?‟ Laládis glockenhelle Stimme spiegel­te nur Überraschung und Neugier wider, keinen Vorwurf.
„In Indunam werden Hexen nicht geduldet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ich wusste nicht wie ihr dazu steht und habe mich nicht getraut etwas zu sagen‟, erklärte Saria. Durin brummte nur griesgrämig. Laládi lächelte.
„Das kann ich verstehen. Ich habe mich Mórosh aus ähnlichen Gründen ebenfalls nicht zu erken­nen geben wollen, wie Du weißt. Komm, lass Hamadi Deine Wunde versorgen.‟ Saria begab sich auf den Karren neben die Elfe und ließ Hamadi seinen Schamanenzauber herbeirufen. Wärme durchflutete ihren Körper ausgehend von der Wunde an ihrer Seite, die sich daraufhin vollständig schloss. Saria dankte dem alten Kauz kleinlaut und entschuldigte sich noch einmal bei allen für das nicht entgegengebrachte Vertrauen. Alle außer Durin winkten ab und sie zogen weiter, nachdem sie ihre Pferde wieder zusammengetrieben hatten.


 
© Ben Grauh, 02.01.2013
ben.grauh@gmail.com

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